Aschermittwoch
aus: E. Hoffmann-Krayer, H. Bächtold-Stäubli,
Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens,
Berlin und Leipzig 1932
1. Seit Ende des 7. oder Anfang des
8. Jhs. war der Mittwoch vor der Quadragese der Anfang der Fasten.
Er hat seinen Namen von dem Bestreuen mit Asche, das ursprünglich
zu den Übungen der Kirchenbuße gehörte. Die Asche wird aus
den Palmzweigen des letzten Palmsonntags bereitet und jetzt außerdem
noch benediziert 1). Die Gläubigen holen sich in der Kirche das Aschenkreuz,
das ihnen an Leib und Seele nützen soll 2). Die geweihte Asche gilt
als Mittel gegen Kopfweh 3), wird aber auch auf die Äcker
und die junge Saat gestreut, um ihr Gedeihen zu fördern 4),
und rings um den Dunghaufen, um die Läuse darin zu hindern, weiter
zu laufen 5).
1) Kellner Heortologie 79;
Sartori Sitte u. Brauch 3, 135 A. I. Über die Bezeichnungen
des Tages: Höf1er Fastnacht 65 f.
2) Birlinger A.Schw. 2, 59.
3) Hovorka und Kronfe1d I, 91.
4) Jahn Opfergebr. 99; Ha1trieh Siebenb. Sachsen 284.
5) Meyer Baden 207.
2. Am Aschermittwoch ist der Fasching
aus (s. Fastnachtvergraben), und die Burschen können nun ihre
leeren Geldbeutel waschen und den Fasching mit der Laterne suchen
6). Nichtsdestoweniger geht es auch jetzt noch in den Wirtshäusern
lustig her 7) und die Männer trinken fleißig Bier, damit die
Gerste gerate, und Schnaps, damit sie im Sommer nicht von den Mücken
gebissen werden 8). Burschen und Kinder heischen noch Gaben 9); in böhmischen
Orten heißt ein solcher Umzug "Aschenbraut" 10).Die Mahlzeiten
des Aschermittwochs sind oft noch recht üppig. Fastnachtsküchlein
werden noch weiter verschenkt und eingesammelt, bestimmte Gebildbrote
treten auch an diesem Tage noch auf 11). Wie mit den Fastnachtskuchen überhaupt
12), so ist auch mit denen des Aschermittwochs Aberglaube verbunden. Mit
dem "Klemmkuchen" klemmt man in der Niederlausitz dem Maulwurf das
Maul zu. Auch geht man, den Kuchen unter der Achsel einklemmend, stillschweigend
über die Wiesen und teilt ihnen dadurch Fruchtbarkeit mit 13). Im 15.
Jh. galt das Fett, das von den Kuchen am Aschermittwoch übrigblieb,
als Mittel gegen allerlei Gebrechen, namentlich gegen den sog. "Nageltritt"
14). Mit Anisbroten, die man am Aschermittwoch buk, fütterte
man vier Wochen lang die Tauben, damit sie recht gedeihen sollten 15). Auch
andere Speisen dienen dem Zauber. In Hessen und im Meiningschen ißt
man am Aschermittwoch (oder zu Lichtmeß) Erbsensuppe mit gedörrten
Schweinsrippen. Die abgegessenen Rippen sammelt man und hängt
sie am Stubenboden auf bis zur Aussaat. Dann werden sie in das besäte
Feld oder in den zur Aussaat bestimmten Leinsamen gesteckt; das soll
ein Mittel gegen Erdflöhe und Maulwürfe sein und bewirken, daß
der Flachs gut und hoch wachse 18). Christian Weise behauptet, Leute gekannt
zu haben, die glaubten, wenn sie nicht am Aschermittwoch gelbes Mus äßen,
so würden sie noch vor Martini zu Eseln 17). Übrigens ließ
man auch für die armen Seelen Fleischspeisen auf dem Tische
stehen 18).
6) Sartori 3, 126.
7) Ebd.
8) John Westb. 47. 184.
9) Meyer Baden 209; Sartori 3, 93 Aschermittwoch II; Höf1er
Fastnacht 67. 68.
10). Reinsberg Böhmen 5o.
11) Höf1er Fastnacht 67 f.; Reiser Allgäu 2, 91.
12) Sartori 3,114 Aschermittwoch 103.
13) Höfler 67.
14) ZfVk. II, 273.
15) Mitt. Anhalt. Gesch. 14, 19.
16) Mannhardt Forschungen 187 f. 192.
17) Grimm Myth. 3, 469 (940).
18) Bir1inger Aschermittwoch Schw. 2, 54.
3. Manche z. T. auch schon in der Fastnachtszeit
geübte Bräuche dienen der Abwehr und der Reinigung.
So das Topfwerfen, zunächst ein Trennungsbrauch, der aber der
Vertreibung böser Mächte nützen soll 19); daß dabei
die Töpfe mit Asche gefüllt werden, hat der Name des Tages veranlaßt.
Auch das "Begraben der Fastnacht" hat sich mit dem Wunsche verbunden,
die winterlichen und lebensfeindlichen Mächte zu beseitigen. Von einem
als Adam bezeichneten, menschlichen "Sündenbock", der in Halberstadt
am Aschermittwoch seine Tätigkeit begann, erzählt Aeneas Silvius
20). Die in verschiedenen Formen übliche Verspottung der alten Jungfrauen
21) dient vielfach ursprünglich der Herbeiführung künftiger
Fruchtbarkeit 22) (s. Blockziehen). Im Aargau schüttete der
Ätti-Ruëdi am Aschermittwoch ungedörrtes Obst in den Brunnen,
und die Jugend mußte es unter Gefahr, von ihm bespritzt oder eingetaucht
zu werden, aus dem Wasser holen 23). Eine Egge zogen am Aschermittwoch Mädchen
und Burschen durch die Donau 24). In Franken wurden die Mädchen, die
das Jahr über beim Tanze erschienen waren, von den Jünglingen
auf einem Wagen in einen Fluß oder See gezogen 25).
Solche reinigende, Segen und Fruchtbarkeit vermittelnde Wassertauche
findet auch anderswo an Aschermittwoch statt 28). Dieselben Dienste soll
es tun, wenn im Erzgebirge Schneeballen ins Haus geworfen werden;
man sagt, sie hielten Unglück fern 27). Wer am Aschermittwoch badet
oder den Kopf wäscht, hat in dem Jahre keine Rückenschmerzen (15.
Jh.) 28). Oft wird der "Schlag mit der Lebensrute" am Aschermittwoch
vollzogen 29), auch der Umzug mit der "Maibraut" schon vorweggenommen
30).
19) Sartori 3, 100 Aschermittwoch
42.
20) Frazer 9, 214; Nork Festkal. 2, 830.
21) Sartori 3, 104 f. Die Wiener sagen, am Aschermittwoch müßten
die alten Jungfern den Stefansturm reiben: Nork Festkal. 830 f.
22) Sartori 3, 104f.
23) Hoffmann-Krayer 130.
24) Meyer German. Mythol. 286. 25) Schöppner Sagenbuch
2, 249.
26) Sartori 3, 106. Mannhardt 2, 433 f.
27) John Erzgeb. 192,
28) ZfVk. 11, 273.
29) ZfVk. 7, 75 (Anhalt); Mitt. Anhalt. Gesch. 14. 19; Schu1enburg Wend.Volkst.
141 ; Meyer Baden 207 ; Sartori 3, 101 f. Aschermittwoch 47. 102
Aschermittwoch 52.
30) Mannhardt 2, 433 f. 437.
4. Man soll den Hühnern am Aschermittwoch
die Schwanzfedern abschneiden, damit sie die Eier nicht verlegen 31), und
sie mit Reis (im Kreis?) füttern, damit sie die Hofreite nicht verlassen
(Hessen) 32). Um sie gegen Läuse zu schützen, reinigt man den
Hühnerstall 33). Wenn die Sonne hell erglänzt, säet
man frühmorgens Lein 34); auch Kohl wird gesäet
35). Manchmal werden Fastnachtsbräuche, mit denen Fleischgenuß
verbunden ist, aus Gegensatz zum Papsttum am Aschermittwoch noch fortgesetzt,
wie das Hahnschlagen 36).
31) John Westb. 47. 215.
32) Volk u. Scholle 3, 136.
33) Meyer Baden 207. 413; Mitt. Anhalt. Gesch. 14, 19.
34) ZfVk. 11, 273 (15. Jh.).
35) Strackerjan 2, 123.
36) Höf1er Fastnacht 66 f.: Sartori 3, 115 Aschermittwoch 104.
5. Vieles ist am Aschermittwoch verboten.
Man soll nicht ins Holz gehen, weil der Teufel dann die Holzweibchen
jage 37), überhaupt seinen Wohnort nicht verlassen 38), kein
Vieh anbinden, austreiben oder verkaufen 30), den Stall nicht misten
40), nicht Dünger fahren 41), die Stube nicht waschen
(sonst wird sie grau) 42), nicht spinnen 43). Bei den sächsischen
Wenden durchsticht ein Bursche den letzten Rokken mit einer Ofengabel oder
einem Spieß, zum Zeichen, daß die Spinnstube ihr Ende erreicht
hat 44). Jene Verbote sind größtenteils mit den Fastnachtstagen
überhaupt verbunden 45), teils gelten sie dem Mittwoch besonders 46).
Auch daß der Aschermittwoch vereinzelt als Unglückstag gilt (der
Teufel soll an ihm aus dem Himmel geworfen sein) 41), teilt er mit dem Mittwoch
48).
37) Meiche Sagen 348; Meyer
Germ. Myth. 247.
38) John Erzgeb. 114. 192.
39) Wo1f Beitr. I, 228 (329); Köh1er Voigtland 370; Boec1er
Ehsten 8o.
40) Wolf Beitr. I, 228 (329).
41) Schulenburg Wend. Volkst. 141. Dagegen mußte man bei den
Esten ein Fuder Dünger aufs Feld fahren; dadurch sollte eine reichliche
Kornernte erzielt werden: Sartori 3,117 Aschermittwoch122.
42) Wuttke 99 (Erzgebirge).
43) Mitt. Anhalt. Gesch. I4, 19; John Westb. 47. Man kriegt sonst
krumme Gänse und Küchel: Kuhn u. Schwartz 371 (10) oder die Schweine
kriegen im Sommer Würmer: Ha1trich Siebenb. Sachsen 47.
44) Wuttke Sächs. Volksk. 358.
45) Sartori 3, 117 f.
46) Mannhardt Germ. Mythen 15 f.
47) Köh1er Voigtl. 370.
48) Wuttke 69.
6. Wie das Wetter am Aschermittwoch
ist, so ist es die ganze Fastenzeit 48). Wenn es schneit, so schneit
es bis zum Sommer noch vierzigmal 50). Regnet es, so regnet es die
ganze Woche 51). Ist es trübe, so sterben in demselben Jahre
alle Wöchnerinnen 52).
49) ZfVk. 24, 59; Bartsch Mecklenb.
2, 256.
50) Zingerle Tirol 139 (1222).
51) SAVk. 15, 5.
52) Höhn Geburt 257.
7. Wer am Aschermittwoch geboren
ist, versteht die Tiersprache (Böhmen) 53).
53) Grohmann Sagen 230 f.
Sartori.