Feuilleton von F. A. Bacciocco
Erschienen in der Wiener Zeitung vom 24. April 1900
Ergänzt und fotografiert 2009 von © Harald Hartmann
Auf stillen Wegen im Wiener-Wald erblickt man da und dort, am meisten in der Nähe von Ortschaften, ein Steingebilde, eine Säule mit einem Kreuz, welche im Volksmunde „Marterln“ heißen. Viele derselben haben eine Tradition, eine Geschichte, die genau bekannt ist; die Geschichte anderer ist in Dunkel gehüllt. Die Größe der Marterln ist verschieden. Oft nur einfache Denksäulen mit einem Christus-Bilde oben und einem Heiligenbilde in der Vertiefung. Die Bezeichnung „Marterln“ kann jedenfalls nicht auf alle angewandt werden. Entweder könnte diese Bezeichnung auf die Ursache der Entstehung zurückgeführt werden oder auch auf das Bild des Gekreuzigten.
In allen katholischen Gegenden, an der Seine, am Rhein, an der Donau findet man diese Denkzeichen. An der Landstraße, auf welcher ein Fuhrmann überfahren worden war, setzte die betreffende Gemeinde ein Kreuzzeichen; das Volk nannte es ein „Marterl“ und der Vorübergehende blieb stehen um ein Vaterunser zu beten. Im Walde, wo ein Holzbauer verunglückt war, setzte man ein Kreuz, ein „Marterl“.
Mit dieser einfachen Erklärung, welche wohl eine richtige ist, weil der Brauch sich stellenweise bis auf den heutigen Tag erhalten hat, ist aber die Sache noch nicht völlig aufgeklärt, am wenigsten in der Umgebung von Wien. Die „Spinnerin am Kreuz“ ist auch ein „Marterl“! Diese stammt aus dem Jahre 1452!
„Unter der Benennung das neue Steinein Kreutz ober Meuerling (Meidling) war es von dem Steinmetzmeister Hanns Buxbaum gefertigt worden“, sagt Schlager. Das neue Steinein Kteutz! – Also ist schon ein älteres vorhanden gewesen? – Als die Ursache der Entstehung wird der Einfall der Scharen des Grafen Hunyady angegeben.

Die 1452 von der Gemeinde Wien errichtete Bildsäule "Spinnerin am Kreuz" in Wien 10., Favoritenstraße 52.
© Harald
Hartmann, März 2008
Der Krieg, ein Gefecht, ein Unglück durch den Krieg, welches eine Ortschaft, ein Gehöft, eine Hütte traf, konnten also auch die Errichtung einer Votivsäule veranlassen. Wir dürfen aber noch weiter gehen. In den Tagen des Faustrechts und der Gerichsbarkeit der Burgherren hatten diese auch über Leben und Tod zu „urtheln“. Dort, wo ein Urtheil vollstreckt worden war, sei es im Walde, sei es im Dorfe oder aber an der Heerstraße, setzten die Bewohner ein Kreuz, ein Marterl! Die arme Seele des Sünders musste versöhnt werden; vielleicht auch die Tat gesühnt? Der milde, versöhnliche Sinn der katholischen Bevölkerung hielt an dem Brauche fest. Sogar knüpft sich an Marterln die Sage, dass sie an einer Stelle stehen, an der eine Hexe verbrannt worden ist.
Die Sache wird damit complicirter. Das Marterl kann seinen Ursprung auf die verschiedensten Ursachen zurückführen. Auch die Formen und die Benennung sind verschieden. Wir finden einfache Kreuze, Wegkreuze, Säulen, Votivtafeln, Gebethütten, Capellen, deren Ursprung meistens auf ein Unglück, auf ein gewaltsames Ereignis zurückzuführen ist.
Aber auch ein glückliches Ereigniß konnte durch eine Votivtafel oder Capelle dem Gedächtnisse erhalten bleiben. „Im Jahre 1765 stürzte Thaddäus Wimmer im Triesting-Thale von einem hohen Felsen herab und wurde, wie die Familien-Tradition berichtet, in der Nähe jener Stelle, wo ihn die Vorsehung vor Verunglückung bewahrt hatte, Die Capelle in Niederfeld, wo jetzt vis-a-vis die Berndorfer Metallwaren-Fabrik sich befindet, erbaut“, so lautet eine Stelle in der Beschreibung von Berndorf. Man hat es hier mit einer Votiv-Capelle zu thun, deren Errichtung auf ein glückliches Ereigniß zurückgeführt wird. Dort, wo die Gemeinde oder eine Familie nicht über die Mittel zur Errichtung einer Capelle verfügten, begnügte man sich mit der Errichtung einer Votivsäule oder einem Votivkreuz.

Die "Wimmer-Kapelle" bei Berndorf
© Harald
Hartmann, Jänner 2009
Die Orts-Insassen unterscheiden auch meistens genau zwischen Votivtafel und Marterl, während die ab und zu kommenden Leute für alle die Bezeichnung „Marterl“ haben. Unter Berndorf, gegen St. Veit befindet sich eine Votivsäule mit der heiligen „Maria von Pötsch“, über deren Herkunft nichts bekannt ist. Die Leute scheuen, bei Nachtzeit an der Säule vorüberzugehen, damit ihnen kein Leid widerfahre.
Der Bürgermeister von Berndorf, Karl Johann Mayer ließ, um die Ursache der alt überlieferten Furcht zu erforschen, an der Stelle nachgraben und man fand drei menschliche Todtenköpfe. Näheres über die Herkunft derselben konnte nicht in Erfahrung gebracht werden. In der Nähe des Wienerberges befinden sich noch drei „Marterln“; darunter auch das „Moldau-Kreuz“. Auch dieses steht im Rufe des Unheimlichen; es Spukt in der Umgebung. Bei Nachtzeit gehen die Leute nicht gern vorüber; bei Tage bekreuzigen sie sich.
Anmerkung: In unmittelbarer Nähe der Parrkirche Gatterhölzlirche, ungefähr beim Standort der alten Notkirche (Arnsburggasse/Betty-Roose-Weg), befindet sich seit der Zeit der Zweiten Türkenbelagerung 1683 das Moldauer Kreuz, das der walachische Fürst Serban I. Cantacuzino errichten hat lassen. Er hatte mit einem Hilfsheer an der Türkenbelagerung teilgenommen und das Kreuz dann vor den Türken vergraben. Nach der Belagerung wurde es von den Wienern im Gatterhölzl aufgefunden und in der Nähe in einer Kapelle wieder aufgestellt. 1785 entwendeten Diebe das Kreuz, das daraufhin durch eine Kopie ersetzt wurde. Das Original befindet sich heute in Schloss Geyerau (Lisicje) bei Laibach in Slowenien. 1929 stellte man die renovierte Kapelle wieder auf, allerdings etwas gegen die Hohenbergstraße versetzt, da ringsherum Wohnbauten entstanden. Im Krieg schwer beschädigt, wurde sie schließlich 1961 wieder originalgetreu restauriert und geweiht.

Kopie des Moldaukreuzes in Wien 12., Betty-Roose-Weg
© Harald
Hartmann, Jänner 2009
Dort, wo eine urkundliche Geschichte des Marterls, der Votivsäule, der Weg- und Waldkapelle nicht vorliegt, hat sich das Volk selbst eine gebildet und umgiebt die Stätte mit bewegten Märchen und Sagen. Und in diesen Märchen und Erzählungen befindet sich sehr oft ein Kern, welcher auf die wirkliche und Wahrhaftige Ursache der Entstehung zurückführt. Und nicht selten macht man die Wahrnehmung, dass die geschriebene Tradition (Ortschronik) mit der Volkssage in einem Punkte übereinstimmt, nämlich, dass die vorhandene Säule oder der Denkstein an Stelle einer älteren, verschwundenen gesetzt worden ist.
Im Bereiche des Wienerwaldes hat man sich angewöhnt, viele Säulen auf Gewaltthaten in der Türken-Zeit zurückzuführen.

Links: Türkenkreuz in Wiener Neudorf
Rechts: Türkenkreuz bei Perchtolsdorf
© Harald
Hartmann, Jänner 2009
Anmerkung: Dazu siehe auch die Sage vom Türkenkreuz bei Perchtoldsdorf
Aus dieser schreckensreichen Zeit stammen sicherlich mehrere, doch nicht alle. Die Tage der Türken- und Kurutzeneinfälle liegen noch nicht so lange zurück, als nicht eine geschriebene Tradition vorhanden sein könnte. Weiter zurück haben wir die Zeiten des Faustrechts und der hergebrachten Selbsthilfe. Diese hat die Märchen- und Sagenbildung nicht weniger begünstigt, als die Türken-Zeit.
In der sehenswerten Ausstellung der Vereinigung „österreichischer bildender Künstler und Künstlerinnen“ finden wir eine interessante Tafel mit „Marterln“. Der Maler Hofbauer hat es sich angelegen sein lassen, einige der bekanntesten Marterln im Aquarell festzubannen. Die äußerst feinen Bildchen müssen mit der Lupe betrachtet werden, denn die Inschriften sind mit freiem Auge nicht zu lesen. Wir finden die Marterln von Meidling, Sievering, Klosterneuburg Döbling, Wiener-Neustadt, Penzing, Perchtoldsdorf, Maria-Zell, Neuberg im Mürzthale, Korneuburg.
Jedes Marterl har seine besondere Construction, doch herrscht die Säulenform vor. Weit bekannt ist das „Marterkreuz“ im Khaderhölzl, welches auf der Tafel die erste Stelle einnimmt. Eine achteckige Steinsäule, welche die Heilige Maria in erhabener Arbeit trägt. Als Errichter der Säule wird Johann Götzenböck, Bürger in Wien, 1680, bezeichnet.
Diese Stelle soll die historische Richtstätte der Stadt Wien gewesen sein, und zwar schon in den Zeiten der Babenberger. Man weiß, dass hier ein gemauerter Galgen stand und daran ein Kreuz. Auch hier hatte das Marterl eine Vorgängerin. Das „Kreuz bei den Galigen“ wird schon 1372 genannt und 1485 „als Räderkreuz“ bezeichnet.
Anmerkung: Die Hinrichtung durch das Schwert und sohin Verbrennen eines Körpers auf dem Richtplatz bei dem Räderkreuz am Wienerberg am 21. Oktober 1498 kommt in den Akten alter wiener Stadtrechnungen vor. Das Räderkreuz, auch „Röderkreuz“ genannt stand bis in die 1870er Jahre in der Nähe der Spinnerin am Kreuz.
(Quelle:Lang, Anton: Hochgericht und Räderkreuz : die Hinrichtungsstätten am Wienerberg, Wien, Museumsverein Favoriten, 2002 - (Favoritner Museumsblätter, 28; A-1100 Wien, Keplerplatz 5)
Damit haben wir Andeutungen genug über das Wesen der Sache. Rad, Galig, Kreuz, Marterl – die Tradition im Volke hat das Richtige festgehalten und führt uns auf den Ursprung zurück.
Der arme Sünder, welcher auf das Rad geflochten wurde, war gewiß ein Gemarterter. Auf die Stelle, auf welcher er gerichtet worden war, errichtete man ein Kreuz; der Volksmund nannte es ein Marterl. Aber unmöglich können so viele Richtstätten im Weinerwalde und im Bereiche von Wien gewesen sein! Der Fall Taddäus Wimmer beweist, dass auch ganz andere Anlässe zur Errichtung von Denksäulen vorhanden sein konnten. Die Geschichte einiger der genannten Votivsäulen kennt man zur Genüge und diese weist auch auf andere Anlässe hin.
Das Alter vieler Säulen ist aber nicht feststellbar, weil eine neue an Stelle einer älteren gesetzt worden war.
Wir haben aber noch mit ganz anderen Gedenkzeichen zu rechnen, die an der Donau reichlich vorhanden sind; mit den sogenannten Heidensteinen, Blutsteinen, Opfertafeln; im Kammthal mit den vielbesprochenen kammthaler Opfersteinen oder Keltensteinen. Stehen diese in gar keinem Zusammenhange mit unseren Marterln? In mancher Hinsicht ist bei Einzelnen höchst wahrscheinlich ein Faden zu erkennen. Viele Heidensteine sind verschwunden, oder vielmehr, sie haben eine Metamorphose durchgemacht. An die Stelle des heidnischen Opfersteines, des Runensteines, erschien das Kreuz; oft nur klein und bescheiden tauchte es auf dem schweren heidnischen Steinblocke auf. Aber es erschien um nicht mehr zu verschwinden. Es gab der Tradition einen anderen Namen und Charakter – und dennoch darf man vermuthen, dass das Marterl und Räderkreuz, die Spinnerin am Kreuz, einer heidnischen Überlieferung nicht gar zu ferne stehen. Über den heidnischen Todschlag, die „Fehde“, der „Gottesurthel“ und Opfertod, triumphierte das Kreuzeszeichen.