Ein Hirtenbub suchte seine Herde. Das Wetter war schlecht und nebelig. Nirgends fand er seine Tiere. Stundenlang suchte er schon. Auf einmal stand er vor einem Zaun. Über diesen sprang er hinweg und kam in eine schöne Wiese. Mitten in der Wiese war ein kleines, goldenes Tröglein, welches mit Mooswasser gefüllt war. Der Hirtenbub bestaunte das Tröglein nicht wenig und plagte sich mit dem Gedanken, das Wasser auszuschütten und das Tröglein mitzunehmen. Lange Zeit schaute er umher, ob niemand daher käme, aber es war nebelig und er sah und hörte nichts. Schnell war das Wasser ausgeschüttet. Mit dem Tröglein in den Händen suchte er das Weite. Das Tröglein war schwer und das Büblein wurde müde. Als es zum Zaun kam, wußte es nicht, wie es das Tröglein ganz hinausbringen könnte. Es bleib kein anderes Mittel übrig, als es über den Zaun zu werfen. Das Hüterbübl tat es. Das Tröglein fiel auf einen Stein - zerbrach.
Schnell sammelte der Bub die Scherben. Da es den Zaun hinter sich hatte sei es gerettet, meinte das Hirtenbüblein und dachte nicht mehr an seine Herde. Kreuzvergnügt wanderte es der Almhütte zu. Je länger das Bubi ging, desto mehr kam es von der Almhütte ab.
Es kam zu seiner Herde und versuchte die Tiere vor sich herzutreiben. Die Tiere waren aber unwillig und gingen nur bergauf. Das Hirtenbüblein folgte ihnen. Nach langem Wandern kamen sie zu einem Gattern, der sich von selbst öffnete. Die Tiere gingen hinein und waren in der Wiese, aus der das Hirtenbüblein das Goldtröglein hatte. Sie gingen zur Stelle, wo das Goldtröglein stand, und als sie dasselbe nicht sahen, blieben sie stehen und schauten einander an.
Da zog das Hirtenbüblein eine Scherbe vom Tröglein aus seiner Tasche und zeigte sie den Tieren. - Das Trögleinstück fiel ihm aus der Hand. Auch die übrigen Scherben vom Tröglein hatte es nicht mehr in der Tasche. Die Tiere liefen davon.
Weinend ging das Büblein der Almhütte zu. Dem Senner erzählte es von seinen Erlebnissen. Dieser sagte ihm, daß ein Zwerg zu ihm gekommen sei und ihm vom Tröglein erzählt habe. - "Lange wird es nicht mehr dauern, dann wirst du zu den Zwergen in den Kaiser wandern", sagte der Senner zum Bubi.
Nach einigen Wochen kam das Bubi wieder in diese Wiese, es wurde von
vielen Zwergen umringt und mußte mit ihnen gehen. - Vom Hirtenbübl
hörte man nichts mehr.
Quelle: Anton Schipflinger in: Tiroler Grenzbote, 1941,
Nr. 16, Die Heimat-Glocke (Beilage zum Tiroler Grenzboten und zum Tiroler
Volksblatt) Blatt 1, S. 6.
aus: Sagen, Bräuche und Geschichten aus dem Brixental und seiner
näheren Umgebung, gesammelt und niedergeschrieben vom Penningberger
Volksliteraten Anton Schipflinger, zusammengestellt von Franz Traxler,
Innsbruck 1995 (Schlern-Schriften Band 299).