DIE MITTERNACHTSMESSE

Die Friedhofkirche St. Johann im Felde, eine Viertelstunde außer der Stadt Knittelfeld, in westlicher Richtung gegen das Pfarrdorf Lind gelegen, besitzt die geheimnisvolle Kraft, die Leute irre zu führen. Schon vielen war es passiert, daß sie insbesondere in früher Morgen- oder später Abendstunde, wenn dichte Nebel aus dem Erdboden aufsteigen und die Gegenstände in Entfernung von nur wenigen Schritten kaum in ihren äußeren Umrissen erkennen lassen, sobald sie in die Nähe der Kirche kamen, irre wurden und ratlos umhergingen und nicht sobald die richtige Fährte fanden.

Eine greise Bürgersfrau in Knittelfeld, insgemein die Lodenwalkerin genannt, pflegte nach alter Gewohnheit die Frühmesse zu besuchen. Einstens, als sie vom Schlafe erwachte, schien es ihr, als ob der Tag zu grauen beginne. Sie sah auf die Uhr und diese zeigte, daß die Stunde nahe, in welcher sie regelmäßig in die Kirche ging. Sie zog sich daher an und schritt dem Gotteshause zu, kam aber, ohne daß sie es bemerkte, anstatt in die Pfarr-, in die Friedhofkirche. Die Fenster waren hell erleuchtet und der innere Raum schon ganz voll Andächtiger. Am Altare stand ein fremder Priester und las die Messe. Die Lodenwalkerin setzte sich in eine Bank, öffnete das Gebetbuch und vertiefte sich bald in dieses.

Als der Priester das "Ite missa est" gesprochen, erhob sie sich und blickte nun in der Kirche umher. Es fiel ihr auf, daß die Leute in altertümliche Gewänder gekleidet waren; die Frauen hatten Goldhauben auf, die ja doch schon gänzlich außer Mode waren. Nun blickte sie seitwärts zu ihrer Nachbarin, und wie sehr erschrak die gute Lodenwalkerin, als sie in selber eine schon vor langer Zeit verstorbene Jugendfreundin erkannte. Diese winkte ihr freundlich zu. Die Lodenwalkerin aber bekreuzte sich und eilte dem Ausgange zu. Bei der Tür schien es ihr, als ob eine Geisterhand sie erfaßte und aus der Kirche hinausziehe. Kaum war sie außerhalb derselben, so vernahm sie deutlich ein Gemurmel, das im Innern des Gotteshauses entstand; hierauf wurde die Türe laut zugeschlagen und alle Lichter verlöschten, so daß sie plötzlich im Finstern stand. Zugleich fühlte sie eisigen Hauch in ihrer Nähe, nebelhafte Gestalten huschten an ihr vorüber und verschwanden in der Erde. Da tönten durch die nächtliche Stille von der Stadtpfarrkirche die Schläge der Turmuhr, welche die erste Stunde nach Mitternacht ankündigten. Die auf das heftigste Erschrockene eilte nach Hause und warf sich, vor Aufregung zitternd, aufs Nachtlager. Des Morgens, als ihre Angehörigen zu ihr ins Zimmer traten, fanden sie die greise Frau in Fieberhitze daniederliegen. Sie verließ das Bett nicht mehr und nach wenigen Wochen wurde sie in St. Johann am Felde zur ewigen Ruhe gebettet.

Eine Bäuerin in Sachendorf bei Knittelfeld geriet ebenfalls irrtümlicherweise zur Mitternachtszeit in die Friedhofkirche und fand diese voll Andächtiger, aber deren seltsame Tracht fiel ihr alsogleich auf, und als sie darüber einen Angstschrei ausstieß, wurde sie von Geisterhand erfaßt und bei der Kirchtüre hinausgeworfen.

Selbe soll noch lange darnach gelebt haben.

Sagen aus der grünen Mark, Hans von der Sann, Graz 1911