24. [Das Zauberreis]

Vor langer Zeit lebte in einer Thalschlucht des Karpathengebirges [Karpatengebirges] ein Holzhauer mit seinem Weibe in großer Armut. Einst sprach der Holzhauer zu seinem Weibe: Wenn wir doch das Zauberreis zu finden vermöchten, dann hätte mit einem Mal all unsere Noth ein Ende. Woran soll aber der Baum, von dem der Zauberzweig abgebrochen werden muß, zu erkennen sein? fragte das Weib. - Da must du, sagte der Mann, den ganzen Wald durchgehen, und um die Mitternachtsstunde must du dann lauschen, welcher Baum zu singen anfängt; von dem must du dann schnell einen Zweig abbrechen und laufen, was du kannst, damit du aus dem Walde kommst. Zur nächsten Vollmondszeit läufst du dann um dieselbe Stunde im ganzen Thale herum, wobei du mit dem Zauberreis an jeden Felsen schlägst wo du vorbei kommst. Wenn du zufällig den rechten Fels triffst, so wird er sich spalten und eine Höhle bilden. Trittst du dann hinein, so wirst du unermeßliche Schätze finden, und wir sind dann reiche Leute. Dieses alles hat mir der Berggeist gesagt, dem ich einst einen großen Dienst erwiesen habe. Schon oft habe ich die Nächte im Walde zugebracht, aber noch immer habe ich den Baum nicht gefunden. - Von nun an durchwanderten beide oft gemeinschaftlich den Wald. In einer Nacht war draußen ein solches Ungewitter, daß sich das Weib nicht hinaus wagte. Nur der Mann hüllte sich in seinen Mantel und begab sich hinaus. Plötzlich bemerkte er, daß es an dem Platze wo er eben stehen blieb nicht regnete, während kaum zwei Schritte um ihn herum das fürchterlichste Ungewitter tobte. Unwillkürlich blieb er stehen und wartete den weiteren Verlauf des Wetters ab. So kam die Mitternachtsstunde heran. Da hörte das Ungewitter auf, und als er fortgehen wollte, fieng plötzlich der hinter ihm stehende Baum eine sanfte Weise zu singen an. Schnell kehrte er sich um, erkletterte den Baum, brach einen Zweig und lief eilends davon. Ganz erschöpft kam er zu Hause an, wo er seinem Weibe den Fund zeigte. Kaum war die nächste Vollmondnacht herangekommen, als er auch schon im Thale mit seinem Zauberzweig umherrannte und überall anklopfte. Einer der großen Felsen sprang plötzlich auf. Er wollte hineingehen, prallte jedoch entsetzt zurück, denn er sah einen Mann vor sich stehen. Derselbe winkte ihm jedoch freundlich und er trat daher hinein. Hier wurde sein Auge von Diamantenhaufen fast geblendet. In seiner Unwissenheit hielt er alles für Glas und ließ es liegen. Dafür aber belud er sich mit Gold so, daß er es kaum zu schleppen vermochte und warf sodann das Zauberreis verächtlich weg. Als er fortgieng, sah ihn der Alte bedeutungsvoll an, um ihn an das Zauberreis zu erinnern das er liegen gelassen hatte. Der Holzhauer aber meinte er drohe ihm, und lief mit seinem Schatze davon. Erst zu Hause erinnerte er sich des Stäbchens und es wurde ihm nun klar, warum ihn der Alte so bedeutungsvoll angesehen. Schnell lief er zurück, aber der Fels war geschlossen.

Quelle: Mythen und Bräuche des Volkes in Österreich. Theodor Vernaleken, Wien 1859. S. 143ff
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Claudia Hackl, März 2005.