Wien, Maria am Gestade – Wallfahrtskirche Maria Stiegen und Heiligtum des hl. Klemens Maria Hofbauer

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Wallfahrt:Wien, Maria am Gestade – Wallfahrtskirche Maria Stiegen und Heiligtum des hl. Klemens Maria Hofbauer
Status:Lebendige Wallfahrtskirche der Redemptoristen; gegenwärtiger Schwerpunkt ist die Verehrung des hl. Klemens Maria Hofbauer.
Kultzentrum:Gegenwärtig vor allem der Reliquienschrein des hl. Klemens Maria Hofbauer.
Ort:Wien
Bezirk:1. Bezirk (Innere Stadt)
Bundesland:Wien
Lage und Besuch
Lage: Passauer Platz, Salvatorgasse 12, 1010 Wien.
Maria am Gestade liegt im 1. Wiener Gemeindebezirk am Rand des historischen Passauer Platzes und oberhalb der Gasse Am Gestade. Der Zugang ist sowohl von der Salvatorgasse als auch über die charakteristische Stiegenanlage möglich.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Wien
Ansicht in Street View
Web: Redemptoristekolleg Maria am Gestade
Öffnungszeiten: zu den üblichen Kirchenöffnungszeiten.
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Bilddokumentation
Ausführliche Beschreibung

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Außenansicht:

Maria am Gestade, Wien

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Eingang am Südwestportal:

Maria am Gestade, Wien

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Gnadenbild "Unsere Liebe Frau von der immerwährenden Hilfe" am Josefsaltar:

Maria am Gestade, Wien

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Reliquienschrein des Wiener Stadtpatrons hl. Klemens Maria Hofbauer:

Maria am Gestade, Wien

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Votivtafeln zum Dank an den hl. Klemens:

Maria am Gestade, Wien

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Ausführliche Beschreibung

Die Kirche Maria am Gestade, im älteren Wiener Sprachgebrauch auch "Maria Stiegen" genannt, gehört nicht nur zu den bedeutendsten erhaltenen gotischen Sakralbauten der Stadt, sondern besitzt eine vielschichtige Wallfahrts- und Frömmigkeitsgeschichte. Die heutige Ordensgemeinschaft der Redemptoristen bezeichnet Maria am Gestade ausdrücklich als "Wallfahrtskirche im Herzen der Stadt". In dieser Bezeichnung überlagern sich allerdings mehrere, zeitlich weit auseinanderliegende Kultschichten: eine alte, mit Schiffern und einem heute verlorenen Marienbild verbundene Überlieferung, die Verehrung einer späteren Marienstatue, die volkstümliche Deutung des Namens "Maria Stiegen" durch die Vorstellung einer "Scala coeli" oder Himmelsleiter und schließlich, seit dem 19. Jahrhundert, die bis heute lebendige Verehrung des Wiener Stadtpatrons Klemens Maria Hofbauer, dessen Reliquien in der Kirche ruhen.

Damit unterscheidet sich Maria am Gestade von Wallfahrtsorten, deren Geschichte sich auf ein einziges Gnadenbild oder ein bestimmtes Mirakel zurückführen lässt. Die Kirche selbst wurde über viele Jahrhunderte immer wieder neu religiös gedeutet. Ihre ungewöhnliche Lage über dem ehemaligen Donauufer, ihre Treppenwege, die mittelalterliche Marienverehrung und schließlich das Grab eines populären Heiligen machten sie zu einem Ort, an dem topographische, legendarische und kultische Traditionen ineinandergriffen.

Die Kirche am ehemaligen Donauufer

Der Name "Maria am Gestade" erinnert an die historische Lage der Kirche am Hochufer eines Donauarmes. Das Wort "Gestade" bezeichnet das Ufer beziehungsweise den erhöhten Rand eines Gewässers. Vor den neuzeitlichen Veränderungen des Wiener Donauraumes lag die Kirche wesentlich unmittelbarer über dem Wasser als heute. Die steilen Wege vom tiefer gelegenen Uferbereich zur Kirche prägten zugleich die ältere Bezeichnung "Maria Stiegen". Noch heute führt eine markante Stiegenanlage von der Umgebung des Tiefen Grabens und des Concordiaplatzes zur erhöht liegenden Kirche.

Gerade diese topographische Situation war für die religiöse Wahrnehmung des Ortes von Bedeutung. Nach der Wallfahrtsüberlieferung suchten besonders Schiffer und Fischer die Marienkirche auf. Robert Fischer und Annemarie Stoll berichten von einem ersten, später verlorenen Gnadenbild, das deshalb als "Fischermadonna" bezeichnet worden sei. Die Donauschiffer hätten vor diesem Marienbild um eine glückliche Fahrt gebetet. Das Bild selbst ist nicht mehr erhalten.

Für eine historische Darstellung ist allerdings zwischen dieser kultischen Überlieferung und der gesicherten Baugeschichte zu unterscheiden. Die Legende führt den Ursprung der Kirche bis in das 9. Jahrhundert zurück und verbindet ihn mit einem Passauer Bischof, der an dieser Stelle für die Schiffer eine Kapelle errichten habe lassen. Eine solche Gründung ist urkundlich nicht gesichert. Die Kirche lässt sich zuverlässig erst im Hochmittelalter nachweisen; ihre mittelalterliche Geschichte stand lange in enger Beziehung zum Bistum Passau, das in Wien umfangreiche Rechte und Besitzungen besaß.

Die mittelalterliche Marienkirche

Die heutige Gestalt von Maria am Gestade entstand im Wesentlichen während des 14. und frühen 15. Jahrhunderts. Der hochgotische Chor wurde im 14. Jahrhundert errichtet, während das schmale Langhaus gegen Ende des Jahrhunderts begonnen und 1414 vollendet wurde; an diese Vollendung erinnert noch heute eine Bauinschrift im Netzrippengewölbe. Der charakteristische durchbrochene Turm und die ungewöhnlich reich gegliederte Architektur machten Maria am Gestade bereits im spätmittelalterlichen Wien zu einem herausragenden Sakralbau.

Der beschränkte Bauplatz zwang zu einer ungewöhnlichen Lösung. Langhaus und Chor liegen nicht vollständig in einer geraden Achse, und der schmale, hoch aufragende Innenraum vermittelt einen sehr anderen Raumeindruck als die großen Wiener Hallenkirchen. Mittelalterliche Skulpturen, Tafelbilder und Reste älterer Ausstattung bezeugen die hohe künstlerische Bedeutung der Kirche. Im heutigen Rundgang der Redemptoristen werden unter anderem hochgotische Verkündigungsfiguren, der Perger-Altar von 1520 sowie spätgotische Tafelbilder mit Verkündigung, Marienkrönung und Kreuzigung hervorgehoben.

Für die Wallfahrtsgeschichte ist entscheidend, dass Maria am Gestade nicht erst in der Neuzeit zu einer Marienkirche gemacht wurde. Die Marienverehrung gehört vielmehr zum ältesten religiösen Profil des Ortes. Das spätere Entstehen unterschiedlicher Gnadenbildtraditionen konnte daher an eine bereits bestehende sakrale Wahrnehmung der Kirche anknüpfen.

Die verlorene "Fischermadonna"

Nach Fischer und Stoll verehrten besonders Schiffer ein älteres Marienbild, das als "Fischermadonna" bezeichnet wurde. Von diesem ersten Gnadenbild hat sich kein sicher identifizierbares Original erhalten. Gerade deshalb ist Vorsicht gegenüber späteren Versuchen geboten, die verschiedenen Marienbilder von Maria am Gestade zu einer ununterbrochenen Bildtradition zusammenzufügen.

Die Vorstellung einer Schiffermadonna fügt sich jedoch ausgesprochen gut in die historische Topographie. Kirchen und Kapellen an Flüssen, Brücken und Anlegestellen wurden von Reisenden und Schiffern häufig als religiöse Schutzorte aufgesucht. Fahrt, Wetter, Hochwasser, Schiffbruch und die Unsicherheit des Verkehrs machten die Anrufung eines himmlischen Schutzes zu einem unmittelbaren Bestandteil des Alltags.

Volkskundlich ist deshalb weniger entscheidend, ob sich jedes Detail der später erzählten Fischermadonna historisch bis ins Mittelalter zurückverfolgen lässt. Wichtig ist vielmehr, dass die Erinnerung an das alte Heiligtum ausdrücklich mit einer Berufs- und Gefahrengruppe verbunden blieb: mit Menschen, deren Existenz vom Wasser und von einer sicheren Rückkehr abhängig war.

"Maria Stiegen" und die Himmelsleiter

Eine weitere Überlieferung versucht den Namen "Maria Stiegen" nicht aus der realen topographischen Situation, sondern religiös zu erklären. Sie verbindet die Kirche mit der Vorstellung der "Scala coeli", der Himmelsleiter.

Nach dieser Legende verehrte der hl. Bernhard von Clairvaux ein altes, zunächst namenloses Marienbild. Bei diesem Bild habe er die Messe für einen verstorbenen Freund gefeiert. Nach dem Messopfer sei ihm in einer Vision eine Leiter erschienen, die bis zum Himmel reichte und auf der die Seele des Verstorbenen emporstieg. Bernhard habe das Marienbild daraufhin "Scala coeli", Himmelsleiter, genannt. In jüngerer Wallfahrtsliteratur wurde diese Legende auch mit Maria am Gestade beziehungsweise "Maria Stiegen" verbunden.

Historisch kann diese Erzählung nicht als Ursprung des Wiener Kirchennamens gelten. Der Name "Maria Stiegen" lässt sich sehr viel naheliegender aus der realen Lage der Kirche und den zu ihr führenden Stiegen erklären. Die Scala-coeli-Geschichte gehört daher in den Bereich der ätiologischen Kultlegende: Ein bereits bestehender Name erhält nachträglich eine religiöse Erklärung.

Gerade darin liegt ihr volkskundlicher Reiz. Die tatsächliche Stiege zur Kirche wird zur Himmelsstiege umgedeutet. Der körperliche Aufstieg aus dem tiefer gelegenen ehemaligen Uferbereich zum erhöhten Marienheiligtum erhält eine zweite, symbolische Ebene: Die Treppe führt nicht nur zur Kirche hinauf, sondern wird erzählerisch zum Bild des Aufstiegs der Seele.

Die heute auffindbaren Quellen erlauben allerdings nicht, das gegenwärtige Hochaltarbild ohne Einschränkung selbst als das historische "Scala-coeli-Gnadenbild" zu bezeichnen. Diese Zuordnung erscheint vor allem in jüngerer Wallfahrtsliteratur und sekundären Zusammenstellungen, während ältere materielle Quellen eine andere Benennung überliefern.

Die barocke Gnadenstatue und "Regina sine macula"

Im Zentrum des heutigen Hochaltars befindet sich eine gekrönte Marienstatue, die nach der veröffentlichten Dokumentation um 1750 entstanden ist. Die Madonna steht innerhalb einer strahlenförmigen Rahmung und bildet zusammen mit dem spätgotischen Kreuz und der neugotisch beziehungsweise historistisch überformten Altararchitektur den Mittelpunkt des Chores.

Besonders aufschlussreich ist ein im MAK erhaltenes Andachtsbild aus dem zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts. Der kolorierte Kupferstich zeigt ausdrücklich das "Gnadenbild der Redemptoristen aus Maria am Gestade" und trägt die Bezeichnung "REGINA SINE MACULA" – "Königin ohne Makel". Darunter steht: "Am Hochaltar in der Kirche der P. P. Redemptoristen zu Maria Stiegen in Wien". Damit ist nicht nur die Verehrung des Hochaltarbildes als Gnadenbild belegt, sondern auch die damals gebräuchliche Bezeichnung.

Dieses Andachtsblatt ist für die Wallfahrtsgeschichte besonders wertvoll, weil es die Verbreitung des Gnadenbildes außerhalb der Kirche dokumentiert. Ein solches Blatt ermöglichte den Gläubigen, das verehrte Bild in verkleinerter Form nach Hause mitzunehmen. Andachtsgrafik erfüllte damit eine ähnliche Funktion wie Wallfahrtsmedaillen, kleine Statuetten oder Berührungsdevotionalien: Sie verlängerte die Präsenz des Heiligtums über den eigentlichen Kirchenraum hinaus.

Die erhaltene Quelle mahnt zugleich zur Vorsicht gegenüber der späteren Bezeichnung "Scala coeli". Es ist durchaus möglich, dass unterschiedliche Namen und Deutungen nebeneinander bestanden; einen eindeutigen historischen Beleg dafür, dass die heutige barocke Madonna bereits im 18. oder frühen 19. Jahrhundert allgemein "Scala coeli" genannt wurde, bieten die derzeit zugänglichen Quellen jedoch nicht.

Verfall, Profanierung und Wiederherstellung

Wie zahlreiche alte Wallfahrts- und Andachtsstätten erlebte auch Maria am Gestade einen tiefen Einschnitt im Zeitalter des Josephinismus. Die alte kirchliche Organisation wurde verändert, die Kirche profaniert und zeitweise einer weltlichen Nutzung zugeführt. Während der napoleonischen Besetzung Wiens diente das Gebäude sogar als Magazin beziehungsweise Lagerraum. Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die stark vernachlässigte Kirche wiederhergestellt und 1812 erneut für den Gottesdienst geweiht.

Dieser Einschnitt ist für die Wallfahrtsgeschichte von erheblicher Bedeutung. Zwischen der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Marienverehrung und der späteren Redemptoristenzeit besteht keine vollkommen ungebrochene institutionelle Kontinuität. Die religiöse Bedeutung des Ortes musste im 19. Jahrhundert teilweise neu aufgebaut werden.

Gerade dadurch entstand jedoch eine zweite große Epoche der Wallfahrtsgeschichte von Maria am Gestade.

Die Redemptoristen und Klemens Maria Hofbauer

Seit 1820 ist Maria am Gestade eng mit dem Redemptoristenorden verbunden. Die offizielle Übergabe der Kirche an die Redemptoristen erfolgte unmittelbar nach dem Tod Klemens Maria Hofbauers, der sich jahrelang um eine dauerhafte Niederlassung seines Ordens in Österreich bemüht hatte, deren Genehmigung jedoch selbst nicht mehr erlebte.

Klemens Maria Hofbauer, 1751 im südmährischen Taßwitz geboren, war zunächst Bäcker, studierte später Theologie und trat gemeinsam mit Thaddäus Hübl als einer der ersten Nichtitaliener in den Redemptoristenorden ein. Nach einem umfangreichen Wirken in Warschau wurde die dortige Gemeinschaft 1808 aufgelöst. Hofbauer kehrte nach Wien zurück und entfaltete hier bis zu seinem Tod 1820 eine intensive Seelsorgetätigkeit als Prediger, Beichtvater und geistlicher Begleiter.

Die spätere Verehrung Hofbauers veränderte die religiöse Bedeutung von Maria am Gestade grundlegend. Obwohl der Heilige selbst nicht als Redemptorist an dieser Kirche gewirkt hatte, wurde sie nach seinem Tod zum zentralen Ort seines Kultes in Wien.

Die Übertragung der Reliquien 1862

Klemens Maria Hofbauer war nach seinem Tod zunächst auf dem Friedhof von Maria Enzersdorf bestattet worden. Im Zuge des beginnenden Seligsprechungsverfahrens wurden seine Gebeine am 4. November 1862 nach Wien übertragen und in Maria am Gestade beigesetzt. Eine detaillierte Zeittafel der Redemptoristen dokumentiert die Exhumierung, die feierliche Überführung und die Einbettung in einen Steinsarkophag.

Damit erhielt Maria am Gestade etwas, was für die Entstehung vieler Wallfahrtsorte seit dem Mittelalter von grundlegender Bedeutung gewesen war: ein Heiligengrab beziehungsweise einen Reliquienschrein.

Die Kirche wandelte sich nun zunehmend von einer alten Mariengnadenstätte zu einem Doppelheiligtum. Die ältere Marienverehrung blieb bestehen, doch daneben entstand der Klemens-Kult, der schließlich eine weit über Wien hinausreichende Bedeutung gewann.

1888 wurde Hofbauer von Papst Leo XIII. seliggesprochen, 1909 erfolgte unter Papst Pius X. die Heiligsprechung. 1914 wurde Klemens Maria Hofbauer zum Stadtpatron von Wien erklärt.

Wallfahrt zum Wiener Stadtpatron

Mit der Selig- und Heiligsprechung entwickelte sich Maria am Gestade endgültig zu einem Wallfahrtsziel für Verehrer Klemens Maria Hofbauers. Die Festtage zur Seligsprechung 1888 und zur Heiligsprechung 1909 wurden in der Kirche mit großer Feierlichkeit begangen. Die Redemptoristen dokumentieren für die Zeit um die Heiligsprechung einen ausgeprägten Klemens-Kult und die Entstehung eigener Vereinigungen zur Förderung seiner Verehrung.

Diese Wallfahrt ist keineswegs nur historische Erinnerung. Die Erzdiözese Wien bezeichnet eine alljährliche Wallfahrt auf den Spuren der Wiener Lebensstationen Hofbauers ausdrücklich als bestehende Tradition. Am 15. März, seinem liturgischen Festtag, finden in Maria am Gestade besondere Gottesdienste am Klemensaltar und große Festmessen statt. Die Redemptoristen berichten regelmäßig von zahlreichen Gläubigen, Priestern und Ordensangehörigen, die aus Anlass des Klemensfestes zur Kirche kommen.

Damit ist der heutige Wallfahrtsstatus von Maria am Gestade wesentlich klarer belegt als durch die teilweise schwer zu rekonstruierende ältere Scala-coeli-Überlieferung. Die offizielle Ordensgemeinschaft bezeichnet das Gotteshaus ausdrücklich als Wallfahrtskirche, und die Reliquien des Wiener Stadtpatrons bilden einen lebendigen Mittelpunkt dieser Wallfahrt.

Votivtafeln und persönliche Dankbarkeit

Die Verehrung Klemens Maria Hofbauers wird auch durch persönliche Votiv- und Dankzeugnisse sichtbar. Im Bereich seines Heiligtums erinnern Votivtafeln an Anliegen, Bitten und erfahrene Hilfe. Die SAGEN.at-Fotogalerie weist ausdrücklich auf diesen Bestand hin.

Solche Votivtafeln stellen die Verbindung zwischen offizieller Heiligenverehrung und individueller Erfahrung her. Der Heilige wird nicht nur aufgrund theologischer oder kirchengeschichtlicher Bedeutung verehrt, sondern als persönlicher Fürsprecher in konkreten Lebenslagen angerufen.

Damit setzt sich in Maria am Gestade ein Grundmuster älterer Wallfahrtsfrömmigkeit fort. Der materielle Gegenstand des Kultes hat sich verändert – vom Marienbild zum Heiligengrab –, die religiöse Handlung bleibt jedoch vergleichbar: Menschen kommen mit einem Anliegen, beten vor einem als besonders gnadenreich empfundenen Ort und hinterlassen gegebenenfalls ein Zeichen des Dankes.

Die Klemensweckerl

Eine besonders charakteristische jüngere Form der Verehrung sind die sogenannten Klemensweckerl. Sie erinnern daran, dass Hofbauer vor seiner Priesterweihe das Bäckerhandwerk erlernt hatte und später auch als Patron der Bäcker verehrt wurde.

Zum Klemensfest werden in Maria am Gestade gesegnete Klemensweckerl verteilt. Die Redemptoristen dokumentieren diesen Brauch ausdrücklich als wiederkehrenden Bestandteil des Festes. Wiener Bäckereien griffen die Tradition ebenfalls auf und verbanden sie teilweise mit karitativen Aktionen.

Volkskundlich ist dieser Brauch bemerkenswert, weil er Heiligenbiographie, Nahrung und Segenshandlung miteinander verbindet. Das Brot beziehungsweise Gebäck erinnert an den weltlichen Beruf des Heiligen und wird zugleich durch seine Segnung zu einer religiös aufgeladenen Speise. Der historische Bäcker Klemens Hofbauer bleibt dadurch nicht abstrakte Gestalt des frühen 19. Jahrhunderts, sondern wird in einer unmittelbar sinnlich erfahrbaren Form erinnert.

Maria am Gestade als tschechischer religiöser Ort

Eine weitere Bedeutungsschicht ergibt sich aus den Beziehungen der Kirche zur tschechischsprachigen Bevölkerung Wiens. Bereits im 19. Jahrhundert wirkten Redemptoristen in Maria am Gestade auch als Seelsorger für tschechischsprachige Gläubige. Diese Tradition setzt sich fort: Neben einer deutschsprachigen bestehen in Maria am Gestade auch französisch- und tschechischsprachige Gemeinden.

Gerade beim Kult Klemens Maria Hofbauers erhält dies zusätzliche Bedeutung. Hofbauer stammte selbst aus dem mährischen Raum und wirkte in unterschiedlichen Sprach- und Kulturräumen Mitteleuropas. Sein Heiligtum in Maria am Gestade wurde dadurch nicht ausschließlich zu einem Wiener Stadtpatronsheiligtum, sondern zugleich zu einem Ort grenzüberschreitender mitteleuropäischer Erinnerung.

Wallfahrt ohne klassischen Wallfahrtsort

Maria am Gestade zeigt besonders deutlich, dass eine Wallfahrtskirche nicht notwendig nach dem klassischen Modell eines ländlichen Gnadenortes funktionieren muss. Es gibt keinen langen Zufahrtsweg durch eine abgeschiedene Landschaft, keinen weithin sichtbaren barocken Wallfahrtskomplex und keine einzige Gründungslegende, aus der sich alles Weitere ableiten ließe.

Stattdessen liegt das Heiligtum mitten in der historischen Großstadt. Der Wallfahrtsraum beginnt gewissermaßen schon in den engen Straßen und Stiegen der Wiener Innenstadt. Gerade die Lage oberhalb des ehemaligen Donauufers und der steile Aufstieg haben dazu beigetragen, dass der Weg zur Kirche selbst in die religiöse Namens- und Legendenbildung aufgenommen wurde.

Die Vorstellung der "Himmelsleiter" ist hierfür besonders charakteristisch. Eine alltägliche topographische Erfahrung – das Hinaufsteigen zur Kirche – wird religiös interpretiert. Im späteren Klemens-Kult erhält derselbe Ort eine neue Bedeutung: Menschen kommen nicht mehr vorrangig wegen eines alten Marienbildes, sondern zum Reliquienschrein eines Wiener Heiligen.

Volkskundliche Bedeutung

Maria am Gestade ist volkskundlich gerade wegen dieser Überlagerung verschiedener Kultschichten außergewöhnlich interessant.

Die älteste Schicht verbindet die Kirche mit Wasser, Schifffahrt und Gefahr. Ein Marienbild wird als "Fischermadonna" erinnert, vor dem Schiffer um eine glückliche Reise gebetet haben sollen. Die zweite Schicht entsteht aus der realen Topographie: Aus der Kirche an den Stiegen wird "Maria Stiegen", und aus der tatsächlichen Treppe entwickelt die religiöse Phantasie eine "Scala coeli", eine Himmelsleiter.

Eine weitere Schicht bildet die barocke Marienverehrung. Die um 1750 entstandene Madonna wurde als Gnadenbild verehrt und durch Andachtsgrafik verbreitet. Das erhaltene Blatt mit der Aufschrift "Regina sine macula" zeigt, dass dieser Kult auch nach der Wiederherstellung der Kirche im 19. Jahrhundert lebendig war.

Schließlich überlagert der Klemens-Kult seit der Übertragung seiner Reliquien 1862 die älteren Traditionen. Ein Marienwallfahrtsort wird zugleich zum Heiligengrab. Votivtafeln, jährliche Festgottesdienste, Wallfahrten auf den Spuren Hofbauers und die Segnung der Klemensweckerl schaffen neue Formen religiöser Praxis, ohne die ältere marianische Identität der Kirche zu beseitigen.

Gerade diese Wandlungsfähigkeit macht Maria am Gestade zu einem besonders aussagekräftigen Beispiel urbaner Wallfahrtsgeschichte. Heiligkeit erscheint hier nicht als unveränderliche Eigenschaft eines einzelnen Gegenstandes. Sie wird immer wieder neu an Bilder, Reliquien, Erzählungen, Wege und Rituale gebunden.

Die Kirche selbst wird dadurch zum eigentlichen Träger der Kontinuität.

Scala coeli – quellenkritische Einordnung

Die Bezeichnung "Scala coeli" sollte deshalb mit besonderer Vorsicht behandelt werden. Sie ist als religiöse Überlieferung zu Maria Stiegen durchaus interessant und verdient einen Platz in der Geschichte des Heiligtums. Eine sichere Gleichsetzung des heute am Hochaltar verehrten Marienbildes mit einem seit dem Mittelalter kontinuierlich so bezeichneten "Scala-coeli-Gnadenbild" lässt sich aus den derzeit greifbaren Quellen jedoch nicht ableiten.

Das materielle Zeugnis des MAK aus dem zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts nennt das damalige Hochaltar-Gnadenbild ausdrücklich "Regina sine macula". Die Scala-coeli-Geschichte begegnet dagegen vor allem als Namens- und Kultlegende.

Für die Geschichte der Volksfrömmigkeit schmälert dies ihre Bedeutung keineswegs. Im Gegenteil: Gerade die Entstehung einer solchen Erklärung zeigt, wie Gläubige auffällige Ortsnamen und Landschaftsformen religiös deuteten. Aus "Stiegen" wurde die Himmelsleiter, und aus dem physischen Aufstieg zur Marienkirche ein Bild des Aufstiegs der Seele.

Heutiger Wallfahrtsstatus

Maria am Gestade ist heute eine lebendige Kirche der Redemptoristen und wird von der Ordensgemeinschaft ausdrücklich als Wallfahrtskirche bezeichnet. Im Mittelpunkt der gegenwärtig deutlich fassbaren Wallfahrt steht vor allem der hl. Klemens Maria Hofbauer. Sein Reliquienschrein befindet sich in einer eigenen Kapelle; sein Fest am 15. März wird regelmäßig mit besonderen Gottesdiensten begangen. Die Kirche ist zugleich Gottesdienstort deutsch-, französisch- und tschechischsprachiger Gemeinden.

Damit besitzt Maria am Gestade eine bemerkenswerte doppelte Identität: Sie ist eine der großen mittelalterlichen Marienkirchen Wiens und zugleich das zentrale Wiener Heiligtum des Stadtpatrons Klemens Maria Hofbauer.

Literatur und Quellen

- Robert Fischer / Annemarie Stoll: Kleines Handbuch österreichischer Marien-Wallfahrtskirchen. Band 1: Niederösterreich, Burgenland und Wien. Bergland Verlag, Wien; erweiterte Auflagen seit den späten 1970er Jahren.

- Carl Dilgskron: Geschichte der Kirche unserer lieben Frau am Gestade zu Wien. Wien 1882.

- Richard Perger / Walther Brauneis: Die mittelalterlichen Kirchen und Klöster Wiens. Wien 1977.

- Hans Aurenhammer: Die Mariengnadenbilder Wiens und Niederösterreichs in der Barockzeit. Wien 1956.

- Stefanie Linsboth: Maria am Gestade in Wien. Architektur, Ausstattung und Entwicklung eines hochgotischen Chores. Universität Wien, 2012.

- Stefanie Linsboth: "Der hochgotische Chor von Maria am Gestade in Wien – Bauintention und Nutzung". In: RIHA Journal 0080, 2014.

- Yasmine Wessely: Maria am Gestade. Kirchenführer, 3. Auflage, Wels 2020.

- Redemptoristen, Provinz Wien-München: Dokumentationen zur Kirche Maria am Gestade und zur Geschichte des hl. Klemens Maria Hofbauer.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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