GEISTERTRUG

Gottlieb Rieper war Schustermeister in St. Lorenzen im Lesachtal und hieß allgemein das "Schustermatile".

Oft ging er zu den Bauern der Nachbarschaft auf die "Stör". Einmal arbeitete er mit seinen Gesellen in Stabenthein. In dem Hause trieb schon seit langer Zeit ein Geist sein Unwesen. Des Abends begab sich der Meister nach getaner Arbeit mit seinen Gesellen zur Ruhe. Da hörten sie den Geist über die Stiege herunterrasseln, ohne etwas zu sehen. Es klang genauso, als wenn der Geist über die Stufen herunter einen gefrorenen Kittel nachzöge. Einige Tage später hatten sie ihre Arbeit beendet und begaben sich mit einbrechender Dämmerung in den Heustadel, um dort zu schlafen, da sie zeitlich am Morgen aufbrechen und nach Niedergail in Arbeit gehen wollten. Als das Matile in dieser Nacht einmal erwachte, war das ganze Haus beleuchtet. Es glaubte, dass die Hausleute schon aufgestanden seien und weckte die Burschen: "Steht auf, die Leute sind schon auf, und wir liegen noch da." Nun eilten sie fort, um noch rechtzeitig nach Niedergail zur Arbeit zu kommen. Aber das Dorf lag noch in tiefer Finsternis, kein Lichtlein leuchtete ihnen entgegen.

Wie sie jetzt auf die Uhr schauten, war es erst ein Uhr nach Mitternacht. Der Geist in Stabenthein hatte sie betrogen.


Quelle: Sagen und Geschichten aus dem Lesachtal, gesammelt und niedergeschrieben von den Schülern der 2. Klasse der Hauptschule Lesachtal Schuljahr 2000/2001, unter den Anleitungen von Hans Guggenberger und Edith Unterguggenberger