| Wallfahrt: | Wien-Landstraße – Pfarrkirche St. Rochus und Sebastian und Gnadenbild der Mutter vom Guten Rat |
| Status: | Lebendige innerstädtische Marienwallfahrt mit monatlicher Wallfahrt zum Gnadenbild. |
| Kultzentrum: | Das Gnadenbild der Mutter vom Guten Rat über dem Tabernakel des Hochaltars. |
| Ort: | Wien |
| Bezirk: | 3. Bezirk (Landstraße) |
| Bundesland: | Wien |
| • | Lage: Pfarrkirche St. Rochus und Sebastian, Landstraßer Hauptstraße 54–56, 1030 Wien. Die Pfarrkirche St. Rochus und Sebastian liegt an der Landstraßer Hauptstraße beim Rochusmarkt im 3. Wiener Gemeindebezirk. Sie ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar; unmittelbar in der Nähe befindet sich die U-Bahn-Station Rochusgasse der Linie U3. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Wien |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Pfarre St. Rochus und Sebastian |
| • | Öffnungszeiten: täglich von 07:00 bis 19:30 Uhr. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Die Pfarrkirche St. Rochus und Sebastian an der Landstraßer Hauptstraße gehört zu den bedeutenden barocken Sakralbauten der Wiener Vorstädte und besitzt zugleich eine bis in die Gegenwart lebendige marianische Wallfahrtstradition, deren Mittelpunkt nicht einer der beiden Kirchenpatrone, sondern das am Hochaltar verehrte Gnadenbild der "Mutter vom Guten Rat" bildet. Die kleine Marienikone ist eine im 18. Jahrhundert aus Rom nach Wien gebrachte Nachbildung des berühmten Gnadenbildes von Genazzano und wurde zunächst an einem Seitenaltar verehrt, ehe sie auf Wunsch Maria Theresias 1759 an die prominenteste Stelle der Kirche, unmittelbar über dem Tabernakel des Hochaltars, übertragen wurde. Bis heute findet an jedem 26. des Monats eine ausdrücklich als solche bezeichnete Monatswallfahrt zur Mutter vom Guten Rat statt, sodass St. Rochus unter den historischen innerstädtischen Gnadenstätten Wiens zu jenen seltenen Orten gehört, an denen sich ein alter Bildkult mit einer tatsächlich fortbestehenden Wallfahrtspraxis verbindet.
Die Geschichte der Rochuskirche reicht in die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts zurück, als an der Stelle einer älteren Rupertikapelle eine Klosterkirche der Unbeschuhten Augustiner-Eremiten errichtet wurde. 1642 erfolgte die Grundsteinlegung; während der Zweiten Wiener Türkenbelagerung von 1683 wurde der erste Kirchenbau vollständig zerstört, worauf 1687 der Wiederaufbau im barocken Stil begann. Die charakteristische Doppelturmfassade entstand zwischen 1718 und 1721 und hat ihr äußeres Erscheinungsbild seither im Wesentlichen bewahrt. 1783 wurde die bisherige Klosterkirche zur Pfarrkirche der Landstraße erhoben, nachdem die ältere Nikolaikirche ihre Funktion als Pfarrkirche verloren hatte; das Augustinerkloster selbst wurde 1812 aufgehoben. Die Seelsorge in St. Rochus wurde später, seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert, dem Wiener Oratorium des hl. Philipp Neri anvertraut.
Bereits die ältere religiöse Konzeption der Kirche steht stark unter dem Eindruck von Krankheit, Pest und der Bitte um himmlischen Schutz. Dies entspricht den Patrozinien der Heiligen Rochus und Sebastian, die seit dem Spätmittelalter zu den meistangerufenen Pestheiligen Europas gehörten, wird in St. Rochus jedoch zu einem umfassenden ikonographischen Programm erweitert. Die barocke Fassade zeigt neben Maria mit dem Kind unter anderem die Heiligen Ulrich, Sebastian, Rosalia und Rochus, während ursprünglich selbst das große Giebelfeld mit der ehernen Schlange des Mose auf Heilung und Abwehr tödlicher Krankheit verwies. Fassade und Hochaltar bilden dadurch eine inhaltliche Einheit, in der Maria und die Pestheiligen als Fürsprecher für die bedrohte Bevölkerung erscheinen.
Der monumentale Hochaltar wurde 1689 von Kaiser Leopold I. gestiftet; das große Altarbild gab der Kaiser 1690 bei Peter Strudel in Auftrag. Im unteren Teil des Gemäldes sind Kranke, Sterbende und trauernde Menschen dargestellt, während im Hintergrund der Wiener Stephansdom erscheint und damit die dargestellte Not ausdrücklich auf Wien bezogen wird. Darüber versammeln sich die Pestheiligen Ulrich, Sebastian, Rosalia, Rochus und Gregor der Große, während Maria in der oberen Bildhälfte als Fürsprecherin vor Christus und Gott Vater erscheint. Das Gemälde erinnert damit unmittelbar an die schwere Wiener Pestepidemie von 1679 und formuliert zugleich ein religiöses Schutzprogramm, in dem die von Krankheit bedrohte Stadt der Fürsprache Mariens und der Heiligen anvertraut wird.
Für die spätere Wallfahrtsgeschichte ist diese ältere Pestikonographie deshalb von Bedeutung, weil das 1754 nach Wien gelangte Gnadenbild der Mutter vom Guten Rat nicht in einen religiös neutralen Kirchenraum eingefügt wurde, sondern auf einen bereits intensiv marianisch und votiv geprägten Altar traf. Die kleine Ikone über dem Tabernakel und das wesentlich ältere monumentale Pestbild dahinter bilden seither zwei unterschiedliche, miteinander verschränkte Ebenen marianischer Fürbitte: Im großen Gemälde vermittelt Maria zwischen der leidenden Stadt und der himmlischen Sphäre, während im kleinen Gnadenbild die persönliche Nähe zwischen Mutter und Kind zum Mittelpunkt der individuellen Andacht wird.
Die Verehrung der Mutter vom Guten Rat war zudem keineswegs der erste besondere Marienkult in der Rochuskirche. An einem Seitenaltar befand sich ursprünglich das heute verschollene Gnadenbild "Maria Trost", mit dem eine eigene Maria-Trost-Bruderschaft verbunden war. Die erhaltene Altararchitektur erinnert noch an diese ältere Kultschicht, denn die Figuren Augustinus und Monika erscheinen als kniende Stiftergestalten innerhalb eines umfassenden marianischen Bildprogramms.
Damit lässt sich für St. Rochus eine bemerkenswerte Abfolge verschiedener Marienkulte erkennen, die eng mit der Geschichte des Augustinerordens verbunden waren. Der ältere Maria-Trost-Kult wurde später vom Gnadenbild der Mutter vom Guten Rat überlagert, ohne dass dadurch die grundsätzlich marianische Prägung des Kirchenraumes verloren ging. Gerade diese Überlagerungen sind für die Volkskunde von besonderem Interesse, weil sie zeigen, dass religiöse Orte ihre Bedeutung nicht aus einer einzigen unveränderlichen Tradition beziehen müssen, sondern immer wieder neue Kultbilder und Andachtsformen aufnehmen können, die ältere Strukturen teilweise verdrängen, teilweise aber auch fortführen.
Das Wiener Gnadenbild ist eine Nachbildung des in der Augustinerkirche von Genazzano östlich von Rom verehrten Bildes der "Madonna del Buon Consiglio", der Mutter vom Guten Rat. Um das italienische Original entwickelte sich eine umfangreiche Kultlegende, nach der sich das Marienbild ursprünglich in Scutari, dem heutigen Shkodra in Albanien, befunden habe. Als die Osmanen das Land bedrohten, soll sich das Bild auf wunderbare Weise von seinem ursprünglichen Standort gelöst und über Meer und Land nach Genazzano bewegt haben, wo es am 25. April 1467 erschienen sei. Eine solche Erzählung ist nicht als gesicherte Provenienz des Bildes, sondern als klassische Translations- und Gnadenbildlegende zu verstehen, mit deren Hilfe die außergewöhnliche Heiligkeit und übernatürliche Herkunft des Kultgegenstandes erklärt wurde.
Für die Verbreitung des Kultes war der Augustinerorden von entscheidender Bedeutung, denn von Genazzano aus gelangten Kopien des verehrten Bildes an zahlreiche Ordensniederlassungen und andere Kirchen. Dabei wurden solche Nachbildungen nicht lediglich als kunsthandwerkliche Reproduktionen verstanden, sondern konnten selbst Gegenstand intensiver Andacht werden und eigene lokale Kulttraditionen entwickeln. Die Geschichte der Rochuskirche zeigt dieses Phänomen besonders anschaulich: Nicht das materielle Original aus Genazzano wurde nach Wien gebracht, sondern eine Kopie, die dennoch ausdrücklich als Gnadenbild verehrt wurde und schließlich selbst Mittelpunkt einer Wallfahrt wurde.
Im Jahr 1754 brachte der Wiener Augustiner P. Kaspar Scheurer, der damals Prior des Konventes zu St. Rochus und Sebastian war und zugleich zu den angesehenen Theologen der Wiener Universität gehörte, von einer Romreise eine Kopie der Mutter vom Guten Rat nach Wien. Gemeinsam mit dem Marienbild kamen Reliquien des hl. Bonatus beziehungsweise Donatus in die Rochuskirche; zunächst erhielt die Madonna deshalb ihren Platz am Altar dieses Heiligen.
Die zunächst verhältnismäßig zurückhaltende Aufstellung an einem Seitenaltar änderte sich innerhalb weniger Jahre grundlegend. Eine besondere Verehrerin des Bildes war Kaiserin Maria Theresia, die auf ihren Fahrten in Richtung Prater wiederholt in St. Rochus Andacht vor der Mutter vom Guten Rat gehalten haben soll und eine hervorgehobene Aufstellung des Bildes wünschte. Im Jahr 1759 wurde die Ikone deshalb auf den Hochaltar übertragen und unmittelbar über dem Tabernakel angebracht, wo sie bis heute den optischen Mittelpunkt des unteren Altarbereiches bildet.
Diese Verlegung ist kultgeschichtlich von erheblicher Bedeutung, weil die Position eines Gnadenbildes innerhalb einer Kirche keineswegs nebensächlich war. Aus einem Bild an einem Nebenaltar wurde ein unmittelbar mit dem Hauptaltar verbundenes Kultobjekt, das damit in das Zentrum der Liturgie und zugleich in die Blickachse des gesamten Kirchenraumes rückte. Die höfische Förderung durch Maria Theresia verstärkte seine öffentliche Wahrnehmung zusätzlich, ohne dass der Kult deshalb lediglich als höfische Frömmigkeit verstanden werden dürfte; gerade die spätere Wallfahrtsentwicklung zeigt, dass das Bild eine eigenständige religiöse Bedeutung für einen wesentlich weiteren Kreis von Gläubigen gewann.
Der heutige Rahmen des Gnadenbildes unterstreicht diese herausgehobene Stellung. Das gekrönte Marienbild ist von einem goldenen Strahlenkranz umgeben; der aus vergoldetem Kupfer gefertigte Rahmen wird von einem Marienmonogramm bekrönt, das zwischen zwei als "Füllhörner der Gnade" zu deutenden Formen erscheint. Rahmen und Strahlenkranz wurden 1823 vom Landstraßer Anton Ballauf gestiftet und zeigen damit zugleich, dass die Pflege und Ausstattung des Gnadenbildes auch nach dem Ende der Augustinerzeit fortgesetzt wurde.
Die Mutter vom Guten Rat in St. Rochus gehört zu jenen Wallfahrtsbildern, an denen sich besonders deutlich zeigen lässt, dass die volksreligiöse Vorstellung von einem Gnadenbild nicht notwendigerweise an die kunsthistorische Kategorie des "Originals" gebunden ist. Obwohl das Wiener Bild eine Kopie des Heiligtums von Genazzano ist, bezeichnet es die heutige Pfarre ausdrücklich als Gnadenbild, und die monatliche Wallfahrt richtet sich unmittelbar auf diese Wiener Darstellung.
Für die traditionelle Frömmigkeit konnte die religiöse Bedeutung eines Urbildes auf seine Kopien übertragen werden, insbesondere wenn diese innerhalb desselben Ordensnetzwerkes verbreitet, gesegnet und an einem liturgisch ausgezeichneten Platz verehrt wurden. Durch die wiederholte Andacht vor Ort erhielt die Kopie darüber hinaus eine eigene Geschichte, sodass sie nicht länger nur auf Genazzano verwies, sondern selbst zum Mittelpunkt eines Wiener Kultes wurde.
Dieses Phänomen begegnet bei zahlreichen frühneuzeitlichen Gnadenbildern und gehört zu den wichtigsten Mechanismen der Kultverbreitung. Wallfahrtsorte konnten sich auf diese Weise vervielfältigen, ohne dass jedes neue Heiligtum einer eigenen Erscheinungslegende oder eines spektakulären Mirakels bedurfte; die religiöse Autorität des Ursprungsbildes wurde gleichsam weitergegeben, während die konkrete Verehrung am neuen Ort eine selbständige Tradition ausbildete.
Der Wallfahrtscharakter von St. Rochus ist heute eindeutig und ohne Rückgriff auf bloße historische Vermutungen nachweisbar. An jedem 26. des Monats findet in der Rochuskirche die ausdrücklich so bezeichnete "Monatswallfahrt zur Mutter vom Guten Rat" statt; der Termin nimmt Bezug auf das Fest der Mutter vom Guten Rat am 26. April. Die Feier beginnt mit dem Rosenkranz vor dem ausgesetzten Allerheiligsten, daran schließt eine feierliche Messe mit Predigt an, während zugleich mehrere Beichtgelegenheiten angeboten werden. Als besondere Anliegen nennt die Pfarre die Festigung im Glauben, die Erneuerung der Kirche, geistliche Berufe und den Frieden in der Welt, wobei die Pilger ausdrücklich eingeladen werden, auch persönliche Bitten der Mutter vom Guten Rat anzuvertrauen.
Wie fest diese Wallfahrt inzwischen im religiösen Leben von St. Rochus verankert ist, zeigt die fortlaufende Nummerierung der einzelnen Feiern. Am Fest der Mutter vom Guten Rat am 26. April 2026 wurde bereits die 536. Monatswallfahrt angekündigt, im folgenden Mai die 537. und im Juni die 538. Feier. Auch wenn sich daraus ohne weitere historische Unterlagen kein exaktes Gründungsdatum der heutigen Form ableiten sollte, belegt die Nummerierung doch eine über viele Jahre und hunderte Termine hinweg kontinuierlich gepflegte Wallfahrtspraxis.
Gerade dieser Punkt ist für die Einordnung von St. Rochus entscheidend, denn der historische Gnadenbildkult und die gegenwärtige Monatswallfahrt sind beide sicher belegt, während eine lückenlose Kontinuität derselben Wallfahrtsform seit dem 18. Jahrhundert nicht behauptet werden muss. Die Verehrung des Bildes reicht bis 1754 zurück, seine besonders hervorgehobene Aufstellung am Hochaltar bis 1759; die heute gepflegte Monatswallfahrt stellt eine konkrete, lebendige Form dar, in der dieser ältere Kult in der Gegenwart weitergeführt wird.
St. Rochus gehört zu jener Form der Wallfahrt, die leicht übersehen wird, wenn man unter einem Wallfahrtsort ausschließlich eine abgelegene Kirche mit langen Fußwegen, Votivkammern und großen jährlichen Pilgerzügen versteht. Die Rochuskirche liegt an einer der traditionsreichen Verkehrsachsen der Wiener Landstraße und ist seit dem späten 18. Jahrhundert zugleich reguläre Pfarrkirche; dennoch bildet das Gnadenbild innerhalb dieses alltäglichen städtischen Kirchenbetriebes einen eigenen religiösen Mittelpunkt, zu dem regelmäßig eine ausdrücklich als Wallfahrt verstandene Feier stattfindet.
Die Wallfahrt besteht daher weniger im Zurücklegen eines bestimmten traditionellen Pilgerweges als im bewussten Aufsuchen des Gnadenbildes, im gemeinsamen Rosenkranz, in Eucharistie und Beichte sowie im Vorbringen persönlicher und gemeinschaftlicher Anliegen. Damit bewahrt sie grundlegende Elemente der Wallfahrt, obwohl ihre äußere Form den Bedingungen einer modernen Großstadt angepasst ist.
Gerade diese innerstädtische Form ist volkskundlich bemerkenswert, weil sie zeigt, wie anpassungsfähig Wallfahrtsfrömmigkeit sein kann. Der heilige Ort muss nicht außerhalb der alltäglichen Lebenswelt liegen; er kann mitten im dicht bebauten Stadtgebiet bestehen, wobei die besondere religiöse Bedeutung nicht durch räumliche Entfernung, sondern durch einen bestimmten Kultgegenstand, wiederkehrende Termine und rituelle Handlungen hergestellt wird.
Die besondere Bedeutung von St. Rochus ergibt sich jedoch erst vollständig aus dem Zusammenspiel verschiedener historischer Kultschichten. Der älteste große Bedeutungszusammenhang ist die Pestfrömmigkeit, die sich im Patrozinium, in der Fassadenikonographie und im monumentalen Hochaltarbild manifestiert; der zweite ist die ältere augustinische Marienverehrung um Maria Trost, während der dritte mit der 1754 eingeführten Mutter vom Guten Rat einsetzt und bis zur heutigen Monatswallfahrt weiterführt.
Dabei ist auffällig, dass Maria in allen diesen Schichten eine Funktion als Fürsprecherin besitzt. Im Pestbild wendet sie sich für die leidende Stadt an Christus, im Titel "Maria Trost" erscheint sie als Trösterin in Bedrängnis, und als "Mutter vom Guten Rat" wird sie zur Helferin in Situationen, in denen Orientierung, Entscheidung und geistlicher Beistand gesucht werden. Obwohl die einzelnen Kulte unterschiedlichen Zeiten und Ordenszusammenhängen angehören, verbindet sie somit eine gemeinsame religiöse Grundvorstellung.
Volkskundlich gehört St. Rochus zu den besonders aufschlussreichen Wiener Beispielen dafür, wie sich ein importierter Gnadenbildkult in einen bereits bestehenden lokalen Frömmigkeitsraum einschreiben und dort eine eigenständige Geschichte entwickeln konnte. Anders als bei Wallfahrtsorten, deren Ursprung durch eine lokale Erscheinung, einen wundersam aufgefundenen Bildstock oder eine Heilquelle erklärt wird, kommt der entscheidende Kultgegenstand von außen: Die religiöse Autorität des Genazzaner Gnadenbildes wird durch den Augustinerorden nach Wien vermittelt, wo eine Kopie zunächst an einem Seitenaltar aufgestellt, durch die Verehrung Maria Theresias aufgewertet und schließlich in die Mitte des Hochaltars übertragen wird.
Der Vorgang zeigt zugleich, wie eng unterschiedliche soziale Ebenen der Frömmigkeit miteinander verbunden sein konnten. Ordensleute vermitteln den Kult, der kaiserliche Hof fördert ihn, Künstler und Stifter gestalten seinen materiellen Rahmen, während die eigentliche Dauerhaftigkeit erst durch die wiederholte Verehrung der Gläubigen entsteht. Dass die Mutter vom Guten Rat noch heute Ziel monatlicher Wallfahrten ist, macht deutlich, dass sich der Kult nicht in seiner höfischen und barocken Entstehungszeit erschöpft hat.
Besonders reizvoll ist die Einfügung des kleinen Gnadenbildes in den monumentalen Pestaltar. Der überwältigende barocke Aufbau erzählt von kollektiver Katastrophe, von Krankheit, Sterben und der Fürsprache für eine ganze Stadt, während das vergleichsweise kleine Marienbild über dem Tabernakel eine intimere Form religiöser Beziehung ermöglicht. Öffentliche Not und persönliches Anliegen, Stadtgeschichte und individuelle Frömmigkeit treffen damit am selben Altar zusammen.
Auch die Abfolge verschiedener marianischer Kulte verdeutlicht, dass die sakrale Identität einer Kirche einem historischen Wandel unterliegt. Das ältere Gnadenbild Maria Trost ist verschwunden, sein Altar und die Erinnerung an die Bruderschaft blieben erhalten; die später eingeführte Mutter vom Guten Rat rückte dagegen vom Seitenaltar in das Zentrum der Kirche und wurde zum dauerhaften Kultbild. Ein religiöser Ort bewahrt seine Geschichte somit nicht nur durch unveränderte Kontinuität, sondern ebenso durch Überlagerung, Ersetzung und Neuinterpretation.
Die Pfarrkirche St. Rochus und Sebastian ist heute eine lebendige innerstädtische Marienwallfahrtsstätte. Das Gnadenbild der Mutter vom Guten Rat befindet sich weiterhin über dem Tabernakel des Hochaltars, und an jedem 26. des Monats wird eine Monatswallfahrt mit Rosenkranz, feierlicher Messe, Predigt und Beichtgelegenheit gehalten. Neben diesen Wallfahrten bestehen in der Kirche weitere marianische Andachtsformen, darunter tägliches Rosenkranzgebet sowie besondere Mai- und Rosenkranzandachten.
Der Wallfahrtsstatus ist daher nicht lediglich historisch oder aus einer älteren Literaturbezeichnung erschlossen, sondern durch eine ausdrücklich so benannte und regelmäßig vollzogene gegenwärtige Praxis gesichert. St. Rochus gehört damit zu den wichtigen Beispielen einer lebendigen Wiener Stadtwallfahrt, deren Mittelpunkt ein seit dem 18. Jahrhundert verehrtes Gnadenbild bildet.
- Huberta Eiselberg / Elisabeth Garms / Paul Bernhard Wodrazka u. a.: Pfarrkirche St. Rochus und Sebastian. Kirche des Oratoriums in Wien . Herausgegeben vom römisch-katholischen Pfarramt St. Rochus und St. Sebastian, The Best Kunstverlag, Wels 2013, ISBN 978-3-902809-27-8. Die Pfarre stellt diesen Kirchenführer auch in digitaler Form zur Verfügung.
- Pfarre St. Rochus und Sebastian: Dokumentationen zum Gnadenbild und zur Monatswallfahrt der Mutter vom Guten Rat.
- Wien Geschichte Wiki: "Rochuskirche", zur Bau-, Kloster- und Pfarrgeschichte der Kirche.
- Wien Museum: historische Bild- und Ansichtsquellen zur Rochuskirche und zur Landstraßer Hauptstraße.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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