SAGEN VON WASSERGEISTERN
In den Gewässern, in Bächen, Flüssen, Teichen und Seen
wohnen häufig Wassergeister, der Wassermann und die Wasserjungfrauen.
Der Wassermann ist dem Aussehen nach halb Mensch, halb Fisch. Er hat grüne
Haare, die oft mit einem Kranze aus Schilfrohr bedeckt sind, langen, grauen
Bart und grüne Zähne; sein Unterleib endigt in einem Fischschwanz.
Er zeigt sich zuweilen Fischern und anderen Leuten, die in die Nähe
der Gewässer kommen, spricht sie sogar auch an, doch darf man seinen
Worten nicht trauen; denn der Wassermann ist sehr heimtückisch und
grausam, lockt die Menschen gerne auf gefährliche Stellen, damit
er sie dann leichter in die Gewalt bekommen und zu sich hinab in die Tiefe
der Gewässer ziehen kann.

"Wassermonster", Monstra Niliaca
Parei
aus: Monstrorum historia, cum paralipomenis historiae omnium animalium
Bartholomaeus Ambrosinus, Bononi (Bologna) MDCXLII (1642), S. 354
Insbesondere hat dieser Wassergeist es auf die kleinen Kinder abgesehen,
und wenn solche dem Wasser zu nahe kommen, so zieht er sie zu sich und
verschwindet mit ihnen sodann in den Fluten. Er hält sich entweder
in einer Höhle oder in einem auf dem Grunde der Seen und Flüsse
stehenden gläsernen Palaste auf und hält hier die Ertrunkenen
gefangen. Der Wassermann liebt gern Wein und andere starke Getränke;
wenn er sich eines Weinfasses bemächtigen kann, so hebt er dasselbe,
und mag es noch so groß und schwer sein, mit Leichtigkeit auf und
leert es in einem Zuge. In früheren Zeiten stellten ihm die Leute
gerne nach und wandten alle mögliche List an, um ihn zu fangen und
dann von ihm ein wichtiges Geheimnis zu erfragen. Der Wassermann hat einen
hellen Verstand und weiß gar vieles, was andere gewöhnliche
Menschenkinder nicht wissen; so zum Beispiel kennt er alle Erzgänge
in den Gebirgen; er allein nur weiß Bescheid zu geben über
die Bedeutung des Kreuzes in den Nüssen und über den Karfunkelstein;
er weiß auch, wie man aus der sauren Milch Gold siedet u. dgl. mehr.
In dem Schloßteiche von Waasen bei Wildon hielt sich so ein Wassermann
auf, der gern dem Weine in den Fässern des Schloßkellers zusprach.
Als nun die Leute bemerkten, wie der Wein immer weniger wurde, lauerten
sie dem Diebe auf, um ihn auf der Tat zu ertappen. Sie brauchten nicht
lange zu warten, so sahen sie, wie aus einer Öffnung, welche sich
unterirdisch gegen den Teich hinzog, der Wassermann hervorbrach und sich
einen frischen Trunk vom Fasse anzapfte. Nun fielen die Leute über
ihn her und nahmen ihn gefangen. Er wurde dann nach Graz geführt,
verschwand aber hier, und niemand wußte, wohin er gekommen.
* * *
Im Grünsee auf der Pacheralpe bei Rottenmann hielt sich ebenfalls
ein Wassermann auf. Zuweilen sahen ihn die Leute, welche in der Nähe
das Vieh weideten, auf einem Felsblocke sitzen. Er war groß, grün
gekleidet und hatte einen grünen Hut und einen Moosbart im Gesichte.
Der Wassermann lauerte hier den schlechten Menschen auf und zog einst
eine liederliche Schwaigerin mit sich in den See.
* * *
In den Fluten des Leopoldsteinersees haust ein Wassergeist, welcher schwarz
von Farbe ist und einen Raubtierkopf, einen langen Hals und feurige Flügel
hat. Derselbe soll ein durch einen Fluch für immer in die Wassertiefe
dieses Sees gebannter Geist sein und sich gerne zur Zeit des Neumondes
nächtlicherweile zeigen. Er lauert auf Kinder, ja wenn er deren nicht
habhaft werden kann, auch auf Erwachsene, zieht sie mit Gewalt zu sich
hinab in die Tiefe und verzehrt sie dann; daher ist es nicht ratsam, bei
Sturmwind dem See zu nahe zu kommen oder gar auf seinen Fluten eine Kahnfahrt
zu unternehmen.
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Ein ebenso schreckliches Ungetüm wie dieser Wassermann ist das in
den Seen des Salzkammergutes vorkommende Wasserweib. Es ist dies ein himmellanger,
grasgrüner Seewurm mit glänzenden Silberstreifen, welcher über
den Seespiegel kriecht und sich um einzelnstehende Felsen herumlegt, worauf
dann das Wasser zu steigen und zu rauschen beginnt, gerade als ob es sieden
möchte.
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Von diesen Wassergeistern ganz verschieden, und auch anders als sie gestaltet
sind die Wasserfrauen und die Wasserjungfrauen. Sie halten sich in Seen
und in fließenden Gewässern auf, wie z. B. in der Mur und Enns,
dann im Tiefernitzbach am Lahnackerkogel und in anderen Bächen. Diese
schönen, lieblichen Frauen- und Mädchengestalten werden in ihrem
wunderbaren Gesange den Fischern und ganz besonders den Schiffern gefährlich,
indem diese, ihren Stimmen lauschend, der ihnen drohenden Gefahren nicht
achten und deshalb auch oft ihren Untergang finden.
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In der Frauenlacke auf der Seetalalpe und in anderen Seen hausen die wunderschönen
Wasserjungfrauen. Zuweilen steigen sie aus ihrem Kristallpalaste, der
am Grunde des Sees liegt, empor zur Oberwelt und sitzen dann auf grüner,
blumiger Wiese, in welche sich der Spiegel des Sees verwandelt. Sehen
diese Geschöpfe einen Jüngling oder Knaben, so winken sie ihn
freundlich zu sich heran, und kommt derselbe wirklich zur Stelle, so weicht
plötzlich die Rasendecke und er sinkt dann, von den Armen der Jungfrauen
umfangen, in die Tiefe des Sees.
* * *
Das Becken des Kammersees im steirischen Salzkammergut war früher
die Badewanne der Wasserjungfrauen. Wohl nicht leicht sah selbe das Auge
eines Sterblichen. Als der kühne Menschengeist vordrang und vor ungefähr
400 Jahren den Kammersee mit dem Toplitzsee durch einen tiefen Felsenkanal
verband und in den umliegenden Wäldern die Schläge der Holzaxt
widerhallten, wurde das Becken entweiht. Die Wasserjungfrauen zogen sich
für immer in die Felsenhöhlen zurück und das Glück
schwand seitdem mehr und mehr aus der Gegend. Nur Begnadete können
diese Wasserjungfrauen zuweilen am Geklüfte, dem der murmelnde Schleierfall
entquillt, sehen, mit tiefer Trauer in den Mienen ihres unbeschreiblich
schönen Antlitzes.
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Auch an den Heilquellen zeigen sich bisweilen weibliche Wesen, welche
aber schon mehr in ihrem Äußeren den Waldfrauen oder Wildfräulein
gleichen. Es sind dies die Brunnenjungfern, welche im Schoße der
Erde an den Urquellen der Heilwässer wohnen und zuweilen den Menschen
erscheinen, um ihnen zu helfen, wenn ihre Gesundheit Schaden gelitten.
Eine solche Brunnennymphe zeigte sich auch einst einem edlen Römer,
welcher in die Gegend des heutigen berühmten Badeortes Gleichenberg
gekommen war. Sie ließ ihn, da er brustleidend war, von dem Wasser
ihres Brunnens trinken, und er gesundete in der Folge wieder. Lange Zeit
danach machte diese wohltätige Nymphe eine junge Zigeunerin auf die
Heilkraft ihrer Quelle aufmerksam, auf daß diese davon Gebrauch
mache zum Wohle der leidenden Menschheit. Das Mädchen entsprach dem
Willen der Brunnennymphe und ließ von dem Heilwasser den einzigen
Sprossen des Schloßherrn von Gleichenberg trinken, der auch davon
in der Tat wieder gesund wurde. Seitdem die Menschen die Gleichenberger
Heilquellen zu verwerten wissen, zeigte sich die Brunnennymphe nicht mehr.
Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911