Vom Dorf Grabs uus goht ä wüasts Strößli an Orabserberg
ufi bis zum änä schonä, blauä Seä, wo denn Küä
dä Summär, we mä z'Alp gfahrä ist, gunn go Wasser
tringgä. Goht mä denn dür nän Fuäßweg no
witer obsi, so chunnt mä in d'Alp Ischlawiz, wo alli Iohr ölschä
tusig Küä gsummärät werden. Zmitet in d'r Alp dinnä
sin zwei Hügäl, diä da Summer über und über mit
Alpärosä deggt sin, so daß sie grab anzluägä
sin, wiä rächt wunderschöni Gärtä. Au zmüschä
denä zwei Hüglä innä ist ä prächtigs Täli,
und die altä Lüt müssen eim ä schüdlägi
Gschicht dävo z'verzellä, daß eim d'Hoor däbei grad
ufstoh chönnten. Nämli Toggäburgär seien ämol
am änä Sunntig, wo d'Lüt gab in dr Kilchä gsy sin,
in dieselb Alp cho und heien's Veh wellä stehlä. D'Senna hen's
natürli nit mir nüt dir nüt gschehä lo und hen sie
wagger gwehrt. Sie sin aber vo denä grobä Toggäburgärä
paggt und in die südig Schottä innä gworfä wordä.
An einzigä Sennäbuäb ist entrunnä und ist mit sim
Alpähorn uf an Grotze usi klädarät und het druf, was er
hat mögä, ins Dorf abi grüäft: "Uf, ihr Burä,
jung und alt, Toggäburger stehlen alls!" Er het aber so starch
blosä, daß er drob toäd ab äm Grotze abä gfallä
ist. Zuafällig ist s'Pfarrers Magd grad vorosä gstannä
und het alls ghört. Si nit ful und lauft in d Kilchä und seit's
dr ganzä Gmei. D'Mannä henn jetz dä Pfarrär im Stich
glo und sin uf und dervo, was gift was Heft, iri Küä go rettä.
Dr ei het ä Furggä gnoh, dr andr ä Segis, dr dritt än
Äx, churzum, was nä in d'Fingär cho ist. D'Wiber sin uf
Kneu nidärgfallä und hen bettät, daß doch dr liäb
Gott inä helfä möcht. Unerdessä hen Grabserburä
d'Toggäburger grad in dem Täli übercho, won i vorig verzellt
ha dervo, und hen nä der Buggl ghörig durbläut, daß
nä 's Stehlä sichär für nä Wil vergangä
ist. Vom selbä Tag an het selb Täli dä Namä Schlachtbödeli
übercho.
Ch. Gräßli. (Sutermeister, Schwizer-Dütsch.)
*
Vor vielen hundert Jahren kamen die Toggenburger auf die Grabser Alpen und raubten das Vieh, nachdem sie die Sennen und Hirten kopfüber in die siedende Milch geworfen hatten. Nur einem Hirten war es geglückt, diesem furchtbaren Tode zu entrinnen. Er kletterte auf eine Tanne und blies durch den Bürchel (Sprachrohr aus Rinde):
"'s Heara Chue heißt Blässi,
Un d'Toggeburger 'nenn is 's Veh un 's Chessi!"
Er blies so stark und so lange, daß er tot niedersank. Katharina, des Pfarrers Köchin, hörte und erkannte die Stimme ihres Geliebten, sprang in die Kirche und meldete den Betenden, was sie vernommen.
Die Männer eilten mit Hellebarden und andern Kriegswaffen hinauf
und nahmen den Toggenburgern nach blutigem Streiten das geraubte Vieh
wieder ab. Die Stätte, wo dieser Kampf stattgefunden, heißt
Schlachtboden. Noch lange nachher fand man dort alte Waffen.
Heinrich Hilty
*
Wird auch im Sarganserland und Toggenburg erzählt. Der Tenne mit
dem "Bürchel" ist eine sagenhafte Zutat, die uns vermuten
läßt, die ganze Geschichte sei eine bloße Erfindung oder
Nachahmung; denn sie wird in Bünden mehrfach erzählt. Ihr liegt
aber auch hier ein wirkliches Geschehnis aus der Zeit des alten Zürichkrieges
zu Grunde.
Quelle: Sagen des Kantons St. Gallen, Jakob Kuoni,
St. Gallen 1903, Nr. 94, S. 45f
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Irene Bosshard, April 2005.