Wien-Pötzleinsdorf – Heilquelle bei der Ägydiuskirche

Wien, 18. Bezirk Währing

Heilquelle

Legende:

Hintergrundinformation aus volkskundlicher Sicht:

Unmittelbar bei der alten Pfarrkirche St. Ägydius in Pötzleinsdorf befindet sich eine heute noch wasserführende Quelle, deren Wasser nach örtlicher Überlieferung einst heilkräftige Wirkung besessen haben soll. Die unscheinbare Quellfassung gehört zu jenen kleinen historischen Zeugnissen populärer Heilkultur, bei denen sich religiöser Ort, Wasser und die Vorstellung besonderer Wirksamkeit miteinander verbinden, ohne dass sich daraus eine eigentliche Wallfahrt entwickelt hätte.

Die Quelle liegt am Platz vor der Ägydiuskirche. Aus einem Maskaron in einer Mauernische fließt das Wasser nach außen. Die heutige Pfarre Währing hält zur Pötzleinsdorfer Quelle ausdrücklich fest, dass ihrem Wasser früher heilkräftige Wirkung nachgesagt wurde. Nähere Angaben darüber, gegen welche Krankheiten oder Beschwerden das Wasser verwendet wurde, wie es angewendet wurde oder ob bestimmte Zeiten für den Besuch der Quelle bevorzugt wurden, sind in den derzeit zugänglichen Quellen nicht überliefert. Ebenso fehlen belastbare Hinweise auf Votivgaben, dokumentierte Heilungsberichte oder eine organisierte Wallfahrt zur Quelle. Die Bezeichnung als historische Heilquelle ist daher quellenmäßig wesentlich besser abgesichert als eine weitergehende Charakterisierung als Wallfahrts- oder ausgeprägtes Quellheiligtum.

Die Ägydiuskirche

Die Heilquelle ist räumlich eng mit der alten Pötzleinsdorfer Pfarrkirche verbunden. Bereits 1529 wird in Pötzleinsdorf eine Kapelle erwähnt, die damals noch der hl. Maria und dem hl. Wilhelm geweiht war. Sie wurde während der Zweiten Wiener Türkenbelagerung 1683 zerstört. Beim Wiederaufbau des Ortes entstand eine neue Kapelle, nun unter dem Patrozinium des hl. Ägydius, der traditionell unter anderem als Viehpatron verehrt wurde.

Die ältere Kapelle war Mitte des 18. Jahrhunderts bereits baufällig und wurde 1750 gemeinsam mit nahezu dem gesamten Ort durch einen verheerenden Brand zerstört. Anschließend entstand auf einem neuen Grundstück die heutige spätbarocke Kirche. Die Grundherrschaft lag beim Wiener Himmelpfortkloster; auch Johann Joseph Graf Khevenhüller war am Wiederaufbau beteiligt. Nach der josephinischen Pfarrregulierung wurde Pötzleinsdorf 1784 zur selbständigen Pfarre erhoben.

Mit dem starken Anwachsen der Bevölkerung erwies sich die kleine Barockkirche schließlich als zu klein. Nach Errichtung der modernen Christkönigskirche verlor St. Ägydius ihre Funktion als eigentliche Pfarrkirche und wird heute als Filialkirche der Pfarre Währing genutzt.

Der Kirchenbau besitzt einen schlichten einschiffigen Innenraum mit abgerundeten Ecken. Mittelpunkt ist der Hochaltar mit einem Kreuzigungsbild des mährischen Malers Johann Nepomuk Steiner. Zur Ausstattung gehören außerdem Darstellungen der Heiligen Familie, der Verehrung des Altarsakraments sowie des Kirchenpatrons Ägydius. Die Orgel geht auf ein 1816 von Friedrich Deutschmann geschaffenes Instrument zurück und wurde in den Jahren 2011/12 weitgehend in ihren historischen Zustand zurückgeführt.

Währinger Pfarrkirche, Wien © Harald Hartmann

Alte Pfarrkirche Pötzleinsdorf (Ägydiuskirche), Währing, Wien
© Harald Hartmann, November 2007

Am Vorplatz der Alten Pfarrkirche Pötzleinsdorf an der Pötzleinsdorfer Straße, entspringt in einer Wandnische aus einem Maskeron eine kleine Quelle. Dieser Quelle wurde einst heilkräftige Wirkung nachgesagt.

Heilquelle bei Währinger Pfarrkirche, Wien © Harald Hartmann

ehemalige Heilquelle bei der Alten Pfarrkirche Pötzleinsdorf (Ägydiuskirche), Wien
© Harald Hartmann, November 2007

Die Quelle und ihre volkskundliche Bedeutung

Heilquellen gehören zu den langlebigsten Erscheinungen europäischer Volksmedizin und Volksfrömmigkeit. Quellen konnten aufgrund besonderer Eigenschaften des Wassers, aufgrund ihrer Lage bei einer Kirche oder Kapelle oder infolge überlieferter Heilungserfahrungen eine besondere Bedeutung erhalten. Dabei reicht das Spektrum vom weithin bekannten Wallfahrtsbrunnen mit genau bestimmten Heilanzeigen und Votivbräuchen bis zur kleinen örtlichen Quelle, deren Wasser innerhalb der Bevölkerung als hilfreich oder heilkräftig galt.

Die Pötzleinsdorfer Quelle gehört nach dem gegenwärtigen Quellenstand eher zur zweiten Gruppe. Ihre unmittelbare Lage an der alten Kirche verleiht ihr zwar einen deutlich religiös geprägten räumlichen Zusammenhang, doch sind weder eine eigene Ursprungslegende noch konkrete Heilungswunder oder eine organisierte Pilgerbewegung dokumentiert. Gerade diese Zurückhaltung ist für ihre volkskundliche Einordnung wichtig: Die Quelle sollte nicht nachträglich mit einem ausgeprägten Kult ausgestattet werden, der quellenmäßig nicht belegt ist.

Bemerkenswert bleibt dennoch, dass die Erinnerung an ihre frühere Heilwirkung bis in die Gegenwart überliefert wurde und sogar in der offiziellen Beschreibung der Kirche festgehalten wird. Damit ist die Pötzleinsdorfer Quelle ein authentisches Zeugnis jener alltäglichen Formen volksmedizinischer Überlieferung, die häufig wesentlich weniger schriftliche Spuren hinterlassen haben als große Wallfahrtsorte oder bekannte Heilbäder.

Auch ihre bauliche Einbindung ist charakteristisch. Das Wasser tritt nicht aus einer aufwendig inszenierten Brunnenanlage, sondern aus einem Maskaron in einer Wandnische aus. Solche Maskarons – ornamental oder menschlich beziehungsweise phantastisch gestaltete Gesichter, aus deren Mund Wasser austritt – gehören seit Renaissance und Barock zu den verbreiteten Formen repräsentativer Brunnen- und Quellfassungen. In Pötzleinsdorf verbindet sich diese Gestaltung mit dem alten Kirchenplatz und seiner Kastanienallee zu einem kleinen historischen Ensemble.

Heilquelle, aber kein nachweisbarer Wallfahrtsort

Die Nähe von Heilquelle und Kirche könnte leicht zu der Annahme verleiten, Pötzleinsdorf sei einst ein Wallfahrtsort gewesen. Dafür fehlt jedoch ein belastbarer Nachweis. Weder die historische Beschreibung der Kirche noch die heutige Pfarrgeschichte nennen Wallfahrten zur Quelle oder zur Ägydiuskirche. Auch ein besonderes Gnadenbild, Heilungsberichte, Votivgaben oder regelmäßige Pilgerzüge sind nicht dokumentiert.

Die Quelle ist daher als historische Heilquelle und volkskundlich bemerkenswerter Andachtsort anzusprechen, nicht jedoch als Wallfahrtsquelle. Gerade diese Unterscheidung macht Pötzleinsdorf zu einem wichtigen Beispiel dafür, dass die Vorstellung heilkräftigen Wassers keineswegs zwangsläufig zur Entstehung einer Wallfahrt führen musste.

Adresse und Lage

Pötzleinsdorfer Heilquelle bei der Ägydiuskirche
Pötzleinsdorfer Straße 108
1180 Wien-Pötzleinsdorf

Die Quelle befindet sich unmittelbar am Platz vor der alten Ägydiuskirche. Die Kirche liegt rund zehn Gehminuten von der Endstation der Straßenbahnlinie 41 entfernt.

Quellen und Literatur

- Pfarre Währing, Teilgemeinde Pötzleinsdorf: Ägydiuskirche. Beschreibung der Kirche, Ausstattung und Pötzleinsdorfer Quelle.

- Erzdiözese Wien: Ägydiuskirche und Geschichte Pötzleinsdorfs.

- Österreichische Kunsttopographie: Die Kunstdenkmäler des XVIII. Wiener Gemeindebezirkes Währing, Abschnitt Pötzleinsdorf und Pfarrkirche zum hl. Ägidius.

- Stadt Wien: Bezirksmuseum Währing, Dokumentation zur Geschichte der Ägydiuskirche.

- Wiener Bezirkskulturführer, XVIII Währing, Helmut Kretschmer, Wien 1982, S. 32