Die vereiste Alm im Zillerthal [Zillertal]

Die Ölträger aus dem Zillerthal sind vor Jahren oft über den Ritten gekommen. Einer übernachtete beim Pangger in Mittelberg und erzählte dort folgende Geschichte, deren sich das alte Mütterchen noch ganz gut erinnert.

Im hintersten Zillerthal ist eine abgekommene Alm. In alten Zeiten bezogen die Zillerthaler von derselben großen Heunutzen; der Wohlstand jedoch machte sie übermüthig [übermütig]. Ein Bauer war am Vorabend des hohen Frauentages mit seinen Leuten noch daran, seinen Almantheil [Almanteil] zu mähen. Nach alter frommer Sitte ließ man da schon zu Mittag Feierabend, d. h. man hörte von der Arbeit auf und gieng [sic] ins Dorf hinab zur Vesper. Der Bauer aber wollte nicht Feierabend lassen, bevor sie nicht fertig wären. Wohl verließen ihn die Mahdleute, die er im Taglohn hatte, er aber arbeitete trotzig weiter, und sein Knecht blieb bei ihm. Der Bauer sagt zum Knecht:

"Wir halten aus. und wenn wir noch morgen den ganzen Tag mähen müssten."

Dem Knecht war's recht. Da kam ein Gewitter; es regnete aber da oben nicht, sondern schneite stark und immer stärker. Am Tage nach dem Frauenfest kamen die Nachbarsleute herauf, ihre Weide zu mähen, und zugleich wollten sie nach dem Bauer und seinem Knechte sehen, die nimmer heimgekommen waren.

"Zuerst mähen wir unsere Wiese," sagte der Nachbar, "dann wollen wir sehen, wohin der Bauer mit seinem Knecht gekommen ist."

Sie fanden nun ihre Wiese schon aper [frei von Schnee], denn mit dem Schnee hatte die Sonne geschwind wieder aufgeräumt; die des Nachbars aber war noch mit Schnee bedeckt über und über. Wie sie ihre Wiese gemäht haben, versuchen sie den Schnee in des Nachbars Wiese wegzuräumen. Aber der Schnee hatte stark geschwitzt, wie die Bauern zu sagen pflegen, und war dann zu so hartem Eis gefroren, dass sie die dicke Kruste nicht aufzubrechen imstande waren. So blieb er nun liegen, und aus der Wiese des gottlosen Bauern wurde ein Ferner, und Bauer und Knecht sind bis auf den Tag darunter begraben.

Quelle: Volkssagen, Bräuche und Meinungen aus Tirol, gesammelt und herausgegeben von Johann Adolf Heyl, Brixen 1897,
Nr. 50, S. 87f