Das Schatzmännlein auf Eppenstein.

Vor vielen, vielen Jahren waren die Knechte des Hammergewerke Zeilinger auf Eppenstein am Sonnwendtage nachmittags mit dem "Heugnen" beschäftigt. Das war gerade unter den Ruinen neben der Straße. Auf einmal hörten sie von der Ruine herabrufen: "Hansl, komm auffa!"

Der Knecht, der Hansl hieß, sagte darauf: "O, sind gewiß Bürgersleut von Weißkirchen oben, die spazieren gehen und rufen."

Das Rufen aber wiederholte sich und wurde immer stärker; es rief ganz laut: "Hansl, komm auffa! Jetzt ist's Zeit."

Wie nun der Knecht wahrnahm, daß zweifelsohne er gemeint sei, da kam auch schon die Straße ein Wanderbursch daher und fragte, ob sie keinen Gehilfen bei ihrer Heuarbeit brauchen würden.

"Ei, kommst gerade zurecht," sagte der Moar, "hilf nur gleich aus! Der Hansl muß e ins Schloß gehen. Nimmst indessen seinen Rechen."

Als nun der Hansl hinauf zur Ruine kam, stand ein eisernes Tor davor, das er nie gesehen hatte, und ein Männlein stand dabei, das rief ihm zu:

"Na, endlich kommst. Hab schon so viel nach dir gerufen. Du mußt mir jetzt helfen, und ich helf dir dann auch. Jetzt gehst du mit mir! Es geschieht dir gar nichts. Brauchst keine Angst zu haben."

So stiegen sie durchs Tor eine lange Stiege hinunter und gingen durch zwei dunkle Räume; dann kamen sie zu einer Tür. Hier nun blieb das Männlein stehen und sagte feierlich: "Jetzt mußt du mich erlösen; dann werde ich dich erlösen."

Er meinte von der schweren Arbeit. Dann sprach er weiter: "Da hast du den Schlüssel; mit dem sperrst du auf! Und hier hast du eine Rute. Denn da drinnen steht eine große Kiste mit Gold und drauf liegt ein schwarzer Hund mit einem goldenen Schlüssel im Maul. Sprich kein Wort, sondern schlage nur mutig auf den Hund mit der Rute, und wenn das nicht hilft und er den Schlüssel nicht fallen läßt, so schlage ihn ein Zweitesmal rasch nacheinander. Dann fängst du den Schlüssel auf, und wir beide sind gerettet. Es geschieht dir gar nichts, aber schweige und tu, was ich dir gesagt habe."

Der Hansl schloß also die Türe auf, sah den Hund auf der Kiste sitzen, den Schlüssel im Maul, trat, vom Männlein begleitet, mutig auf ihn zu und versetzte ihm einen festen Streich. Umsonst. Der Kund knurrte nur und Zeigte die Zähne. Da bekam Hansl Angst, doch ermannte er sich und schlug rasch zweimal nacheinander auf den Hund. Da flog dieser in die Höhe, riß das Maul auf, um zu beißen. Dabei entfiel ihm der Schlüssel. Darauf stürzte der Hund, wie von Schreck gelähmt, rücklings über die Kiste hinunter und knurrte dort fortwährend in unheimlicher Weise.

Nun sagte das Männlein: "Ich hab die Kraft und du die Macht; jetzt wollen wir die Kiste hinauftragen."
Das Männlein packte vom beim Henkel an, Hansl rückwärts; er schleppte sich gar nicht, er brauchte nur den Henkel zu halten. Als sie aber zur Stiege kamen, dachte sich Hansl: Für mich könnt doch auch ein Gewicht kommen; das Männlein trägt sich einmal zu hart. In diesem Augenblick spürte er schon, daß auch er eine Last zu tragen habe. Bei der letzten Stufe aber ward ihm die Last doch ein bißchen zu schwer und er sagte: "Tun wir ein wenig rasten!"

Da polterte aber auch schon die Kiste und das Männlein über die lange Stiege hinunter, und Hansl hörte lange das Gepolter und das Gejammer des Männleins:

"So und so viele hundert Jahre habe ich schon gelitten, und so und so viele hundert Jahre muß ich jetzt wieder leiden. Auf dem Schlosse wird ein Wald wachsen und dieser Wald wird geschlagen werden und da wird ein Lärchbaum drunter sein; von diesem werden die Bretter geschnitten werden, daraus wird eine Wiege gemacht werden, und jenes Kind, das zuerst drinnen liegen wird, das wird ein Bub sein, und dieser hat erst wieder die Wacht, mich zu erlösen."

Wäre der Hansl nicht so dumm gewesen, hält er all das Gold und Silber gehabt. Nun ist er wieder hinaus gegangen und hinabgestiegen zu seinen Leuten, die fleißig heugten.

"Ei", dachte er, "bin e gar nicht lang aus gewesen."

Als er aber näher kam, waren ihm alle Heugerleute fremd. Er fragte sie, wieso denn alles anders sei. Sie aber kannten auch nicht den alten Mann. Und so suchte er seinen Herrn auf; aber auch dieser war ein ganz anderer und wußte von ihm nichts.

Nur eine alte Magd fing ihre Geschichte an: Ihre Großmutter hätte immer erzählt, daß ihre Mutter beim Zeitlinger Magd war, und daß damals ein Knecht, namens Hansl, beim Heugnen hinaufgerufen worden sei, aber nicht mehr zurückkam. Nun möge es hundert Jahre sein. War dieser Mann hundert Jahre in der Ewigkeit?

Es versuchten viele diese Stiege zu ergründen, aber niemand fand sie bisher.

Quelle: Burgsagen aus Steiermark, P. Romuald Pramberger, Seckau 1937, S. 84.
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