SAGEN.at - Fern von Europa - Tirol ohne Maske: Allerlei Intimes
Allerlei Intimes.
Man stelle einmal einem Einheimischen auf der Straße
unvermutet die Frage: Sie, lieber Mann, wo ist denn da der Weg nach Schwaz?
Der arme Mensch, den man solcherart überfällt, wird in den meisten
Fällen fassungslos stehen bleiben, fürchterliche Gedankenfalten
ziehen und dann nach einem verzweifelt klingenden "Jauooo, jauooo - - gelobt
sai Jesus Kchrischtus" weitertraben.
Wir haben nämlich sein ganzes Denksystem durch die überstürzte
Art der Fragestellung in Unordnung gebracht. Er hörte das landesfremde
"Sie", hörte, daß er ein lieber Mann sei und dazu noch etwas
von einem Weg und einen Ortsnamen. Das ist zuviel auf einmal.
Wer ordnungsgemäß fragt, wird auch eine verständige Antwort
erhalten.
Und wie fragt man in Tarrol ordnungsgemäß? Indem man zunächst
dem Entgegenkommenden den Weg vertritt. Dieser bleibt sodann ruhig stehen
und wartet auf das, was kommen soll, weil er als kluger Kopf sofort begriffen
bat: der will was von mir!
Dann beginnt man - beginnt mit
Maß und Ziel:
Sö - - -!
Jauoooo - - - !
Jauoooo! Sö!
Wooos soll i?
Sö soll'n ma sogn - - (Eine
Pause machen !)
I soll Eana sogn - - woos denn
eppa?
In Wäch! 1) - -
Ah - - an Wäch! Wos fir oan
denn?
Den Wäch - nach Schwoz!
Daraufhin wird der Mann die ganze Sache verständigerweise zusammenfassen:
Alschdann, Sö woll'n den Wäch nach Schwoz wissn? Und nun ist er
in die richtige Stimmung zum Nachdenken gebracht. Noch einige Minuten Überlegung,
und wir erhalten die entsprechende Auskunft oder wenigstens die Mitteilung,
daß er uns keine Auskunft geben könne.
Die Leute denken langsam, aber sehr geordnet.
Ganz verfehlt wäre es, aus solchen Erscheinungen den Schluß zu
ziehen, daß die Tarrola schwerfällig und langsam seien. Wer dies
meint, kennt ihre Fröhlichkeit, kennt ihre Unterhaltungen nicht! Nirgends
wird das Raufen als öffentliche Volksbelustigung so geschickt eingeleitet
und durchgeführt wie in Tarrol. Es ist vorwiegend Abendunterhaltung,
die nach dem Ave Maria beginnt. Das Verlöschen der Petroleumlampe,
von geschickter Hand im richtigen Augenblicke besorgt, gibt das Zeichen
zum Anfang des Kampfes. Dann beginnt man im Finstern aufeinanderloszudreschen,
denn es handelt sich nicht um einen wüsten Parteienkampf, sondern nur
um eine sportliche Kraftäußerung. Anfänger kämpfen
noch mit Stuhlbeinen und Sitzlehnen, die Vorgeschrittenen bedienen sich
hiezu der Wein- und Bierflaschen, aus denen sie über der Tischkante
in geschickter Weise den Boden herausschlagen; die dadurch entstehende scharfe,
zackige Bruchfläche erhöht den Wert dieser beliebten Waffe ganz
bedeutend. Freilich hält das härteste Glas höchstens vier
bis fünf Schädel aus.
Ein reizender Humor äußert sich auch im Augenausdrücken.
Durch eine flinke Bewegung wird dem Gegner mit Hilfe des Daumens das Auge
aus der Höhle herausgedrückt, was so gründlich geschieht,
daß dem Dorfbader gewöhnlich nichts anderes zu tun bleibt, als
den heraushängenden Fleischklumpen zu entfernen. Gewiß ein köstlicher
Sport, den die Landesregierung merkwürdigerweise unmöglich zu
machen suchte. Aber die Bemühungen waren nutzlos. Jedes Volk hat ein
heiliges Recht auf seine ihm lieb gewordenen Gewohnheiten und Spiele. 1)
Spricht nicht auch aus dem "Hoamwoas'n" eine überquellende Munterkeit?
Wenn ein Liebhaber in einem fremden Dorf eine Geliebte besucht, wird ihm
abends am Heimwege die Ehre des "Hoamwoasens" zuteil. Den Scherz besorgen
die Burschen der betreffenden "G'moa" in der Weise, daß sie aus sicheren
Verstecken heraus auf den ans der Nachbargemeinde ein Bombardement eröffnen.
Das erste Mal nimmt man "Woas'n" hiezu, das heißt Grasbüschel
mit den daran hängenden Erdschollen, für den Wiederholungsfall
gilt die Anwendung von nägeldurchsetzten Holzlatten, von Schottersteinen
und scharfkantigen Felstrümmern als Regel. Sobald der Beworfene zusammenstürzt,
gibt der Spielleiter das Zeichen zur Beendigung dieses neckischen Amüsements
mit den Worten: Er ischt scho' hi'g'foll'n! Sodann gehen alle ruhig nach
Hause.
Mark und Kraft spricht aus solchen Belustigungen und nationalen Sporten.
Mark und Kraft sind für das Wesen eines Volkes von höherem Werte
als Höflichkeit, die doch nur ein Ausdruck der Dekadenz und Falschheit
ist. Dieses böse Anzeichen der Dekadenz ist in Tarrol nirgends zu finden,
dafür spricht man offen und klar.
Offen und klar war es gesprochen, als mir ein biederer Jägersmann auf
meine Frage "Bitte, wo ist der Weg nach Gurgl?" antwortete: "Da Wäch
nach Gurgl ischt do, wo a ischt!" Ebenso klar antwortete mir ein wackerer
Ökonom auf meine Erkundigung nach dem Ortsnamen: "Wia des Ort do hoaßt?
Schmeckch's ! -- Und wonn d'r wos nöt racht ischt, so konscht mi -
- - - ! "
Auch jener temperamentvollen Kellnerin will ich gedenken, die mich auf den
Wert der Streichhölzer so überaus eindringlich aufmerksam machte.
Als ich mir meine ausgegangene Zigarre zum zweiten Male anzündete,
rief sie mir nämlich zu:
Sö, hern S', 's nextemol trafen S' Eana a durt Eanare Stroachhölzln,
wo S' Eanare Zigarrn kafen! Daß S'es nua wiss'n! -
Sie hatte ganz recht, hatte ebenso recht wie eine freundliche Bauernfrau,
in deren Haus ich während eines Wolkenbruches mit der Bitte eintrat,
mich einige Zeit unterstellen zu dürfen und die meinte: Na, zargeh'
tadascht 3) wohl a nöt wia 'ra Stigl Zugga 4) woon'st weida gangascht,
Stodfrackch g'sölchta!
Aus solchen und vielen ähnlichen Erlebnissen schöpfte ich die
freudige Erkenntnis: Das Volk der Tarrola ist ohne Falsch. Es spricht, wie
es denkt, und es denkt gut!
Seine Eigenart hat etwas Erquickendes, ja sogar etwas Rührendes.
Das Rührende äußert sich vor allem in ihrem Versuch, fröhlich
zu sein. Völker anderer Länder singen, wenn sie lustig sind. Die
tarrolische Fröhlichkeit bringt es nicht bis zu Worten oder gar bis
zu einigen Liedern - sie lehrte die Menschen bloß "juchazen" und jodeln".
Der "Juchaza" klingt niemals lustig. Ganz im Gegenteile! Man stellt sich
dabei einen Menschen vor, der sich krampfhaft bemüht, anders zu scheinen
als er ist und fühlt darum aus diesen schrillen Tönen nur das
Eine heraus: Armer Teufel! Du möchtest singen und kannst, bloß
schreien und brüllen! Dieser Eindruck verstärkt sich noch, wenn
man den Burschen sieht, der "juchazt". Er tut es ohne eine Spur von Lächeln,
weder vorher noch nachher ändert sich seine ernste Miene.
Und mit Ernsthaftigkeit geben sie sich auch dem Vergnügen des "Jodelns"
hin. Dieses ist weniger laut als das "Juchazn", hält dafür länger
an und will eine gesanglich ausgedrückte Gedankenlosigkeit sein, ein
Ziel, das so ziemlich erreicht wird - wenigstens was die Gedankenlosigkeit
anlangt.
Reichlicher Alkobolgenuß vermag das "Jodeln" und "Juchazn" zu Tönen
von solcher Kraft zu steigern, daß sich das Kriegsgeheul der Indianer
oder der alten Germanen wohl nur wie ein armseliges Kindergewimmer dagegen
ausnehmen würde. Aber selbst zartere Kunstäußerungen fehlen
im Lande nicht. Was klingt zarter und feiner als eine Zither?
Mag sich das Zitherspiel auch bei manchen umwohnenden Völkerschaften
finden, seinen Ursprung nahm es sicherlich in Tarrol. "Die Zidda geht af's
G'miad' " 5), sagt der Tarrola, und das ist richtig. Denn dieses Instrument
erinnert an das Gewimmer eines Sterbenden, wenn es sich um ernste Stücke
handelt, und wenn es heiter sein möchte, ähnelt es dem letzten
kraftlosen Gezirpe eines Heimchens, das sein Liedchen in den rauhen Herbsttagen
für immer beendet. Bei solch jammervollen Tönen fällt einem
alles Unangenehme und Ängstliche ein, was die Seele beschwert: bevorstehende
Hühneraugenoperationen, hohle Zähne und die abgerissenen Knöpfe,
die man sich als Junggeselle selber annähen muß.
Aus all den genannten Erscheinungen spricht ein inniges und ehrliches Bemühen
nach Kunst und Fröhlichkeit. Mag das, was dabei herauskommt, auch arm
oder wortlos sein, es bleibt doch rührend und auch interessant, weil
es echte Heimatskunst ist. Juchazn, Jodeln und Zithernspiel - oh tarrolische
Fröhlichkeit - wie bist du so traurig! -
Sicher müßte es Protest hervorrufen, wenn ich das Dasein eines
tarrolischen Volksliedes ganz und gar bezweifelte. Hierin bin ich sehr bald
- trotz "Juchaza" und "Jodler" - anderer Meinung geworden. Bekehrt hat mich
ein echter Tarrola, den ich bat, mir etwas aus seinen Heimatsliedern vorzusingen,
wenn es solche überhaupt geben sollte. Der Mann lächelte geringschätzig
über meinen Zweifel und begann:
"Ich bin eine Fitwe, eine kleine Fitwe,
Bin das Kissen so gewehnt . . ." etc.
Ist das nicht Volkspoesie?
Wie ich höre, veranstaltet die Landesregierung eine Sammlung tarrolischer
Volkslieder. Sie soll schon rund 20000 Stück beisammen haben. 6) Das
Lied von der "kleinen Fitwe", die das "Kissen so gewehnt" ist, empfehle
ich ihr hiermit als einundzwanzigtausendstes! -
Gemütstiefe hat dieses Volk wie kein anderes und ein Herz voll lebhafter
Empfindung!
Solche Eigenschaften haben ihm auch die Tierseele nähergebracht und
vollauf verstehen gelernt.
Oder wie wäre es sonst denkbar, daß es in Tarrol vielleicht zehnmal
soviel Hunde als Menschen gibt? Der ärmste Teufel hat hier mindestens
einen Hund, wohlhabende Leute besitzen deren oft bis zu zehn Stück.
Wenn man sich in einer tarrolischen Ansiedlung irgendwo ruhig auf die Straße
stellt, fühlt man sofort ein sachtes Schnuppern an den Beinen, dem
gar bald eine angenehme Feuchtigkeit folgt. "As trockchnat jo glei wida"
sagt der verständige Tarrola, und mancher setzt nicht ohne Stolz hinzu:
"Ächta Tarrola Lodn losst nix durchch!" - -
Der Hund gehört unzertrennlich zum Charakter der tarrolischen Niederlassung:
er besorgt die Ornamentierung der Straßenecken und der öffentlichen
Wege.
Undenkbar wäre in Tarrol eine Hartherzigkeit, wie man sie leider so
oft in europäischen Städten beobachten kann, wo Anschläge
verkünden: "Auf polizeiliche Anordnung ist das Mitbringen von Hunden
in öffentliche Lokale verboten!"
Eine solche Verordnung würde in Tarrol unfehlbar einen neuen Volksaufstand
hervorrufen!
Ja, womit soll man sich denn im Gasthause unterhalten, wenn nicht die Hunde
wären? Man trinkt, jodelt, juchazt, raucht - - und dann?
Dann sind eben die Vierfüßler hier! Bald gilt es, einige raufende
Hunde zu trennen, bald nehmen die Hunde durch kräftiges Bellen an dem
Disput ihrer Herren teil oder heben irgendwo ein Bein hoch: was alles Anlaß
zu Scherzen und köstlichen Überraschungen bietet.
Oft wird man beobachten können, wie Tarrola nach beendeter Mahlzeit
ihre Teller den Hunden zum auslecken auf den Boden stellen: das ist aber
keineswegs landesüblich! Solche Leute sind in der Fremde ein wenig
entnationalisiert worden. Der echte Tarrola ißt mit seinen Hunden,
die bei Tisch neben ihm sitzen, gleichzeitig und mit derselben Gabel aus
demselben Teller - eine Kordialität zwischen Tier und Mensch, die jedem,
wenn schon nicht aufs Herz, so doch auf den Magen gehen muß. Als ich
dergleichen das erstemal sah, hatte mich meine europäische Überempfindlichkeit
zur Frage veranlaßt: Sind denn bei diesem intimen Verkehre nicht die
Flöhe und Würmer zu fürchten? - Aber ein treuherziger Tarrola
gegenüber antwortete: Oh naa, liawa Hea'! Fir mai'
Huntl ischt koa G'fohr nöt, denn d'Fleh gehn nöt weg von mia,
und Wirma hon' i koane nöt! - -
Mit innigem Vergnügen beobachtete ich Tag für Tag einen anderen,
der mit seinem Hunde nach der Mahlzeit lange politische Diskurse hielt.
Obwohl der Mann sogar einen akademischen Grad besaß, war seine Seele
doch schlicht und unverfälscht wie die seiner Mitbürger. Gemeinsam
sahen die beiden Freunde in ihr Leiborgan. Der Hund, eine Dogge von Ochsengröße,
spitzte die Ohren, und der Herr begann: Herscht du! Ischt dös nöt
aine Gemeinheit vo' dö Pölz ? Scho' wida fongen s' o'! (Faustschlag
auf den Tisch. Der Hund knurrt.) Jauooo, Wauotaan, won ins oa'mol oano untakchemat,
wooos ! (Der Hund bellt.) Ah jauooo, i woaß's scho', du bischt a rachte
tarrolische Hunt! - Naaa, oh da schaug hea, Wauotaan, so a Gemeinheit vo'
de Wallischen, da schaug hea! (Der Hund legt ihm die Vorderpfoten aufs Knie
und bellt geradezu auf die bezeichnete Stelle hin!) - Brav, Wauotaan, jauooo,
du bischt holt a g'schaida Kcherl, der mi' glei' vasteht !
So ging es lange Zeit fort. Sie verstanden sich wirklich vollkommen und
gehörten zweifelsohne zur selben politischen Partei. -
Wo wir daher hinblicken, sei es Alltagsleben, Kunst oder Nationalsport -
der Tarrola zeigt in allem eine sehr ausgebildete Eigenart.
Seine hohen Berge, die ihn wie ein schützender Wall umgeben, werden
ihm jederzeit behilflich sein, sein Wesen vor dem verderblichen Einflusse
Europas zu bewahren.
Und das ist erfreulich.
Denn tarrolische Eigenart ist ein köstliches Gut.
Mit Recht sagt darum das Volk: "Tarrol den Tarrolan!" - Ich werde nie zu
denjenigen gehören, die es ihnen nehmen wollen, niemals!
1) Den Weg.
2) Wegen dieser Stelle wurde mir während der Korrektur von einem Europäer,
der im Zülathoul (deutsch: Zillerthal) als Beamter der politischen
Behörde lebt, folgende Berichtigung eingesendet: "Das Augenausdrücken
ist nicht, wie Sie zu glauben scheinen, ein überall geübter Nationalsport;
im "Zülathoul" und vielen anderen Quertälern schätzt man
das Wegbeißen der Ohren und der Nasenspitzen während des Raufens
- allerdings zu meist neben dem Augenausdrücken - als einen sehr unterhaltlichen
Zeitvertreib. An solchen Orten begegnet man darum häufig Männern
mit verstümmelten Nasen und mit Ohrenfragmenten." - Der Fremde gedenke
beim Eintritt in das obenbezeichnete Tal auch des schönen Nationalliedes:
"Zülathoul du bischt mai' Fraid." -
3) zergehen würdest (tätest) du - -
4) Stück Zucker.
5) auf das Gemüt.
6) Laut Zeitungsnachrichten vom 8. August 1908.