DER SCHATZ IN DER GEIßBERGWAND

Zu einem Bauern am Fuße des Geißberges bei Salzburg kam mehrere Jahre hintereinander ein alter Mann mit einem Buckelkorb und einer Haselgerte. Der Bauer beherbergte den Fremden stets gastlich, nahm dafür nichts an und fragte auch nicht nach woher und wohin. Einmal kam nun der Salzburger Bauersmann nach Linz. In einer langen Straße bedeutete ihm dort ein feiner Herr aus dem Fenster eines stattlichen Hauses, er möge doch heraufkommen. Neugierig leistete das Bäuerlein der unvermuteten Einladung Folge und wurde vom Inhaber einer schönen Wohnung im ersten Stock herzlich willkommen geheißen. Der Bauer erkannte den Linzer erst, als dieser, mit Buckelkorb und Haselgerte ausgestattet, als alter Mann aus dem Nebenzimmer trat.

Der einstige Gast bewirtete nun seinerseits den Geladenen aufs beste und gab ihm schließlich den Rat: „Wenn du wieder daheim bist, dann geh zur großen Geißbergwand hinauf, schlage dort mit dieser Haselgerte auf den Felsen; er wird sich öffnen und reiche Schätze freigeben. Du darfst davon nehmen, soviel du nur zu tragen vermagst!" Heimgekehrt, konnte der Bauer es kaum erwarten, sein Glück zu versuchen. Er tat, wie ihm geheißen, kam auch wirklich in die Schatzhöhle und füllte sich alle Taschen mit Gold und Edelsteinen. Hinter ihm schloß sich lautlos wieder der Fels. Nun lebte der glückliche Schatzheber in Saus und Braus dahin, bis alles verjubelt war. Dann fuhr er gleich mit einem Leiterwagen zur Geißbergwand hinauf. Die verdorrte Haselrute blieb aber diesmal ohne jede Wirkung, und auch in Linz konnte der Enttäuschte trotz eifrigem Suchen weder Straße noch Haus seines Wohltäters mehr ausmachen.


Quelle: Depiny Adalbert, Oberösterreichisches Sagenbuch. Linz, 1932. S. 80, Nr. 124

aus: Hans Commenda, Sagen in und um Linz, in: Oberösterreichische Heimatblätter, Jahrgang 21, 1967, Heft 3/4, S. 27 - 74.