Maibaum
aus: E. Hoffmann-Krayer, H. Bächtold-Stäubli,
Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens,
Berlin und Leipzig 1932
1. Schon im griechisch-römischen
Altertum versah man zu bestimmten Zeiten und Gelegenheiten Häuser und
Ställe mit Zweigen und Bäumchen zum Schutze gegen Krankheiten
und böse Geister 1). Bis in die Jetztzeit hat sich dieser
Brauch in ganz Europa vor allem am 1. Mai und zu Pfingsten erhalten. Im
Abendlande erscheint er schon in Urkunden des 13.-Jh.s 2). Aber
auch zu Johanni ist er in mannigfacher Gestalt zu treffen 3).
Anderseits kommen solche Zweige und Bäumchen in gleichem Sinne schon
zu Mittfasten (Lätare) 4), am Gregoriustage (12. März)
5), zu Lichtmeß (s. Adamsbaum) und in der Neujahrsnacht
6) vor, und auch der Weihnachtsbaum ist der Sache nach verwandter
Art. Die Absicht des Maibaums ist, Haus und Hof der Menschen und diese selbst
durch die unmittelbare Berührung mit den Sprößlingen der
neuerwachten Frühlingskraft ebenfalls mit neuer Lebensfülle und
Stärke zu sättigen, dagegen alles Böse und Lebensfeindliche
zu verscheuchen 7). So wird das frische Grün - sei es nun
in Gestalt bloße Zweige oder mehr oder weniger große Büsche
und Bäume - an den Wohnungen der Menschen und des Viehes angebracht
8). Für das Einholen dieses Grüns wird oft der Ausdruck
„den Mai suchen" gebraucht 9). Kinder tragen es von Haus zu Haus,
und in der Grafschaft Mark werden die Träger, die unter dem Gesange
„Hi breng'k ink den ersten Mai in't Hûs" umziehen, mit Wasser begossen
10). In Ungarn schmückt man die Dachfirste mit grünen
Zweigen, damit „der heilige Geist einkehre" 11). Der Maibaum
vor den Ställen macht die Kühe milchreich 12)
und schützt vor Behexung 13). Die Behauptung, daß
die Hexe die Blätter der aufgestellten Bäumchen erst zählen
müsse, bevor sie ihr schlimmes Werk beginne 14), bat den
ursprünglichen Sinn vergessen. An der Lenne befestigt man an die vor
den Häusern aufgesteckten Birken ganz weiße Besen aus geschältem
Holze 15). Auch auf den Düngerhaufen setzen manche
Bauern eine grüne Birke, damit sie das Vieh vor Schaden behüte
16). Die Leute auf dem Walde von Welzheim und Gschwend pflanzen
in der Nacht vor dem 1. Mai oder vor Pfingsten ebenso viele Tannenbäume
auf die Miststätte vor jedem Hause auf, als Pferde, und ebenso
viele Birkenstauden, als Stücke Rindvieh im Stalle sind. Die aufgehende
Sonne muß diese Szene beleuchten 17). Auch die Brunnen
werden geschmückt"). In Südungarn, damit keine Dürre eine
Mißernte verursache 19). An vielen Orten Siebenbürgens
stellt man am 1. Mai vor dem Hause kranker Leute Lindenzweige auf, aus deren
Rinde man nach drei Tagen einen Brei kocht, dessen eine Hälfte der
Kranke verzehrt; die andere Hälfte wird in fließendes Wasser
gegossen, damit seine Krankheit „wegfließe" 20). Der Pfingststrauch,
der zuerst ausgesteckt wird, ist der beste. Er wird aufbewahrt, und seine
Blätter sollen schlimme Wunden heilen 21). Wenn man eine
Pfingstmaie im Hause aufbewahrt, so schlägt der Blitz nicht ein 22).
In Ovenstädt (Kr. Minden) aber dürfen die Pfingstbäume und
-sträucher nicht so lange im Hause bleiben, bis sie trocken geworden
sind, sonst schlägt der Blitz ein 23). Dagegen trug man
in Anhalt die Pfingstmaie, auch wenn ihre Blätter längst vertrocknet
waren, um das Ackerstück herum, um Ungeziefer von den Kohlfeldern zu
vertreiben 24). Im Kr. Nienburg bleiben die Zweige bis zum nächsten
Pfingstfest am Hause. Sie halten Blitzschlag, Unglück und Hexen fern
25).
1) Mannhardt 1, 295 f.; Bötticher
Baumkultus der Hellenen 377ff.
2) Mannhardt 1, 160 f.
3) Sartori Sitte 3, 227. 229 f. 232. 233.
4) Ebd. 3, 132 Anm. 5 u. 6.
5) Ebd. 3, 128.
6) Ebd. 3, 71 Anm. 77; Nilsson im ARw. 19, 61 ff. 109 ff.
7) Hierzu werden manchmal dornige Reiser genommen: Marzell Pflanzenwelt
22.
8) Mannhardt 1, 160ff.; Saitori 3, 173 ff. 205; Schröder Arische Religion
2, 275 ff.; Heckscher 427ff.
9) Mannhardt 1, 161.
10) Woeste Mark 26.
11) ZfVk. 4, 401; desgleichen in Böhmen: John Westb. 76.
12) Mannhardt 1, 161; Frazer 2, 52. In einem Traktat des 13. Jh. wird berichtet,
daß man in Schlesien die Zweige eines gewissen Dornbusches auf die
Dächer setze, damit das Vieh reichlich Milch habe: MschlesVk. 17, 36
f.
13) Sartori 3, 170 Anm. 3.
14) Marzell Pflanzenwelt 22.
15) Kuhn Westfalen 2, 156 (440).
16) Drechsler 1, 114; Sartori Westfalen 161.
17) Sartori 3, 174 Anm. 20. 206 Anm. 5o. Vgl. Kapff Festgebr. 15.
18) Sartori 3, 174 Anm. 21; 207 Anm. 52.
19) ZfVk. 4, 401.
20) Ebd.
21) Knoop Hinterpommern 180.
22) Engelien und Lahn 1, 272 (204).
23) Sartori Westfalen 161.
24) ZfVk. 7, 78.
25) Nds. 15, 287.
2. Auch den Mädchen
wird ein Maibaum vor ihr Fenster oder vor die Tür oder aufs Dach 28)
gesetzt, entweder als Zeichen der Achtung von allen Burschen zusammen oder
der Liebsten von einem einzelnen 27). Bei den Mährern pflanzen
die Burschen in der Mainacht das Tannenbäumchen für die Geliebte
auf den Düngerhaufen 28); auch in Schwaben 29).
Wo mehrere Mädchen im Hause sind, erhält jedes sein Bäumchen
30). Der Baum gilt als Sinnbild des geehrten Mädchens 31)
wie auch des Ehrenden, der damit seine Liebe und sogar Werbung und Heiratsantrag
zu erkennen geben will, weist aber auch schon auf die künftige Fruchtbarkeit
des Verhältnisses hin 32). An einigen Orten im Gebiete der
oberen Nahe besteht jedoch die Ansicht, die Maisträuße stammten
von den bösen Hexen. Darum erhalten sie die Leute, die man im Orte
nicht leiden mag 33). Weit gewöhnlicher freilich werden
leichtfertige und mißliebige Mädchen durch einen dürren
Baum mit Lumpen, einen Strohmann und andere häßliche Gegenstände
gebrandmarkt, mitunter auch nur durch die Verschiedenartigkeit der Zweige
34). Verlassene Mädchen ihrerseits rächen sich an untreuen
Burschen dadurch, daß sie ihnen an Schnüren aufgereihte Eierschalen
oder Schneckenhäuschen vors Fenster hängen 35).
Oft liegt den Frauen die Einholung des Maibaums aus dem Walde ob,
mitunter haben sie das ausschließliche Recht dazu 36).
26) Das ist in der Gegend von Zabern
ein Zeichen brennender Liebe: Mannhardt 1, 164.
27) Ebd. 1, 163 f.; Sartori 3, 174 f. 205.
28) Tetzner Slaven276.
29) Meier Schwaben 397.
30) Ebd.; Reinsberg Böhmen 214
31) Mannhardt 1, 182 f. 185.
32) Frazer 2, 56; Sebillot Folk-Lore 3, 404.
33) ZfrwVk. 26, 19.
34) Sartori 3, 175 Anm. 25. 205 f.; ZfrwVk. 16, 49; Urquell 4, 239 (Rheinland);
Holschbach Volksk. d. Kreises Altenkirchen 112 f.; Kapff Festgebräuche
15; Hoffmann-Krayer 157; SBbillot Folk-Lore 3, 402 f.
35) Kapff 15.
36) Mannhardt 1, 183. 211; Schröder Arische Religion 2, 281. S. Kreuzbaum.
3. Eine reine Ehrenbezeugung
ist der Maibaum, der dem Bürgermeister, dem Pfarrer und andern Standespersonen
37), ja sogar der Jungfrau Maria und dem lieben Gott 38)
gesetzt wird.
37) Mannhardt 1, 167; Sartori 3,
175. 2o6; Sébillot 3, 402.
38) Rosegger Steiermark 247.
4. Von besonderer Würde und Bedeutung
als Gegenstand öffentlicher, durch Umtanzen dargebrachter Verehrung
ist der von der ganzen Gemeinde errichtete Maibaum 39). Wir begegnen
ihm nicht nur im gesamten deutschen Sprachgebiet, sondern auch in Frankreich,
England, Rußland, Schweden, Dänemark, bei Wenden, Esten und Cirkassiern,
in Mexiko, Indien und Afrika 40). Das älteste deutsche Zeugnis
vom Jahre 1225 stammt aus Aachen 41). Der Baum wird am 1. Mai
und zu Pfingsten errichtet, aber auch im Mittsommer (Fronleichnam 42)
und Johannistag 43)). Von da ist er dann auch in die Kirchweih
(s. d.), in die Schützenfeste und andere Feiern hineingeraten.
Auch der Dorfmaibaum ist Vertreter des Frühlings- und Sommersegens
44) und wird dementsprechend gewertet und behandelt. Der Bursche,
der bestimmt ist ihn aus dem Walde zu holen, schmückt Hut und Ranzen
mit bunten Bändern 45). Die Gemeinde muß vollkommen
einig sein, wenn man ihn einholen will 46). Er wird im Walde
unter Hersagung alter Sprüche 47) und unter besonderen Bräuchen
gefällt 48). Gewöhnlich nimmt man eine Birke oder eine
geschälte Tanne, der man ihre Gipfeläste läßt; auch
befestigt man wohl oben an dem Tannenstamm ein Birkenbäumchen 49).
Die Einholung muß vor Sonnenaufgang erledigt sein 50).
Beim Anbruch des Tages soll der Baum noch grün und unversehrt im Walde
stehen, und oft beginnt man die Arbeit schon um 1 Uhr nachts, um rechtzeitig
zur Stelle zu sein 51). Im Rheinlande hält man vielerorts
darauf, daß das Einholen um Mitternacht beendet ist 52).
An manchen Orten gilt es als durchaus notwendig, daß der Baum gestohlen
werde 53). In England zogen im 16. Jh. 20 oder 40 Joch Ochsen
den Maibaum unter dem Geleite von 200-300 Menschen nach Hause 54).
In Anhalt, wo sich die ganze Gemeinde an der Einholung des Maibaums am Sonnabend
vor Pfingsten beteiligt, fällen die Burschen erst eine für die
Häuserzahl des Dorfes hinreichende Menge kleinerer Birken; zuletzt
schlagen sie einen stattlichen Baum und bringen ihn allein auf einem besonderen
Wagen auf den Dorfplatz 55). Doch ist öfters auch vorgeschrieben,
daß der Baum nicht gefahren werden darf, sondern getragen werden muß
56). Im Rheinlande tragen ihn oft hundert Burschen auf ihren
Schultern 57). In Bochum mußte er ohne Wagen und Geschirr
vor Sonnenuntergang in der Stadt sein 58). Gewöhnlich wird
der Maibaum abgeschält - „damit die Hexen sich nicht unter der Rinde
festsetzen" 59) -, und nur der oberste Wipfel, der eigentliche
Träger der Segenskraft, bleibt stehen und wird mit Blumen, Kränzen,
silbernen Kettchen und aufgereihten Eierschalen geschmückt, auch mit
Eßwaren 60). In Oberbayern trägt der entrindete Stamm
die verschiedenartigsten Figuren 61). Oberhalb des grünen
Wipfels weht oft eine Flagge, unterhalb mehrere. Auch ihnen wohnt Heilkraft
inne. Wenn ein Kind mit dem bösen Blick behaftet ist, weil der Priester
bei seiner Taufe gestammelt hat, so muß es, um davon befreit zu werden,
mit einem Lappen einer solchen Fahne am ganzen Leibe abgerieben werden 62).
Abends wird der Baum hier und da mit Kerzen oder Lämpchen erleuchtet
63). Auch wird er mit Wasser begossen 64). Seine Höhe
ist oft ganz gewaltig 65). Die Burschen klettern wetteifernd
an ihm empor und suchen eine der Fahnen oder andere an der Krone befestigte
Gegenstände, Band oder Tuch, zu gewinnen 66). Auch Wettläufe
und -rennen zu Pferde nach dem Baume finden statt 67). Das Klettern
sowohl wie der Lauf betonen recht die Absicht, den „Sommer zu gewinnen"
und das segenverleihende Heiltum in kraftvoller Handlung sich anzueignen.
Um es in ihren Besitz zu bringen, suchen die Burschen der Nachbarorte den
Baum oft zu stehlen, der deshalb scharf bewacht werden muß 68).
Daher ist der Maibaum in Ellbach bei Tölz und wohl auch anderswo ganz
unten mit Armbrüsten versehen, die drohend nach allen Seiten gerichtet
sind 69). Bei der Entwendung darf keiner der Stricke, die den
Baum halten, zerschnitten werden 70), und wenn die Pfingstsonne
über ihm aufgegangen ist, darf er überhaupt nicht mehr entführt
werden 71). Neben dem Maibaum werden auch Hütten errichtet,
die ursprünglich dem siegreich einziehenden Frühlingsgeiste bestimmt
sind 72), und nicht selten wird die im Baum wirkende Kraft durch
die gleichzeitige Verkörperung in einem irgendwie mithandelnden Menschen
noch verdoppelt 73).
39) Gelegentlich kommt es vor,
daß zwei Maibäume, einer für die unverheirateten Erwachsenen
und einer für die Kinder, aufgepflanzt werden: Urquell 1, 88 (Norderditmarschen).
40) Mannhardt 1, 160 ff.; Sartori 3, 175 ff. 207 f.; Frazer 2, 65 ff.; Reuterskiöld
Speisesakr. 99 f. (Mexiko). 104 f.
41) Mannhardt 1, 170 Anm.
42) Mannhardt 1, 183 Anm. 1; Schramek Böhmerwald 152; Sartori 3, 220.
43) Frazer 2, 65; Sartori 3, 230. Das Johannisfeuer wird gern um einen hohen,
geschmückten Baum errichtet: Mannhardt 1, 179 f.
44) Das Gefühl „heidnischer" Herkunft veranlaßte obrigkeitliche
Verbote: MschlesVk. 21, 102 f.; Mannhardt 1, 305f. (Puritaner in England).
45) Urquell 4, 237f. (Rheinland).
46) Meier Schwaben 396.
47) Wrede Rhein. Volksk.2 264.
48) Sartori 3, 176 Anm. 29.
49) ZfrwVk. 26, 18.
50) Mannhardt 1, 171 f. 175.
51) Andree-Eysn Volkskundliches 185.
52) Wrede Rhein. Volksk.a 264.
53) ZfVk. 12, 109; SAVk. 20, 382; Tetzner Slaven 333.
54) Mannhardt 1, 171. Die syrakusanische Jugend führt bewaffnet, in
zahlreiche Scharen geteilt, den Maibaum in der Himmelfahrtswoche auf einem
Wagen in die Stadt. Gefesselte und besiegte Feinde werden mitgetragen: Liebrecht
Zur Volksk. 377f.
55) ZfVk. 7, 79.
56) Mannhardt 1, 175 (Questenberg).
57) Wrede Rhein. Volksk.2 264.
58) Sartori Westfalen 162.
59) Höfler Waldkult 17; Fehrle Volksfeste 65.
60) Mannhardt 1, 169 ff. Wo man eine Stange oder etwa die Wiesenbäume
der Erntewagen benutzt, wird der eigentliche Maibusch oben daran befestigt:
Sartori 3, 207 Anm. 57.
61) Andree-Eysn Volkskundl. 185 ff.; Sartori 3, 176. Über die Entwicklung
der Form des Maibaums: Mannhardt 1, 175 f. Über das Umwinden mit der
vorher abgeschälten Rinde: ZfVk. 37, 18.
62) Schönwerth 1, 169.
63) Mannhardt 1, 178. 244; Sartori Westfalen 162; Schröder Arische
Relig. 2, 276.
64) Sartori 3, 208.
65) Ebd. 3, 173 Anm. 16; Mannhardt 1, 305 f. (England).
66) Sartori 3, 177 Anm. 35.207 Anm. 56.
67) Mannhardt 1, 382 ff. 306 f.; ZfVk. 3, 5 ff. 23; Drechsler 1, 126 f.;
Kuhn und Schwartz 380.
68) Sartori 3, 177 Anm. 36; Urquell 2, 124 (Ostfriesland); Strackerjan 2,
81; Sébillot Folk-Lore 3, 402.
69) Andree-Eysn Volkskundl. 187.
70) Strackerjan 2, 81.
71) ZfrwVk. 2, 132 (Eifel).
72) Mannhardt 1, 187; Sartori 3, 208.
73) Mannhardt 1, 312 ff.
5. Die Liebe der Geschlechter
wird in das lenzhafte Treiben mit hineingezogen (vgl. oben 2). Vom Jahre
1585 wird aus England erzählt, die Ausgelassenheit bei der Einholung
des Maibaums unter zahlreichem Geleit sei so groß, daß von den
zum Walde mitgehenden Mädchen der dritte Teil die Ehre verliere 74).
Die Mailehen (s. d.) werden oft vor dem Maibaum versteigert, und
in Smäland (Schweden) umreitet jedes Brautpaar auf dem Zuge zur Trauung
dreimal die vor dem Wohnhause aufgepflanzte Maistange 75). Im
Allgäu wird allen denen, die im letzten Jahre geheiratet haben, am
Abend vor dem 1. Mai ein Maibaum gesetzt, wofür sie ein Faß Bier
stiften 76). Im Unterinntal bleibt dieser Baum stehen, bis dem
Paare das erste Kind geboren wird, und wird dann von den Burschen in aller
Stille nachts abgeschnitten. Bleibt das Paar kinderlos, so läßt
man ihn stehen 77). In Bayern unterbleibt das Setzen, wenn die
Frau ihrer Niederkunft nahe ist. Der Mann hat sich dann „selbst einen Maibaum
gesetzt" 78). Hier und da stiftet umgekehrt der jüngste
Hochzeiter den Maibaum 79). Doch ist es Sitte, daß am Tanze
um den Maibaum nur jungfräuliche Mädchen teilnehmen 80),
und wenn ein Mädchen, ohne dessen würdig zu sein, mitgetanzt hat,
so wird der Maibaum heimlich umgesägt 81), so wie die Dorflinde,
die am 1. Mai eine gefallene Dirne mitgeschmückt hat, gewaschen und
der Rasen oder das Pflaster um sie herum erneuert werden muß 82).
74) Mannhardt 1, 171 Anm.
75) Ebd. 1, 607.
76) Reiser Allgäu 2, 135 f.
77) Andree-Eysn Volkskundliches 190.
78) Frazer 2, 56.
79) Höfler Waldkult 17; vgl. Mannhardt 1, 488 Anm. 1.
80) John Westböhmen 75.
81) Mannhardt 1, 188 f.
82) Schmitz Eifel 32; Fontaine Luxemburg 46.
6. Der Maibaum wird noch am
Tage seiner Errichtung nach der Umtanzung gestürzt 83).
Beim Fällen wird Bier auf die Säge gegossen 84). In
Deslawen sägen ihn nach Sonnenuntergang zwei Burschen nieder, und alles
hascht nach den Bändern 85). Anderswo bleibt er bis zum
nächsten Sonntag stehen 86). Besonderer Wert wird auf die
grüne Krone gelegt 87). Bei den Wenden in der Lausitz bleibt
der Maibaum bis zum Himmelfahrts- oder Pfingsttage stehen. Beim Abgraben
des Bodens um den Baum wird er umtanzt, und der Bursche, der den grünen
Wipfel erhascht und abbricht, ist der Held des Tages und wird zum Tanz in
die Schenke getragen 88). Oft bleibt der Maibaum aber auch länger
stehen 89). Der bunte Aufputz des oberbayrischen Maibaums bleibt
darauf, bis er von Wind und Wetter zerstört wird oder im nächsten
Mai einem neuen Platz macht 90). An böhmischen Orten bleibt
der Maibaum den ganzen Mai hindurch an seinem Standplatze und wird, wie
er gesetzt wurde, nächtlicherweile weggeschafft; hier und da bleibt
er auch über den Sommer stehen 91). Im Chiemgau und im Inntal
wird er alle 3 bis 5 Jahre erneuert 92). In Questenberg im Harz
wurden Baum und Kranz ursprünglich jährlich erneuert. Später
nahm man nur alle 7 Jahre einen neuen Baum, und heutzutage wird ein neuer
nur dann geholt, wenn der alte umfällt. Die Aufhängung des Kranzes
aber geschieht noch jährlich 93). Auch in England u. a.
ist die Sitte, den Maibaum nicht jährlich zu erneuern, sondern mehrere
Jahre stehen zu lassen, erst jünger 94). Im 17. Jh. galt
es in Frankreich als übles Vorzeichen, wenn der Maibaum von selbst
umfiel. Der Fall des Maibaums vor dem Louvre sagte den Tod Heinrichs IV.
voraus 95). Oft wird der Maibaum auch verbrannt 96).
In den Hoch-Pyrenäen bewahrt man den am 1. Mai gesetzten Baum bis zum
23. Juni auf, wälzt ihn dann auf einen Hügel, rammt ihn in die
Erde und setzt ihn in Flammen 97). Im Innviertel wird der Maibaum
meist zur Nahrung des Sonnwendfeuers verwandt 98). In Südungarn
verbrennt man ihn, damit man das Jahr über vor Hungersnot bewahrt bleibe
99). Im Prager Kreise brechen sich die jungen Leute Zweige des
gemeinschaftlichen Maibaums ab und stecken sie in der Stube hinter den Heiligenbildern
fest, wo sie bis zur nächsten Maitagsfeier aufgehoben und dann auf
dem Herde verbrannt werden 100). Mannhardt denkt bei dem Verbrennen
an einen Sonnenzauber 101). Auch ein Regenzauber
wird gelegentlich vorgenommen 102). In Reichenbach warf man am
Johannistage den umtanzten und geplünderten Maibaum schließlich
ins Wasser, suchte aber vorher jemanden aus, mit dem man dasselbe tat. Diese
Person hieß der Johannes 103).
83) John Westböhmen 74; Urquell
1, 87 f. (Norderditmarschen).
84) John Westb. 75.
85) Ebd.
86) Strackerjan 2, 81.
87) Sartori Sitte 3, 177 Anm. 40.
88) Ebd. 3, 178 Anm. 40; vgl. Schulenburg Wend. Volkstum 145.
89) Kuhn Westfalen 2, 168 (470); Mannhardt 1, 169; Sartori 3, 177 Anm. 37.
90) Mannhardt 1, 173.
91) Schramek Böhmerwald 152.
92) Mannhardt 1, 172.
93) Ebd. 1, 175.
94) Frazer 2, 70 f.
95) Sebillot Folk-Lore 3, 401; 4, 371.
96) Mannhardt 1, 177f. 180. 186 f. 566; Frazer 2, 71.
97) Mannhardt 1, 177.
98) Ebd.
99) ZfVk. 4, 401.
100) Mannhardt 1, 566.
101) Ebd.
102) Gesemann Regenzauber 64 f,
103) Köhler Voigtland 231.
7. Der Ausdruck „Maie", „Maibaum" kommt
wohl von Mai, ist aber an keine Zeit gebunden, und bei den verschiedensten
Gelegenheiten als Brautmai, Richtmai, Erntemai usw. erscheinen die grünen
Sinnbilder und Träger der Fruchtbarkeit und des Glückes 104).
Über all diese Formen gibt vor allem der erste Band von Mannhardts
„Wald- und Feldkulten" sowie die verschiedenen in Betracht kommenden Stücke
dieses Handwörterbuches Auskunft.
104) Nilsson Jahresfeste 4 ff.
Sartori.