Der Venediger im Hilpolt

Zur Zeit, als die Senner auf der Schneeflucht * waren, ist ein fremder Mann mit einem Ranzerl über dem Rücken beim Walcher, einem kleinen Alpenwirtshäusl im Wattental, angekommen. Nacht war es, und die Wirtsleute spielten gerade Karten. Der Fremde wollte über Nacht bleiben und am nächsten Morgen über das Joch steigen. Er trank ein Glas Enzian und schaute dem Spiele zu. Die Wirtsleute luden ihn zum Mitspielen ein, er aber schüttelte den Kopf und sagte: "Abspielen tu ich euch ohnehin alles, daher ist es mir nicht viel daran gelegen am kleinen Kartenspiele." Aber die Spielenden brachten es endlich doch dahin, daß er mit ihnen "hopste" **. Nun sahen sie aber bald ein, daß der Mann ein Schwarzkünstler sei, denn er stach immer die andern Karten, hatte gewöhnlich zwei Säue in der Hand und gewann alles. Dann legte er sich schlafen, worüber die Wirtsleute froh waren, und ist in aller Frühe aufgestanden. Bevor er ging, hatte er sich in der Küche auf offenem Knie, d. h. auf der bloßen Haut, den Tabak fein geschnitten, das Pfeifchen gestopft, angezündet und ist hernach gegen den Hilpolt hinaufgegangen, wo er bald verschwunden war. Es soll ein Venediger gewesen sein, der im Hilpolt Gold sammelte; andere meinten, daß er den Geisler zu erlösen versucht habe, doch man weiß es bis heute noch nicht, wer recht hatte. Jedenfalls ist der fremde Mann zu seinem Ziel gelangt, denn solche Leute verstehen es.

* "Die Älpler fahren in die Schneeflucht", sagt man, wenn wildes Schneewetter einfällt und das Alpenvieh dann weit hinab ins Tal oder in die tiefer liegenden Wälder getrieben werden muß, wo es Schutz findet.

** Das "Hopsn" ist ein gewöhnliches, nationales Kartenspiel in Nordtirol. '

Quelle: Deutsche Alpensagen. Gesammelt und herausgegeben von Johann Nepomuk Ritter von Alpenburg, Wien 1861, Nr. 78