SAGEN.at - Fern von Europa - Tirol ohne Maske: Der Held des Tages
Der Held des Tages.
Tarrol hat auch seine großen Männer. Diese
großen Männer sind nicht weniger groß, weil von ihnen nichts
oder nur wenig in den Konversationslexicis der Europäer steht.
Hier soll von einem großen Manne erzählt werden, von dem sicherlich
gar nichts im Lexikon zu finden ist.
Der "Olpnvarain" hatte eine Vollversammlung einberufen. Alle seine Mitglieder,
"Durischtn" genannt, erschienen. Sie erschienen in bunten, prächtigen
Kostümen, mit zerrissenen Lederhosen, bloßen und ungewaschenen
Knieen und federgeschmückten Hüten. Man nennt derlei Kostüme,
die nur von den Erfindern und niemand sonst getragen werden, auch "Volkstrachten".
Viele Frauen und Mädchen waren gleichfalls in solchen Volkstrachten
anwesend. Die meisten dieser Damen hatten ihre Busen zu Hause vergessen,
doch besaßen sie dafür sehr große Hände und Füße,
untrügliche Kennzeichen ihrer kletternden Lebensweise.
Das ganze Wirtshaus war festlich ausgeschmückt - und zwar mit Kränzen
aus papierenem Eichenlaub.
Im größten Zimmer stand eine lange Tafel, an der die Durischtn
und die Durischtinnen Platz nahmen. Ein Sessel blieb leer. Er war mit drei
mächtigen Makartbuketts geschmückt, darüber spannte sich
ein Bogen aus Birkenrinde, auf dem die Worte standen:
"Heil dem Betzwinger des Todenkirchls !"
Und dieser kam. Es wurde ganz still, als er eintrat, so daß der Tritt
seiner ungeheueren, eisenbeschlagenen Bergschuhe das Echo aus den Zimmerecken
hervorlockte. Ein interessanter Mann! Er ging langsam wie ein Tanzbär,
die aufrechte Haltung und der ganz ebene Boden schienen ihm etwas
Ungewohntes zu sein. Er war nämlich kein Durischt, sondern ein Hochdurischt!
Über seine durchaus nicht breite Brust wanden sich zahlreiche Schlingen
eines mächtigen Taues, das für ein Schiff lang genug gewesen wäre,
um mitten im Stillen Ozean Anker zu werfen. Aus diesem Strickpanzer streckte
sich ein kleiner Kopf hervor, auf dem ein schmieriger, zerfetzter und durchlöcherter
Hut von unbeschreiblicher Farbe saß. Eine schwarze Schneebrille mit
talergroßen Gläsern deutete die Stelle der Augen an. Die schmutzigen
Tatzen hielten einen unheimlich langen Eispickel, auffallend dünne
Beine, die von einer blutuntermischten Schmutzkruste bedeckt waren, verbanden
die steife, kurze Lederhose mit den dicken borstigen Wadelstrümpfen.
Der ganze Mann hatte etwas Gespenstisches an sich; bei den Bewegungen seiner
eisenstarrenden Trittflächen fuhr es einem wie ein elektrischer Schlag
durch alle Hühneraugen.
Nachdem er abgerüstet hatte, ließ er sich langsam zwischen die
drei Makartbuketts nieder. Sein Blick war von einer müden Ergebung;
manchmal fuhr er sich mit der Linken langsam durch die schweißverklebten
Haare - entweder wegen des Schmutzes oder weil er einen Gedanken verspürte.
So saß er da - stumm, aber groß. Endlich sprach er: Gebt's ma
an Siifong ! - - - Dieses Wort ging von Mund zu Mund: Wos sogt a? Wos hod
a g'sogt? Wos wü' a? 1) - An Siifong! - - An Siifong! - - -
Damen und Herren eilten hinaus; in kurzer Zeit standen über zwei Dutzend
Siphonflaschen vor dem „Betzwinger".
Feierlich erhob sich nun der Obmann. Er war sichtlich aufgeregt.
Meine Daman und Hean! Liawe Klubgenossen! begann er. Ös ischt heite
ein großa Toch fir ins olle! Liawa Klubgenosse, du, du hoscht dä
sängrachte Wond am Todnkchirchl bezwung'n ! Liawa Schirrhackchl! du
hoscht eine große Tod 2) begangen, wia ma sogt! Liawa Klubgenosse,
mia olle hom 'glaubt, du wirscht di' dafoll'n und hi' sei', wia ma' g'hert
hom, du wüllst auffi iwa 3) dö sängrachte Wond! Und wonn
du hi'g'wesn wast, nocha wa's' 4) scho' a große Ehr' und a großa
Rumm g'wesn fir di' und fir insan Klub, owa wä' du nöt hi' bischt,
so ischt dö Ehr und da Rumm fir di und insan Klub no' gressa ! Kchoana
hod vur dia dö sängrachte Wond bezwung'n, ihra viera san als a
toda owag'folln, owa du bischt als a Löwendicha 5) hoam kchema, wia
ma' sagt! Du bischt da Erschte, wia ma' sogt, du hascht es damocht! Liawa
Klubgenosse, mia hom b'schloss'n, daß dö Wond Kchilian Schirrhackchl-Wond
hoaßn soll, und so wirscht du äwich furtleb'n, wia ma' sogt,
wä' du dö sängrachte Wond bezwung'n hoscht - - und - - und
in diesem Sinne sog' i: Kchilian Schirrhackchl, unsa liawa Klubgenosse,
da Bezwinga vo' da sängrachtn Wond am Todnkirchl - er lewe hoch! hoch!
hoch!
Hoch! Hoch! Heil! Heil! brach es mit stürmischem Jubel los.
Der Bezwinger der senkrechten Wand am Totenkirchl stand auf. Er wollte gleichfalls
sprechen, aber es gelangen ihm nur wenige Worte, weil er zu sehr ermüdet
war: Liewe Klubgenossen! I - i ko' enk nöt ollas sog'n wia's wor, es
wor schrecklach, owa i - i hob's damocht! I - i wirr 6) ollas aufschreib'n
wia's wor, mia lossen's druckch'n, hod da Obmo' xagt 7) - - es wor mei'
Lebensaufgob', hiazt how' i's damocht, hiazt ko' i ruhich schterm - -
Er wurde auf die Schultern gehoben und im Zimmer herumgetragen. Die Begeisterung
war echt. Nach zwei Stunden gab es am ganzen Tische keinen nüchternen
Menschen und kein nüchternes Mensch.
Selbst der Bezwinger hatte sein Teil. Nach der fünften Siphonflasche
mußte er eilig seinen Platz verlassen.
Den Bericht über die Bezwingung fand man in der Tat wenige Tage darnach
in einer europäischen Zeitung.
Hier sein Anfang:
Vollständige Durchkletterung der Westwand
des Totenkirchls am 12. September 1907, durch Herrn
Kilian Schirhackl ! ! ! !
(Bericht des heldenhaften Bezwingers.)
"Von der zweiten Terrasse durch Kamine an der westlichen Kante auf abschüssige
Grasterrasse. Schluchtartigen Kamin hinab. Kamin hinauf. Riß. Drei
Grasbüschel. Darüberhin, ein Grasbüschel in den Händen,
zwei an den Schuhsohlen, freischwebend! Eingeklemmter Block, mit Traverse
an schauerlicher Wand. Fünfzehn Mauerhaken aufwärts, sechs Pendeln
abwärts - kein Zurück ! Griff los! Abschüssige brüchige
Platte, nach außen offene Mulde - abwärts - ein dürrer Pflanzenstengel
- Ein stumpfwinkeliger Riß, Einstieg, grasbewachsene Leiste, Draufstieg,
schroffiger Fels, Abstieg - abgerundeter Riß - Umblick - zackiger
Riß - zwei Gemsenhaare darinnen - einzige Stütze! Grifflos! Freischwebend!
Schauerlich! - Abseilen, 70 Meter; Erdfleck, zwei ganz kleine Löcher
zur Linken, an der Wand klebendes Vogelexkrement - nichts sonst! Freischwebend!
Griff los! Schauerlich! Scharf nach Süden, spitzwinkeliger Riß,
wieder ein Gemsenhaar - Traverse - 21 Mauerhaken - um Plattenschwindel auf
abwärts gebogener Platte zu 6 (sechs!) Quadratzentimeter breitem Felspostament,
hinab bis dachartig hereinhängenden Überhang; Abhang, 77 Mauerhaken,
letztes Gebet; Kamin hinab, Kamin hinauf, rißartigen Charakter annehmend,
ungeheuere Klötze, wankend, wackelnd. - Schauerlich! - Grifflos! -
- - etc. etc.
Zwei Spalten, bloß zwei Spalten gönnte die europäische Zeitung
diesem plastischen, prächtigen Bericht dieses prächtigen Menschen.
Schauerlich! sagt man gleichfalls, wenn man das zu Ende gelesen hat.
Hart sind die Berge! Warum haben sie sich des Mannes nicht erbarmt. - Schauerlich!
Ja, Tarrol hat noch Helden, echte Helden! Männer, die ohne Sucht nach
Sensation und Aufsehen ihre schlichten, zweckbewußten und großen
Taten in aller Stille verrichten.
Dem Heidenkaiser Naboleong kann man keine Soldaten mehr todschießen,
aber noch gibt es senkrechte Felswände genug in Tarrol, die auf ihre
Bezwinger warten.
Ein Heldenvolk kann nicht ohne Heldentaten leben. - Und noch immer hat Kchilian
Schirrhackchl kein Denkmal!
Ich wünsche ihm ein solches von Herzen, wo er dargestellt ist: an einer
senkrechten Wand kletternd, in einer Hand ein Gemsenhaar, in der andern
einen Grashalm haltend und unter einer Stiefelsohle einen dürren Vogelschmatz
als einzigen Stützpunkt. Er wäre eines solchen Monumentes würdig,
er und ganz Tarrol.
1) will er.
2) Tat.
3) über.
4) wäre es.
5) Lebender.
6) werde.
7) gesagt.