Wien-Leopoldstadt – Wallfahrtskirche Maria Grün im Prater

Schnellüberblick
Wallfahrt:Wien-Leopoldstadt – Wallfahrtskirche Maria Grün im Prater
Status:Lebendige Wallfahrtskirche; die historische Intensität ist zurückgegangen, organisierte Pilgergruppen kommen weiterhin.
Kultzentrum:Das Marienbild beziehungsweise der Marienaltar von Maria Grün und die daraus gewachsene Prater-Wallfahrt.
Ort:Wien
Bezirk:2. Bezirk (Leopoldstadt)
Bundesland:Wien
Lage und Besuch
Lage: Aspernallee 1, 1020 Wien.
Die Wallfahrtskirche Maria Grün liegt in der Freudenau im Wiener Prater, im 2. Gemeindebezirk Leopoldstadt, umgeben von den Grünflächen und Auwäldern des Praters. Die Kirche ist über Wege durch den Prater sowie über die Aspernallee erreichbar; zum Wallfahrtsensemble gehören neben dem Kirchenbau die ehemalige Feld- und heutige Kerzenkapelle sowie der durch den Wald führende Kreuzweg mit dem Heiligen Grab.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Wien
Ansicht in Street View
Web: Pfarre Donaustadt
Öffnungszeiten: zu den üblichen Kirchenöffnungszeiten. (unterschiedliche Angaben, auch öfters geschlossen).
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Bilddokumentation
Ausführliche Beschreibung

Bilddokumentation

Außenansicht: rechts im Bild die 1931 errichtete Feldkapelle.

Wallfahrtskirche Maria Grün, Wien

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Außenansicht:

Wallfahrtskirche Maria Grün, Wien

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Kirchenraum Maria-Grün:

Kirchenraum Wallfahrtskirche Maria Grün, Wien

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Gnadenbild Maria-Grün:

Gnadenbild Wallfahrtskirche Maria Grün, Wien

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Votivtafeln Wallfahrtskapelle Maria-Grün:

Votivtafeln Wallfahrtskirche Maria Grün, Wien

Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie

Ausführliche Beschreibung

Die Wallfahrtskirche Maria Grün liegt inmitten der Praterauen im 2. Wiener Gemeindebezirk Leopoldstadt und gehört zu den jüngeren, zugleich aber besonders charakteristischen Wallfahrtsorten Wiens. Ihre Geschichte unterscheidet sich grundlegend von jener alter Gnadenstätten, deren Ursprung auf mittelalterliche Mirakel, wundertätige Bilder oder jahrhundertealte Legenden zurückgeführt wird, denn Maria Grün wurde 1924 zunächst aus einem ganz praktischen seelsorglichen Bedürfnis heraus errichtet und erst durch die ungewöhnlich rasch einsetzende Pilgerbewegung zu einer eigentlichen Wallfahrtskirche.

Die kultische Vorgeschichte reicht jedoch wesentlich weiter zurück. Bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bestand in der Freudenau eine volkstümliche Marienandacht im Wald, die ihren Ausgang von einem an einem Baum befestigten Marienbild nahm und sich allmählich zu einem religiös geprägten Landschaftsraum mit weiteren Heiligenbildern, Statuen und Andachtsplätzen entwickelte. In dieser älteren "Waldandacht" liegt die eigentliche Voraussetzung für die spätere Wallfahrt, sodass Maria Grün ein bemerkenswertes Beispiel dafür darstellt, wie ein Gnadenort nicht notwendig durch ein einzelnes spektakuläres Wunder entstehen muss, sondern sich auch durch wiederholte Andacht, gemeinschaftliche Nutzung und die religiöse Aneignung eines bestimmten Ortes entwickeln kann.

Die Anfänge der Waldandacht

Die Freudenau war im 19. Jahrhundert nur dünn besiedelt und lag weit entfernt von den kirchlichen Zentren der Leopoldstadt, was sich besonders bei der religiösen Betreuung der Schulkinder bemerkbar machte, für die der Besuch der zuständigen Pfarrkirche St. Johann Nepomuk einen langen Fußweg bedeutete. Der erste Schulleiter Anton Schentz suchte deshalb nach einer Möglichkeit, den Kindern auch unmittelbar in der Freudenau einen Ort gemeinsamer Andacht zu schaffen, weshalb am 16. Mai 1863 unter großer Beteiligung der Bevölkerung ein Marienbild gesegnet und anschließend an einem Baum befestigt wurde; eine kleine Glocke rief zum gemeinsamen Gebet.

Was zunächst vor allem der religiösen Betreuung der Schulkinder dienen sollte, entwickelte sich bald zu einem allgemein aufgesuchten Andachtsplatz, denn auch Erwachsene kamen zu dem Bild im Wald, das damit zu einem religiösen Bezugspunkt der Freudenau wurde. Für die spätere Geschichte von Maria Grün ist dieser Vorgang von grundlegender Bedeutung, weil der Kultort nicht mit dem Bau einer Kirche begann, sondern mit einem Bild am Baum, mit gemeinschaftlichem Gebet und mit einer über Jahrzehnte fortgesetzten religiösen Nutzung, durch die der Wald schrittweise eine besondere sakrale Bedeutung erhielt.

Weitere Andachtsbilder im Prater

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verstärkte sich diese Entwicklung nochmals, als der Gastwirt Franz Plankenbüchler 1911 in der Umgebung eine Marienstatue und eine Herz-Jesu-Statue aufstellen ließ und in der Folge auch andere Gläubige weitere Heiligenbilder an Bäumen anbrachten. Die Zahl dieser Bilder soll schließlich so groß geworden sein, dass die Praterverwaltung einzelne Andachtszeichen zum Schutz der Bäume entfernen ließ, während die sogenannte "Waldandacht" selbst weiterhin bestand und noch bis in die 1930er Jahre gepflegt wurde.

Volkskundlich ist diese Entwicklung deshalb bemerkenswert, weil die religiöse Gestaltung des Waldes offenbar nicht nach einem einheitlichen kirchlichen Plan erfolgte, sondern wesentlich aus der Initiative einzelner Gläubiger hervorging, die Bilder und Statuen anbrachten und dadurch Schritt für Schritt einen eigenen Andachtsraum schufen. Solche spontan entstehenden religiösen Landschaften besitzen in der Wallfahrtsgeschichte eine lange Tradition, da Bäume, Quellen, Felsen oder Wegkreuzungen durch ein Bild, eine außergewöhnliche Erfahrung oder wiederholte Andacht sakrale Bedeutung erhalten konnten; in Maria Grün begegnet dieses ältere Muster noch im städtischen Wien des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Die Entstehung der Kirche

Die eigentliche Kirche entstand nicht aufgrund eines Mirakels oder einer kirchlich geplanten Wallfahrtsgründung, sondern aus einem seelsorglichen Notstand. Seit 1895 konnte der Turnsaal der Volksschule in der Aspernallee an Sonn- und Feiertagen für Gottesdienste verwendet werden, 1917 übernahmen die Trinitarier die seelsorgliche Betreuung von Donaustadt, Prater, Krieau und Freudenau, und 1921 wurde die Pfarre Donaustadt selbständig.

Als der Wiener Stadtschulrat 1923 die weitere Benutzung des Turnsaales für Gottesdienste untersagte, wurde der Bau eines eigenen Gotteshauses dringlich. Am 12. Oktober 1924 erfolgte nach Plänen des Stadtbaumeisters Josef Münster die Grundsteinlegung, und bereits am 21. Dezember desselben Jahres konnte Kardinal Friedrich Gustav Piffl die neue Kirche weihen, deren ungewöhnlich kurze Bauzeit deutlich erkennen lässt, dass zunächst keine monumentale Wallfahrtsanlage, sondern vor allem eine praktische Gottesdienststätte für die örtliche Bevölkerung geschaffen werden sollte.

Teile der Ausstattung kamen aus einer aufgelassenen Armenhauskapelle in Langenlois; Altar, Tabernakel und Kreuzigungsgruppe stammten aus dem 19. Jahrhundert, während drei wesentlich ältere Glocken aus den Jahren 1634, 1702 und 1760 vom Erzbischöflichen Ordinariat zur Verfügung gestellt wurden. Die junge Kirche erhielt dadurch eine Ausstattung, deren einzelne Bestandteile erheblich älter waren als der Bau selbst.

Maria auf der Bank im Grünen

Im Mittelpunkt der Marienverehrung steht ein für einen Wallfahrtsort ungewöhnliches Bildmotiv, denn das erste Altarbild, das Hans Jakubetz schuf, zeigte Maria mit dem Jesuskind nicht in einer historischen oder himmlischen Szenerie, sondern unmittelbar in jener Landschaft, die auch die Besucher der Kirche erlebten: im grünen Prater.

Da die Wandmalerei schon nach wenigen Jahren durch Feuchtigkeit stark beschädigt war, schuf Anka von Löwenthal 1928 eine neue Darstellung desselben Motivs, die am 6. Mai 1928 geweiht wurde. Maria erscheint darin mit dem Jesuskind auf einer Bank inmitten des Pratergrüns, wodurch eine ungewöhnlich unmittelbare Verbindung zwischen Kultbild und Wallfahrtslandschaft entsteht: Der Pilger begegnet im Bild gewissermaßen jenem Raum wieder, den er auf seinem Weg zur Kirche selbst durchschritten hat.

Gerade darin liegt ein wesentlicher Bestandteil der besonderen religiösen Atmosphäre von Maria Grün, weil die Gottesmutter nicht in eine ferne biblische oder historisierende Landschaft versetzt wird, sondern als gegenwärtige Gestalt in der Wiener Au erscheint. Der Name der Kirche, die umgebende Vegetation und das Bildmotiv greifen damit unmittelbar ineinander und verleihen dem Heiligtum eine ungewöhnlich geschlossene landschaftliche und ikonographische Identität.

Vom Gotteshaus zum Wallfahrtsort

Obwohl die neue Kirche zunächst nicht als Wallfahrtskirche geplant war, setzte unmittelbar nach ihrer Eröffnung eine bemerkenswert starke Pilgerbewegung ein. Bereits am 1. April 1925, nur wenige Monate nach der Weihe, kam die erste offiziell verzeichnete Wallfahrergruppe nach Maria Grün, der Christliche Mütterverein der Pfarre St. Othmar im 3. Wiener Gemeindebezirk, dem bald zahlreiche weitere Gruppen folgten.

In den folgenden Jahren wurden jährlich ungefähr 50 bis 70 Wallfahrten verzeichnet; 1937 erreichte diese Entwicklung mit 72 Wallfahrten ihren historischen Höhepunkt, während die Pfarrchronik für die Jahre 1925 bis 1948 insgesamt 949 Wallfahrten nennt. Der Wallfahrtscharakter von Maria Grün ist damit außergewöhnlich gut dokumentiert und lässt sich nicht nur aus einer späteren Bezeichnung der Kirche ableiten.

Gerade dieser Vorgang ist für die Geschichte des Ortes von besonderer Bedeutung, weil die Pilgerbewegung nicht das Ergebnis einer planmäßigen kirchlichen Inszenierung war. Es gab kein neu verkündetes Wunder, keinen spektakulären Reliquienfund und kein mittelalterliches Gnadenbild, das bewusst als Wallfahrtsziel propagiert worden wäre; vielmehr nahmen die Gläubigen selbst den Ort als Wallfahrtsziel an, sodass Maria Grün besonders deutlich zeigt, wie ein Gnadenort auch durch wiederholte religiöse Praxis und gemeinschaftliche Aneignung entstehen kann.

Die Feldkapelle

Der rasche Zustrom von Pilgern stellte die kleine Kirche bald vor praktische Probleme, da der Innenraum bei größeren Wallfahrten nicht ausreichte und Gottesdienste deshalb im Freien gefeiert werden mussten. Um dafür einen geeigneten liturgischen Ort zu schaffen, wurde 1931 eine eigene Feldkapelle errichtet und vom päpstlichen Nuntius Enrico Sibilia geweiht.

Diese Kapelle, die heute als Kerzenkapelle genutzt wird, gehört unmittelbar zur Geschichte der Wallfahrt, weil ihre Errichtung ein sichtbares Zeugnis dafür darstellt, wie rasch sich eine ursprünglich für die örtliche Seelsorge bestimmte Kirche zu einem überregional besuchten Wallfahrtsziel entwickelte, dessen Besucherzahlen zusätzliche liturgische Einrichtungen notwendig machten.

Der Kreuzweg im Wald

1935 wurde die Wallfahrtslandschaft durch einen Kreuzweg erweitert, dessen Stationen durch den Wald führen und die Betrachtung des Leidens Christi mit der natürlichen Umgebung des Praters verbinden. Eine besondere Stellung nimmt dabei die Darstellung des Heiligen Grabes ein, die bis heute nicht nur organisierte Wallfahrer, sondern auch Spaziergänger, Radfahrer und andere Besucher zum Verweilen, Beten oder Entzünden einer Kerze anzieht.

Mit diesem Kreuzweg erhielt Maria Grün endgültig den Charakter eines aus mehreren Elementen bestehenden Wallfahrtsensembles, in dem sich Kirche, Feldkapelle, Wald, Kreuzweg und Heiliges Grab zu einem größeren sakralen Raum verbinden. Der Wallfahrtsvollzug konzentriert sich dadurch nicht ausschließlich auf das Betreten des Kirchenraumes, sondern schließt den Weg durch den Wald, das Verweilen an einzelnen Stationen und die körperliche Bewegung durch die Landschaft ausdrücklich mit ein.

Maria Grün während Nationalsozialismus und Krieg

Nach dem "Anschluss" Österreichs 1938 gingen die Wallfahrten deutlich zurück; nach der pfarrlichen Überlieferung wurden sie zwar nicht generell verboten, aber erschwert und behindert. Der Zweite Weltkrieg brachte schließlich auch unmittelbare Schäden an der Kirche, die am 27. Dezember 1944 und am 15. Februar 1945 durch Luftangriffe getroffen wurde, während während der Kämpfe im Prater im April 1945 weitere Beschädigungen entstanden.

Umso bemerkenswerter ist, dass bereits am 1. Mai 1945 wieder eine Wallfahrt nach Maria Grün stattfand, also praktisch unmittelbar nach dem Ende der Kampfhandlungen und noch lange vor Abschluss der Wiederherstellung, die sich bis 1948 hinzog. Diese frühe Rückkehr der Pilger zeigt, wie stark die religiöse Bindung an den Ort inzwischen geworden war, da die Wallfahrt nicht auf die vollständige bauliche Wiederherstellung wartete, sondern den beschädigten Ort selbst erneut in Besitz nahm.

Die Wallfahrt der Burgenlandkroaten

Eine besondere Stellung innerhalb der Wallfahrtsgeschichte besitzt die Wallfahrt der in Wien lebenden Burgenlandkroaten, die bereits seit der Mitte der 1930er Jahre nach Maria Grün kamen und deren Tradition nach dem Zweiten Weltkrieg 1949 durch den kroatischen Seelsorger Augustin Blazovich erneuert wurde.

Diese Wallfahrt entwickelte sich zu einem bedeutenden religiösen und gesellschaftlichen Treffpunkt der burgenlandkroatischen Gemeinschaft in Wien und wird weiterhin jährlich im Mai begangen. Damit erhält der Pilgergang eine zusätzliche soziale und kulturelle Dimension, weil das gemeinsame Wallfahren nicht nur marianische Frömmigkeit ausdrückt, sondern zugleich Sprache, Herkunft, gemeinsames Erinnern und kulturelle Identität miteinander verbindet.

Maria Grün wird dadurch zu einem Beispiel dafür, dass Wallfahrtsorte in einer Großstadt auch die Funktion eines Identitäts- und Begegnungsraumes für Gruppen übernehmen können, die außerhalb ihres ursprünglichen Siedlungsgebietes leben und durch den wiederkehrenden gemeinsamen Weg einen eigenen religiösen Bezugspunkt schaffen.

Die lebendige Wallfahrt

Die Wallfahrt nach Maria Grün besteht bis heute fort, auch wenn die außergewöhnlich hohen Pilgerzahlen der Zwischenkriegszeit nicht mehr erreicht werden. Regelmäßig kommen Pfarren, kirchliche Gemeinschaften, Schulen, Erstkommunion- und Firmgruppen sowie verschiedene Vereine zur Kirche, wobei die Gestaltung des Pilgerweges den Bedingungen der Großstadt angepasst werden kann und manche Gruppen nur den letzten Abschnitt durch den Prater zu Fuß zurücklegen.

Gerade diese Anpassungsfähigkeit gehört zu den Gründen, weshalb Maria Grün als Wallfahrtsort lebendig geblieben ist. Der moderne Großstadtpilger muss nicht mehrere Tage unterwegs sein, um den religiösen Charakter eines Weges zu erfahren; auch ein gemeinsamer Fußmarsch durch den Prater, der bewusst aus dem städtischen Alltag herausführt und auf das Heiligtum hin orientiert ist, kann dieselbe grundlegende Funktion erfüllen.

Kerzen, Bilder und persönliche Anliegen

Neben den organisierten Wallfahrten besteht eine kontinuierliche individuelle Andacht, die sich besonders in der Kerzenkapelle und im Umfeld des Wallfahrtsensembles zeigt. Besucher entzünden Kerzen, hinterlassen kleine Marienbilder, Blumen oder Dankeszeichen und verbinden den Aufenthalt mit persönlichen Bitten und Erinnerungen.

Solche unscheinbaren und häufig vergänglichen Gaben stehen in der Tradition der Votivfrömmigkeit, auch wenn sie sich äußerlich von den dauerhaften Wachs-, Silber- oder Bildvotiven älterer Wallfahrtsorte unterscheiden. Gerade sie zeigen, dass ein Wallfahrtsort nicht ausschließlich durch große organisierte Pilgerzüge lebt, sondern ebenso durch die stille, individuelle Nutzung, bei der einzelne Menschen den Ort mit persönlichen Anliegen aufsuchen.

Das AIDS-Memorial

Eine ungewöhnliche jüngere Bedeutungsschicht erhielt Maria Grün durch die AIDS-Seelsorge der Erzdiözese Wien, mit der der Ort seit dem Jahr 2000 eng verbunden ist. Im Jahr 2007 wurde im Bereich des Kreuzweges ein AIDS-Memorial geschaffen, bei dem Steine mit den Namen verstorbener Menschen an Opfer der Krankheit erinnern und die rote Schleife als internationales Symbol der Solidarität mit HIV-positiven und an AIDS erkrankten Menschen in die Gestaltung aufgenommen wurde.

Dieses Memorial gehört nicht zur ursprünglichen Wallfahrtstradition und sollte deshalb auch nicht nachträglich als deren unmittelbare Fortsetzung interpretiert werden. Dennoch fügt es sich in bemerkenswerter Weise in den bereits religiös geprägten Landschaftsraum ein, da der Kreuzweg seit seiner Errichtung ein Ort der Auseinandersetzung mit Leiden, Tod und Hoffnung ist und das Memorial diesen Raum um die Erinnerung an konkrete Menschen und an eine Krankheit erweitert, die im späten 20. Jahrhundert mit erheblichen gesellschaftlichen Ängsten, Stigmatisierungen und persönlichen Tragödien verbunden war.

Maria Grün besitzt damit heute neben seiner klassischen Funktion als Marienwallfahrtsort auch die Bedeutung eines religiösen Gedächtnisortes, an dem ältere und jüngere Formen des Erinnerns nebeneinander bestehen.

Die religiöse Landschaft von Maria Grün

Für das Verständnis des Wallfahrtsortes ist der Wald nicht lediglich eine landschaftliche Kulisse, sondern ein wesentlicher Bestandteil seiner kultischen Geschichte. Alles begann mit einem Bild an einem Baum; weitere Bilder und Statuen folgten, später entstanden Kirche, Feldkapelle, Kreuzweg und Heiliges Grab, sodass sich die verschiedenen religiösen Orte über das Gelände verteilen und den Besucher in eine Bewegung durch die Landschaft einbeziehen.

Der Wallfahrer betritt daher nicht nur ein Kirchengebäude, sondern bewegt sich durch einen größeren sakralisierten Raum, dessen religiöse Bedeutung gerade aus dem Zusammenspiel von Natur, Weg und Andachtsstätten entsteht. Darin unterscheidet sich Maria Grün deutlich von vielen innerstädtischen Gnadenbildern, bei denen sich die Wallfahrt auf einen einzelnen Altar oder eine bestimmte Kapelle konzentriert.

Auch die Darstellung Mariens auf einer Bank im Prater verstärkt diese Verbindung, weil das Kultbild die reale Landschaft des Heiligtums nicht nur abbildet, sondern sie zugleich religiös bestätigt: Die grüne Au wird selbst Teil jener Vorstellungswelt, in der Maria den Pilgern begegnet.

Volkskundliche Bedeutung

Maria Grün gehört zu den besonders aufschlussreichen Beispielen moderner Wallfahrtsentstehung in Österreich, weil sich seine Entwicklung außergewöhnlich genau verfolgen lässt. 1863 wird ein Marienbild an einem Baum angebracht, daraus entsteht eine regelmäßige Waldandacht, weitere Heiligenbilder und Statuen kommen hinzu, 1924 wird aus einem praktischen seelsorglichen Bedürfnis eine Kirche errichtet, bereits wenige Monate später treffen die ersten organisierten Wallfahrer ein, und innerhalb weniger Jahre ziehen jährlich Dutzende Pilgergruppen nach Maria Grün, sodass wegen der großen Besucherzahlen eine Feldkapelle und später ein Kreuzweg geschaffen werden müssen.

Anders als bei zahlreichen älteren Wallfahrtsorten steht am Anfang kein einzelnes Wunder, sondern eine über Jahrzehnte verdichtete religiöse Praxis. Gerade darin liegt die besondere Bedeutung des Ortes für die Wallfahrtsforschung, denn Maria Grün zeigt, dass der Gnadencharakter eines Heiligtums nicht ausschließlich durch eine außergewöhnliche Erscheinung oder ein Mirakel begründet werden muss, sondern ebenso durch die wiederholte Nutzung, die gemeinsame Erinnerung und die fortgesetzte religiöse Aneignung eines bestimmten Platzes entstehen kann.

Hinzu kommt die ungewöhnliche Verbindung von Natur und Großstadt. Maria Grün liegt innerhalb Wiens und zugleich deutlich außerhalb der dicht bebauten Stadtlandschaft, sodass der Weg in die Praterauen einen Übergang markiert: Der Besucher verlässt für kurze Zeit die urbane Umgebung und tritt in einen als religiös erfahrenen Landschaftsraum ein. Gerade dieser Wechsel zwischen Stadt und Wald, Alltag und Andacht, Bewegung und Ruhe dürfte einen wesentlichen Teil der besonderen Anziehungskraft des Ortes ausmachen.

Auch die spätere Geschichte zeigt, wie offen dieser Wallfahrtsraum für neue religiöse und gesellschaftliche Bedeutungen geblieben ist. Die Wallfahrt der Burgenlandkroaten verbindet marianische Frömmigkeit mit kultureller Identität, während das AIDS-Memorial eine neue Form des Totengedenkens in den traditionellen Kreuzwegraum einfügt. Maria Grün ist daher keine unverändert konservierte Wallfahrt der Zwischenkriegszeit, sondern ein Heiligtum, das immer wieder neu angeeignet und religiös interpretiert wurde, ohne dabei seine ursprüngliche marianische Identität zu verlieren.

Heutige Wallfahrt

Maria Grün ist bis heute eine lebendige Wallfahrtskirche, die regelmäßig von organisierten Pilgergruppen aufgesucht wird und zugleich eine örtliche Gottesdienstgemeinde besitzt. Daneben kommen zahlreiche Einzelbesucher zum Gebet, zum Entzünden einer Kerze oder im Rahmen eines Spazierganges durch den Prater, sodass sich organisierte Wallfahrt, individuelle Andacht und alltägliche Nutzung des Landschaftsraumes unmittelbar überschneiden.

Die historisch außerordentlich hohe Zahl an Wallfahrten der Zwischenkriegszeit wird heute zwar nicht mehr erreicht, doch die Wallfahrt selbst ist keineswegs erloschen. Gerade diese Kontinuität unterscheidet Maria Grün von zahlreichen Wallfahrtsgründungen des 20. Jahrhunderts, deren Kult nach wenigen Jahrzehnten weitgehend verschwunden ist.

Literatur und Quellen

- Bernhard Stütz: Entstehung und Geschichte der Wallfahrtskirche Maria Grün in Wien-Freudenau. 1924–1949. Wien 1949.

- Karl Fritsch / Johannes Steltenpool: Maria Grün – ein Wegbegleiter zur "Mutter in der grünen Au" im Wiener Prater. Wien 1987.

- Pfarrchronik und Jubiläumsdokumentation der Pfarre Donaustadt zur Geschichte von Maria Grün.

- Erzdiözese Wien: Beiträge und Dokumentationen zur Wallfahrtskirche Maria Grün und zum hundertjährigen Bestehen der Kirche.

- ORF / Österreich 1: Dokumentation zur Wallfahrt nach Maria Grün.

- Stadt Wien: Dokumentation "stadtUNbekannt – Maria Grün" zur Kirche, zum Kreuzweg und zum AIDS-Memorial.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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