Wie sie nun nicht aufhörten, die Mutter mit Bitten
zu bestürmen, führte diese sie hinaus auf das Feld, in das sie
die zerbissenen Hülsen gesät hatte. Das Feld lag brach da, und
keine Saubohnenpflanze zeigte sich. Da sich aber in der Nähe ein
bepflanztes Feld befand, so ließ sie die Mädchen von dort Saubohnen
abpflücken; sie füllten ihre Tragkörbe damit voll und gingen
dann eiligst heim. Das Feld aber gehörte einer Zauberin, die sehr
gern Menschenfleisch aß. Sie ging nun bald einmal hinauf auf ihr
Bohnenfeld und fand, daß viele Pflanzen keine Früchte mehr
trugen. Das müssen Diebe sein!' sagte sie bei sich und beschloß
zu wachen. Wie sie nun Wache stand, kamen die drei Mädchen und begannen
Saubohnen zu pflücken, weil sie die Alte noch nicht gesehen hatten.
Sie waren bei der besten Arbeit, da trat die Alte plötzlich aus dem
Versteck hervor. Die Mädchen erschraken und flohen davon. Da die
Kleinste aber hinkte, konnte sie nicht mit den Schwestern Schritt halten;
sie blieb eine Strecke zurück und versteckte sich hinter einem großen
Stein. Die Alte aber suchte - suche und bring jemanden, der sucht! - und
rief dabei: "Hier, da, da!", und dabei wendete sie einen Stein
nach dem andern um, fand aber nichts. Das Mädchen antwortete: "Haha,
haha, hai!" Da suchte die Zauberin wieder nach, wendete wieder die
Steine um und rief: "Hier, da, da!" Wieder war ihr Suchen vergeblich.
Das Mädchen aber schrie: "Haha, haha, hai!" Da ärgerte
sich die Alte und lief auf den großen Stein zu und rief: "Hier,
da, da!" Das Mädchen antwortete: "Haha, haha, hai!"
Jetzt fand die Alte das Mädchen und sprach: "Was tust du hier,
du Verwüsterin meines Saubohnenfeldes?" - "Ich konnte meinen
Schwestern nicht gut folgen, weil mein Fuß halb lahm ist."
- "Gut! Komm mit in mein Haus. Ich will dich füttern."
Das Mädchen war es zufrieden und ließ sich mitnehmen. Die Alte
war aber eine Bäckerin und buk den Leuten Brot.
Zu Hause sperrte die Alte das Mädchen nun in einen hölzernen
Käfig und deckte über diesen die Backschüssel. Mit dem
Mädchen waren aber zugleich ein Hund und eine Katze in den Käfig
gekrochen, ohne daß die Zauberin es gemerkt hätte. Nun fütterte
sie das Mädchen so gut, daß es nie mehr Hunger hatte, sondern
das Essen meistens gar nicht aufzehren konnte; daß es da ziemlich
fett und dick wurde, ist natürlich. Täglich trat die Zauberin
an den Käfig und befahl. "Reich mir deine Hand, damit ich deinen
Finger befühle und sehe, ob du schon Fett angesetzt hast." Die
Kleine reichte ihr dann aber immer entweder einen Fuß des Hundes
oder der Katze. Und manchmal streckte es ihr auch nur eine Zehe hinaus,
oder was ihr sonst in die Hand kam. So ging es lange Zeit. Doch eines
Tages entkamen die Tiere aus dem Käfig. Nun mußte das Mädchen
ihre Finger zeigen, da sie nichts anderes da hatte. Nun wurde die Alte
sehr froh und rief: "Bisher waren deine Finger immer dürr wie
die Stengel der Saubohnen. Aber jetzt sind sie schön fett, und dein
Körper wird wohl auch schön rundlich sein. Geschwind, steig
aus dem Käfig!" Da stieg das Mädchen heraus. Die Alte befühlte
der Kleinen den ganzen Körper und heute sich sehr und rief dann:
"Geschwind, geh hin zur Nachbarin und bitte sie um die Schuppe, da
ich dich das Backen lehren will."
Das Mädchen lief schnell hinüber und sagte
der Nachbarin, die die Zauberin gut kannte, ihren Auftrag, und da jene
ein gutes Herz hatte, sprach sie zur Kleinen: "Die, die dich füttert,
macht es so mit allen Mädchen; aber anstatt sie anzulernen, läßt
sie die armen Dinger auf die Schuppe treten und schleudert sie dann in
den Backofen, um sich einen guten Braten zu bereiten." Das Mädchen
wurde sehr traurig; aber die gute Nachbarin tröstete sie, so gut
sie konnte, und sprach: "Du kannst dich retten, wenn du nämlich
meinen Rat befolgst. Sobald sie dich auf die Schuppe treten läßt,
sprich: Ach, mit der Schuppe lerne ich doch nichts! Von hier aus
kann ich ja nicht einmal in den Ofen hineinsehen! Bitte, mach du es mir
einmal vor!' Und wenn sie dann auf der Schuppe steht - ich gebe dir die
größte, die ich habe -, wirfst du sie in den Glutofen und bäckst
sie braun, die Hexe." Das Mädchen ging wieder zur Alten, übergab
ihr die Schaufel und weigerte sich hernach, auf sie zu treten. Aber die
Alte ließ nicht nach und forderte sie immer wieder dazu auf. Zuletzt
bat das Mädchen die Alte, sie möge ihr doch einmal zeigen, wie
die Sache anzustellen sei. Aber die Alte wollte nicht und weigerte sich
beständig. Aber zuletzt stieg sie doch auf die Schuppe, und als sie
es der Kleinen vormachte, was sie tun solle, und sich gerade vornüber
bog, versetzte die Kleine ihr einen Stoß, daß jene in den
Ofen flog. Dann warf sie sich mit aller Kraft auf die Ofentür und
schloß die Alte ein in die Gluten des Ofens. Dann vermauerte sie
die Tür auch noch und verließ das Haus.
Draußen suchte sie schnell die Stricke zusammen, die zum Herausholen
des Brunneneimers gebraucht wurden, und auch die Eimer und die Öllampen.
Darauf versteckte sie diese Dinge und machte sich daran, ihr Haar weiß
zu färben, ihrem Gesicht braune Falten und Runzeln zu geben und ihrem
Rücken einen großen Höcker aufzusetzen. Dann kauerte sie
sich in eine Ecke und erwartete den Mann der alten Hexe. Als es schon
dunkelte, kam er heim. In der Stube war es finster, und das Mädchen
rief mit der rauhen Stimme der immer brummigen Alten: "Da, sieh nur,
was dieses dumme Mädchen mir heute zu schaffen gemacht hat. Es kam
ihr in den Sinn, alle unsre Sachen bis auf die Tische und Stühle
in den tiefen Brunnen zu werfen. Nun sind wir hier im Dunkeln und können
kein Licht anzünden! Aber ich habe mich gerächt und habe sie
verbrannt. Heute sollst du gutes, feines Essen haben!" Da freute
sich der nach Menschenfleisch lüsterne Alte und rief: "Gut!
Bring aber nur schnellstens das zarteste Stückchen von deiner Gemästeten."
Da lief das Mädchen hinaus, öffnete die Ofentür, schnitt
einen Teil von der gebratenen Hexe herunter und setzte es dem Alten vor.
Der Alte fragte: "Frau, warum ißt du nicht mit?" Die schlaue
Kleine antwortete: "Ach, ich habe wirklich keinen Hunger, da ich
schon Kapern mit Öl und Brot gegessen habe. Iß du nur ruhig:
so einen Braten gibt es nicht oft."
Bald war der Magen des Alten übervoll geladen,
und da sich jetzt der Durst in ihm regte, wollte er trinken; aber der
Wassereimer war nicht zu finden. Da aber der Durst des Alten immer mächtiger
wurde, fing der Unhold an zu fluchen und zu schreien. Da kamen sie denn
überein, daß das Mädchen - er dachte, es wäre seine
Frau - ihn an seiner Schärpe in den Brunnen hinunterlassen sollte.
Nachdem er unten angekommen war, rief das Mädchen: "Hast du
getrunken?" Er sagte laut: "Ja." Sie, die Boshafte, lachte
hierauf und sprach: "Sag: Appa!' -"Dummheit!" rief
der Mann. "Ich werde eben nicht Appa' sagen. Zieh mich sofort
hinauf!" Aber da wurde das Mädchen immer lustiger und lachte
und schrie in einem fort: "So sag doch nur: Appa!' Sonst bleibst
du unten. Sag: Appa!'" Zornig schrie er nun: "Appa!"
Aber da erwiderte die Schlaue: "Appa! Der Strick rutscht ab da!"
Und mit diesen Worten warf sie ihm seine Schärpe hinunter und eilte
fort.
Zu Hause befanden sich alle in größter Not; und sie freuten
sich sehr, als die Schwester wiederkam. Dann gingen sie mit ihr in das
Haus der bösen Zauberin, wo sie wie große Herrschaften lebten
und immer vollauf zu essen hatten.
Quelle: Bertha Ilg, Maltesische Märchen und Schwänke. Aus dem Volksmunde gesammelt von Bertha Ilg. Erster Teil. Leipzig 1906. Nr. 42.