Vor alters saß auf Braunsberg ein reicher, edler Ritter, der war mit einer gar schönen Frau vermählt. Als er einmal in den Krieg zog, ließ er die Frau Jutta in der Hut des Burgvogtes, dem er ganz vertraute, zurück. Der arge Mann aber war in sündhafter Hebe zu der edlen Frau entbrannt und verfolgte sie mit Werbungen, die sie entrüstet abwies. Darob ergrimmte er und beschloß, sich an ihr zu rächen. Da ihr Gatte glücklich heimkehrte, zieh er sie vor ihm der Untreue und wußte die Worte so klüglich zu stellen, daß der betörte Mann der falschen Anklage glaubte Die unschuldige Frau sollte im tiefsten Kerker büßen. Da empfahl sie sich inbrünstig dem Schuhe Gottes und warf sich aus dem Fenster hinab in die Gaulschlucht, in der tief unten die Falschauer fließt. Entsetzt eilte der Gatte hinab, gewärtig, sie zum Tode verletzt zu finden; aber Jutta stieg unversehrt aus dem Geklüfte empor und pries Den, der für ihre Unschuld gezeugt hatte. Als der lügnerische Burgvogt das Wunder sah, sprang er gleichfalls aus Verzweiflung in die Falschauer und zerschlug sich am Gestein, sodaß er ein klagliches Ende nahm. Noch nach seinem Tode irrt sein unseliger Geist als blaues Flämmchen nächtlicherweile um den Felsen, der Braunsberg trägt. Jutta aber und ihr reuiger Gemahl dankten Gott und verlobten sich zum Zeichen dessen nach Kloster Weingarten (bei Ravensburg), wo beide später ihre Grabstätte fanden. Ein Gemälde in dortiger Kirche stellt das wunderbare Geschehnis dar. Das gleiche Bild befindet sich in der Kapelle zu Braunsberg, erklärt durch folgende Verse:
Gott dem Herrn zu Lob, Ehr und Preiß
merkt die wahrhafte Historie mit Fleiß,
Wie dieses Gotteshaus und löbliche Stift
An das Gotteshaus Weingart kumben ist.
Von aim edlen Herrn Wohlgeboren
auch seiner lieben Gemahlin auserkoren.
Ain Edler von Braunsperg ist er genannt,
Derselben Zeit wohnt in diesem Land.
Zwischen ihm und seiner Frauen frumb
Wurd verwundt ihr Herz durch falsche Zung.
Ein großes Wunder ist da geschehen
Wie man allda gemahtt thuet sehen.
Ain Ausfall durch die edle Frau geschah
Da das der Herr mit Augen sah.
Alsdann sich und sein Gemahl gut
aus Gottes Schickung zum heiligen Blut
Zum Gotteshaus Weingart sich verlobet haben'
Daselbsi sie liegen beide begraben.
Der allmächtige Gott wolle beiden gnädig sein
Und erlösen von der Hölle Pein.
Geschehen im 13. hunderten Seculo verstorben
1391.
Quelle: Tiroler Legenden, Helene Raff, Innsbruck 1924, S. 215ff