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Die Gründung von Klosterneuburg

Auf dem Söller seines Schlosses auf dem Leopoldsberge stand der heilige Leopold, Markgraf von Österreich, und neben ihm seine fromme Gemahlin Agnes. Sie besprachen die Gründung eines Klosters, waren aber noch unentschieden über den Ort, an dem sich das Gebäude erheben sollte.

Während des Gespräches erhob sich mit einem Male ein Windstoß, riß der Markgräfin den kostbaren Schleier vom Haupte und führte ihn hoch durch die Lüfte davon.

Liebevoll tröstete Leopold seine Gemahlin, die den Schleier sehr wert hielt, und eilte mit seinem Gefolge in den Wald, nach dem der Wind den Schleier getragen hatte. So sehr sie aber auch suchten, auf alle Bäume spähten, alle Büsche durchstöberten, von dem Schleier war keine Spur zu finden.

Endlich war das Ereignis vergessen. Acht Jahre waren verflossen, als eines Tages der Markgraf wieder in jenem Walde jagte.

Da schlugen plötzlich im finsteren Dickicht die Hunde laut an. Leopold meinte, sie hätten ein Wild gestellt und eilte hinzu.

Wie erstaunte er, als er auf einen Holunderstrauche ein zartes, weißes Gewebe fand, das er als den Schleier seiner Gemahlin erkannte. Ein Wunder hatte ihn die langen Jahre hindurch unversehrt erhalten. Frohlockend und bewegten Herzens kehrte der Markgraf mit seinem Funde heim. Und nun beschloß das fürstliche Paar unverzüglich den Bau des Klosters.

Heute blickt von jener Stätte, wo sich Agnesens Schleier fand, die lange Fensterreihe des weitberühmten Stiftes Klosterneuburg hinab ins Donautal und der vorüberziehende Schiffer grüßt das Kloster „Zum rinnenden Zapfen“ und die Herzogskrone, die den First des stattlichen Gebäudes krönt.

Nach Ludwig Bechstein

Quelle: Österreichisches Sagenkränzlein, Hans Fraungruber, Wien, Stuttgart, Leipzig 1911
Für SAGEN.at korrekturgelesen von Norbert Steinwendner, Dezember 2006.
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