SAGEN.at >> Traditionelle Sagen >> Österreich >> Niederösterreich >> Wachau Nibelungengau >>  Hans Plöckinger, Sagen der Wachau, 1926

   
 

Die Teufelsmauer und der Hahn von St. Johann

Die zahlreichen Wunder, welche der heilige Albinus im Kirchlein von St. Johann wirkte, locklten viele Hilfesuchende und fromme Leute an. Das ärgerte den Höllenfürsten ganz schauerlich und er sann eifrigst nach, wie er den ihm verhaßten Wallfahrtszügen ein Ende machen könnte. Es kam ihm der Einfall, oberhalb Spitz vom Schloberge hinüber zur roten Wand unter St. Johann durch die Donau eine Mauer zu errichten, damit das gestaute Wasser jenes Kirchlein einfach überschwemme. Gott erlaubte ihm sogar die Arbeit, wenn er sie während einer Nacht bis zum dritten Hahnenschrei beenden könne. Um diese Bedingung zu umgehen, kaufte der Teufel zunächst alle Hähne der Umgebung zusammen, nur eine alte Frau gab ihrigen nicht um alles Geld her. Sodann begann mit Hilfe vieler Höllengeister der Bau. Mächtige Steinblöcke wurden aufeinander geschlichtet, schon war die Mauer fast fertig, da schlug das Glöcklein von St. Johann an und der einzig übrige Hahn des Ortes begann zu krähen. Er hatte sich sogar auf den Kirchturm gesetzt und, wie seine Stimme das dritte Mal ertönte, schoß der Teufel voll Wut über das Mißlingen seines Vorhabens einen giftigen Pfeil hinüber, der heute noch im Leibe des Turmhahns steckt. Dann fuhr er in die Hölle ab. Von seinem verunglücken Werke ist ein kleines Stück am linken Donauufer als "Teufelsmauer" stehen geblieben.

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Nach einer alten Fassung der Sage ließ sich der Böse überhaupt nicht gleich durch den ersten Hahn abschrecken. Zunächst war es ein weißer Gockel, welcher dreimal unbeachtet krähte. Am andern Tag tat dies ein schwarzer. Der Teufel wollte nicht aufhören, bis nicht ein roter Hahn gekräht habe. Am dritten Tage erschien ein solcher auf dem Kirchturm von St. Johann. Als auch er dreimal krähte, mußte der Teufel die Arbeit einstellen und tat im Zorn den Schuß; nach dem Hahne, welcher noch jetzt auf der Turmspitze zu sehen ist.

Wetterhahn, St. Johann, Wachau © Bildarchiv SAGEN.at

Wetterhahn St. Johann, Wachau
© 1981 Bildarchiv SAGEN.at, Nr. 28.320

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Ganz anders weiß eine dritte Geschichte zu berichten. Darnach hätten sich dereinst die Ritter von Aggsbach und Hinterhaus um die schöne Tochter des Ritters von Aggsbach beworben. Da ihr beide gleich lieb und wert waren, entschied ein Turnier, wem die Holde zur Frau gehören sollte. Der Aggsteiner siegle und schon am nächsten Tage durfte er Hochzeit feiern. Der Herr von Hinterhaus war über all das so betrübt, daß er sich in die Donau stürzen wollte. Da vertrat ihm der Teufel in Gestalt eines seltsamen Männleins den Weg und machte sich erbötig, quer durch die Donau eine Mauer zu bauen. Bis zur Burg Aggstein sollte dadurch die Donau emporgeschwellt und mit jener zusammen der Nebenbuhler vernichtet werden. Dann könne die schöne Aggsbacherin doch noch des Hinterhausers Frau werden. Freudig willigte dieser in den Teuselsplan, doch sollte die Mauer während der Nacht bis zum ersten Hahnenschrei fertig werden. Sofort ging der
Böse mit seinen Handlangern an die Arbeit. Mächtige Felstrümmer wurden von den Bergen unter gewaltigem Gtlöse herabgeschleudert. Der Teufel selbst türmte hastig die Steine auseinander. Unheimlich schnell schritt das Werk vorwärts. Doch fehlte noch ein gutes Stück, als der Turmhahn von St. Johann den neuen Tag verkündete. Wutentbrannt schoß ihm der Teufel einen Pfeil in den Hinterleib und kehrte in die Hölle zurück.

Der Hinterhäuser aber bereute seine böse Absicht sehr, machte zunächst eine Bußfahrt ins heilige Land und trat dann ins Kloster Aggsbach, wo er als frommer Mönch in hohem Alter starb.

Quelle: Sagen der Wachau, Hans Plöckinger, Krems a. D. 1926, Nr. 39, S. 48ff