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Endlich aber versammeln sich die Elemente sowohl der Sigfrids als der Dietrichs Sage im Liede der Nibelungen, welches in der mit dem höchsten Geschick ausgebildeten vierreimigen Strophe 39 Abenteuer in 9636 Versen enthält. Gewöhnlich sondert man dies Gedicht in zwei Theile. Aber weil Chriemhild im zweiten nicht minder als im ersten sich die Seele der Handlung zu sein beweiset, wird auch schon äußerlich jener Unterschied wieder aufgehoben und Sigfrids Tod und Todtenfeier [Totenfeier] als das negative den Durchgang vermittelnde Moment erkannt. Sigfrid vermählt sich nach längerer Bewerbung und namentlich, nachdem er dem Burgundischen König Gunthar die Nordische Brunhild von Island in listiger Stärke zum Weibe gewonnen, mit dessen Schwester Chriemhild. Diese entzweiet sich ihres Mannes wegen vor der Kirche mit Brunhild, welche, im Innersten verwundet, auf Rache gegen Sigfried sinnt. Gunthar, Gernot und Hagen veranstalten daher, ihr zu willfahren, eine Jagd, auf welcher Hagene im Spiel des Wettlaufs den Sigfrid meuchlerisch ermordet, worauf Chriemhild ihm eine reiche Todtenfeier hält. Nach längerer Zeit der Trauer um den Geliebten wird sie Etzels Gattin und ladet, wie Giukl's und Grimhildurs Tochter Gudrunur, ihre Brüder zu sich ein. Die Burgunden ziehen durch Baierland die Donau hinab nach Bechlaren und mit dessen Markgraf Rüdiger zu Etzel. Hier beginnt nun Chriemhild den Verrath gegen die Anverwandten und kommt es zu einem allgemeinen Kampf der Burgunden mit den Hunnen und Hunnischen Dienstvölkern, worin alle, auch Chriemhild, bis auf Etzel, Dietrich und Hildebrand zu Grunde gehen. Dies Gedicht besteht dem Stoff nach allerdings aus vielen Sagen,
ist aber keineswegs äußerlich durch einen kritischen
Diaskeuasten, wie der Wolfische Homer, aus vielen zerstreuten Rhapsodieen
zusammengefügt. Den Abweichungen der Handschriften zu Liebe
braucht die lebendige Einheit nicht aufgeopfert zu werden. Vielmehr
ist es das gediegene Werk eines poetischen Gemüthes, was mit
hellem und liebendem Auge den ächt [echt] menschlichen Grund
der alten Sagenwelt auf das Tiefste durchschauet hat. Welcher bestimmte
Dichter dies gewesen, ist allerdings so gleichgültig, als bei
der Ilias. Das Nibelungenlied hat die mythischen Elemente ziemlich
von sich abgestreift, ohne in so gemessener Behandlung des zauberisch
Wunderbaren es selbst mit seinem Reiz aufgeklarter Weise zu verwischen.
Eben so hat es keinen geistig bedeutenden Zug der bisher durchgegangenen
Sagen außer Acht gelassen und die typischen Charaktere in
ihrer höchsten Individualität erfaßt. Gegen den
dramatischen Fortschritt der Handlung verhalten sich die anderen
Gedichte wirklich wie Vorübungen zu einer Meisterarbeit, so
daß erst die Nibelungen als das wahrhafte, auch in sich, nicht
blos relativ, große Resultat dieser ganzen poetischen Bildung
zu nehmen sind. Quelle: Das
Heldenbuch und die Nibelungen, Karl Rosenkranz, Halle 1829,
S. 34f |