DER TARTAREN RACHEZUG

Was wollt ihr aber hören,
Was wollt ihr, daß ich sing'?
Von der Tatarprinzessin schön,
Wie's der zu Neumarkt ging.

Nach Breslau in Schlesien
Eine große Reise sie macht';
Nach Neumarkt kam sie gefahren
Und blieb allda zur Nacht.

Da sprach der Wirt zum andern:
„Eine Heidin wohnt bei mir.
Sie hat viel Gold und Edelstein;
Die laß ich nicht von hier.

Gute Nacht, Prinzessin, schöne,
Ihr lebt nicht bis zum Tag!" —
Und wandte sich behende,
Gab ihr den Todesschlag.

Und all ihr Hofgesinde
In tiefem Schlaf er fand,
Und würgte sie groß und kleine
Mit seiner eignen Hand.

Mit seinen eignen Händen
Begrub er allzumal
Gar tief im kalten Keller,
Ihr Geld und Gut er stahl.

Er zeigte drauf den andern
Seine Hand von Blut so rot,
Von Gold und Edelsteinen
Die Hälfte er ihnen bot.

Die nahmen sie so gerne
Und schwiegen von der Tat.
Doch was nicht früh wird gerächet,
Das straft' der Himmel spat.

Der Tatarfürst, der hörte:
Zu Neumarkt ist Euer Kind
Gemordet und beraubet arg;
Den Körper man noch find't.

Da rief er seinen Haufen:
„Auf, nehmet Spieß und Schwert!
Nach Schlesien wollen wir ziehen,
Es ist des Ziehens wert!"

So kamen sie in Scharen
Ins ganze Schlesierland
Und sengten, brannten und stahlen;
Der Welt ist's wohlbekannt.

Der Fürstin Tod zu rächen,
Bei Wahlstatt ging es trüb',
Zu Ehren der Heidenprinzessm
Ein christlicher Herzog blieb.

So ward am Land gerächet,
Was Neumarkt hat getan. —
Herr, Gott, mich selbst regiere,
Fang ich allem was an!

Volkslied


Quelle: Sagen aus Schlesien, Herausgegeben von Oskar Kobel, Nr. 9