SAGEN.at -Fern von Europa - Tirol ohne Maske: Eine Winterliebe
Eine Winterliebe.
MOTTO:
Ex alpibus robur ac virtus !
Eigenartig und geheimnisvoll wie die Natur ist das
Liebesleben im Lande Tarrol; die sonderbaren klimatischen Verhältnisse
sowie religiöse Anschauungen beeinflussen es mächtig.
Sieben Monate herrscht der Winter, die anderen fünf Monate ist es kalt.
Wenn sich die Eiskrusten langsam in Kot verwandeln und statt des Schnees
Regen fällt, dann bedeutet dies Frühling, Sommer und Herbst.
In sehr günstigen Jahren kann es geschehen, daß die Wiesen trocken
werden und die Sonne an manchen Tagen vom Morgen bis zum Abend scheint.
In solchen Zeiten sind die Tarrola - mögen sie auch das ganze Jahr
hindurch fleißig und tätig sein - mit doppeltem Eifer am Werke.
Das "Fenschterln" kann ohne Gefahr des Anfrierens vor sich gehen, die Liebe
vermag ihre verschwiegenen Feste außerhalb der dumpfen Stuben unter
Waldesrauschen zu feiern.
Man wird begreifen: während des kurzen Scheinsommers muß viel
geschehen.
Und es geschieht.
Aber man vergesse auch nicht den prächtigen Bibelspruch: "Seid fruchtbar
und mehret euch."
Wer wollte wohl die Bibel besser verstehen als die Tarrola? Sie verstehen
sie meisterhaft, sie sind gute Christen - auch in ihren Taten.
Darum gibt es in Tarrol unter allen Geburten 60 Prozent uneheliche.
Steht etwa geschrieben: "Seid fruchtbar und heiratet euch?" -
So hat der kurze Sommer, in dem man sich beeilen muß, so hat die innige
Gläubigkeit für die Tarrola ihren reichen Segen.
Wer dies versteht, versteht die Tarrola. Ihre Liebe ist voller Poesie, 1)
und voller Poesie ist ihr Land in den seltenen Wochen, wo das Wasser selbst
im Schatten zumeist nicht gefriert.
Freilich - wer kennt nicht die gewaltige Macht der Liebe ?
Wenn sie stark und groß ist, regt sie sich auch im Freien bei 15 Grad
unter Null. Mit einer solchen heroischen Liebe waren sich Ursula Tschiderer
und Wastl Stainpaiß zugetan. Ich kannte beide. Ursula diente als Magd
in dem Hause, in dem ich wohnte. Sie waren ein schönes Paar. Ich begegnete
ihnen einmal in der Polarnacht, wo sie trotz der schauerlichen Kälte
Hand in Hand gingen. Der Mond beglänzte den blanken Kristallschnee,
wie vom Morgenlicht erfüllt schimmerte die messerscharfe Luft. In dieser
wundervollen Beleuchtung sah ich sie kommen; es war ein rührendes Bild.
Sie gingen wortlos, aber ihre Augen leuchteten, und jedes trug einen großen
zitternden und glitzernden Tropfen unter der Nasenspitze.
Zu Hause angekommen, merkte ich, daß ich meine europäische Zeitung
im Gasthofe vergessen hatte. Ich ging auf einem einsamen Wege zurück
und begegnete Ursula. Sie war allein. In der Ferne bemerkte ich die schattenhaften
Umrisse einer Mannesgestalt, und nach einigen Schritten war im Schnee, scharf
von der nordisch hellen Nacht beleuchtet, das Negativ einer weiblichen Gestalt
zu sehen. Ich blieb sinnend stehen und stellte mir vor, daß hier die
Wölfe vielleicht ein armes Weib rücklings niedergerissen und hernach
verspeist hatten. Dann schien es mir wieder unwahrscheinlich, weil der Abdruck
so sauber und auch keine Wolfsfährte zu sehen war. Allein wegen der
großen Kälte konnte ich nicht länger darüber nachdenken
und ging weiter.
In der folgenden Nacht hörte ich Ursula schrecklich husten. Sie bellte
geradezu wie ein großer Metzgerhund. Ich mußte an die vielen
Gefahren der Polarnacht denken und konnte auch lange nicht schlafen, weil
Ursula unaufhörlich bellte. Am Morgen fragte ich sie: Ursula, haben
Sie gästan 2) in d'r Nacht koane Wölf nöt g'seg'n? - -
Naaaa! sagte sie. As ischt ins nur da schworze Dackchl van Loislbauan oamal
vurbaig'rent. - Wauoos gengan Eana den dö Wölf o'? setzte sie
ernst dazu.
Ursula - -
Sie schnitt mir die Rede ab: Und wissen S', wann S' as wiss'n wauooll'n,
i hob' mi gäschtan vakühlt, wä' i eahm so schrecklach wos
gern hob'!
Sie bellte wieder und ging weg. Ihre Unbefangenheit entzückte mich.
Sie hatte die Freimütigkeit des unverdorbenen Volkes.
Mit dieser herzerfreuenden Freimütigkeit kam sie nach einiger Zeit
zu mir und sagte: Da Häa 3) hod an olt'n Lod'nrockch do henck'chn,
den wos da Häa nia nöt o'ziag'n tuad. Wann ma da Häa den
Lod'nrockch schenk'chn tad fia main Waschtl, dea wos a Laterno'zinta ischt
bai da Eisenbo'? Da Waschtl, dea wos a Laterno'zinta ischt bai da Eisenbo',
dea - - dea - -
Wos ischt's den mit eahm? half ich nach.
Nauoo, ea hod holt nur a gonz a kurze Jupp'n, 4) und bai dera Köld'n
wa's 5) scho' guat, wann ma, wann a holt den Lod'nrockch häd von Eana
- Wä 6) a länga ischt, zweg'n d'Füaß und weida auffi.
7) - -
Ich reichte ihr den Rock hin.
Vagölts Gauoood! sagte sie. Dös ischt wirklach a kchrischtlachs
Werkch van Eana ! 's ischt zweg'n insere 8) - saine Füaß und
Knia und weida auffi - -
Vagölts Gauoood! - -
Selten dankt einem ein Weib aus so reinem Herzen, selten schenkt man einem
Weibe aus so reinem Herzen.
Und darum freute ich mich meines christlichen Werkes.
1) Siehe später die Dichtungen Tonerl Schmidhuawa's!
2) gestern.
3) Herr.
4) Rock (Joppe).
5) wäre es.
6) weil.
7) hinauf.
8) unsere.