Die Sage vom Zehentkasten

Der "Kasten" in Mieders, ein kleines verfallenes Häuschen am Dorfeingang spielte im Mittelalter und in späteren Jahrhunderten als Kornspeicher für die Herrn von Trautson, die im Stubai Grundherren über zahlreiche Güter waren, eine bedeutende Rolle. Ursprünglich mussten die Bauern, die wohl persönlich frei waren, jedoch in einer Art Pachtverhältnis zu ihrem Grundherren standen Grundzins in Form von Naturalien (Weizen, Roggen, Gerste, Käse, Eier usw.) abliefern. Geläufig ist dieses unter Denkmalschutz stehende Häuschen unter dem Namen "Paulers Kornkasten" und es dürfte zu den ältesten Gebäuden in Mieders zählen. Verständlich, dass sich um diesen alten Zehentkasten, der auf das Jahr 1400 zurückgehen dürfte, eine Sage rankte.
Der damalige Besitzer des "Paulerhofes", heute Reinisch, zu dem der alte Getreidespeicher gehörte, hatte auf der Oberissalm Weiderechte besessen und dort auch Vieh aufgetrieben. In tollem Übermute hatte der Hüterjunge je zwei Stück Vieh bei den Schwänzen zusammengebunden, wodurch das Vieh abstürzte und zugrunde ging.

Voll Schreck über die Folgen seines Tuns ist der Hüterjunge über die Berge nach Italien geflohen und hat sich als Söldner anwerben lassen. Er brachte es dort zu einer ansehnlichen Stellung. Nun wollte er, von Gewissensbissen geplagt, seinen im jugendlichen Übermut angerichteten Schaden wieder gutmachen. Aufgrund seiner hohen Stellung war es ihm angeblich gelungen, den Talzehent von Stubai abzulösen und seinem ehemaligen Dienstgeber als Erbe zu überlassen.

Quelle: Chronik von Mieders, Sebastian Hölzl, Innsbruck 1976, S. 54