DIE RUINE RABENSTEIN ZU VIRGEN

Als Virgen vor sehr langer Zeit in den Besitz der Grafen von Lurngau kam, beschlossen diese, über dem Tal eine Burg auf dem Felshügel in Obermauern zu bauen. Trotz der großen Mühsal, Steine, Kalk und Holz auf den Hügel zu karren, ging die Arbeit gut voran. Am Mauerwerk war schon zu erkennen, wie groß die Burg werden sollte. Im zweiten Jahr wollte der Vogt, ein harter, unbarmherziger Zwingherr, den Pallas fertigstellen. So trieb er die Bauern im Frondienst an und verlangte sogar, daß sie auch am Sonntag arbeiten sollten.

 

Ruine Rabenstein, Virgen, Tirol
mit freundlicher Genehmigung von der Gemeinde Virgen zur Verfügung gestellt
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Es kam der Sommer, auf den Feldern reifte das Korn, doch die Bauern mußten bei der Burg bleiben. Am zweiten Arbeitssonntag kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen dem Vogt und einem mutigen jungen Bauern. Der Vogt riß dem das Beil aus der Hand, schlug auf ihn ein und verletzte ihn schwer. Das Blut rann über die Holzspäne und versickerte im Boden. Rasch verdüsterte sich der Himmel, und aus dem dunklen Gewölk flog ein Krähenschwarm mit lautem Geschrei auf den Burghügel. Die erschrockenen Männer sahen, wie der Leitvogel einen blutigen Span in seinen Schnabel nahm und mit seinem ganzen Anhang quer übers Tal auf den Rabenstein flog. Dort fand man dann den Holzspan, und der erschreckte Vogt sah darin ein Zeichen, den Burgbau bei Obermauern einzustellen und auf dem Rabenstein die Burg zu bauen. Dies geschah mit großen Mühen. Den Bauern gegenüber aber war der Vogt menschlicher geworden.


Quelle: Virgen im Nationalpark Hohe Tauern, Louis Oberwalder, Innsbruck 1999, S. 264