DIE HARTER GEISTER

Die Hartberger Hexe war nicht die einzige Plage, unter der die Leute im vorderen Zillertal zu leiden hatten. Es gab noch andere Geister, die sich gern an einsamen Orten herumtrieben und die Menschen schreckten, die vorbeikamen. Oft spürte man sie bei der alten Föstlmühl oder beim Wöxlkreuz, bei der Eggermühl, beim Ölberg auf der Heinsleteralm, auf der Bachleralm und beim Steinachkreuz. Auf dem Helfenstein wieder gingen die "Puchlmander" um, von denen wir später noch hören werden.

Christus am Ölberg Schlafende Jünger
Christus am Ölberg und die schlafenden Jünger,
Holzskulpturen gefaßt, gemaltes Panorama
2. Kapelle am Kapellenweg in Oberhart
, Zillertal
© Berit Mrugalska, 2. September 2004

Freilich waren nicht alle Geister darauf aus, den Leuten Streiche zu spielen oder Böses anzutun. Einige von ihnen waren harmlos - wie die armen Seelen, denen die ewige Ruhe versagt geblieben war. Ungemütlich war die Begegnung aber auch mit ihnen allemal. So wurde von Leuten, die nachts an der Föstlmühl vorüber mussten, erzählt, dass sich unter großem Gepolter das Mühlrad gedreht habe, obschon das Wasser abgeleitet gewesen sei. Beim Wöxlkreuz wiederum soll in manchen Nächten eine vermummte Frau gesessen sein und bitterlich geweint haben.

Ein alter Holzknecht, der während der Perchtenzeit mit den Masken ging, setzte sich einmal eine fürchterliche Larve auf, um die Leute zu erschrecken. Als er spät nachts an der Eggermühl vorbeikam, gewahrte er eine in lange, weiße Tücher eingehüllte Gestalt, die aus der Mühle trat und ihm folgte. Nicht weniger als eineinhalb Klafter groß soll die Gestalt gewesen sein. Da bekam es der Maskenträger mit der Angst zu tun und lief den Berg hinab, so schnell er konnte. Der Geist aber war nicht weniger flink und kam immer näher. Als er ihn schon fast erreicht hatte, fiel dem Holzknecht gerade noch rechtzeitig die Geisterbeschwörung ein, mit der er den Geist in die Mühle zurückbannte.

Kapelle, Außenansicht
2. Kapelle am Kapellenweg in Oberhart, Zillertal
"Neuerbaut von der Schützenkompanie Hart im Jahre 1981"
©
Berit Mrugalska, 2. September 2004

Ein andermal kam in einer mondlos dunklen Nacht ein Bauersmann auf dem Heimweg am Ölberg vorbei und bemerkte einen Sarg. Schon dachte er ans Davonlaufen, da erinnerte er sich, dass man bei einem Geist damit gerade das Gegenteil dessen erreicht, was man eigentlich will. Der Geist gewinnt dann nämlich Macht über den Menschen, er "kann ihm zu", wie es im Volk heißt. Also blieb das Bäuerlein tapfer stehen und begann vor Angst stotternd die Geisterbeschwörung herzusagen, als der Sarg auch schon im Wald verschwand.

An der Almhütte auf Heinslet ging im Spätherbst mitten in der Nacht einmal ein Jäger vorbei. Da bemerkte er, dass die kleinen Hüttenfenster beleuchtet waren, und aus dem Inneren vernahm er ein Geräusch. Weil sich um diese Zeit aber kein Mensch mehr auf der Alm befand, trat er verwundert näher und spähte durch ein Fenster. Da konnte er ganz deutlich sehen, wie sich der Butterkübel unentwegt drehte, ohne dass ihn irgend jemand angetrieben hätte. Ähnliches hat sich auch einmal auf der Bachleralm zugetragen.

Quelle: Hifalan & Hafalan, Sagen aus dem Zillertal, Erich Hupfauf, Hall in Tirol, 2000, S. 26