I. In der Linzer Reimchronik", einer alten, im Stadtarchiv Linz verwalteten Handschrift, steht zu lesen:
Als man zählt hernach 1245 Jahr,
Die Donau ausgetrocknet war.
Dann ein Mönch, Walter genannt,
In der Stadt jedermann bekannt,
Ist trocken darüber gegangen,
Eh man die Brücken hat angefangen.
Welcher auch starb in diesem Jahr
Und zugleich allda begraben war.
II. Die Reimchronik führt diesen seltsamen Donauübergang noch auf eine natürliche Ursache, nämlich ganz ungewöhnliche Trockenheit, zurück. Die Legende aber begründet ihn durch wundersames Geschehen. Sie berichtet von einem ehrwürdigen Minoritenpater Walter, der sich durch glühenden Glaubenseifer und tätige Nächstenliebe hervortat. So eilte er einem am anderen Ufer der Donau in den letzten Zügen liegenden Kranken mit den Tröstungen der Religion zu Hilfe, indem er über die Wellen der Donau schritt, als ob sie eine Jochbrücke gebildet hätten.
III. Auch Seyringer erzählt in seiner Linzer Chronik - mit Angabe einer völlig anderen Jahreszahl - eine ähnliche Geschichte: Im Jahre 1035 lebte in Linz ein seeleneifriger Priester namens Pater Walter, welcher durch seine mitreißenden Predigten großen Einfluß auf die Linzer ausübte. Da noch keine Brücke bestand, eilte er einmal, trockenen Fußes über die Donau schreitend, einem Sterbenden im Urfahr" mit dem Hochwürdigsten Gut zu Hilfe.
IV. Völlig legendäre Züge trägt eine vierte Fassung des frommen Berichtes, die auch das Entstehen der Siedlung Urfahr in das Geschehen einbezieht: Der wundertätige Minoritenmönch Walter wollte einst - bevor noch die Donaubrücke bestand - ans andere Ufer, um einem Kranken im Urfahr" (an der Überfuhrstelle) die letzte Wegzehrung zu reichen. Er rief mehrmals laut: Hol über!", doch kein Fährmann wagte sich auf den Hochwasser führenden Strom hinaus. Da breitete der fromme Gottesmann seinen Mantel auf die Wellen, stieg darauf und fuhr so trockenen Fußes ans andere Ufer. Dieses Wunder und die frommen Predigten des Paters zogen viele Menschen an. Walter erbaute ein Kirchlein, um das sich allmählich Leute ansiedelten. So entstand der Ort Urfahr.
V. Es waren wohl auch die Gebeine dieses Wundermannes, welche 1689 bei der Erneuerung des Linzer Provinzhauses der Minoriten gehoben wurden und balsamischen Duft verbreiteten.
Quelle I: Linzer Regesten, Magistrat, Linz. E
1a/965
Quelle II: Linzer Regesten, Magistrat, Linz. E 1g/2
Quelle III: Schmidt Justus, Linzer Kunstchronik, III. Teil. Linz, 1952,
S. 234.
Quelle IV: Kreczi Hanns, Linz, Stadt an der Donau. Linz, 1951, S. 206:
Sagen aus Linz.
Quelle V: Oberdonau-Zeitung, Linz, 1944, 7. 3.
aus: Hans Commenda, Sagen in und um Linz, in:
Oberösterreichische Heimatblätter, Jahrgang 21, 1967, Heft 3/4,
S. 27 - 74.