Wien-Liesing, Atzgersdorf – Pfarrkirche hl. Katharina und Wallfahrt zum Fieberkreuz

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Wallfahrt:Wien-Liesing, Atzgersdorf – Pfarrkirche hl. Katharina und Wallfahrt zum Fieberkreuz
Status:Historische, heute erloschene beziehungsweise nur mehr erinnerte Wallfahrt zum Fieberkreuz.
Kultzentrum:Das sogenannte Fieberkreuz.
Ort:Wien
Bezirk:23. Bezirk (Liesing)
Bundesland:Wien
Lage und Besuch
Lage: Pfarrkirche hl. Katharina von Alexandrien, Kirchenplatz 1, 1230 Wien-Atzgersdorf.
Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Wien
Ansicht in Street View
Web: Pfarre Atzgersdorf
Öffnungszeiten: täglich von Montag bis Sonntag von 6.30 bis 18.00 Uhr geöffnet.
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Ausführliche Beschreibung

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Ausführliche Beschreibung

Die Pfarrkirche der hl. Katharina von Alexandrien in Atzgersdorf gehört zu den historisch besonders bemerkenswerten Wallfahrtsorten im heutigen Wiener Stadtgebiet, obwohl weder ihr Patrozinium noch ihre äußere Erscheinung zunächst auf eine Wallfahrtskirche schließen lassen. Mittelpunkt der einst weit über Atzgersdorf hinaus bekannten Wallfahrt war vielmehr ein Kruzifix, das sogenannte Fieberkreuz, das ursprünglich außerhalb des Dorfes zwischen den Weingärten am Weg nach Lainz stand und von den Gläubigen wegen der ihm zugeschriebenen Hilfe bei Fieberkrankheiten und anderen Nöten aufgesucht wurde. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich um dieses Kreuz eine ausgeprägte Wallfahrt, an der neben einzelnen Hilfesuchenden vor allem Wiener Handwerker- und Gewerbegruppen teilnahmen; besonders eindrucksvoll dokumentiert sind die über viele Jahrzehnte abgehaltenen Bittgänge der Wiener Seidenzeug-, Samt- und Dünntuchmacher. Im Jahr 1761 wurde das Fieberkreuz feierlich in die damalige Atzgersdorfer Pfarrkirche übertragen und später auch in den klassizistischen Neubau von 1781/82 übernommen, wodurch sich der ursprüngliche Wallfahrtsort in der freien Landschaft in das Innere der Pfarrkirche verlagerte.

Die alte Pfarre Atzgersdorf

Atzgersdorf besitzt eine weit in das Mittelalter zurückreichende Pfarrgeschichte. Ein Pfarrer Nikolaus ist 1345 urkundlich belegt, und über Jahrhunderte erstreckte sich der Pfarrsprengel weit über den heutigen Ortsteil hinaus auf Altmannsdorf, Erlaa, Hetzendorf, Liesing, Mauer, Siebenhirten und Teile Kalksburgs. Während der josephinischen Neuordnung wurde dieser große Pfarrbezirk erheblich verkleinert; als eine Art Ausgleich für die Gebietsverluste finanzierte der Wiener Erzbischof Kardinal Christoph Anton von Migazzi den Neubau der Pfarrkirche, die 1781 bis 1782 als klassizistische Wandpfeilerkirche errichtet wurde und der hl. Katharina von Alexandrien geweiht ist.

Die religiöse Bedeutung Atzgersdorfs war allerdings schon lange vor diesem Neubau größer als jene einer gewöhnlichen Dorfpfarre. Bereits 1651 wurde eine Rosenkranzbruderschaft eingerichtet, und spätestens im frühen 18. Jahrhundert entwickelte sich außerhalb des Dorfes jener Kreuzkult, aus dem die spätere Wallfahrt zum Fieberkreuz hervorging.

Das Fieberkreuz in den Weingärten

Über das Alter und die ursprüngliche Entstehung des Fieberkreuzes ist wenig Sicheres bekannt. Die Atzgersdorfer Pfarrchronik berichtet, das Kruzifix habe einst "außer dem Dorfe zwischen Weingärten auf dem Wege nach Lainz" gestanden. Der Standort lag damit außerhalb der geschlossenen Siedlung in einer durch Weinbau geprägten Landschaft, wie sie für den südlichen Wiener Raum jahrhundertelang charakteristisch war.

Der Name Fieberkreuz erklärt sich aus der Vorstellung, dass die Anrufung Christi vor diesem Kruzifix insbesondere bei Fiebererkrankungen Hilfe bringen könne. Fieber war in der vormodernen Lebenswelt keine klar definierte einzelne Krankheit, sondern ein Symptom zahlreicher Infektionskrankheiten, deren Ursache häufig unbekannt blieb und deren Verlauf tödlich enden konnte. Die Hoffnung auf übernatürliche Hilfe war deshalb eng mit der alltäglichen Erfahrung von Krankheit, Unsicherheit und begrenzten medizinischen Behandlungsmöglichkeiten verbunden.

Die Bezeichnung "Türkenkreuz", die ebenfalls begegnet, entstand dagegen aus einer mit dem Jahr 1683 verbundenen Überlieferung. Für die ältere Kultbezeichnung und die eigentliche Wallfahrt ist "Fieberkreuz" die treffendere Benennung.

Die Legende von der Zerstörung im Jahr 1683

Eine eindrucksvolle örtliche Überlieferung verbindet das Kreuz mit der Zweiten Wiener Türkenbelagerung. Nach der später aufgezeichneten Pfarrchronik hätten osmanische Soldaten im Jahr 1683 den Christus vom Kreuz gerissen, den Corpus in zahlreiche Stücke zerschlagen und diese in eine Mistgrube geworfen, während der Kreuzstamm verbrannt worden sei. Der Atzgersdorfer Weinhauer Hans Strobinger habe die verstreuten beziehungsweise weggeworfenen Teile später wiedergefunden und einem Wiener Tischler namens Sonntag übergeben, der sie erneut zusammensetzte. Der Legende zufolge hätten sich die einzelnen Stücke dabei so genau aneinandergefügt, dass die vorherige Zerstörung kaum mehr erkennbar gewesen sei.

Diese Erzählung ist als fromme Überlieferung und nicht als gesicherter Bericht über die Ereignisse von 1683 zu verstehen. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften weist ausdrücklich darauf hin, dass über die tatsächlichen Ursprünge des Fieberkreuzes wenig bekannt ist. Kulturgeschichtlich besitzt die Legende dennoch große Bedeutung, denn sie verlieh dem Kruzifix eine zusätzliche sakrale Biographie: Nicht nur Christus war am Kreuz dargestellt, sondern auch der dargestellte Christus selbst hatte nach dem Verständnis der Überlieferung Gewalt, Zerstörung und Wiederherstellung erfahren.

Das Kreuz wurde dadurch zugleich zu einem materiellen Erinnerungszeichen an 1683, dessen spätere Verehrung sowohl mit Heilungshoffnungen als auch mit der historischen Erinnerung an die osmanische Belagerung verbunden werden konnte.

Von der Heilungshoffnung zur Wallfahrt

Nach seiner Wiederaufstellung wurde das Fieberkreuz offenbar bald von Hilfesuchenden besucht. Die Wallfahrer kamen keineswegs ausschließlich wegen Fiebererkrankungen, sondern suchten den Ort in unterschiedlichsten persönlichen und gemeinschaftlichen Nöten auf. Bereits für 1721 wird berichtet, dass Meister und Gesellen der Wiener Seiden- und Tuchmacher nach Atzgersdorf kamen; spätestens seit der Mitte des 18. Jahrhunderts ist daraus eine organisierte Wallfahrt mit regelmäßigen Prozessionen geworden.

Die wachsende Bedeutung des Ortes schlug sich auch baulich nieder. Zunächst wurde beim Fieberkreuz eine kleine hölzerne Kapelle errichtet, 1743 folgte ein steinerner Bau. Schon 1736 hatte Kardinal Sigismund Graf Kollonitz die Abhaltung öffentlicher Gottesdienste erlaubt, womit ein ursprünglich außerhalb der Pfarrkirche entstandener Volkskult kirchlich anerkannt und liturgisch eingebunden wurde.

Dieser Vorgang ist für die Wallfahrtsgeschichte charakteristisch. Ein verehrter Gegenstand konnte zunächst unabhängig von einer offiziellen kirchlichen Institution Aufmerksamkeit gewinnen; sobald sich regelmäßige Besucherströme entwickelten, reagierte die Kirche mit Kapellenbau, Gottesdiensten und organisatorischer Einbindung. Die Volksfrömmigkeit wurde dadurch nicht verdrängt, sondern in eine kirchlich kontrollierte Form überführt.

Die Wiener Seidenzeugmacher wallfahren nach Atzgersdorf

Besonders gut dokumentiert ist die Wallfahrt der Wiener Seidenzeug-, Samt- und Dünntuchmacher. Die Atzgersdorfer Kirchenchronik verzeichnet für 1755 die erste feierliche Prozession zum heiligen Fieberkreuz; diese Bittgänge wurden anschließend über mehr als ein Jahrhundert hinweg gepflegt und gehörten zu den bemerkenswertesten Wiener Berufsgruppenwallfahrten ihrer Zeit.

Die Wallfahrer waren in einer Krankenlade organisiert, einer berufsständischen Einrichtung, die der gegenseitigen Unterstützung bei Krankheit und Not diente. Dass gerade eine solche Institution einen regelmäßigen religiösen Bittgang organisierte, zeigt, wie wenig sich soziale Absicherung, Berufsleben und religiöse Praxis in der vormodernen und frühindustriellen Gesellschaft voneinander trennen lassen.

Die Wallfahrt nach Atzgersdorf verband die Sorge um die körperliche Gesundheit mit den wirtschaftlichen Anliegen des Berufsstandes. In erhaltenen Bittgangbüchern werden als Anliegen nicht nur die Abwendung von Krankheiten, sondern auch die Erhaltung des Kaiserhauses und der himmlische Segen für den Fabriksbetrieb genannt. Damit wurde der gemeinsame Weg zum Fieberkreuz zu einer umfassenden religiösen Versicherungsgeste für Gesundheit, politische Ordnung und wirtschaftliche Existenz.

Gedruckte Bittgangbücher

Die besondere Bedeutung dieser Wallfahrt zeigt sich darin, dass für die Prozessionen eigene gedruckte Bittgangbücher erschienen. Solche Drucke enthielten Gebete, Gesänge und die Ordnung der Wallfahrt und ermöglichten es den Teilnehmern, den gemeinsamen religiösen Weg in festgelegter Form zu vollziehen.

Für die Mitte des 19. Jahrhunderts sind mehrere dieser Drucke erhalten; sie nummerieren die jährlich wiederkehrenden Bittgänge fortlaufend und dokumentieren damit eine bemerkenswerte Kontinuität. Die Wallfahrt war also keineswegs eine gelegentliche spontane Prozession, sondern eine institutionalisierte religiöse Praxis, die über Generationen hinweg zur kollektiven Identität eines Wiener Berufsstandes gehörte. Die ÖAW führt unter anderem einen Bittgang von 1858 an, der als 98. Wallfahrt der Krankenlade bezeichnet wurde.

Für die Volkskunde sind solche Wallfahrtsbücher besonders wertvoll, weil sie nicht nur belegen, dass eine Wallfahrt stattfand, sondern Einblick in ihre geistige Struktur geben: Was wurde erbeten, wie wurde der Weg religiös gestaltet, welche Heiligen wurden angerufen, und welche gemeinschaftlichen Sorgen wurden vor das Heiligtum getragen?

Die Kaiserinmutter als Wallfahrerin

Auch die höchste gesellschaftliche Ebene erscheint in der Überlieferung des Atzgersdorfer Fieberkreuzes. Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel, Gemahlin Kaiser Karls VI. und Mutter Maria Theresias, soll wiederholt nach Atzgersdorf gepilgert sein. Die Nachricht wird in den historischen Wallfahrtsquellen überliefert, lässt sich jedoch in den bislang ausgewerteten Belegen nicht mit derselben Sicherheit fassen wie die regelmäßig dokumentierten Zunftprozessionen, weshalb sie zurückhaltend als Überlieferung zu kennzeichnen ist.

Gerade die Existenz einer solchen Tradition zeigt jedoch den Rang, den das Fieberkreuz im 18. Jahrhundert besaß. Der Kult wurde offenbar nicht ausschließlich mit bäuerlicher oder handwerklicher Frömmigkeit verbunden, sondern konnte auch in höfische Kreise hineinreichen.

1761 – das Fieberkreuz kommt in die Kirche

Eine entscheidende Veränderung erfolgte 1761. In einer feierlichen Zeremonie wurde das Fieberkreuz von seiner Kapelle außerhalb des Dorfes in die damalige Atzgersdorfer Pfarrkirche übertragen und auf dem neuen Hochaltar aufgestellt. Als wenige Jahrzehnte später die heutige Kirche errichtet wurde, übernahm man den verehrten Corpus auch in den Neubau, wo er bis heute erhalten ist.

Dieser Vorgang ist für die Geschichte der Wallfahrt außerordentlich aufschlussreich, denn hier wurde nicht lediglich ein Kunstgegenstand verlegt. Mit dem Fieberkreuz wanderte auch das Zentrum des Kultes.

Die Wallfahrt hatte ursprünglich einem bestimmten Platz in der Landschaft gegolten, an dem sich Kreuz, Heilungserwartung, Kapelle und Pilgerweg miteinander verbunden hatten. Mit der Überführung des verehrten Kruzifixes wurde die Pfarrkirche selbst zum neuen Ziel der Wallfahrer. Der sakrale Schwerpunkt folgte damit dem Kultgegenstand.

Der alte Standort bleibt ein Erinnerungsort

Trotz dieser Verlagerung verlor auch der ursprüngliche Standort seine religiöse Bedeutung nicht vollständig. Im Jahr 1836 ließ der damalige Ortsrichter und spätere Bürgermeister Joseph Carlberger dort ein neues Kreuz errichten; eine Inschrift wies darauf hin, dass sich das ursprüngliche wundertätige Kruzifix inzwischen in der Pfarrkirche befand. Dieses zweite Kreuz ist heute nicht mehr vorhanden, doch wurde der alte Kultplatz später erneut durch einen Bildstock beziehungsweise eine Kapelle ausgezeichnet.

Damit entstand eine für historische Wallfahrtsorte nicht ungewöhnliche sakrale Doppelung: Das eigentliche verehrte Objekt befand sich in der Kirche, während der ursprüngliche Platz durch ein Ersatzzeichen im religiösen Gedächtnis erhalten blieb.

Die Landschaft bewahrte somit die Erinnerung an den alten Wallfahrtsort, obwohl dessen Kultgegenstand längst an einem anderen Platz verehrt wurde.

Das Ende der großen Zunftwallfahrten

Die regelmäßigen Prozessionen der Wiener Seidenzeugmacher endeten nach der Atzgersdorfer Kirchenchronik im Jahr 1869, nach mehr als einem Jahrhundert organisierter Wallfahrt.

Damit verschwand allerdings nicht schlagartig die Verehrung des Fieberkreuzes. Das Kruzifix blieb Gegenstand örtlicher Andacht und historischer Erinnerung, und insbesondere die Verbindung mit dem Jahr 1683 wurde im späten 19. Jahrhundert erneut stärker hervorgehoben. Anlässlich des 200-Jahr-Gedenkens an die Befreiung Wiens im Jahr 1883 wurde auch in Atzgersdorf ein großes religiöses Erinnerungsfest begangen.

Die Geschichte des Fieberkreuzes zeigt dadurch einen mehrfachen Bedeutungswandel: Aus einem Heilungskreuz in der Landschaft wurde ein Ziel organisierter Berufsgruppenwallfahrten, danach zunehmend ein örtliches Kult- und Erinnerungsobjekt, an dem sich zusätzlich die Erinnerung an 1683 festmachte.

Heilungsglaube noch im 20. Jahrhundert

Auch im frühen 20. Jahrhundert war der Glaube an die besondere Wirkung des Fieberkreuzes keineswegs vollständig verschwunden. In den 1930er Jahren berichtete das Atzgersdorfer Pfarrblatt weiterhin von seiner wundertätigen Kraft und forderte Kranke dazu auf, dem Kreuz ihr Vertrauen zu schenken. Gleichzeitig wurde versucht, die Geschichte des Heiligtums erneut stärker im Bewusstsein der Pfarrbevölkerung zu verankern.

Solche Berichte sind selbstverständlich als Zeugnisse religiöser Überzeugungen und nicht als medizinisch überprüfte Heilungsnachweise zu verstehen. Für die Wallfahrtsforschung ist gerade diese Unterscheidung wichtig: Entscheidend ist nicht, ob eine Heilung naturwissenschaftlich auf die Verehrung des Kreuzes zurückgeführt werden kann, sondern dass Menschen dem Kultgegenstand besondere Wirksamkeit zuschrieben und ihr Verhalten danach ausrichteten.

Vom Heilungskreuz zum Symbol von 1683

Im Laufe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts trat neben die ursprüngliche Heilungsfunktion zunehmend die politische und historische Deutung des Kruzifixes als "Türkenkreuz". Die Erzählung von seiner Zerstörung durch osmanische Soldaten und seiner wundersamen Wiederherstellung eignete sich dazu, das Kreuz als Symbol des Überlebens und des christlichen Sieges von 1683 zu interpretieren.

Diese spätere Bedeutungsaufladung muss von der älteren Wallfahrtsgeschichte unterschieden werden. Die Menschen waren nicht primär nach Atzgersdorf gekommen, um ein Denkmal der Türkenkriege zu betrachten, sondern weil sie sich vom Fieberkreuz Hilfe in Krankheit und anderen Nöten erwarteten.

Gerade diese Verschiebung zeigt jedoch, wie Kultobjekte ihre Bedeutung im Laufe der Zeit verändern können. Ein und dasselbe Kreuz konnte Heilungsort, Wallfahrtsziel, Erinnerungszeichen und später historisches Symbol sein.

Der Kult in jüngerer Zeit

Die große überörtliche Wallfahrt zum Fieberkreuz ist im Laufe des 20. Jahrhunderts stark zurückgegangen. Dennoch blieb das Kruzifix für die Pfarre ein bedeutender historischer und religiöser Bezugspunkt. Besonders deutlich wurde dies 2011, als man den 250. Jahrestag seiner Übertragung in die Pfarrkirche feierte. Zu diesem Anlass komponierte Herbert Prikopa eine eigene Fieberkreuz- beziehungsweise Schrammelmesse, die mit den Neuen Wiener Concert Schrammeln uraufgeführt wurde; das Pontifikalamt zelebrierte Weihbischof Franz Scharl.

Bemerkenswert ist dabei die Verbindung eines jahrhundertealten Wallfahrtskultes mit einer ausgesprochen Wiener musikalischen Form. Die Verwendung der Schrammelmusik übertrug die Erinnerung an das Fieberkreuz in eine moderne lokale Ausdrucksform und zeigt, dass historische Kulttraditionen nicht ausschließlich museal konserviert werden müssen, sondern auch kreativ neu interpretiert werden können.

Von einer heute regelmäßig organisierten Wallfahrt vergleichbar mit der historischen Zunftprozession kann nicht gesprochen werden; ebenso wäre es jedoch zu undifferenziert, den Ort lediglich als vollständig erloschene Wallfahrt zu betrachten. Kultgegenstand, historische Erinnerung und religiöse Verehrung werden weiterhin gepflegt.

Die Pfarrkirche hl. Katharina

Die heutige Pfarrkirche wurde 1781 bis 1782 als klassizistische Wandpfeilerkirche errichtet. Ihr Patrozinium gilt der hl. Katharina von Alexandrien. Neben dem Fieberkreuz besitzt sie weitere ältere Ausstattungsstücke, darunter eine Mariahilf-Darstellung und Zeugnisse der langen Pfarrgeschichte; diese Andachtsbilder dürfen jedoch nicht mit dem eigentlichen historischen Wallfahrtskult gleichgesetzt werden.

Gerade in Atzgersdorf zeigt sich besonders deutlich, weshalb bei der Erfassung von Wallfahrtskirchen zwischen Patrozinium, vorhandenen Heiligenbildern und tatsächlicher Wallfahrtspraxis unterschieden werden muss. Nicht die hl. Katharina und auch nicht die Mariahilf-Darstellung begründeten den überörtlichen Pilgerverkehr, sondern das Fieberkreuz.

Kirchenrenovierung

In den Jahren ab 2023 wurde die Atzgersdorfer Pfarrkirche umfassend renoviert. Dabei konnten unter anderem ältere Bestandteile der Raumgestaltung wieder sichtbar gemacht werden, und nach Abschluss der Arbeiten wurde das Gotteshaus 2025 wieder festlich seiner Nutzung übergeben. Die Pfarre führt das Fieberkreuz auch in ihrer gegenwärtigen Kirchenchronik weiterhin als einen der zentralen historischen Bezugspunkte des Gotteshauses.

Das Kreuz selbst wurde mehrfach restauriert. Eine größere Restaurierung erfolgte 1971, als der hölzerne Corpus gegen Holzwurmbefall behandelt und mit einem neuen Kreuz verbunden wurde.

Volkskundliche Bedeutung

Die besondere Bedeutung Atzgersdorfs für die Wallfahrtsforschung liegt weniger in einem spektakulären einzelnen Mirakel als in der ungewöhnlich gut dokumentierten sozialen Struktur der Wallfahrt. Hier lässt sich verfolgen, wie ein zunächst in der Landschaft stehendes Heilungskreuz zu einem regelmäßigen Ziel städtischer Berufsgruppen wurde, wie eine Krankenlade die Organisation von Prozessionen übernahm, wie gedruckte Bittgangbücher eine jahrzehntelange Tradition stabilisierten und wie sich religiöse Anliegen von persönlicher Gesundheit über die wirtschaftliche Existenz eines Gewerbes bis zur Loyalität gegenüber dem Kaiserhaus erstreckten.

Ebenso aufschlussreich ist die räumliche Verlagerung des Kultes. Das Fieberkreuz wechselte vom Weg zwischen den Weingärten zunächst in eine Kapelle und schließlich in die Pfarrkirche, ohne dabei seine religiöse Identität zu verlieren. Der Wallfahrtsort war damit nicht ausschließlich an eine bestimmte Stelle gebunden, sondern folgte in hohem Maß dem materiellen Kultgegenstand.

Die Geschichte des Fieberkreuzes zeigt zugleich, wie flexibel religiöse Bedeutungen sein können. Heilungshoffnung, Berufsgruppenfrömmigkeit, Erinnerung an 1683 und lokale Identität legten sich im Laufe von drei Jahrhunderten übereinander, ohne dass die jeweils ältere Bedeutung vollständig verschwinden musste.

Wallfahrt

Atzgersdorf ist ein historisch eindeutig belegter Wallfahrtsort zum Fieberkreuz. Besonders im 18. und 19. Jahrhundert zogen zahlreiche Pilger nach Atzgersdorf; die regelmäßigen Bittgänge der Wiener Seidenzeug-, Samt- und Dünntuchmacher gehören zu den am besten dokumentierten Berufsgruppenwallfahrten im Wiener Raum.

Die großen organisierten Prozessionen endeten im 19. Jahrhundert, und die überörtliche Wallfahrt trat im 20. Jahrhundert stark zurück. Das Fieberkreuz selbst blieb jedoch in der Pfarrkirche erhalten und wird weiterhin als bedeutender religiöser und historischer Kultgegenstand wahrgenommen. Die Pflege seiner Geschichte und die Jubiläumsfeier von 2011 zeigen, dass die Erinnerung an die Wallfahrt bis in die Gegenwart fortbesteht.

Literatur und Quellen

- Aus der Chronik der Pfarre Atzgersdorf. Festschrift anlässlich der 200-Jahr-Feier der Pfarrkirche Atzgersdorf 1782/83–1982/83. Wien 1983.

- Bittgang nach Atzgersdorf zu dem heiligen Kreuze, abgehalten von der Krankenlade der Seidenzeug-, Samt- und Dünntuchmacher Wiens. Mehrere Ausgaben des 19. Jahrhunderts.

- Franz Seraph Hasel: Im Kreuze allein unser Heil. Predigt bei Gelegenheit des feierlichen Bittganges nach Atzgersdorf zu dem heiligen Kreuze, abgehalten von der Krankenlade der bürgerlichen Seidenzeug-, Samt- und Dünntuchmacher Wiens. Wien 1853.

- Ferdinand Opll: Liesing. Geschichte des 23. Wiener Gemeindebezirkes und seiner alten Orte. Wien 1982.

- Raimund Wistl: "Überlebende des Türkenjahres 1683 in Atzgersdorf", in: Wiener Geschichtsblätter, 1958.

- Simon Hadler: Dokumentation "Wien 23, Atzgersdorf, Fieberkreuz", Projekt "Türkengedächtnis" der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

- Kirchenchronik der Pfarre Atzgersdorf.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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