| Wallfahrt: | Wien-Penzing, Mariabrunn – Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Heimsuchung und Gnadenbild Unsere Liebe Frau von Mariabrunn |
| Status: | Historisch große, stark reduzierte, aber weiterhin lebendige Marienwallfahrt. |
| Kultzentrum: | Das Gnadenbild Unsere Liebe Frau von Mariabrunn; der Brunnen bezeichnet den legendarischen Ursprungsort. |
| Ort: | Wien |
| Bezirk: | 14. Bezirk (Penzing) |
| Bundesland: | Wien |
| • | Lage: Hauptstraße 9, 1140 Wien. Die Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariabrunn liegt im 14. Wiener Gemeindebezirk Penzing am westlichen Rand des Stadtgebietes. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Wien |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Pfarre Mariabrunn |
| • | Öffnungszeiten: tagsüber geöffnet. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Die Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariabrunn im 14. Wiener Gemeindebezirk gehört zu den bedeutendsten historischen Marienwallfahrtsstätten des Wiener Raumes. Ihre Überlieferung reicht legendarisch bis in das 11. Jahrhundert zurück, während die organisierte Wallfahrt seit dem frühen 17. Jahrhundert durch archivalische Nachrichten außerordentlich gut fassbar wird. Über Jahrhunderte kamen Prozessionen aus Wiener Pfarren, Vororten und Gemeinden der Umgebung nach Mariabrunn, wobei die Anlässe von Pest und Krankheit über Frost, Ungeziefer und Ernteschäden bis zu persönlichen Gelübden reichten. Bruderschaften, Votivgaben, Andachtsbilder, Wallfahrtskreuze, Predigten und ein ausgedehntes Netz von Prozessionswegen machten den Ort zu einem wichtigen religiösen Zentrum am westlichen Rand Wiens. Trotz josephinischer Einschränkungen und des allgemeinen Rückganges traditioneller Wallfahrtsformen blieb der Kult bestehen; die Kirche führt bis heute offiziell die Bezeichnung Pfarr- und Wallfahrtskirche.
Die Entstehung Mariabrunns wird in einer vielschichtigen Legende erklärt, deren älteste Handlungsebene in das Jahr 1042 gesetzt wird. Königin Gisela, die Witwe des ungarischen Königs Stephan des Heiligen, soll auf einer Reise durch die waldreiche Landschaft entlang der Wien erkrankt sein und großen Durst verspürt haben. Ihre Begleiter hätten aus einer Quelle beziehungsweise einem Brunnen Wasser geschöpft und darin eine Marienstatue gefunden. Nachdem Gisela von diesem Wasser getrunken habe, sei sie wieder gesund geworden; aus Dankbarkeit habe sie über dem Brunnen eine hölzerne Kapelle errichten lassen.
Diese erste Kapelle soll später durch Hochwasser zerstört worden sein. Eine weitere Schicht der Legende erzählt, Soldaten des ungarischen Königs Matthias Corvinus hätten die Madonna im Jahr 1467 erneut in den Brunnen geworfen. Jahre später sei aus dem Wasser wunderbare Musik erklungen, worauf Soldaten Maximilians I. die Statue wiedergefunden und geborgen hätten; anschließend habe Maximilian eine neue steinerne Kapelle errichten lassen.
Eine solche Erzählung ist nicht als historische Chronik zu lesen. Die heute verehrte Marienstatue ist kunsthistorisch wesentlich jünger und wird gewöhnlich in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts beziehungsweise an die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert gesetzt, sodass sie nicht mit einer angeblich 1042 gefundenen Figur identisch sein kann.
Gerade darin liegt jedoch die volkskundliche Bedeutung der Legende. Sie verleiht dem Heiligtum eine weit zurückreichende sakrale Vergangenheit, verbindet den Ort mit einer Königin, einer Heilung, einer Quelle und einer zweimaligen wunderbaren Auffindung und erklärt damit, weshalb gerade dieser Platz als besonders ausgezeichnet gelten sollte. Die Legende schafft eine religiöse Tiefenzeit, in der der Gnadenort lange vor seiner archivalisch fassbaren Wallfahrt bereits als von Maria erwählter Platz erscheint.
Der Brunnen ist bis heute ein zentraler Bestandteil der Mariabrunner Kultlandschaft. Er bezeichnet jenen Ort, an dem die Madonna nach der Überlieferung erstmals gefunden worden sein soll, und bewahrt damit die Erinnerung an die legendarische Entstehung des Heiligtums außerhalb des eigentlichen Kirchenraumes.
Auf dem Brunnen befindet sich eine Darstellung beziehungsweise Nachbildung des Gnadenbildes; Inschriften erinnern an die angeblichen Auffindungen durch Königin Gisela und zur Zeit Maximilians I. Damit wird die Gründungsüberlieferung dauerhaft in die Landschaft eingeschrieben.
Der Brunnen besitzt deshalb eine andere Funktion als das Gnadenbild am Hochaltar. Während die Statue im Inneren Mittelpunkt von Liturgie und Wallfahrt wurde, bezeichnet der Brunnen den Ursprungspunkt der Legende. Der Wallfahrer begegnet somit zwei räumlich getrennten, aber inhaltlich eng miteinander verbundenen Kultorten: dem Gnadenbild und seiner erzählten Fundstelle.
Die Überlieferung verbindet das Wasser ausdrücklich mit Heilung. Daraus sollte jedoch nicht ohne weitere Belege geschlossen werden, dass in Mariabrunn zu allen Zeiten ein förmlich organisierter Heilquellenkult mit bestimmten medizinischen Indikationen bestanden habe. Sicher ist vielmehr, dass der Brunnen durch die Legende selbst sakrale Bedeutung erhielt.
Das Mariabrunner Gnadenbild ist eine aus Lindenholz geschnitzte Marienstatue, die kunsthistorisch wesentlich jünger ist als die legendäre Datierung des Kultes. Gerade dieser Gegensatz zwischen erzähltem Alter des Heiligtums und tatsächlichem Alter des erhaltenen Kultgegenstandes ist für die Erforschung von Wallfahrtsorten keineswegs ungewöhnlich.
Eine Wallfahrtslegende beschreibt nicht notwendigerweise die materielle Biographie eines Bildes. Sie erklärt vielmehr seine religiöse Bedeutung, bindet es an einen bestimmten Ort und schafft eine erinnerungswürdige Geschichte, durch welche die besondere Gnadenwirksamkeit verständlich gemacht werden soll.
Im Hochaltar der heutigen Kirche nimmt die Madonna die zentrale Stellung ein. Der barocke Aufbau ordnet sie in ein umfassendes theologisches Bildprogramm ein, ohne den ursprünglichen Gnadenbildcharakter aufzulösen. Die Statue bleibt der eigentliche Mittelpunkt des Kultes, während die Architektur ihre religiöse Bedeutung monumentalisiert.
Während die ältere Geschichte des Heiligtums wesentlich aus Legende und später Überlieferung erschlossen werden muss, wird die Wallfahrt zu Beginn des 17. Jahrhunderts archivalisch erstaunlich präzise fassbar.
Am 2. Juli 1610, dem Fest Mariä Heimsuchung, brachen einige Wiener Bürger zu einer Wallfahrt nach Mariabrunn auf. Ausgangspunkt war die zum Schottenstift gehörende Kirche St. Ulrich. Auf dem Weg schlossen sich weitere Gläubige mit Kreuzen und Fahnen an, sodass aus einer kleinen Gruppe eine große Prozession entstand.
In Mariabrunn wurden Predigt und gesungenes Hochamt gehalten. Auf dem Rückweg machte die Prozession in Maria Hietzing Halt und feierte dort die Vesper.
Damit lässt sich ein konkreter religiöser Bewegungsraum rekonstruieren:
St. Ulrich – Mariabrunn – Maria Hietzing – Wien.
Dieser Weg zeigt zugleich, wie eng die Wiener Wallfahrtsorte miteinander verbunden waren. Mariabrunn war nicht als isoliertes Heiligtum zu verstehen; es gehörte in ein Netz von Kirchen, Gnadenbildern, Prozessionsstationen und Rastorten, das den westlichen Wiener Raum religiös strukturierte.
Die Wallfahrt von 1610 blieb kein einmaliges Ereignis. Bereits 1611 und 1612 wurde sie wiederholt und zog immer mehr Teilnehmer an. Ab 1614 führte der Zug von der Schottenkirche selbst nach Mariabrunn.
Der zunehmende Erfolg veranlasste die Organisatoren, um eine förmliche kirchliche Genehmigung anzusuchen. Bischof Melchior Khlesl bestätigte am 11. Juni 1615 ausdrücklich die jährlich abzuhaltende Prozession zum Fest Mariä Heimsuchung.
Damit vollzog sich ein klassischer Institutionalisierungsprozess. Eine zunächst von Bürgern getragene Wallfahrt wurde regelmäßig wiederholt, gewann immer größere öffentliche Bedeutung und erhielt schließlich kirchliche Bestätigung.
Im Jahr 1632 schlossen sich die Teilnehmer zur Bruderschaft Maria Heimsuchung zusammen. Aus einer spontanen religiösen Initiative war damit eine dauerhaft organisierte Kultgemeinschaft geworden.
Bruderschaften gehörten zu den wichtigsten Trägern frühneuzeitlicher Wallfahrtskultur. Sie regelten Termine, Prozessionsordnungen, Gottesdienste, Fahnen, Musik und gemeinschaftliche Verpflichtungen und sicherten zugleich die Weitergabe eines Wallfahrtsgelübdes über Generationen.
In Mariabrunn lässt sich diese Organisationsform besonders gut beobachten. Die Bruderschaft stabilisierte einen Kult, der längst über den privaten Kirchenbesuch hinausgewachsen war.
Wallfahrt wurde dadurch Teil einer sozialen Identität. Wer mit der Bruderschaft zog, nahm nicht nur individuell an einer Andacht teil, sondern gehörte sichtbar einer religiösen Gemeinschaft an. Kleidung, Fahnen, Kreuze und Prozessionsordnung machten diese Zugehörigkeit im öffentlichen Raum erkennbar.
Zur frühen Wallfahrtsgeschichte gehört auch ein großes Kruzifix, das unter Beteiligung vieler Gläubiger nach Mariabrunn übertragen wurde und später seinen Platz am Kreuzaltar erhielt.
Ein solcher Gegenstand besitzt eine doppelte Bedeutung. Einerseits ist er selbst Kultobjekt, andererseits bewahrt er die Erinnerung an jene frühen Prozessionen, in denen das Heiligtum als gemeinsames Ziel der Wiener Bevölkerung etabliert wurde.
Damit besitzt Mariabrunn neben dem Gnadenbild und dem Ursprungsbrunnen einen weiteren materiellen Träger der Wallfahrtserinnerung.
Bereits wenige Jahre später schloss sich eine weitere bedeutende religiöse Gemeinschaft an. Die Maria-Verkündigungsbruderschaft der Jesuiten verlegte 1622 eine bisher nach Nikolsburg führende Wallfahrt nach Mariabrunn, nachdem eine Seuche die ursprüngliche Reise erschwert beziehungsweise verhindert hatte.
Auch diese Wallfahrt verband Prozession, Predigt, Hochamt und gemeinschaftliches Mahl miteinander und wurde über Jahrzehnte gepflegt.
Im Jahr 1731 entschloss sich die Bruderschaft allerdings, künftig zum Gnadenbild Maria Pötsch im Stephansdom zu ziehen. Die Mariabrunner Überlieferung bewahrte dazu eine fast humoristische Erklärung: Die Bewirtung der Wallfahrer soll im Vorjahr nicht zufriedenstellend gewesen sein.
Ob eine solche Begründung den Wechsel tatsächlich vollständig erklärt, sei dahingestellt. Volkskundlich ist die Überlieferung dennoch außerordentlich aufschlussreich, weil sie an einen oft unterschätzten Aspekt der Wallfahrt erinnert: Pilger mussten verpflegt und untergebracht werden.
Wallfahrt war nicht nur Gebet und Prozession, sondern auch Essen, Trinken, Rast, Unterkunft und soziale Begegnung. Die Qualität dieser Versorgung konnte daher für die dauerhafte Bindung einer Wallfahrergruppe an einen Ort durchaus Bedeutung besitzen.
Die stark wachsende Bedeutung Mariabrunns führte schließlich zu einer grundlegenden baulichen Neuordnung. Kaiser Ferdinand II. förderte den Ort und berief 1630 die Augustiner-Barfüßer nach Mariabrunn. Nach seinem Tod führte Ferdinand III. das Vorhaben weiter und legte am 1. April 1639 persönlich den Grundstein zur neuen Kirche.
Der Bau wurde im Wesentlichen nach Plänen des italienischen Architekten Filiberto Lucchese ausgeführt und 1655 vollendet.
Die heutige Barockkirche ist damit nicht Ursache der Wallfahrt, sondern deren bauliches Ergebnis. Der Kult bestand bereits seit Jahrzehnten und hatte so große Bedeutung erlangt, dass er eine monumentale architektonische Fassung erhielt.
Gerade darin liegt ein charakteristisches Merkmal erfolgreicher Wallfahrtsorte: Das Heiligtum wächst mit dem Kult.
Ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts entstand um Mariabrunn ein weit verzweigtes Netz regelmäßig wiederkehrender Pfarr- und Gelöbniswallfahrten.
1670 wird Gießhübel genannt. 1674 zog Ottakring nach Mariabrunn, um die Abwendung von Käfern und anderem schädlichen Ungeziefer in den Weinbergen zu erbitten. 1679 folgten Speising, Baumgarten und Mauer, 1692 Lainz und Hütteldorf.
1694 kamen Salmannsdorf, Neustift und Sievering aufgrund eines schweren Reifereignisses, 1702 schloss sich die Bürgerbruderschaft der Kirche Am Hof an.
Diese Wallfahrten gehören zu den volkskundlich wertvollsten Quellen der Mariabrunner Kultgeschichte, weil sich an ihnen die konkreten Lebensprobleme frühneuzeitlicher Gemeinschaften ablesen lassen.
Die Wallfahrt der Ottakringer war unmittelbar mit dem Weinbau verbunden. Käfer und andere Schädlinge konnten ganze Ernten bedrohen und damit die wirtschaftliche Existenz einer Gemeinde gefährden. In einer solchen Situation wurde Maria nicht nur um persönliche Hilfe angerufen, sondern um Schutz eines gemeinschaftlichen Lebensraumes.
Ähnlich verhielt es sich mit den Wallfahrten nach Frost- und Reifschäden. Wetterereignisse, gegen die menschliche Maßnahmen kaum Schutz boten, wurden in ein religiöses Handlungssystem eingebunden: Die Gemeinde versprach oder vollzog eine Wallfahrt, bat um Abwendung der Gefahr und wiederholte die Prozession später als Ausdruck des Dankes beziehungsweise der Verpflichtung.
Die Ottakringer Wallfahrt besitzt innerhalb dieser Tradition einen besonders charakteristischen Platz. Sie entstand aus der Sorge um die Weinberge und wurde an bestimmten Freitagen durchgeführt, die später als "Käferfreitage" in Erinnerung blieben.
Eine solche Wallfahrt verbindet agrarische Ökonomie und religiöse Frömmigkeit unmittelbar miteinander. Das Heiligtum wird zum Ort, an dem eine Gemeinschaft ihre existenziellen Sorgen öffentlich formuliert.
Dabei ist die Bitte um Schutz der Reben nicht als Randerscheinung zu verstehen. In einer von Landwirtschaft und Weinbau geprägten Gesellschaft konnten Schädlingsbefall oder Frost den Lebensunterhalt eines ganzen Dorfes bedrohen.
Wallfahrt war damit zugleich eine Form der gemeinschaftlichen Krisenbewältigung.
Besonders eindrucksvoll ist die Wallfahrt der Alservorstadt während der Pest von 1713. Die Gemeinde gelobte eine jährlich wiederkehrende Wallfahrt nach Mariabrunn, die erstmals am 24. April desselben Jahres durchgeführt wurde.
Ein solches Gelübde gehört zum klassischen Typus der Votivwallfahrt. Eine Gemeinschaft gerät in eine existenzielle Notlage und verpflichtet sich gegenüber einem Heiligen oder Gnadenbild zu einer bestimmten religiösen Handlung, falls Hilfe gewährt oder die Gefahr abgewendet wird.
Aus dem einmaligen Versprechen kann eine jahrhundertelange Tradition entstehen. Die Verpflichtung wird nicht mehr nur von den ursprünglichen Gelobenden getragen, sondern von deren Nachkommen beziehungsweise der Gemeinde als Ganzes übernommen.
Gerade diese Weitergabe macht Gelöbniswallfahrten zu einem wichtigen Bestandteil kollektiver Erinnerung.
Mariabrunn war Ziel zahlreicher solcher Prozessionen, die aus den verschiedensten Teilen Wiens und seines Umlandes kamen.
Damit entstand kein sternförmig auf einen einzigen Ort ausgerichtetes System, sondern ein dichtes Netz gegenseitiger Beziehungen. Wallfahrer kamen aus St. Ulrich, vom Schottenstift, aus Ottakring, Hütteldorf, Lainz, Speising, Baumgarten, Mauer, Sievering und anderen Orten; auf einzelnen Wegen wurden wiederum weitere Gnadenstätten wie Maria Hietzing besucht.
Eine Wallfahrt strukturierte dadurch nicht nur Zeit, sondern auch Raum. Bestimmte Straßen, Wege, Bildstöcke, Rastorte und Kirchen erhielten aufgrund des regelmäßig wiederholten Durchzuges religiöse Bedeutung.
Der Weg selbst wurde Teil des Kultes.
Besonders anschaulich ist eine Beschreibung der Schottenwallfahrt aus dem frühen 18. Jahrhundert. Der Tag begann bereits gegen fünf Uhr morgens mit dem Aufbruch aus Wien. Nach dem Weg nach Mariabrunn folgten Gottesdienst und weitere Andachten; zu Mittag wurde in Hütteldorf Rast gehalten.
Auf dem Rückweg wurde in Maria Hietzing Vesper und Litanei gebetet, anschließend gab es einen Empfang bei den Karmeliten auf der Laimgrube, bevor der Zug in der Schottenkirche mit einem Te Deum abgeschlossen wurde.
Damit wird deutlich, dass Wallfahrt nicht nur aus dem Erreichen eines Zieles bestand.
Der gesamte Tagesablauf war ritualisiert: Aufbruch, gemeinsamer Weg, Gesang, Gebet, Messe, Predigt, Mahl, Rast, Besuch weiterer Heiligtümer und feierlicher Abschluss bildeten zusammen eine religiöse Choreographie.
Zu einem großen Wallfahrtsort gehörte ein entsprechendes Votivwesen. Für Mariabrunn ist überliefert, dass zeitweise acht Wachszieher nicht ausreichten, um sämtliche von den Pilgern verlangten Weihegeschenke herzustellen.
Dieses Detail ist volkskundlich außerordentlich wertvoll, weil es eine konkrete Vorstellung vom Umfang des Wallfahrtsbetriebes vermittelt.
Wachs war eines der wichtigsten Materialien traditioneller Votivkultur. Daraus wurden Kerzen, Körperteile, Tiere, kleine Figuren und andere symbolische Opfergaben gefertigt. Je nach Anliegen konnte das Votiv die erbetene Hilfe darstellen, einen geheilten Körperteil abbilden oder einfach den Dank des Pilgers materialisieren.
Die große Nachfrage schuf zugleich eine eigene wirtschaftliche Infrastruktur. Wallfahrt ernährte nicht nur Geistliche und Wirte, sondern auch Wachszieher, Devotionalienhändler und andere Handwerker.
Religiöse Frömmigkeit und lokale Ökonomie waren eng miteinander verbunden.
Auch Votivbilder gehörten zur Mariabrunner Kultlandschaft. Einzelne historische Exemplare haben sich erhalten und dokumentieren unter anderem bestimmte Wallfahrergruppen und Prozessionen.
Ein Votivbild besitzt eine besondere Funktion innerhalb der Wallfahrt. Es bewahrt nicht nur die Erinnerung an eine als wundersam verstandene Hilfe, sondern macht diese Erfahrung öffentlich.
Was zunächst nur zwischen einem einzelnen Menschen und dem Gnadenbild geschehen sein soll, wird durch das Bild Teil des kollektiven Wissens des Heiligtums.
Je mehr solcher Zeugnisse sichtbar werden, desto stärker bestätigt sich für spätere Besucher der Ruf des Ortes.
Während der Zweiten Wiener Türkenbelagerung wurde auch Mariabrunn schwer betroffen. Kirche und Kloster erlitten Schäden, das Gnadenbild musste in Sicherheit gebracht werden.
Bemerkenswert ist jedoch, dass bereits am 2. Juli 1684 wieder zahlreiche Prozessionen nach Mariabrunn kamen, obwohl die Marienstatue nach der Überlieferung noch nicht endgültig an ihren Platz zurückgebracht worden war.
Dies zeigt, wie weit die religiöse Bedeutung des Heiligtums inzwischen über den einzelnen Kultgegenstand hinausgewachsen war.
Der Ort selbst war heilig geworden.
Das Gnadenbild blieb zwar Mittelpunkt der Wallfahrt, doch jahrzehntelange Prozessionen, Gelübde und Mirakelerzählungen hatten die sakrale Identität so stark mit Mariabrunn als Platz verbunden, dass selbst die zeitweilige Abwesenheit der Statue die Wallfahrt nicht beendete.
Der heutige Hochaltar entstand 1768 unter Beteiligung des Augustiner-Ordensbruders Cajetanus und bildet den monumentalen Mittelpunkt des barocken Kirchenraumes.
In seinem Zentrum steht das Gnadenbild, eingebettet in ein theologisches Programm mit Gottvater, Heiligem Geist, Engeln und Heiligenfiguren. Augustinus und Monika verweisen zugleich auf die Ordensgeschichte der Augustiner.
Der Hochaltar macht sichtbar, wie die ursprünglich schlichte Wallfahrt zu einem Gnadenbild in eine hochentwickelte barocke Bild- und Raumtheologie überführt wurde.
Die Madonna bleibt dabei der emotionale und kultische Mittelpunkt, während die übrige Ausstattung ihre Bedeutung theologisch deutet.
Im Jahr 1736 entstanden sieben große Leinwandbilder, welche die Geschichte des Heiligtums und die Gründungslegende Mariabrunns darstellen.
Solche Bilderfolgen erfüllten eine wichtige didaktische Funktion. Nicht jeder Pilger konnte lesen oder besaß ein gedrucktes Wallfahrtsbuch; die Legende musste daher im Kirchenraum selbst verständlich werden.
Die Bilder übersetzten Erzählung in Anschauung.
Der Wallfahrer konnte die Geschichte der Königin Gisela, des Brunnens, der Auffindung und der Wiederentdeckung betrachten und dadurch den eigenen Besuch in eine viel ältere religiöse Geschichte einordnen.
Neben dem marianischen Hauptkult entwickelte sich in Mariabrunn eine zusätzliche Andacht um den sogenannten Wiesheiland.
1723 wurde eine eigene Kapelle errichtet, in der später eine drastisch gestaltete Darstellung des gegeißelten Christus verehrt wurde. Die ursprüngliche Fassung betonte die Verwundungen des Körpers besonders stark und entsprach damit jener emotionalen Passionsfrömmigkeit, die im 18. Jahrhundert weit verbreitet war.
Für eine eigenständige Wallfahrt zum Wiesheiland fehlen jedoch eindeutige Belege. Er sollte daher als wichtige zusätzliche Andachtsschicht des Wallfahrtsortes verstanden werden, nicht als eigenes Wallfahrtszentrum.
Mariabrunn war außerdem ein bedeutender Ort der Eustachiusverehrung.
1690 wurde eine Bruderschaft zu Ehren des hl. Eustachius gegründet, und ab 1692 fanden jährlich Jägermessen statt. Eustachius galt aufgrund seiner berühmten Hirschlegende als besonderer Schutzpatron der Jäger.
Diese Tradition wurde erst 1846 in die Nikolaikapelle beim Lainzer Tiergarten verlegt, die damals als kaiserliche Jagdkapelle eingerichtet worden war.
Damit lässt sich zugleich eine interessante Kultwanderung beobachten: Eine berufs- und standesbezogene Andacht verlässt einen großen Wallfahrtsort und wird an einen neuen, funktional besser passenden Platz übertragen.
Mit Mariabrunn ist auch der berühmte Augustiner-Barfüßer Abraham a Sancta Clara verbunden. Er trat 1662 in den Orden ein und verbrachte einen Teil seiner frühen Ordenszeit im Mariabrunner Kloster; später war er dort auch in leitender Funktion tätig.
Seine Verbindung zu Mariabrunn gehört zur Kulturgeschichte des Klosters, sollte jedoch nicht mit der Entstehung der Wallfahrt vermischt werden.
Der Wallfahrtsort bestand bereits lange vor Abrahams Eintritt in das Kloster.
Die Reformen Josephs II. trafen das Wallfahrtswesen in Mariabrunn schwer.
1782 wurde die Zahl öffentlicher Prozessionen erheblich eingeschränkt, 1783 wurden Bruderschaften aufgehoben und damit zentrale organisatorische Träger der Wallfahrt beseitigt. Die traditionelle große Schottenwallfahrt fand am 2. Juli 1783 zum letzten Mal in ihrer bisherigen öffentlichen Form statt.
Doch die Wallfahrt verschwand nicht.
Für 1795 werden noch 34, für 1796 noch 32 und für 1797 sogar 36 Wallfahrten nach Mariabrunn genannt. Auch die Schotten kamen weiterhin, mussten ihre gelobte jährliche Andacht jedoch stiller und ohne den früheren Prozessionsaufwand durchführen.
Gerade dieser Befund ist für die österreichische Religionsgeschichte außerordentlich wichtig.
Staatliche Verbote konnten Fahnen, Geläut, Bruderschaften und öffentliche Prozessionsformen einschränken, aber sie konnten die über Generationen entstandene Bindung zwischen einer Gemeinde und ihrem Wallfahrtsort nicht ohne Weiteres beseitigen.
Die Wallfahrt wurde äußerlich reduziert, blieb innerlich jedoch bestehen.
Gelobte Wallfahrten besitzen eine besondere Form von historischem Gedächtnis.
Wenn eine Gemeinde nach einer Pest, einem Frost oder einer anderen Katastrophe jährlich nach Mariabrunn zog, erinnerte jede neue Prozession zugleich an jene ursprüngliche Notlage, welche das Gelübde hervorgerufen hatte.
Selbst wenn spätere Generationen das konkrete Ereignis nicht mehr persönlich erlebt hatten, wiederholten sie die Handlung ihrer Vorfahren.
Der Weg wurde dadurch zum Träger historischen Gedächtnisses.
Wallfahrt war nicht nur Bewegung im Raum, sondern ebenso eine Bewegung durch die Zeit.
Mariabrunn gehört zu jenen Wallfahrtsorten, an denen sich nahezu das gesamte Spektrum frühneuzeitlicher Wallfahrtskultur beobachten lässt.
Eine alte Ursprungslegende verbindet Quelle, Wunderheilung, königliche Stiftung und wunderbare Wiederauffindung. Ein Gnadenbild bildet den materiellen Mittelpunkt. Ab 1610 wird die Prozessionsgeschichte archivalisch greifbar; Bruderschaften übernehmen die Organisation, kirchliche Autoritäten bestätigen die Wallfahrt, Kaiser fördern den Ausbau, und zahlreiche Gemeinden schließen sich mit eigenen Gelübden an.
Die Gründe des Pilgerns reichen von persönlicher Frömmigkeit bis zu kollektiven Existenzängsten. Pest, Frost, Reif, Schädlingsbefall und Ernteeinbußen werden in religiöse Handlungsmuster übersetzt.
Besonders aufschlussreich ist die soziale Breite des Wallfahrtsbetriebes. Bürger, Bauern, Weinbauern, Ordensleute, Bruderschaften und Angehörige unterschiedlichster Wiener Gemeinden treffen am selben Heiligtum zusammen.
Die Wallfahrt verbindet dadurch Menschen, die im Alltag verschiedenen sozialen und räumlichen Zusammenhängen angehören.
Mariabrunn zeigt zugleich deutlich, dass Wallfahrt immer auch wirtschaftliche Folgen hatte.
Pilger benötigten Kerzen, Votive, Andachtsbilder, Speisen, Getränke und Unterkunft. Wachszieher, Wirte und Devotionalienhändler profitierten unmittelbar vom Zustrom.
Der Hinweis auf acht gleichzeitig beschäftigte Wachszieher vermittelt eine Vorstellung davon, welche Dimensionen diese Nachfrage zeitweise annehmen konnte.
Gerade solche Details bewahren die Wallfahrt davor, als rein geistiges Phänomen missverstanden zu werden.
Sie war eine Form religiöser Praxis, die tief in Sozialstruktur, Handwerk und Ökonomie eines Ortes eingriff.
Mariabrunn bietet ein besonders gutes Beispiel dafür, wie Legende und historische Forschung nebeneinander behandelt werden können, ohne einander auszuschließen.
Historisch nicht nachweisbar ist die Auffindung der heute verehrten Madonna durch Königin Gisela im Jahr 1042. Ebenso gehört die wunderbare Musik aus dem Brunnen in den Bereich der Kultlegende.
Historisch sicher belegbar sind dagegen die Wallfahrten seit 1610, die bischöfliche Bestätigung von 1615, die Bruderschaft von 1632, zahlreiche Gelöbniswallfahrten, die barocke Wallfahrtsinfrastruktur und die josephinischen Einschränkungen.
Die Legende ist dadurch jedoch keineswegs wertlos.
Sie gehört selbst zur Geschichte des Wallfahrtsortes, weil sie über Jahrhunderte erzählt, gemalt, gedruckt und am Ursprungsbrunnen vergegenwärtigt wurde.
Die historische Frage lautet deshalb nicht nur, ob die Geschichte "wirklich geschehen" ist, sondern ebenso, was Menschen über Jahrhunderte glaubten, erzählten und daraus religiös ableiteten.
Der historische Wallfahrtsbetrieb hat gegenüber seiner barocken Blütezeit deutlich an Umfang verloren, ist jedoch nicht vollständig erloschen.
Mariabrunn wird weiterhin ausdrücklich als Pfarr- und Wallfahrtskirche bezeichnet, und verschiedene Gemeinden pflegen alte Gelöbnis- und Pfarrwallfahrten beziehungsweise knüpfen bewusst an diese Traditionen an.
Unter den mit Mariabrunn verbundenen Gruppen befinden sich bis in die jüngere Zeit unter anderem Baumgarten, Hütteldorf, Ober St. Veit und Grinzing.
Die heutige Situation lässt sich deshalb am treffendsten als historisch große, stark reduzierte, aber weiterhin lebendige Marienwallfahrt charakterisieren.
- Gustav Gugitz: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch . Band 1: Wien. Wien.
- Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariabrunn: historische Dokumentationen zur Kirche, zum Gnadenbild und zur Wallfahrt.
- Archiv des Schottenstiftes Wien: Quellen zur Schottenwallfahrt nach Mariabrunn seit 1610.
- Historische Andachtsbücher und Wallfahrtsordnungen des 17. und 18. Jahrhunderts zur Mariabrunner Prozession.
- Dokumentationen der Erzdiözese Wien zur Geschichte der Gelöbniswallfahrten nach Mariabrunn.
- Lokalhistorische Forschungen zu Mariabrunn, Hütteldorf, Ottakring und den historischen Wallfahrtswegen im westlichen Wiener Raum.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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