Lied aus der schönen Inzell.*)

Bua geh’ a’ d’ Inzl **) her,
I sag’ dir’s recht an E(a)r ***),
Dös is a schönes Tal,
Dös find’st nöt überall,
Das Tal der roten Traun,
Bua †), da werst schau’n.

*) Dieses Lied, das vor Jahren im oberen Trauntal viel gesungen wurde, ist heutzutage mit seinen neun Strophen nur mehr ganz wenigen Personen bekannt. Wir glauben deshalb, es vor der unverdienten gänzlichen Vergessenheit bewahren zu müssen, indem wir es hier — mit sachverständigen Anmerkungen des H. H. Pfarrers Martin Imhof, nun in Nussdorf a. Inn, versehen — zum Abdruck bringen. Text und Melodie sind von H. H. Martin Beck, Pfarrer in Inzell 1891 bis 1908, gest. 1921 in Schlehdorf.
**) Inzell; landläufige Bezeichnung „d’ Inzl“.
***) d. i. in Ehren; Ausrufung der Beteuerung im guten wie im schlimmen Sinn, z. B. „Das Wetter ist heut an Ear schön!“ oder „Das ist an Ear a Schand!“ Kommt ein willkommener Besuch, so heisst es „I hab’s recht an Ear!“
†) Allgemein gebräuchliche Bezeichnung bei Männern und Frauen, bei Hoch und Nieder. Es könnte selbst einer Kaiserin oder Königin passieren, dass ein Inzeller im Gespräch zu ihr sagt „Hau, Bua!“

Da schaugst an Staaf’n*) o(n),
Dös is a Riesenmo(n),
Auf der Gambsknoglschneid **)
Da is a Kreuz eing’weiht.
Willst dös da drob’n verehr’n,
Muaßt schwißad wer’n.

*) Staaf’n, der Hochstaufen zwischen Inzell und Reichenhall.
**) Gamsknogl ist der Inzeller Staufen, der dem Hinterstaufen oder Zwiesel vorgelagert ist.

Und an der Grenz da vorn *),
Da steht das Sonntagshorn,
Dös schaut a d’Inzl raus **);
Bis nach Sankt Nikolaus;
Da drob’n fein wär’ a Freud,
Doch dös braucht Schneid.

*) Eigentlich wohl Sundershorn von sunnen, sunder, d. i. Süd.
**) St. Nikolaus: eine kleine gotische Kapelle aus dem 14. Jahrhundert am Fuss des Staufen. Sehenswert sind die noch sehr gut erhaltenen Skulpturen. Der bei der Kapelle gelegene Bauer heisst „zum Einsiedl“, eine Erinnerung daran, dass ein Graf Liupold von Plain bei Salzburg einst hieher in die Einsamkeit sich zurückzog, um als Einsiedler in dieser Wildnis seine Freveltat zu büssen — er hatte im Jahre 1167 die Stadt Salzburg fast gänzlich durch Brand zerstört; er starb auch hier um das J. 1190. Von St. Nikolaus aus geniesst man eine entzückende Aussicht auf das Sonntagshorn und das ganze Inzeller Tal.

Kieanberg und Falkastoa *)
Dö zwoa san a nöt kloa,
Da geht der Weg wohl nei’(n)
Ins Mauthäusl fei(n).
Da drin is bitter **) schö(n),
Da muaßt nei(n) geh’(n).

*) Kienberg und Falkenstein sind zwei Felskegel, die den Eingang zum Weissbachtal (Strasse über Mauthäusl nach Reichenhall) gleich zwei wachenden Löwen flankieren.
**) bitter, d. i. sehr; zur Bekräftigung gebraucht in gutem und schlimmem Sinn, z. B. „Das Wetter ist heut bitter schön“ oder „bitter kalt“.

Rauschberg is wohl bekannt
Weit’rum im ganzen Land,
Hat viel Metall im Schacht *),
Doch jetzt is aus die Pracht!
Bergmandl **) alle scho(n)
Gachaus ***) davo(n).

*) Im Rauschberg befindet sich ein altes, seit ungefähr 20 Jahren aufgelassenes Bergwerk. — Jetzt wieder in Betrieb. — Einige der zahlreichen Stollen, in denen einst nach Galmei und Zinkblende gegraben wurde, sind heute noch gangbar. Besonders sehenswert ist der „ewige Gang“, so genannt, weil man sich darin leicht verirren und „ewig“ in der Runde gehen kann. —
**) d. s. die Knappen. —
***) Gachaus, gähens, gähling, d. i. plötzlich, von ungefähr.

Und übern Froschsee *) rei(n),
Da winkt an Berg ganz fei(n),
Dös is der hohe Felln
Mit Wirtshaus und Kapell’n.
Da drob’n magst seh’n grad gnua,
Mei liaba Bua.

*) Richtiger „Frosee“ (vielleicht von Frô, Freyr, einem german. Gott), so auch von den Einheimischen gesprochen, ein kleiner See zwischen Inzell und Ruhpolding, bekannt auch aus der Novelle von Maximilian Schmid „Die Kappentiesl vom Rauschberg“. Dass im Namen des Sees heidnische Erinnerungen nachklingen, wird wohl auch durch die Kirchenpatrozinien nahegelegt: St. Michael als Inzeller Pfarrpatron, Mariä Himmelfahrt als Patrozinium des Pfarrsitzes Niederachen. Vgl. Max Fastlinger, Die Kirchenpatrozinien in ihrer Bedeutung für Altbayerns ältestes Kirchenwesen. München 1897. S. 11.
Anmerkung SAGEN.at: Die Herkunft des Namens Froschsee ist nicht urkundlich geklärt. Die naheliegende Erklärung aus "Frosch" und "See" wird durch die bis heute große Bedeutung des Gewässers als Amphibien-Laichplatz gestützt. Eine ältere Deutung, wonach die mundartliche Form "Frosee" auf den germanischen Gott Freyr zurückgehen könnte, ist spekulativ und lässt sich durch die bislang bekannten historischen Namensformen nicht belegen.

Und in der Schmölz *) beim Bräu,
Da is die Zech’ morg’n frei.
Im Forsthaus z’ Adlgaß **),
Da trinkst a frische Maß.
Aft gehst zum Frillensee ***),
Und schreist Juchhe.

*) Schmölz am Fuss des Rauschberges, die frühere Bergwerksverwaltung, jetzt ein kleines Bräuanwesen. In der Schmölz wurde, wie der Name sagt, das gewonnene Erz gleich verarbeitet.
**) Adlgass, einsam und schön gelegenes Forsthaus, früher Bauernhof, mit Wirtschaftsbetrieb, 1½ Std. von Inzell entfernt.
***) Frillensee, nicht weit von Adlgass am Fuss des Staufen.

Aft auf der Stoika-Alm *)
Da werd’s dir g’wißa g’falln,
Hau **) werst da pracht’n ***) drob’n,
Wia muaß ma d’ Aussicht lob’n,
Es mag nix schön’res geb’n,
Dös is a Leb’n!

*) Eine bekannte Alm mit wunderbarer Aussicht auf dem Teisenberg, einem dem Staufen vorliegenden Gebirgszug.
**) Hau — eine vielgebrauchte Interjektion zum Ausdruck der Verwunderung, Freude, des Schmerzes, der Trauer und wird je nach dem in verschiedenem Tonfall gesprochen.
***) Prachten, d. i. sprechen; kommt her von Pracht, heisst also einmal so viel als loben, hervorheben; wird aber auch im gegenteiligen Sinn gebraucht, z. B. „zwidaprachten“, d. h. unangenehm daherreden.

Har, wia is d’Inzl schön,
Doch muaß i furt jetzt geh’n,
An d’Inzl denk’ i gern,
Möcht’ ja glei’ rährad *) wer’n,
Hau, kehr’ bald wieda zua,
Mei lieba Bua!

*) Rährad: rehrend, von rehren, d. h. weinerlich werden.

Quelle: Lied aus der schönen Inzell. Text und Melodie von H. H. Martin Beck, Pfarrer in Inzell 1891 bis 1908, gest. 1921 in Schlehdorf; mit Anmerkungen von Pfarrer Martin Imhof, Nussdorf a. Inn. In: Heimatbilder aus dem Chiemgau, Beilage zum "Traunsteiner Wochenblatt", 28. Ausgabe, Dezember 1922.