SAGE VOM WURMBERG

Auf einem steilen Ausläufer der Windischen Büheln, hoch über den Fluten der Drau, wo diese sich östlich der Stadt Pettau zuwendet, thront das auf weitem Umkreise sichtbare und auffallende Schloß Wurmberg, eine der interessantesten und besterhaltenen Burgen des Steirerlandes.

In grauer Vorzeit hauste nahe dem Schlosse in dichtem Urwalde ein greulicher Wurm. Dieser richtete großen Schaden an, denn er verschlang Kühe, Kälber und Schafe, welche die Hirten in der Nähe des Schloßberges hüteten, und wagte sich selbst an die Menschen, wenn diese ihm nahe kamen. Da der Wurm dadurch zu einer gefährlichen Landplage für die ganze Gegend wurde, so beschloß der Herr des Schlosses, das Ungeheuer zu bekämpfen und zu töten. Aber es gelang ihm dies nicht. Darauf lud der Burgherr befreundete Ritter aus den benachbarten Schlössern zu sich. Auch diese wagten den Kampf, aber ebenfalls vergeblich, denn ihre Lanzen zersplitterten machtlos am Schuppenleibe des Drachen.

So wütete das Untier nun immer mehr und mehr und kein Mensch getraute sich in die Nähe des Schlosses, denn der schreckliche Wurm fiel aus seinem Hinterhalte jeden an, der ihm nahe kam.

Da erschien einst als Retter in der höchsten Not auf dem Schlosse ein frommer Pilger aus dem Heiligen Lande. Als er von der Geißel der Gegend hörte, entschloß er sich, den Kampf zu wagen. Früh morgens begab er sich in die Schloßkapelle, verrichtete hier lange seine Andacht, gürtete sich sodann unter Gebeten ein geweihtes Schwert um und zog nun mit Gott hinauf in den Wald, um den abscheulichen Wurm aufzusuchen und ihn zu töten. Und siehe da! Gott, der Allmächtige, welcher das Gebet des frommen Pilgers erhört hatte, ließ diesen siegen. Wie der Blitz sauste des mutigen Mannes Schwert auf den Drachen nieder, und der scharfe, blinkende Stahl durchbohrte den Schuppenpanzer des Ungeheuers, das nun heulend sich zur Flucht wandte, zischend seinen schwerverwundeten Leib den steilen Abhang hinunterschleifte und seine Wut für immer in den Fluten der Drau ersäufte.

Noch sieht man im Felsen die Furche, welche der tödlich verwundete Wurm gezogen, und von dieser Begebenheit her soll auch das Schloß seinen Namen "Wurmberg" erhalten haben.

Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911