Wien-Hietzing – Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Geburt, Maria Hietzing

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Wallfahrt:Wien-Hietzing – Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Geburt, Maria Hietzing
Status:Historisch bedeutende Marienwallfahrt; Gnadenbild und Wallfahrtstradition bestehen fort.
Kultzentrum:Die spätgotische Marienstatue, das Gnadenbild von Maria Hietzing.
Ort:Wien
Bezirk:13. Bezirk (Hietzing)
Bundesland:Wien
Lage und Besuch
Lage: Am Platz 1, 1130 Wien.
Am Hietzinger Platz im 13. Wiener Gemeindebezirk, unmittelbar im historischen Ortszentrum von Hietzing und nahe dem Schlosspark Schönbrunn.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Wien
Ansicht in Street View
Web: Pfarre Maria Hietzing
Öffnungszeiten: täglich von 08:00 Uhr bis 18:30 Uhr geöffnet.
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Das Gnadenbild:

Gnadenbild Wallfahrtskirche Maria Hietzing

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Ausführliche Beschreibung

Die Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Hietzing gehört zu den ältesten und kulturgeschichtlich bedeutendsten Marienwallfahrtsstätten im heutigen Wiener Stadtgebiet. Ihr Wallfahrtscharakter reicht bis in das Mittelalter zurück und ist damit wesentlich älter als jene berühmte Legende von der wunderbaren Befreiung vier Gefangener während der Ersten Wiener Türkenbelagerung von 1529, die später die Kultgeschichte des Ortes so nachhaltig bestimmte, dass sie nicht nur am Hochaltar bildlich vergegenwärtigt wurde, sondern schließlich sogar Eingang in das Bezirkswappen und in eine volksetymologische Erklärung des Namens Hietzing fand. Im Mittelpunkt der Wallfahrt steht eine spätgotische Marienstatue, deren Verehrung über Jahrhunderte durch Mirakelberichte, Wallfahrten, kaiserliche Stiftungen und eine auf den Pilgerbetrieb abgestimmte kirchliche Infrastruktur getragen wurde. Während die große überregionale Wallfahrt des Barockzeitalters im 19. und 20. Jahrhundert zunehmend zurückging, wird die Kirche bis heute ausdrücklich als Pfarr- und Wallfahrtskirche bezeichnet.

Die mittelalterlichen Anfänge

Am Platz der heutigen Kirche bestand spätestens im 13. Jahrhundert eine Marienkapelle. Im Jahr 1253 gelangte sie durch einen Tausch vom Deutschen Orden an das Stift Klosterneuburg, dessen Augustiner-Chorherren für die weitere Geschichte Hietzings von entscheidender Bedeutung wurden. Im frühen 15. Jahrhundert wurde die ältere Kapelle durch einen gotischen Kirchenbau ersetzt beziehungsweise wesentlich erweitert.

Bereits im Mittelalter kamen Wallfahrer zu "Unserer Lieben Frau zu Hietzing". Damit gehört der Ort zu jener älteren Schicht marianischer Gnadenstätten im Wiener Umland, deren Ursprünge nicht erst in der stark expandierenden barocken Wallfahrtsfrömmigkeit liegen. Die spätere Türkenlegende darf deshalb nicht als Gründungsereignis der Wallfahrt verstanden werden; vielmehr wurde sie in einen bereits bestehenden Kult aufgenommen und entwickelte sich im Laufe der frühen Neuzeit zu dessen bekanntester Herkunftserzählung.

Dass die Kirche wirtschaftlich nicht unbedeutend war, zeigen Auseinandersetzungen um ihre Einkünfte und kirchlichen Rechte. Die benachbarte Pfarre Penzing beanspruchte zeitweise Einfluss auf Hietzing, während das Stift Klosterneuburg seine Stellung zu sichern suchte. 1534 wurde die Kirche dem Stift durch päpstliche Entscheidung inkorporiert. Solche Konflikte um Zuständigkeit und Einnahmen sind zwar kein unmittelbarer Beweis für die Zahl der Pilger, lassen aber erkennen, dass Hietzing bereits vor der großen barocken Blüte ein religiös und wirtschaftlich bedeutender Ort war.

Das Gnadenbild

Mittelpunkt der Wallfahrt ist eine spätgotische Marienstatue, die bis heute erhalten geblieben ist. Gerade diese materielle Kontinuität verleiht Maria Hietzing eine besondere Bedeutung, denn der Kult knüpft nicht lediglich an die Erinnerung eines verlorenen mittelalterlichen Bildes an, sondern an einen historischen Bildträger, der über Jahrhunderte hinweg immer wieder neu ausgestattet, verehrt und in die jeweilige religiöse Gegenwart eingebunden wurde.

Die Madonna erhielt später einen Silbermantel und wurde in eine aufwendige barocke Inszenierung einbezogen. Am Hochaltar erscheint sie innerhalb einer stilisierten Baumkrone und eines goldenen Strahlenkranzes, während darunter vier Männer dargestellt sind, die unmittelbar auf die berühmte Hietzinger Rettungslegende verweisen. Der Altar ist damit nicht nur Ort der Aufstellung des Gnadenbildes, sondern zugleich eine bildhafte Erzählung seiner wichtigsten Mirakelgeschichte.

Diese Verbindung von Kultbild und Legende ist für barocke Wallfahrtsstätten besonders charakteristisch. Der Besucher muss die Geschichte nicht erst lesen; sie wird ihm im Kirchenraum vor Augen gestellt. Die Madonna, der Baum und die vier Gefangenen bilden zusammen eine räumlich erfahrbare Erzählung über Gefahr, Anrufung Mariens und wunderbare Rettung.

Die Türkenlegende von 1529

Die bekannteste Überlieferung Maria Hietzings bezieht sich auf die Erste Wiener Türkenbelagerung von 1529. Nach der später schriftlich fixierten Legende soll die Marienstatue angesichts der heranrückenden osmanischen Truppen aus der Kirche entfernt und zum Schutz in der Krone eines dicht belaubten Baumes verborgen worden sein.

Vier Männer aus Hietzing seien von den Osmanen gefangengenommen und ausgerechnet an jenen Baum gefesselt worden, in dem sich das Gnadenbild befand. In ihrer Not hätten sie Maria angerufen. Daraufhin sei die verborgene Statue in der Nacht von übernatürlichem Licht umgeben gewesen, die Fesseln der Gefangenen hätten sich gelöst, und aus dem Baum sei die warnende beziehungsweise schützende Aufforderung "Hüet's eng!" erklungen.

Die Erzählung gehört eindeutig in den Bereich der Wallfahrtslegende und darf nicht als historisch nachprüfbarer Bericht über die Ereignisse von 1529 gelesen werden. Ihre Bedeutung liegt vielmehr darin, wie sie den bestehenden Marienkult neu interpretierte. Maria erscheint darin nicht nur als allgemeine Fürsprecherin, sondern als unmittelbare Retterin von Angehörigen der Ortsgemeinschaft in einer konkreten historischen Katastrophe.

Der Baum erhält dabei eine doppelte Funktion. Er schützt zunächst das Bild vor menschlicher Zerstörung und wird anschließend selbst zum Schauplatz des Wunders. Anders als bei Maria am Baum in Kaiserebersdorf war der Baum in Hietzing offenbar nicht der ursprüngliche Träger eines Andachtsbildes, sondern wurde innerhalb der Legende zum Versteck und Offenbarungsort des bereits bestehenden Gnadenbildes.

"Hüet's eng" und der Ortsname Hietzing

Die Legende erhielt zusätzlich eine volksetymologische Fortsetzung. Aus dem Ruf "Hüet's eng", mundartlich etwa "Hiatz enk", soll nach der populären Überlieferung der Ortsname Hietzing entstanden sein.

Sprachgeschichtlich kann diese Erklärung nicht zutreffen, weil Hietzing als Ortsname bereits lange vor 1529 belegt ist. Der Name wird vielmehr gewöhnlich mit einem Personennamen wie Hiezo oder Hezzo, einer Kurzform von Heinrich, in Verbindung gebracht.

Volkskundlich ist die falsche Namensdeutung jedoch gerade deshalb besonders wertvoll. Sie zeigt, wie eine Wallfahrtslegende einen längst bestehenden Ortsnamen nachträglich religiös deutet und damit gewissermaßen sakralisiert. Nicht der Name entstand aus dem Wunder, sondern das Wunder wurde so erzählt, dass es den Namen erklären konnte.

Die Wirkung dieser Erzählung reicht weit über die Kirche hinaus. Bis heute zeigt das Wappen des 13. Wiener Gemeindebezirks das Marienbild im Baum und die vier befreiten Männer. Eine ursprünglich kirchliche Wallfahrtslegende wurde damit Bestandteil der kommunalen Identität eines ganzen Wiener Bezirks.

Ernst Saur und die Mirakel von Maria Hietzing

Für die Geschichte der Wallfahrt ist die 1662 erschienene Schrift des Klosterneuburger Augustiner-Chorherrn Ernst Saur von außerordentlicher Bedeutung. Bereits ihr Titel – Maria Hiezingensis, seu miraculorum multitudo famosissimae imaginis Hiezingensis beatae et gloriosae Virginis Mariae – weist auf eine "Fülle der Wunde" des berühmten Hietzinger Marienbildes hin.

Saur gehört zu den ersten Autoren, die die Rettungslegende von 1529 ausführlich schriftlich überlieferten. Darüber hinaus sammelte er weitere Mirakel und Gebetserhörungen, darunter Heilungen von Krankheiten, Bewahrung in Gefahren und Rettung aus Unfällen.

Solche Mirakelbücher beziehungsweise Mirakelsammlungen erfüllten mehrere Funktionen. Sie bewahrten einzelne Erhörungserfahrungen, bestätigten den Ruf eines Gnadenbildes und konnten zugleich neue Wallfahrer anziehen. Persönliche Erfahrungen wurden aus dem privaten Bereich herausgelöst, schriftlich fixiert und dadurch Teil eines kollektiven Gedächtnisses des Heiligtums.

Für die Wallfahrtsforschung sind solche Quellen besonders wertvoll, weil sie wesentlich näher an der konkreten religiösen Praxis liegen als allgemeine spätere Bezeichnungen einer Kirche als "Wallfahrtsort". Sie zeigen, weshalb Menschen kamen, welche Arten von Hilfe sie erwarteten und welche Ereignisse sie selbst als außergewöhnliche Fürsprache Mariens deuteten.

Maria Hietzing war im 17. Jahrhundert somit nicht lediglich eine alte Kirche mit verehrter Madonna, sondern eine ausdrücklich durch Mirakelüberlieferungen legitimierte Gnadenstätte.

Erneute Bedrohung im Jahr 1683

Während der Zweiten Wiener Türkenbelagerung von 1683 wurde die Hietzinger Kirche wiederum schwer in Mitleidenschaft gezogen. Das Gnadenbild brachte man diesmal rechtzeitig nach Wittingau, dem heutigen Třeboň in Südböhmen, in Sicherheit.

Damit wiederholte sich auf historischer Ebene ein Motiv, das die Legende bereits für 1529 geprägt hatte: Die Kirche ist der militärischen Gefahr ausgesetzt, während das Gnadenbild gerettet und nach der Katastrophe wieder an seinen Ort zurückgebracht wird.

Gerade solche wiederholten Erfahrungen konnten eine Kultgeschichte erheblich verdichten. Die Madonna erschien nicht nur als Helferin in einer längst vergangenen Gründungslegende, sondern wurde selbst zum materiellen Überlebenden zweier großer militärischer Katastrophen, welche die Geschichte Wiens tief geprägt hatten.

Nach 1683 wurde die Kirche wiederhergestellt, und der Wallfahrtsbetrieb erlebte im ausgehenden 17. und frühen 18. Jahrhundert einen erneuten Aufschwung.

Der barocke Hochaltar

Der heutige Hochaltar entstand 1698 nach Entwürfen von Matthias Steinl. Seine Gestaltung verbindet die verehrte Marienstatue untrennbar mit der Hietzinger Rettungslegende.

Die Madonna erscheint in einer stilisierten Laubkrone, wodurch der Baum der Legende unmittelbar in den Kirchenraum übertragen wird. Unterhalb der Gottesmutter befinden sich die vier Männer, deren Befreiung den Kern der Erzählung bildet. Diese plastische Ausgestaltung wurde im Laufe des 18. Jahrhunderts weiter vervollständigt.

Damit wurde aus einer ursprünglich mündlich beziehungsweise schriftlich tradierten Geschichte eine dauerhafte räumliche Inszenierung. Der Pilger trat nicht nur vor das Gnadenbild, sondern zugleich vor eine Darstellung jenes Wunders, auf dem dessen besondere lokale Schutzfunktion beruhte.

Im Jahr 1829 erhielt die Madonna einen Silbermantel. Solche kostbaren Bekleidungen von Gnadenbildern waren sichtbare Zeichen ihrer herausgehobenen Stellung und gehörten zugleich zur Votiv- und Stiftungskultur vieler großer Marienheiligtümer.

Der Wallfahrerzustrom des 18. Jahrhunderts

Die Wallfahrt erreichte im frühen 18. Jahrhundert eine solche Intensität, dass der vorhandene Kirchenraum den Bedürfnissen der Pilger nicht mehr genügte. Im Jahr 1733 wurde an der Nordseite eine dem hl. Johannes Nepomuk geweihte Kapelle errichtet, die nach der Pfarrüberlieferung unter anderem dazu diente, bei großem Wallfahrerandrang die Mitfeier der Messe auch außerhalb des eigentlichen Kirchenraumes zu ermöglichen.

Dieser Befund gehört zu den stärksten materiellen Zeugnissen des historischen Wallfahrtsbetriebes in Hietzing. Wenn zusätzliche bauliche Einrichtungen geschaffen werden müssen, damit die Zahl der Pilger liturgisch bewältigt werden kann, ist der Wallfahrtscharakter nicht lediglich aus späteren Bezeichnungen erschlossen, sondern unmittelbar an der Architektur ablesbar.

Besonders reizvoll ist das Altarbild der Kapelle. Es zeigt den hl. Johannes Nepomuk selbst als Wallfahrer nach Altbunzlau, wobei ihm Maria erscheint. In einer Kapelle, die wegen der großen Zahl von Wallfahrern errichtet wurde, begegnet damit ausgerechnet ein heiliger Pilger als bildliches Vorbild.

Wallfahrt und örtliche Infrastruktur

Der Zustrom der Pilger wirkte sich nicht allein auf den Kirchenbau aus. Ein Wallfahrtsort benötigte Geistliche, Gottesdienste und Beichtmöglichkeiten, zugleich aber auch Unterkunft, Verpflegung und andere Einrichtungen für Menschen, die von außerhalb kamen.

In Hietzing lässt sich im 17. und 18. Jahrhundert eine entsprechende Erweiterung dieser Infrastruktur beobachten. Das Chorherrenhaus wurde ausgebaut, und örtliche Einrichtungen dienten der Versorgung beziehungsweise Unterbringung der Besucher.

Wallfahrt war damit niemals ausschließlich ein Vorgang zwischen Pilger und Gnadenbild. Um das Heiligtum entstand ein soziales und wirtschaftliches Gefüge aus Geistlichen, Wirten, Händlern, Unterkunftgebern und anderen Dienstleistenden, dessen Entwicklung wiederum durch die Zahl und Herkunft der Pilger beeinflusst wurde.

Gerade diese Zusammenhänge sind heute Gegenstand neuer wissenschaftlicher Forschungen zur frühneuzeitlichen Wallfahrt, in denen Maria Hietzing wegen seiner besonders günstigen Quellenlage eine wichtige Rolle spielt.

Das Kaiserhaus und Maria Hietzing

Die unmittelbare Nähe zu Schönbrunn führte dazu, dass auch Angehörige des Hauses Habsburg zu den Verehrern der Hietzinger Madonna gehörten. Ferdinand II. und Ferdinand III. werden in der Überlieferung als Wallfahrer genannt; ebenso sind Verbindungen zu Leopold I. und Maria Theresia überliefert.

Maria Theresia stiftete dem Gnadenbild 1762 ein kostbares, aus Silber getriebenes und mit floralen Ornamenten geschmücktes Gewand.

Diese höfische Verehrung sollte jedoch nicht den Eindruck erwecken, Maria Hietzing sei vorwiegend ein Heiligtum des Kaiserhauses gewesen. Die Mirakelüberlieferung, die infrastrukturellen Erweiterungen und insbesondere die wegen des großen Wallfahrerzustromes geschaffene Johannes-Nepomuk-Kapelle zeigen deutlich, dass die soziale Grundlage des Kultes wesentlich breiter war.

Der Hof gehörte zu den prominentesten Verehrern eines Gnadenbildes, dessen eigentliche kultische Kraft aus einer weit über höfische Kreise hinausreichenden Wallfahrt entstand.

Hietzing im Netz der Wiener Wallfahrtswege

Maria Hietzing war nicht nur Ziel einer eigenen Wallfahrt, sondern zugleich in ein größeres Netz religiöser Wege eingebunden.

Ein besonders schönes Beispiel bildet die Wallfahrt von Wien nach Mariabrunn. Bei einer frühen großen Prozession im Jahr 1610 machte der zurückkehrende Zug in "Unser Lieben Frauen zu Yezing" Halt und feierte dort die Vesper.

Damit war Hietzing zugleich Ziel und Station. Wallfahrer konnten die Kirche bewusst wegen des dortigen Gnadenbildes aufsuchen, während andere Pilgerzüge den Ort auf dem Weg zu weiteren Heiligtümern berührten.

Die religiöse Landschaft des Wiener Westens bestand deshalb nicht aus isolierten Kirchen, sondern aus miteinander verbundenen Wegen und Stationen. Hietzing, Mariabrunn und später auch der Bereich um Schönbrunn waren Teil eines Bewegungsraumes, in dem Prozessionen, Wallfahrten und örtliche Gnadenkulte einander überlagerten.

Wallfahrt, Katastrophe und kollektives Gedächtnis

Eine besondere Eigenschaft Maria Hietzings besteht darin, wie eng die Kultgeschichte mit der Erinnerung an politische und militärische Katastrophen verbunden wurde.

Die Wallfahrt selbst ist älter als 1529, doch gerade die Rettungslegende der Ersten Wiener Türkenbelagerung verlieh ihr eine neue, dramatische Gründungserzählung. Die erneute Rettung des Gnadenbildes vor der Zerstörung von 1683 verstärkte diese Verbindung.

Maria erscheint dadurch nicht lediglich als Helferin einzelner Kranker oder Verunglückter, sondern zugleich als Beschützerin in einer kollektiven Gefahr. Persönliche Mirakel und große historische Ereignisse werden in derselben Kultfigur zusammengeführt.

Dieser Mechanismus ist für viele frühneuzeitliche Gnadenstätten charakteristisch. Ein Bild erhält besondere Autorität dadurch, dass seine Geschichte mit Erfahrungen verbunden wird, die ganze Gemeinschaften geprägt haben. Die Wallfahrt bewahrt solche Ereignisse nicht wie ein Geschichtsbuch, sondern übersetzt sie in Bilder, Prozessionen, Gebete und jährlich wiederkehrende religiöse Handlungen.

Die Wallfahrtslegende als Bildprogramm

In Hietzing ist besonders bemerkenswert, dass sich die Legende nicht auf Erzählung und Schrift beschränkte. Sie wurde in mehreren visuellen Medien weitergegeben.

Der Hochaltar zeigt die Madonna im Baum und die vier Gefangenen, Andachtsbilder verbreiteten das Motiv über den Kirchenraum hinaus, und schließlich übernahm auch das Bezirkswappen diese Bildsprache.

Damit wurde aus einem Mirakelbericht ein ikonographisches Erkennungszeichen.

Gerade für Menschen, die weder Saurs Mirakelbuch kannten noch ältere Chroniken lesen konnten, genügte der Blick auf die Madonna im Baum, um die wesentlichen Elemente der Geschichte zu erkennen. Die Legende wurde dadurch gewissermaßen zu einem visuellen Markenzeichen des Ortes.

Maria Hietzing und die Habsburgische Marienfrömmigkeit

Die starke Verbindung mit dem Kaiserhaus fügt Maria Hietzing zugleich in den größeren Zusammenhang der habsburgischen Marienfrömmigkeit ein.

Seit der Gegenreformation und besonders im 17. Jahrhundert wurden verschiedene Marienheiligtümer als Orte dynastischer Fürbitte und politischer Schutzfrömmigkeit gefördert. Dabei entstanden unterschiedliche Kultzentren, die jeweils eigene Gnadenbilder und Legenden besaßen, zugleich aber über Hof, Orden, Bruderschaften und Druckgraphik miteinander verbunden waren.

Maria Hietzing nahm innerhalb dieses Netzes eine besondere Stellung ein, weil die räumliche Nähe zu Schönbrunn das Heiligtum unmittelbar in den Lebensraum des Hofes einbezog, ohne dass seine ältere volkstümliche Wallfahrt dadurch aufgehoben wurde.

Der langsame Rückgang der großen Wallfahrt

Im Laufe des 19. Jahrhunderts verlor Maria Hietzing allmählich jene überregionale Bedeutung, die es während der barocken Blütezeit besessen hatte. Die Ursachen dafür sind nicht in einem einzigen Ereignis zu suchen, sondern in längerfristigen Veränderungen der Religiosität, der Stadtentwicklung, der Verkehrsverhältnisse und des Wallfahrtswesens.

Das ehemals außerhalb beziehungsweise am Rand Wiens gelegene Wallfahrtsdorf wurde immer stärker Teil der wachsenden Großstadt. Hietzing entwickelte sich zu einem dicht besiedelten und gesellschaftlich bedeutenden Stadtteil, während traditionelle Prozessions- und Wallfahrtsformen insgesamt an Bedeutung verloren.

Im 20. Jahrhundert war der alte Wallfahrtscharakter so weit aus dem allgemeinen Bewusstsein verschwunden, dass Robert Winter seine grundlegende Darstellung des Jahres 2000 bezeichnenderweise unter den Titel "Maria Hietzing – ein fast in Vergessenheit geratener Wiener Wallfahrtsort" stellte.

Das Gnadenbild selbst blieb jedoch an seinem historischen Platz, und die Kirche verlor ihre offizielle Wallfahrtsbezeichnung nicht.

Die Wallfahrt in der Gegenwart

Die Kirche wird weiterhin ausdrücklich als Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Hietzing bezeichnet. Eine große, regelmäßig wiederkehrende Pilgerbewegung, die mit dem barocken Wallfahrtsbetrieb vergleichbar wäre, besteht heute allerdings nicht mehr.

Dennoch wird Hietzing weiterhin von einzelnen Pilgergruppen aufgesucht. Auch neuere Wallfahrtsinitiativen greifen den historischen Charakter des Ortes gelegentlich wieder auf, wobei die Nähe zu Schönbrunn und die Verbindung verschiedener Wiener religiöser Erinnerungsorte neue Formen des Pilgerns ermöglichen.

Man könnte den heutigen Wallfahrtsort am besten als historisch bedeutende, weiterhin kirchlich anerkannte Marienwallfahrtsstätte mit stark zurückgegangener, aber nicht vollständig erloschener Wallfahrtspraxis beschreiben.

Neue wissenschaftliche Erforschung

Die Bedeutung Maria Hietzings für die österreichische Wallfahrtsgeschichte wird gegenwärtig erneut wissenschaftlich untersucht. Im Forschungsprojekt "Salvation Economics and Media – Constituting Social Spaces via Early Modern Pilgrimage in Lower Austria" der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gehört Maria Hietzing neben Sonntagberg und Pyhra zu den ausgewählten Fallbeispielen.

Untersucht werden dabei nicht allein Kirchen- und Mirakelgeschichte, sondern gerade jene Medien und sozialen Verflechtungen, die eine Wallfahrt erst zu einem größeren kulturellen System machen: Mirakelbücher, geistliche Lieder, Flugschriften, Druckgraphik, Medaillen, Pilgerzeichen und andere Devotionalien ebenso wie wirtschaftliche Beziehungen und soziale Netzwerke.

Für Maria Hietzing ist diese Perspektive besonders ergiebig, weil sich hier mittelalterliche Wallfahrt, frühneuzeitliche Mirakelpropaganda, habsburgische Frömmigkeit, Türkenkriegserinnerung, barocke Pilgerarchitektur und moderne städtische Identität überlagern.

Volkskundliche Bedeutung

Maria Hietzing ist aus volkskundlicher Sicht weit mehr als eine alte Kirche mit einem verehrten Marienbild. Der Ort zeigt nahezu exemplarisch, wie sich Wallfahrt über Jahrhunderte aus unterschiedlichen Elementen zusammensetzen und immer wieder neu deuten kann.

Am Anfang steht eine mittelalterliche Marienwallfahrt, deren frühe Formen nur teilweise greifbar sind. Im 16. und 17. Jahrhundert wird der Kult durch die dramatische Rettungslegende von 1529 neu interpretiert; Mirakelberichte legitimieren das Bild zusätzlich, die zweite osmanische Belagerung von 1683 fügt eine weitere Erinnerungsschicht hinzu, und im Barock wächst der Pilgerzustrom so stark, dass neue liturgische Räume und Versorgungseinrichtungen notwendig werden.

Besonders kennzeichnend ist die Rolle der Erzählung. Die Wallfahrtslegende erklärt nicht nur ein Wunder, sondern zugleich den Ortsnamen, den Baum am Hochaltar und schließlich sogar das Bezirkswappen. Ein religiöser Erzählstoff hat damit seinen ursprünglichen kirchlichen Zusammenhang weit überschritten und ist Bestandteil lokaler Identität geworden.

Ebenso wichtig ist die materielle Kontinuität des Gnadenbildes. Die spätgotische Statue steht bis heute im Mittelpunkt des Heiligtums. Kleidung, Silbermantel, Strahlenkranz, Baumdarstellung und Figuren der Gefangenen zeigen, wie jede Epoche neue Bedeutungen um denselben Kultgegenstand gelegt hat.

Maria Hietzing bietet deshalb ein besonders anschauliches Beispiel dafür, dass Wallfahrtsorte nicht statisch sind. Ihre Geschichte besteht nicht in der unveränderten Bewahrung eines einmal gegebenen Kultes, sondern in einer fortlaufenden Schichtung von Bildern, Legenden, historischen Erfahrungen, Stiftungen und neuen Deutungen.

Der Baum als religiöses Motiv

Der Baum verdient innerhalb dieser Kultgeschichte besondere Aufmerksamkeit.

Er erscheint in der Legende zunächst als profanes Versteck für die bedrohte Marienstatue. Durch das Wunder wird er jedoch zum ausgezeichneten Ort, denn gerade aus seiner Krone erstrahlt das Bild, und an seinem Stamm befinden sich die gefesselten Männer.

Der Baum vermittelt damit zwischen Verbergung und Offenbarung. Was im Laub verborgen wurde, wird durch das übernatürliche Licht sichtbar; was Schutz bieten sollte, wird zugleich zum Schauplatz der Rettung.

Dass der Hochaltar diese Baumstruktur später nachbildet, zeigt, wie stark gerade dieses Element der Legende wahrgenommen wurde. Der historische Baum selbst ist nicht erhalten, doch sein Bild wird im Kirchenraum dauerhaft rekonstruiert.

Eine direkte Ableitung aus vorchristlichen Baumkulten wäre ohne entsprechende Quellen spekulativ und methodisch nicht gerechtfertigt. Interessanter ist die Beobachtung, wie flexibel der Baum innerhalb christlicher Frömmigkeit als Verbergungsort, Schutzraum und Träger eines Wunderbildes interpretiert werden konnte.

Legende und Geschichte

Maria Hietzing ist zugleich ein besonders gutes Beispiel dafür, warum bei der Dokumentation von Wallfahrtsorten Geschichte und Überlieferung sorgfältig getrennt werden müssen.

Historisch belegt sind die mittelalterliche Kirche und Wallfahrt, das spätgotische Gnadenbild, die Zerstörungen während der osmanischen Belagerungen, die Mirakelliteratur des 17. Jahrhunderts, der barocke Wallfahrerzustrom sowie die baulichen und liturgischen Veränderungen des Heiligtums.

Zur Legende gehört dagegen die konkrete Erzählung von den vier an den Baum gefesselten Männern, dem nächtlich leuchtenden Bild, den sich lösenden Fesseln und dem Ruf "Hüet's eng".

Beides gehört zur Geschichte Maria Hietzings, aber auf unterschiedlichen Ebenen. Die Legende ist nicht deshalb bedeutungslos, weil sie historisch nicht verifizierbar ist. Im Gegenteil: Ihre enorme Wirkung auf Altar, Andachtsgraphik, Ortsidentität und Bezirkswappen macht sie selbst zu einer historischen Tatsache – nicht als Bericht darüber, was 1529 tatsächlich geschah, sondern als Zeugnis dessen, was Generationen von Gläubigen über ihren Wallfahrtsort erzählten und glaubten.

Literatur und Quellen

- Ernst Saur: Maria Hiezingensis, seu miraculorum multitudo famosissimae imaginis Hiezingensis beatae et gloriosae Virginis Mariae . 1662.

- Gustav Gugitz: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch . Band 1: Wien. Wien.

- Robert Winter: Maria Hietzing – ein fast in Vergessenheit geratener Wiener Wallfahrtsort . Wien 2000.

- Österreichische Akademie der Wissenschaften, Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes: Dokumentationen zu Maria Hietzing und zur Erinnerung an die Türkenbelagerungen.

- Österreichische Akademie der Wissenschaften / FWF-Projekt Salvation Economics and Media – Constituting Social Spaces via Early Modern Pilgrimage in Lower Austria ; Maria Hietzing als eines der zentralen Fallbeispiele zur frühneuzeitlichen Wallfahrt.

- Pfarre Maria Hietzing: historische Dokumentationen zur Pfarr- und Wallfahrtskirche, zum Gnadenbild und zur Johannes-Nepomuk-Kapelle.

- Stift Klosterneuburg: Quellen zur historischen Zugehörigkeit und kirchlichen Betreuung Maria Hietzings.

- Die Sage zu Maria Hietzing, bereitgestellt auf SAGEN.at

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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