| Wallfahrt: | Wien-Mariahilf – Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt und Gnadenbild Mariahilf |
| Status: | Historische und weiterhin bestehende Marienwallfahrt zum Gnadenbild Mariahilf. |
| Kultzentrum: | Das Gnadenbild Mariahilf, eine eigenständig verehrte Wiener Kopie des Innsbrucker Mariahilf-Bildes. |
| Ort: | Wien |
| Bezirk: | 6. Bezirk (Mariahilf) |
| Bundesland: | Wien |
| • | Lage: Mariahilfer Straße 55, 1060 Wien. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Wien |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Pfarre Mariahilf |
| • | Öffnungszeiten: täglich von 08:00 Uhr bis 19:00 Uhr geöffnet. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
Die Mariahilfer Kirche an der heutigen Mariahilfer Straße gehört zu den bedeutendsten historischen Marienwallfahrtsstätten Wiens und besitzt zugleich eine für die Geschichte der Wallfahrt besonders aufschlussreiche Entstehung, denn nicht eine bereits bestehende große Kirche brachte den Kult hervor, sondern die zunehmende Verehrung eines zunächst in einer kleinen Friedhofskapelle aufgestellten Marienbildes führte schrittweise zur Errichtung und mehrfachen Erweiterung des Heiligtums. Das unter dem Titel "Mariahilf" verehrte Gnadenbild ist eine Kopie des berühmten, um 1537 von Lucas Cranach dem Älteren geschaffenen Marienbildes im heutigen Innsbrucker Dom St. Jakob; die Wiener Nachbildung entwickelte jedoch schon wenige Jahre nach ihrer öffentlichen Aufstellung eine eigenständige Kultgeschichte, zog zahlreiche Wallfahrer an und gab schließlich nicht nur der Kirche und der ehemaligen Vorstadt, sondern mittelbar auch dem heutigen 6. Wiener Gemeindebezirk seinen Namen. Die Kirche ist Mariä Himmelfahrt geweiht beziehungsweise in ihrer historischen Überlieferung als Wallfahrtskirche "Mariä Himmelfahrt" bezeichnet, während der eigentliche Wallfahrtskult dem Gnadenbild Mariahilf gilt.
Der Ursprung des Heiligtums liegt außerhalb der damaligen befestigten Stadt Wien. Die bei St. Michael ansässigen Barnabiten erwarben 1656 in der Ried "vom Widmertor", die sich vom Wienfluss in Richtung Penzing erstreckte, einen Weingarten, auf dem sie einen neuen Friedhof anlegten. In diesem Gebiet bestanden ältere Gehöfte, die unter anderem Schiffern als Unterkunft dienten, wenn sie ihre aus Nutzholz bestehenden Fahrzeuge in Wien verkauft hatten und den Rückweg über Land antreten mussten. Um 1660 errichteten die Barnabiten auf dem neuen Friedhof eine einfache hölzerne Kapelle, die in den Quellen auch mit der älteren Ortsbezeichnung "Maria im Schöff" verbunden wird.
Der Barnabitenpater Don Cölestin Joanelli brachte in diese Kapelle eine Kopie des damals bereits bekannten Mariahilf-Bildes und stellte sie zur öffentlichen Verehrung auf. Nach der Überlieferung des Pfarrarchivs setzte sehr bald ein so starker Zustrom von Betern und Wallfahrern ein, dass die hölzerne Friedhofskapelle den Anforderungen nicht mehr genügte und schon 1668/69 durch einen größeren Steinbau mit einem Wohnhaus für Ordenspriester ersetzt werden musste. Der Verlauf ist für die Wallfahrtsgeschichte bemerkenswert klar: Nicht ein monumentaler Kirchenbau wurde nachträglich mit einem Gnadenbild ausgestattet, sondern ein Bildkult entstand in einem kleinen, zunächst fast beiläufig wirkenden Sakralraum und zwang aufgrund seiner wachsenden Anziehungskraft zu einer baulichen Vergrößerung.
Gerade diese frühe Entwicklung macht Mariahilf zu einem klassischen Beispiel einer gewachsenen Gnadenstätte. Der religiöse Mittelpunkt war von Anfang an das Bild; die Architektur folgte dem Kult und nicht umgekehrt, weshalb die späteren Bauphasen der Kirche zugleich als materielle Zeugnisse der zunehmenden Wallfahrtsintensität verstanden werden können. Die Pfarrüberlieferung bezeichnet Joanelli deshalb ausdrücklich als den Urheber der Mariahilf-Verehrung an dieser Wiener Gnadenstätte.
Das Urbild des weitverbreiteten Mariahilf-Typus wurde von Lucas Cranach dem Älteren um 1537 geschaffen und befindet sich seit 1650 im Innsbrucker Dom St. Jakob, wo es bis heute als Gnadenbild verehrt wird. Die Darstellung unterscheidet sich deutlich von vielen hieratisch aufgefassten mittelalterlichen Marienbildern: Maria erscheint in enger körperlicher Beziehung zum Kind, das sich an sie schmiegt und Schutz bei ihr sucht, wodurch die Darstellung eine ungewöhnliche menschliche Nähe und Zärtlichkeit entfaltet. Gerade diese emotionale Unmittelbarkeit dürfte wesentlich zur außerordentlichen Popularität des Bildtypus beigetragen haben, der sich durch unzählige Kopien im gesamten mitteleuropäischen Raum verbreitete.
Die Wiener Madonna ist eine Kopie dieses Innsbrucker Bildes, deren Maler nicht sicher bekannt ist. Kunsthistorisch ist sie damit zwar ein abgeleitetes Werk, kultgeschichtlich entwickelte sie sich jedoch zu einem selbständigen Gnadenbild, sodass die Unterscheidung zwischen "Original" und "Kopie" für die religiöse Wirkung nur begrenzte Bedeutung besaß. Wie bei zahlreichen frühneuzeitlichen Wallfahrtskulten konnte eine Nachbildung Anteil an der Verehrung des Urbildes erhalten und am neuen Ort durch Gebetserhörungen, Prozessionen, gemeinschaftliche Erinnerung und wiederholtes Aufsuchen eine eigene sakrale Biographie entwickeln.
Gerade am Mariahilf-Typus lässt sich dieses Phänomen außergewöhnlich gut beobachten, da nach dem Vorbild Cranachs Hunderte von Andachtsbildern und Kultkopien entstanden, von denen manche wiederum Ausgangspunkt selbständiger Wallfahrten wurden. Die Wiener Pfarre verweist allein für Deutschland auf ungefähr 500 Orte mit Mariahilf-Kopien und nennt zahlreiche weitere Heiligtümer in Österreich; auch wenn diese Zahl eine großräumige Übersicht und keine kunsthistorische Bestandsaufnahme darstellt, zeigt sie doch eindrucksvoll die außergewöhnliche Verbreitung des Motivs.
Während der Zweiten Wiener Türkenbelagerung 1683 wurde die Mariahilfer Kirche beziehungsweise Kapelle ebenso wie große Teile der Vorstädte zerstört. Das Gnadenbild konnte jedoch vom Mesner rechtzeitig hinter die Stadtbefestigung gebracht und in der Michaelerkirche in Sicherheit gebracht werden, sodass der wichtigste Kultgegenstand des Heiligtums die Zerstörung überstand. Nach der pfarrlichen Überlieferung wurde seine Bewahrung als besonderes Zeichen gedeutet und gab den Anstoß zu Spenden für den Wiederaufbau; bereits 1685 bestanden wieder ein Wohnhaus und eine provisorische Kirche.
Die Rettung des Bildes fügte dem bereits bestehenden Kult eine neue Erinnerungsschicht hinzu, weil sich nun die Erfahrung von Krieg, Zerstörung und Wiedergewinnung unmittelbar mit dem Gnadenbild verband. Während das Gebäude vernichtet worden war, hatte das verehrte Bild überlebt, sodass sich an seinem materiellen Fortbestand die Hoffnung auf Wiederherstellung des religiösen und gesellschaftlichen Lebens festmachen ließ; ein Vorgang, der in der Geschichte von Gnadenbildern häufig begegnet und den Kult durch die Erinnerung an überstandene Katastrophen zusätzlich verdichten konnte.
Die Wiener Entwicklung stand zugleich in einem größeren habsburgischen Mariahilf-Zusammenhang. Kaiser Leopold I. hatte sich während der osmanischen Bedrohung mit seinem Hof nach Passau zurückgezogen und dort vor dem Mariahilf-Gnadenbild um einen Sieg der christlichen Truppen gebetet; nach dem Ende der Belagerung verbreiteten sich Mariahilf-Bruderschaften in Böhmen, Bayern und Österreich in besonderem Maße. Der Ruf "Maria Hilf" erhielt dadurch zusätzlich zur individuellen Bitte um Beistand eine politische und kollektive Bedeutung als Anrufung in Zeiten militärischer Bedrohung.
Am 20. April 1686 wurde der Grundstein für einen neuen Kirchenbau gelegt, dessen Finanzierung wesentlich von Fürst Paul Esterházy getragen wurde und an dessen Ausführung unter anderem Ambrosio Ferrethi und Sebastiano Carlone beteiligt waren. Nach Fertigstellung des Baues konnte das Gnadenbild am 14. August 1689 von St. Michael nach Mariahilf zurückgebracht werden, wobei die Rückführung zu einer der großen religiösen Manifestationen des barocken Wien wurde.
Nach der pfarrlichen Überlieferung nahm der gesamte Wiener Klerus an der Prozession teil, Kardinal Leopold Karl von Kollonitsch begleitete den Zug, auch das Kaiserhaus war vertreten, und die Zahl der versammelten Menschen wurde mit ungefähr 30.000 angegeben. Solche historischen Teilnehmerzahlen lassen sich naturgemäß nicht mit der Genauigkeit moderner Zählungen überprüfen, doch schon die zeitgenössische beziehungsweise später archivalisch überlieferte Größenordnung macht deutlich, welche öffentliche Bedeutung der Mariahilf-Kult inzwischen gewonnen hatte. Im selben Jahr ist auch die erste Wallfahrt von St. Stephan nach Mariahilf belegt.
Die Rückführung war weit mehr als der Transport eines Kunstwerkes von einer Kirche in eine andere. In ihr verdichteten sich die Erinnerung an die Zerstörung der Vorstädte, die Rettung des Kultbildes, die überwundene osmanische Bedrohung und die Wiederherstellung des Heiligtums zu einer großen öffentlichen Inszenierung, in der Stadt, Hof, Klerus und Bevölkerung gemeinsam auftraten. Der Weg des Bildes durch Wien verwandelte den städtischen Raum vorübergehend in einen Prozessionsraum und machte die Wiedergewinnung des Heiligtums körperlich und kollektiv erfahrbar.
Wie dauerhaft diese Erinnerung blieb, zeigte sich drei Jahrhunderte später: Zum 300. Jahrestag der Rückführung wurde das Bild 1989 erneut nach St. Michael gebracht und bei einer Wallfahrt von dort wieder nach Mariahilf getragen, womit eine historische Prozession bewusst nachgebildet und als Teil des religiösen Gedächtnisses des Wallfahrtsortes erneuert wurde.
Der Kirchenbau von 1686 bis 1689 erwies sich schon nach wenigen Jahrzehnten als zu klein, denn die Zahl der Besucher des Gnadenbildes und der Wallfahrten nahm weiter zu. Die Pfarrakten begründen den großen Erweiterungsbau ausdrücklich mit dem starken Zuspruch zum Gnadenbild und den zahlreichen Wallfahrten; ab 1711 wurde deshalb unter maßgeblicher Beteiligung des Baumeisters Franziskus Jänckl eine erheblich größere Kirche geschaffen, deren Chor, Langhaus, Türme und Fassade in mehreren Bauphasen bis 1730 vollendet wurden.
Damit besitzt die Mariahilfer Kirche eine besonders aussagekräftige Wallfahrtsarchitektur, weil ihre Größe nicht lediglich dem Repräsentationswillen eines Ordens oder eines fürstlichen Stifters entsprang, sondern unmittelbar aus dem Platzbedarf eines erfolgreichen Gnadenkultes hervorging. Die heutige monumentale Gestalt ist gewissermaßen die baulich geronnene Geschichte der Wallfahrt: Die zunächst hölzerne Friedhofskapelle wurde durch einen Steinbau ersetzt, dieser nach der Zerstörung von 1683 neu errichtet und schließlich aufgrund des weiterhin wachsenden Pilgerzustromes zur großen barocken Kirche erweitert.
Auch die Fassade macht die doppelte marianische Identität des Gotteshauses sichtbar. Über dem Portal befindet sich die Anrufung "Auxilium Christianorum ora pro nobis" – "Hilfe der Christen, bitte für uns" –, während das Obergeschoss von einer Darstellung der Himmelfahrt Mariens beherrscht wird; damit begegnen das Patrozinium Mariä Himmelfahrt und der Kulttitel Mariahilf bereits am Außenbau als zwei aufeinander bezogene marianische Ebenen. Die feierliche Einweihung des erweiterten Kirchenbaues erfolgte am 22. Oktober 1730 durch Kardinal Sigismund von Kollonitsch, der spätere Hochaltar wurde 1758 geweiht.
Welchen Umfang der Wallfahrtsbetrieb im 18. Jahrhundert angenommen hatte, lässt sich aus den von der Pfarre überlieferten Zahlen zumindest annähernd ermessen. Für das Jahr 1733 nennen die Pfarrakten 97.692 Kommunionempfänger und ungefähr 20.000 gefeierte Messen; die heutige Pfarrdarstellung führt diese Zahlen ausdrücklich an, um die damalige Intensität des Wallfahrtswesens zu veranschaulichen. Auch wenn solche frühneuzeitlichen Aufzeichnungen nicht nach den Maßstäben moderner Besucherstatistik gelesen werden dürfen, lassen sie keinen Zweifel daran, dass Mariahilf zu den großen religiösen Anziehungspunkten Wiens gehörte.
Zahlreiche Vorstadt- und Vorortgemeinden zogen über Jahrhunderte regelmäßig nach Mariahilf, wobei einzelne Wallfahrten mit genau geregelten Ablassprivilegien verbunden waren. Die Wallfahrt war damit nicht bloß eine Reihe individueller Kirchenbesuche, sondern in feste kirchliche und soziale Ordnungen eingebunden, in denen bestimmte Gruppen zu bestimmten Zeiten gemeinsam aufbrachen, auf dem Weg beteten und am Ziel Gottesdienst, Beichte, Kommunion und weitere Andachtsformen miteinander verbanden.
Auch das Kaiserhaus beteiligte sich an dieser Frömmigkeit. Die Pfarrchronik berichtet von einer Wallfahrt Maria Theresias, bei der die Kaiserin drei aufeinanderfolgenden Messen beigewohnt und längere Zeit unter großer innerer Bewegung gebetet habe. Solche devotional geprägten Einzelheiten sind als Überlieferung der Chronik zu behandeln und erlauben keine weitergehenden psychologischen Schlüsse; sie zeigen jedoch, dass Mariahilf nicht nur für die Bevölkerung der Wiener Vorstädte Bedeutung besaß, sondern ebenso in die Frömmigkeit des habsburgischen Hofes eingebunden war.
Die politische Schutzfunktion des Gnadenbildes endete nicht mit den Türkenkriegen. Während der napoleonischen Kriege wurde Mariahilf erneut zum Ziel großer öffentlicher Bitt- und Staatsprozessionen, wobei die Pfarrakten für die Jahre 1805, 1809 und 1813 Prozessionen mit bis zu 90.000 Teilnehmern nennen. Auch hier sind die überlieferten Zahlen als historische Größenangaben zu verstehen, doch vermitteln sie eine Vorstellung davon, welche Bedeutung der Wallfahrtsort in Zeiten kollektiver Bedrohung weiterhin besaß.
Der Vorgang ist volkskundlich besonders aufschlussreich, weil sich daran die zeitliche Anpassungsfähigkeit eines Gnadenbildkultes erkennen lässt. Die politische Gefahr hatte sich vollständig verändert, doch die religiöse Handlungsform blieb verfügbar: Ein Bild, das im späten 17. Jahrhundert mit der Erinnerung an die osmanische Bedrohung verbunden worden war, konnte zu Beginn des 19. Jahrhunderts ebenso zum Mittelpunkt von Gebeten während der napoleonischen Kriege werden. Gnadenbilder besitzen in diesem Sinn kein ausschließlich an ihren Entstehungsanlass gebundenes Bedeutungsrepertoire; ihre einmal etablierte Schutzfunktion lässt sich in neue Krisen übersetzen.
Einen tiefgreifenden Einschnitt bedeuteten die kirchenpolitischen Reformen Josephs II. Im Jahr 1783 wurde Mariahilf zur Pfarrkirche erhoben und durfte nach der Darstellung der Pfarrgeschichte nicht länger ausschließlich Wallfahrtskirche sein, womit die starke Spezialisierung des Ortes auf Wallfahrt und Gnadenbildverehrung zugunsten einer regulären territorialen Pfarrseelsorge zurückgedrängt werden sollte. In diesem Zusammenhang entstanden unter anderem eine Taufkapelle sowie soziale Einrichtungen für die Bevölkerung des neuen Pfarrgebietes.
Für die österreichische Wallfahrtsgeschichte ist diese Entwicklung geradezu typisch, weil die josephinischen Reformen zahlreiche traditionelle Bruderschaften, Prozessionen und Wallfahrtsformen einschränkten oder aufhoben und eine stärker rationalisierte Pfarrorganisation anstrebten. In Mariahilf gelang es jedoch nicht, den Gnadenbildkult dauerhaft zu beseitigen; die Kirche erhielt vielmehr eine doppelte Funktion, indem sie reguläre Pfarrkirche wurde und zugleich Wallfahrtsstätte blieb.
Diese Überlagerung prägt Mariahilf bis in die Gegenwart. Der Ort ist weder ein ausschließlich historisches Gnadenheiligtum noch bloß eine gewöhnliche Stadtpfarrkirche, sondern verbindet beide Funktionen, wodurch sich in einem einzigen Kirchenraum unterschiedliche Formen katholischer Religiosität begegnen.
Die außerordentliche Verbreitung des Cranachschen Mariahilf-Motivs verweist auf die zentrale Rolle von Kopien und Andachtsbildern in der frühneuzeitlichen Wallfahrtskultur. Das Wiener Bild selbst ist eine Kopie des Innsbrucker Urbildes, wurde aber seinerseits zu einem eigenständigen Gnadenbild, dessen Verehrung wiederum durch kleinere Reproduktionen in Häuser, Klöster und andere Kirchen weitergetragen werden konnte.
Für die Volkskunde ist dabei entscheidend, dass eine solche Kopie nicht notwendig als minderwertiger Ersatz verstanden wurde. Sobald sich Gebet, Wallfahrt und Erhörungsüberlieferung an einen konkreten Bildträger banden, konnte dieser eine eigene sakrale Identität ausbilden, wobei Herkunft und Ähnlichkeit mit dem berühmten Urbild zunächst religiöse Autorität vermittelten, während die lokale Verehrung anschließend eine neue Kultgeschichte entstehen ließ.
Gerade Mariahilf zeigt damit beispielhaft die Vervielfältigbarkeit religiöser Bilder: Das Original verbleibt in Innsbruck, eine Kopie wird in Passau berühmt, eine weitere entwickelt sich in Wien zum Mittelpunkt einer großen Wallfahrt, und von all diesen Zentren gehen wiederum neue Bildkopien und Andachtsformen aus. Es entsteht kein einfaches Verhältnis zwischen einem einzigen Original und bedeutungslosen Reproduktionen, sondern ein Netzwerk miteinander verwandter Gnadenstätten, deren lokale Kultgeschichte jeweils eigenständig werden kann.
Eine außergewöhnliche Form kultureller Ausstrahlung besitzt Mariahilf dadurch, dass der Name des Gnadenbildes dauerhaft in die Wiener Stadtgeographie eingegangen ist. Die nach dem Heiligtum benannte Vorstadt Mariahilf wurde später Teil des 6. Wiener Gemeindebezirks, der bis heute denselben Namen trägt; auch die Mariahilfer Straße steht historisch in diesem Namenszusammenhang. Die heutige Pfarrdarstellung weist ausdrücklich darauf hin, dass die jahrhundertelange Bedeutung des Gnadenortes letztlich zur dauerhaften Verankerung des Namens "Mariahilf" in Bezirk und Straßenraum führte.
Damit hat ein zunächst in einer kleinen Friedhofskapelle aufgestelltes Marienbild eine Wirkung entfaltet, die weit über den engeren kirchlichen Bereich hinausreicht. Der Kult bestimmte nicht nur die Geschichte eines Gotteshauses, sondern prägte die Benennung eines ganzen Stadtteils, sodass ein religiöser Hilferuf des 17. Jahrhunderts bis heute täglich in einem scheinbar rein geographischen Begriff weiterlebt.
Die Geschichte des Gnadenbildes wurde in regelmäßigen Jubiläumsfeiern bewusst erinnert und erneuert. Die Pfarre nennt große Feiern zum hundertjährigen Jubiläum 1760, zum zweihundertjährigen Gedenkjahr 1860, zur 250-Jahrfeier 1910 und zur 300. Wiederkehr der Aufstellung des Gnadenbildes 1960, wobei insbesondere die Feiern von 1760 und 1860 nach der Chronik neben ihren religiösen Elementen auch den Charakter großer weltlicher Volksfeste annahmen.
Solche Jubiläen gehören zur eigentlichen Funktionsweise eines langlebigen Wallfahrtsortes, weil sie die Vergangenheit nicht nur erinnern, sondern regelmäßig neu vergegenwärtigen. Historische Ereignisse wie die Aufstellung oder Rückführung eines Gnadenbildes werden dadurch in zyklische Feste übersetzt, bei denen eine neue Generation dieselbe Geschichte erneut erzählt, feiert und mit eigenen Erfahrungen verbindet.
Die historische Wallfahrt nach Mariahilf ist nicht erloschen. Einige Pfarren aus Wien und Niederösterreich ziehen weiterhin regelmäßig zum Gnadenbild, wobei die heutige Pfarre beispielhaft die jährlich kommende Gruppe aus Stammersdorf nennt; darüber hinaus werden Pilgergruppen während des ganzen Jahres ausdrücklich willkommen geheißen.
Eine feste Form der heutigen Wallfahrt ist der Wallfahrtstag am 13. jedes Monats, an dem Beichtgelegenheit, gemeinsamer Rosenkranz, Lichterprozession und eine feierliche Messe mit Gastprediger miteinander verbunden werden. Die konkrete monatliche Form muss dabei nicht als seit dem 17. Jahrhundert unverändert fortbestehendes Ritual verstanden werden; entscheidend ist vielmehr, dass sie die jahrhundertealte Wallfahrtstradition in einer den heutigen Bedingungen entsprechenden Gestalt weiterführt und das Gnadenbild weiterhin als Mittelpunkt gemeinschaftlicher Bitte und Dankbarkeit erfahrbar macht.
Gerade die Lage an einer der meistfrequentierten Einkaufsstraßen Wiens verleiht dieser Wallfahrt heute einen ungewöhnlichen Charakter. Der Gegensatz zwischen dem kommerziell geprägten Stadtraum und dem unmittelbar daran anschließenden Kirchenraum wird von der Pfarre selbst aufgegriffen, die den Wallfahrtsort als einen Platz der Sammlung und Stille versteht; dadurch entsteht eine moderne Form urbaner Wallfahrt, bei der die religiöse Distanz zum Alltag nicht durch einen langen Weg in eine abgelegene Landschaft, sondern durch das bewusste Heraustreten aus dem unmittelbaren Rhythmus der Großstadt hergestellt wird.
Die besondere volkskundliche Bedeutung der Mariahilfer Kirche liegt zunächst in der fast beispielhaften Entwicklung vom kleinen Andachtsbild zum großen Wallfahrtszentrum. Der Kult beginnt nicht mit einem spektakulären lokalen Erscheinungswunder, sondern mit der öffentlichen Aufstellung einer Kopie eines bereits verehrten Bildes, wobei diese Kopie durch das wiederholte Gebet der Besucher eine eigene religiöse Bedeutung gewinnt, zunehmend Menschen anzieht und dadurch zunächst die Errichtung einer Steinkapelle und später mehrfach größere Kirchenbauten erforderlich macht.
Dieser Vorgang zeigt, dass die sakrale Autorität eines Bildes nicht notwendig an seine kunsthistorische Einmaligkeit gebunden ist. Die Wiener Madonna wird nicht deshalb bedeutend, weil sie von Lucas Cranach selbst gemalt worden wäre, sondern weil Menschen sie über Generationen hinweg als Ort besonderer Fürsprache verstehen, zu ihr wallfahren, ihre Hilfe erbitten und ihre Geschichte weitererzählen; gerade darin liegt ein grundlegender Unterschied zwischen der kunsthistorischen und der volksreligiösen Bewertung eines Bildes.
Eine weitere Bedeutungsschicht entsteht durch die Erfahrung politischer und militärischer Bedrohung. Das gerettete Gnadenbild von 1683 wird mit der Erinnerung an die Türkenbelagerung verbunden, seine feierliche Rückführung 1689 wird zu einem großen gemeinschaftlichen Ritual, und während der napoleonischen Kriege wird dieselbe Schutzvorstellung erneut aktiviert. Die Madonna dient dadurch sowohl persönlichen Anliegen als auch kollektiven Ängsten und kann zwischen privater Andacht, städtischer Identität und staatlich inszenierter Bittprozession vermitteln.
Ebenso bemerkenswert ist die Wandlungsfähigkeit des Wallfahrtsortes unter veränderten kirchlichen Bedingungen. Joseph II. versuchte, die ausschließliche Wallfahrtsfunktion zugunsten der regulären Pfarrseelsorge zurückzudrängen, ohne den Kult dauerhaft zum Verschwinden zu bringen; im 19. und 20. Jahrhundert wandelten sich die Formen der Wallfahrt mehrfach, während das Bild und der Ort ihre religiöse Kontinuität bewahrten. Gerade diese Fähigkeit, neue gesellschaftliche und liturgische Formen aufzunehmen, erklärt wesentlich, weshalb Mariahilf nicht zu einem bloß historischen Erinnerungsort geworden ist.
Schließlich besitzt die Wallfahrt eine ungewöhnliche stadtgeschichtliche Dimension, weil der Kultname in die Topographie einging und bis heute als Bezeichnung eines Wiener Bezirks und einer der bekanntesten Straßen der Stadt fortlebt. Aus einem religiösen Ruf um Hilfe wurde ein Ortsname, dessen ursprüngliche Bedeutung vielen Menschen im alltäglichen Gebrauch kaum mehr bewusst sein dürfte; gerade darin zeigt sich jedoch, wie tief historische Frömmigkeit in die Struktur und Sprache einer Stadt eingreifen kann.
- Waldemar Posch: Quellen und Daten zur Geschichte der Mariahilfer Kirche . In: Wiener Geschichtsblätter, 10. Jahrgang, Wien 1955, S. 8–13.
- Waldemar Posch: Wallfahrtskirche Mariahilf, Wien. Die Mariahilfer Kirche zu Wien . Christliche Kunststätten Österreichs, Nr. 53, mehrfach aufgelegt, zuletzt u. a. Salzburg 2008.
- Festschrift anlässlich des 200-jährigen Jubiläums Mariahilf zu Wien . Wien 1860; von der Pfarre als Quelle für die Überlieferung zur großen Rückführung des Gnadenbildes von 1689 herangezogen.
- Waldemar Posch: "Der Urheber der Gnadenstätte Mariahilf". In: Festausgabe des Mariahilfer Pfarrboten zur 300-Jahrfeier des Gnadenbildes, Wien 1960.
- Wolfgang Worsch SDS: "Das Gnadenbild". In: Festausgabe des Mariahilfer Pfarrboten zur 300-Jahrfeier des Gnadenbildes, Wien 1960.
- Pfarrarchiv und Pfarrverband Mariahilf und St. Josef ob der Laimgrube: historische Dokumentationen zur Mariahilfer Kirche, zum Gnadenbild und zur Wallfahrt.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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