Der heilige Birnbaum der Welser Heide
Eine Sage aus Marchtrenk

Zwischen Wels und Marchtrenk liegt die weite Ebene der Welser Heide. Durch dieses Land zieht die Traun, und mit ihr fließen Geschichten von alten Kriegen, versunkenen Geheimnissen und einer Welt, die den Menschen nicht immer sichtbar ist.

Schon vor langer Zeit erzählte man sich von einem dürren Birnbaum, der auf der Heide gestanden haben soll. Er war kein gewöhnlicher Baum. Die Alten glaubten, dass er die Grenze zwischen zwei Welten bewache: zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, zwischen dem Diesseits und jener anderen Welt, die sich nur in besonderen Augenblicken zeigt.

In der Sage vom Walser Birnbaum bei Salzburg heißt es, dass ein dürrer Baum immer wieder zu neuem Leben erwachte. Wenn er zu grünen und zu blühen begann, sollte eine große Schlacht zwischen Gut und Böse bevorstehen. Wenn er schließlich Früchte trug, würde die Endzeit beginnen. Kaiser Karl oder Kaiser Barbarossa, so erzählte man, würden aus dem Berg hervortreten und auf dem Feld die letzte Schlacht schlagen. Nach dieser Zeit sollte ein neues, goldenes Zeitalter anbrechen.

Bei den Nachforschungen zur Welser Heide tauchte eine ähnliche Überlieferung auf. Eine alte Abschrift berichtete von einem heiligen Birnbaum, der um das Jahr 1871 zu blühen begonnen habe. Dieses Jahr war von Krieg und Frieden geprägt. Während auf den Schlachtfeldern Europas die Waffen schwiegen, begann in der Heide ein Baum zu grünen.

Bald entstand der Verdacht, dass die Namen Walser Heide und Welser Heide mehr miteinander verband, als man zunächst vermuten würde. Wals und Wels erschienen wie zwei Spiegelbilder. Was im Salzburger Land erzählt wurde, schien in der Welser Heide eine zweite Gestalt anzunehmen. Ein alter Förster soll von einem Schlüssel gesprochen haben, der zwischen zwei Ufern verborgen liege. Eines Tages, so seine Worte, würden sich diese beiden Ufer miteinander verbinden. Doch zuvor müsse in der Welser Heide eine große Schlacht geschlagen oder beendet werden.

Die Suche nach diesem geheimnisvollen Baum führte schließlich nach Marchtrenk. Dort wurde ein alter Birnbaum entdeckt, der ungefähr in jene Zeit passen konnte. Er stand nahe der Au, war tief in der Erde verwurzelt und wurde später unter Schutz gestellt. Seine Äste und Triebe wiesen nach Nordosten, genau in jene Richtung, aus der nach der Überlieferung die dunklen Mächte der Endzeit kommen sollten. Die Umgebung des Baumes ist mit der Ortmair-Kapelle, dem Waldfriedhof und der Wallfahrtskirche Heiligenkreuz verbunden – drei Orte, an denen sich Geschichten von Leid, Erinnerung und Hoffnung begegnen. In der Kapelle erinnert das Bild der Schmerzensmutter an Leid und Erlösung. Im Wald steht der Efeu als Zeichen des ewigen Lebens. Und in Heiligenkreuz erzählt man von Lichtern, die einst den Weg zu einem heiligen Ort gewiesen haben sollen.

Auch Marchtrenks Vergangenheit scheint mit dieser Geschichte verbunden zu sein. Die Stadt, die wegen des Kriegsgefangenenlagers einst die „Schwarze Stadt“ genannt wurde, trug schwere Erinnerungen. Während des Ersten Weltkriegs fertigten Gefangene einen eisernen Tisch an. Er sollte an eine eiserne Zeit erinnern und zugleich den kommenden Generationen Hoffnung geben. In der Sage steht dieser Tisch dem runden Tisch des schlafenden Kaisers gegenüber: hier das Leid der Menschen, dort die Hoffnung auf Erneuerung.

Wenn der Birnbaum eines Tages wieder in voller Kraft blüht und Früchte trägt, wird nach der Sage die Zeit der Entscheidung gekommen sein. Dann wird sich zeigen, ob die angekündigte Schlacht wirklich auf einem Feld stattfindet oder ob sie im Inneren der Menschen ausgetragen wird. Denn vielleicht ist der Kaiser im Berg nicht nur ein Herrscher aus längst vergangenen Zeiten. Vielleicht ist er ein Bild für die Kraft, Würde und Verantwortung, die in jedem Menschen verborgen liegt. Vielleicht bedeutet das Erwachen des Kaisers nichts anderes, als dass der Mensch selbst erwacht.
Dann würden sich die beiden Ufer verbinden: Vergangenheit und Zukunft, Mensch und Natur, sichtbare und unsichtbare Welt.

Und der heilige Birnbaum von Marchtrenk wäre nicht das Zeichen des Untergangs, sondern der stille Wächter einer neuen Zeit.

Quelle: Literarische Neufassung nach regionalen Überlieferungen und Recherchen von Maxim Niederhauser, aus dem Jahr 2020. E-Mail Zusendung Oktober 2026.