Der Stein bringt es an den Tag
Auf dem Harlosanger, einer Alm im Brixenthale [Brixentale] steht ein im Sommer stark besuchtes Wallfahrtskirchlein.
Vor langer Zeit waren dort am Vorabend vor Maria Heimsuchung zwei Burschen
in Zorn und Hader gerathen [sic] und rauften auf Mord und Brand. Der Geistliche,
der hinaufgestiegen war, um tags darauf den Gottesdienst zu halten, sah
es und versuchte die Raufenden zu trennen; allein sie hielten gegen den
Dritten zusammen und schlugen ihn todt [tot]. Dann machten sie ein Loch,
warfen den Leichnam des Priesters hinein und wälzten einen Stein
darüber her. Der Stein nahm von Tag zu Tag mehr an Form und Farbe
zu, und bald konnte man ganz deutlich darauf einen Messmantel erkennen.
Die Leute suchten nach und fanden den todten [sic] Priester darunter.
Die zwei Burschen bekannten nun ihr Verbrechen und endeten auf dem Galgen.
Den Stein sah mein Gewährsmann im Jahre 1842 selber; es war wirklich
darauf die Figur einer Casula sichtbar.
Quelle: Volkssagen, Bräuche
und Meinungen aus Tirol, gesammelt und herausgegeben von Johann Adolf
Heyl, Brixen 1897,
Nr. 14, S. 57f