DIE ÜBERGOSSENE ALM AM HOCHKÖNIG

Weithin erhebt sich der mächtige Gebirgstock des Hochkönigs mit seinem ausgedehnten Gletscher- und Firnfelder der übergossenen Alm.

Tracht Salzburg, Pongau, © Maria Rehm

Tracht Salzburg, Pongau
© Künstlerin Maria Rehm
© Viktoria Egg-Rehm, Anita Mair, für SAGEN.at freundlicherweise exklusiv zur Verfügung gestellt

Auf dieser nun vom ewigen Eis starrenden Fläche lagen einst mitten im freundlichen Waldesgrün saftige Wiesen und Matten, wo kniehohes Gras wuchs und friedliche Rinderherden der üppigen Weide nachgingen.

In den behaglichen Almhütten war eine Schar frohgemuter Sennerinnen täglich am Werk, die reichlich sprudelnde Milch zu verarbeiten. Und so groß war der unaufhörlich strömende Segen, daß man Käse und Butter gar nicht mehr wegschaffen konnte. Viel Geld floß in die Taschen der Sennerinnen, und das gute Leben machte sie übermütig und ausgelassen und verführte sie mit der Zeit zu allerhand Schandtaten.

Die Glocken, die am Hals ihrer Kühe klangen, mußten von reinem Silber sein, und die Hörner der Stiere glänzten mit gediegenem Gold überzogen in der Sonne. Sie schmausten und praßten im Überfluß, tranken statt Wasser zerlassene Butter und ließen den besten Wein fässerweise aus dem Salzburger Stiftskeller bringen. Zu ihren protzenden Festen luden sie lustige Jägerburschen ein und tanzten und sangen mit diesen ganze Nächte lang. Wie fromm sie auch früher gewesen waren, jetzt dachten sie nicht mehr an Gott oder ihr Seelenheil und gingen in frevelhaftem Übermut mit der guten Gottesgabe um, als wäre sie nicht dazu geschaffen, den Menschen Nahrung und Kraft zu spenden. Die übermütigen Dirnen wollten zarte feine Gesichter und Arme haben, da badenten sie sich in der Milch und schütteten dann das köstliche Labsal schaffweise weg. Die Wege zwischen ihren Hütten wurden mit runden Käslaiben gepflastert, die Fugen dazwischen mit frischer Butter ausgefüllt, damit, wie sie sagten, der Teufel etwas zu fressen habe, wenn er mit seinen Gesellen bei Nacht herankomme. Die goldgelbe Butter war ihnen gerade recht, Kugeln daraus zu formen und sich im Spiel gegenseitig zu bewerfen, kurz, sie wußten nicht mehr, was sie vor Übermut tun sollten. Sogar klingende Goldstücke warfen sie vor das Haus.

Als aber einmal ein müder Wanderer auf die Alm kam, der sich vor Mattigkeit kaum mehr fortschleppen konnte und um Imbiß und Obdach bat, da jagten sie ihn mit harten Worten davon. "Der Teufel", riefen sie, "soll dir Obdach geben, wir brauchen keinen ungebetenen Gast." Und weil der Arme nicht imstande war, rasch genug wieder weiterzuziehen, gerieten sie in Zorn und bedrohten ihn mit Schlägen.

Aber nun war das Maß ihrer Übeltaten voll, und die gerechte Strafe sollte die Schändlichen treffen. Kaum hatte sich der Wanderer entfernt, da wälzte sich von den Teufelshörner her in dunklem, unheimlichem Gewoge ein furchtbares Unwetter heran. Ein gräßlicher Sturm erhob sich und schleuderte aus dem schwarzen Gewölk eine wirbelnde Flut von Eis und Schnee auf die zu Tod erschrockenen Frevler herab. Vergebens suchten sie zu flüchten. Der Schneesturm begrub sie mit Hütten und Herden, und über den grünenden Almen lag nunmehr ewiges Eis.

Und so liegt das Gefilde heute noch unter dem Eis, und man nennt die weite Fläche ewigen Schnees unter dem Gipfel des hohen Berges "Übergossene Alm".


Quelle: Email-Zusendung von Patrick Maisl, 9. Dezember 2001