DER SCHWARZE MANN IN LECH-ASCHAU

Vor einigen Jahren war die Vefa im Gasthause Ammann in Lech-Aschau neben der Lechbrücke bedienstet. Da eine Kuh zum Kalben war, sagte sie zur Kellnerin, sie solle sie um zwölf Uhr wecken, damit sie noch im Stalle nachschauen könne. Richtig um halber ein Uhr weckte diese die Vef. Es war eine schöne, klare, mondhelle Winternacht, ein Tag vor Drei-König. Vefa nahm eine Laterne und ging zum Stall. Plötzlich hörte sie hinter sich Tritte. Sie wendete sich um, da stand ein schwarzer Mann hinter ihr, mit einem schneeweißen Gesichte und schwarzem Schnurrbart, doppelt so groß wie ein gewöhnlicher Mensch. Zitternd wie Espenlaub faßte Vefa dennoch Mut und fragte ihn, was er wolle. - Über Nacht schlafen, antwortete die schwarze Riesengestalt. - Geh' ins andere Gasthaus! sagte Vefa. - Da will ich bleiben! erwiderte das Gespenst, und schon war es auch verschwunden, als ob es der Boden selbst verschluckt hätte.

I fircht mir sonst g'wiß nit, sagte die Vefa noch zum Schlusse, nachdem sie es mir selbst erzählt hatte, und es send sonsto oft Lait aufm Weg um halber eins die Nacht, aber grad die Größe ist mir aufgfalle.


Quelle: Josef M. Metzler, Sagen aus dem Außerfern, Zeitschrift für österreichische Volkskunde 23, 1917, 123.
Aus Will-Erich Peuckert, Ostalpensagen, Berlin 1963, Nr. 2, Seite 9