Am Hügel steht ein Lindenbaum,
Er ist nicht morsch und schwach.
Und doch sinkt kränklich gelb das Laub
Aufs rothe [rote] Kirchendach.Die Linde ist kein böser Gast,
Und doch - so ist die Welt -
Wird abgerissen mancher Ast,
Die Rinde ihm geschält.Rund um den Hügel schwebt die Lust,
Die Sense klirrt im Mahd,
Der Jodler aus der weiten Brust
Ist Kommandant im Staat.Ein Greis, im ganzen Dorf bekannt.
Blickt heiter in die Welt,
Wird "alter Vater Sepp" genannt.
Hat neunzig Jahr' gezählt.Am grünen Schober ruht er aus.
Die braunen Jungen flieh'n.
Von Bach und Feld, von Wald und Hau,
Umlagern freundlich ihn.Erzählt uns, Vater Sepp, vom Schaf
Und Wunderbaum die Mähr,
Wir waren in der Schule brav
Wir bitten euch recht sehr.Der Alte klopft sein Pfeiflein drauf
Und dreht sich um, und spricht:
Schaut erst zum Lindenbaum hinauf
Im heitern Sonnenlicht.Als Knabe setzt' ich ihn mit Schweiß
Dahin ins grüne Bett,
Damit im Sommer, wenn es heiß,
Das Kirchlein Schatten hätt'.Das Bäumchen wuchs zu meiner Freud
Auf, wie ein braver Mann;
Und ich war glücklich seit der Zeit,
Halt' meine Freude d'ran.Doch irdisch Glück währt niemal[s] lang.
Uns Menschen prüfet Gott;
Einst wurden Geis und Schafe krank.
Das war die größte Noth [Not]!
Mein krankes Schäftein aber war
Zum Lindenbaum geeilt,
Rieb sich am Stamm das Wollenhaar
Und sieh - es war geheilt!Wie staunt' ich da - das war ein Fund!
Ich strich mit Rind' und Blatt, -
Die Thiere [Tiere] wurden all' gesund,
Das Mittel ist probat!Ob diese Kraft im Baume ist?
O nein! - ein Wunder lohnt:
Es heilt durch ihn Herr Jesu Christ,
Der drin im Kirchlein wohnt.Drum Kinder glaubet meinem Wort,
Der Christ hilft früh und spät!
- Dann gingen sie mitsammen fort
In's Kirchlein zum Gebet. *)
*) Die Bauern von Steinsberg heilen noch jetzt mit diesem Lindenbaum
Vieh und - Leute; ersteres mit Blatt und Rinden, letztere mit der Blüthe
[Blüte], und wenn so fortgeht muß der Baum bald absterben.
Quelle: Märzenveilchen, Johann Nepomuk von Alpenburg, Innsbruck 1855, S. 32ff