| Wallfahrt: | Wien-Hernals – Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Bartholomäus und Hernalser Kalvarienberg |
| Status: | Historische Passions- und Bußwallfahrt; die großen Prozessionen sind weitgehend erloschen, der Kalvarienberg wird religiös weiterhin intensiv genutzt. |
| Kultzentrum: | Der Hernalser Kalvarienberg mit Passionsweg und Kreuzwegfrömmigkeit. |
| Ort: | Wien |
| Bezirk: | 17. Bezirk (Hernals) |
| Bundesland: | Wien |
| • | Lage: Kalvarienbergkirche, Sankt-Bartholomäus-Platz 3, 1170 Wien. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Wien |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Kalvarienbergkirche und Pfarre Hernals |
| • | Öffnungszeiten: täglich geöffnet zu den üblichen Kirchenöffnungszeiten über den Haupteingang Sankt-Bartholomäus-Platz. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
Die Kalvarienbergkirche in Hernals gehört zu den bedeutendsten historischen Passions- und Bußwallfahrtsstätten Wiens und unterscheidet sich in ihrer Entstehung wie in ihrer religiösen Praxis grundlegend von den großen marianischen Gnadenbildwallfahrten der Stadt. Nicht ein wundertätiges Bild oder eine Heilquelle bildete den ursprünglichen Mittelpunkt des Kultes, sondern die räumliche Vergegenwärtigung der Passion Christi: ein von Wien nach Hernals führender Stationsweg, eine dem Jerusalemer Vorbild verpflichtete Heilig-Grab-Kapelle und später ein künstlich angelegter Kalvarienberg, dessen Architektur den Pilger nicht nur zur Betrachtung des Leidens Christi, sondern zu einer körperlich vollzogenen Buß- und Umkehrhandlung anleiten sollte. Seit dem 17. Jahrhundert entwickelte sich daraus eine Wallfahrt, die tief in das religiöse und gesellschaftliche Leben Wiens hineinwirkte, von Bruderschaften, Geistlichkeit und Kaiserhaus gefördert wurde und zugleich jene für große Wallfahrtsorte charakteristische Eigendynamik entfaltete, in der sich Frömmigkeit, Geselligkeit, Markt, Unterhaltung und obrigkeitliche Disziplinierungsversuche immer wieder miteinander verschränkten.
Die mittelalterliche Pfarrkirche von Hernals war dem hl. Bartholomäus geweiht und ist spätestens zu Beginn des 14. Jahrhunderts urkundlich nachweisbar. Für die spätere Wallfahrtsgeschichte entscheidend wurde jedoch eine Entwicklung, die zunächst gerade nicht katholischer Frömmigkeit entsprang. Unter protestantischen Grundherren, zuletzt besonders unter den Jörgern von Tollet, entwickelte sich Hernals im 16. und frühen 17. Jahrhundert zu einem wichtigen evangelischen Zentrum unmittelbar vor Wien. Da evangelische Gottesdienste innerhalb der Stadt starken Einschränkungen unterlagen, gingen zahlreiche Wiener hinaus nach Hernals, um dort Predigten und Gottesdienste zu besuchen; dieses regelmäßige Verlassen der Stadt wurde zeitgenössisch als "Auslaufen" bezeichnet.
Nach der Rekatholisierung Hernals' erhielt derselbe Verkehrs- und Bewegungsraum eine völlig neue konfessionelle Bedeutung. Wo zuvor Wiener zu evangelischen Predigern hinausgezogen waren, sollte nun eine demonstrativ katholische Passionsfrömmigkeit die Landschaft prägen. Diese Umdeutung ist für die Geschichte des Hernalser Kalvarienberges von grundlegender Bedeutung, denn die spätere Wallfahrt war nicht nur Ausdruck allgemeiner barocker Frömmigkeit, sondern stand zugleich im Zusammenhang mit der katholischen Konfessionalisierung nach den religiösen Auseinandersetzungen der Reformationszeit. Der Weg nach Hernals blieb bestehen, doch seine symbolische Bedeutung wurde gleichsam umgekehrt.
Im Jahr 1639 initiierte der Jesuit Karl Musart einen Passionsweg, der vom Zentrum Wiens nach Hernals führte. Ausgangspunkt war der Stephansdom beziehungsweise dessen liturgisches Umfeld; von dort führte der Weg über mehrere Stationen bis zur Hernalser Kirche und zu einer neu errichteten Heilig-Grab-Kapelle. Die Anlage orientierte sich an der Vorstellung, den Leidensweg Christi von Jerusalem in die heimische Landschaft zu übertragen und dadurch auch jenen Gläubigen eine geistliche Teilnahme an den heiligen Stätten zu ermöglichen, die niemals selbst ins Heilige Land gelangen konnten.
Dieser Gedanke begegnet in zahlreichen frühneuzeitlichen Kreuzwegen, Kalvarienbergen und Heilig-Grab-Nachbildungen, doch erhielt er in Hernals durch die Länge des Weges und die unmittelbare Verbindung mit der Wiener Innenstadt eine besondere Ausprägung. Nicht erst das Ziel, sondern bereits der Weg selbst wurde zum sakralen Raum. Der Wallfahrer verließ den gewohnten städtischen Bereich, bewegte sich von Station zu Station, unterbrach seinen Gang zu Gebet und Betrachtung und vollzog dadurch die Passion nicht lediglich gedanklich, sondern in körperlicher Bewegung nach. Die Entfernung zwischen Wien und Hernals wurde damit religiös aufgeladen und in ein symbolisches Jerusalem verwandelt.
Zur Eröffnung des Passionsweges am 23. August 1639 nahmen Kaiser Ferdinand III., Erzherzog Leopold Wilhelm, Angehörige des Hofes, Vertreter des Wiener Stadtrates und eine große Zahl von Gläubigen teil. Geistliche trugen die für die Stationen bestimmten Darstellungen beziehungsweise Figuren entlang des Weges, die einzelnen Andachtsorte wurden nacheinander geweiht, und am Ende der Prozession setzte Ferdinand III. selbst den Schlussstein der Heilig-Grab-Kapelle.
Damit war von Anfang an deutlich, dass es sich nicht um eine bloß lokale Andachtsanlage handelte. Die Beteiligung des Kaiserhauses, die Verbindung mit dem Stephansdom und die öffentliche Prozession machten Hernals zu einem demonstrativ geförderten katholischen Pilgerziel. Die Wallfahrt verband persönliche Passionsfrömmigkeit mit jener repräsentativen Religionspolitik, die das wieder katholisch geprägte Wien des 17. Jahrhunderts kennzeichnete.
Die Hernalser Anlage gehört zu einem verbreiteten frühneuzeitlichen Typus sakraler Raumübertragung. Die heiligen Orte Jerusalems galten als Ursprung und geographischer Mittelpunkt des christlichen Passionsgeschehens, waren für den größten Teil der Bevölkerung jedoch unerreichbar. Nachbildungen des Heiligen Grabes und der Via Dolorosa ermöglichten es, diese entfernten Heiligtümer gleichsam in die eigene Landschaft zu holen und dort eine geistliche Ersatzpilgerfahrt zu vollziehen.
In Hernals wurde dieser Gedanke besonders konsequent umgesetzt, weil nicht allein ein einzelner Bau das Heilige Grab repräsentierte, sondern der gesamte Weg von Wien hinaus nach Hernals Teil der religiösen Handlung war. Der Pilger bewegte sich auf ein symbolisches Jerusalem zu und vollzog durch das Gehen, Anhalten, Beten und Betrachten einen körperlich strukturierten Andachtsweg. Die Wallfahrt unterschied sich damit wesentlich von einem bloßen Kirchenbesuch: Die religiöse Erfahrung begann bereits mit dem Verlassen der Stadt.
Die Bedeutung der Hernalser Wallfahrt wurde zusätzlich durch päpstliche Privilegien gestärkt. Papst Urban VIII. gewährte 1641 den frommen Besuchern einen vollkommenen Ablass, wodurch der Passionsweg in jene weit verbreitete spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Frömmigkeitskultur eingebunden wurde, in der bestimmte Orte, Feste und religiöse Übungen mit besonderem geistlichem Verdienst verbunden waren.
In der Folge kamen Prozessionen nicht nur vom Stephansdom, sondern auch von anderen Wiener Kirchen und Gemeinschaften nach Hernals; als Ausgangspunkte werden unter anderem die Minoritenkirche, St. Ulrich und die Universität genannt. Auch Angehörige des Kaiserhauses gehörten zu den Besuchern. Damit war Hernals spätestens in der Mitte des 17. Jahrhunderts keine lokale Passionsanlage mehr, sondern ein Wallfahrtsort, dessen Einzugsgebiet die gesamte Stadt umfasste.
Die religiöse Praxis konnte dabei ausgesprochen körperbetonte Formen annehmen. Aus den Überlieferungen geht hervor, dass einzelne Büßer schwere Holzkreuze mit sich führten oder Teile des Weges auf den Knien zurücklegten. Solche Übungen müssen aus der zeitgenössischen Frömmigkeitsvorstellung verstanden werden, in der körperliche Anstrengung, Entbehrung und selbst auferlegtes Leiden als sichtbarer Ausdruck von Reue und als Möglichkeit galten, sich dem Leiden Christi innerlich anzunähern.
Die Wallfahrt erhielt dadurch eine Dimension, die bei einer reinen Gnadenbildverehrung weit weniger ausgeprägt sein musste. Der eigene Körper wurde zum Medium der Andacht. Gehen, Tragen, Knien, Ermüdung und Schmerz waren nicht bloße Begleiterscheinungen des Pilgerns, sondern konnten bewusst in die religiöse Handlung einbezogen werden. Die Passion Christi wurde nicht nur betrachtet oder erzählt, sondern in begrenzter und symbolischer Form am eigenen Leib nachvollzogen.
Wie bei vielen großen Wallfahrten entwickelte sich jedoch auch in Hernals neben der offiziell gewünschten Frömmigkeit eine soziale Eigendynamik, die den kirchlichen und weltlichen Obrigkeiten zunehmend problematisch erschien. Große Gruppen von Menschen waren über Stunden gemeinsam unterwegs, verließen ihre alltägliche Ordnung, begegneten Angehörigen anderer sozialer Gruppen, aßen, tranken und nutzten den Wallfahrtstag zugleich als Gelegenheit gesellschaftlicher Kommunikation. Religiöse Prozession und gemeinschaftlicher Ausflug ließen sich unter solchen Bedingungen nicht immer eindeutig voneinander trennen.
Überliefert sind auffällige Büßerkleidungen und Maskierungen, Späße und andere Formen ausgelassenen Verhaltens; 1674 kam es sogar zu blutigen Zwischenfällen, die schließlich Forderungen nach Einschränkung beziehungsweise Einstellung der großen Prozessionen hervorriefen. Auch die Stationskapellen selbst wurden offenbar nicht ausschließlich zu Andachtszwecken genutzt, denn spätere kirchliche Beschwerden erwähnen weltliches und sittlich unerwünschtes Verhalten im Umfeld des Wallfahrtsweges.
Solche Nachrichten sind keineswegs bloß kuriose Randerscheinungen, sondern für die Volkskunde von erheblicher Bedeutung. Sie zeigen, dass Wallfahrt neben ihrer liturgischen und spirituellen Funktion immer auch ein soziales Ereignis war, das Freiräume eröffnete und deshalb regelmäßig zwischen kirchlicher Ordnung und populärer Nutzung ausgehandelt werden musste.
Während der Zweiten Wiener Türkenbelagerung 1683 wurden die Stationskapellen, die Heilig-Grab-Anlage und wesentliche Teile des älteren Hernalser Passionsweges zerstört. Damit endete die erste große Phase der Wallfahrt, nicht jedoch die religiöse Tradition selbst. Bereits wenige Jahrzehnte später entstand der Wunsch, die Passionsfrömmigkeit in neuer Form wiederherzustellen, wobei sich nun auch das räumliche Konzept grundlegend veränderte.
Im Jahr 1709 nahm die Bruderschaft der 72 Jünger Christi, der angesehene und wohlhabende Wiener Bürger angehörten, den Plan zur Errichtung eines neuen Kalvarienberges auf. Das Wiener Domkapitel stellte den erforderlichen Baugrund zur Verfügung, während die Bruderschaft die Finanzierung übernahm. 1714 konnte die neue Anlage vollendet werden.
Im Unterschied zum älteren, über mehrere Kilometer führenden Stationsweg wurde die Passion nun unmittelbar am Wallfahrtsort selbst räumlich konzentriert. Aus der langen Prozession durch die Landschaft wurde eine kompakte, architektonisch gestaltete Andachtsanlage, in der der Pilger innerhalb eines vergleichsweise kleinen Bereichs einen vollständigen geistlichen Weg durchlaufen konnte.
Der neue Kalvarienberg war als künstliche, hufeisenförmige Erhebung gestaltet, über deren 72 Stufen der Besucher zur Kreuzigungsgruppe hinaufstieg. Die Zahl der Stufen war nicht zufällig gewählt, sondern bezog sich unmittelbar auf die Bruderschaft der 72 Jünger Christi und verband damit die Architektur des Heiligtums mit der religiösen Identität seiner Stifter.
Der Aufstieg besaß zugleich eine symbolische Dimension. Die körperliche Anstrengung des Hinaufsteigens sollte den Besucher auf die Kreuzigung hinführen und machte den Weg selbst zum Bestandteil der Andacht. Die Architektur vermittelte ihre Aussage nicht nur durch Bilder und Inschriften, sondern durch die Bewegung des Menschen in ihr.
Besonders ungewöhnlich ist das ikonographische und theologische Programm der vierzehn Stationen, das sich deutlich vom später allgemein verbreiteten Kreuzweg mit seinen vierzehn chronologischen Szenen der Passion unterscheidet. Auf dem aufsteigenden Weg begegneten dem Pilger sieben Darstellungen unter dem Gedanken "Jesus büßt die Hauptsünden", während nach der Kreuzigungsgruppe auf dem absteigenden Weg sieben weitere Stationen folgten, die unter dem Thema "Maria lehrt die Tugenden" standen.
Damit war der Kalvarienberg als begehbares moraltheologisches Programm gestaltet. Der Pilger stieg mit der Betrachtung menschlicher Laster zum Kreuz hinauf, begegnete am höchsten Punkt der Erlösungstat Christi und kehrte anschließend unter dem Zeichen der von Maria vermittelten Tugenden in den Alltag zurück. Der Weg erzählte folglich nicht nur das Leiden Christi, sondern sollte einen inneren Umkehrprozess darstellen und hervorrufen.
Gerade darin liegt eine der bemerkenswertesten Besonderheiten der Hernalser Anlage. Architektur, Skulptur und körperliche Bewegung bildeten zusammen eine Art räumlicher Predigt, deren Sinn sich erst vollständig erschloss, wenn der Besucher den Weg tatsächlich beging.
Bereits nach der Fertigstellung der neuen Anlage setzte erneut ein starker Wallfahrerzustrom ein. Seit 1720 übernahm der Paulinerorden die Betreuung des Kalvarienberges und der Pilger. Die vorhandene Kirche erwies sich schließlich als zu klein beziehungsweise baulich unzureichend, sodass zwischen 1766 und 1769 eine neue Kalvarienbergkirche errichtet wurde.
Wie an zahlreichen bedeutenden Wallfahrtsorten zeigt sich damit auch in Hernals, dass der Kult unmittelbar auf die Architektur zurückwirkte. Die zunehmende Zahl der Besucher erforderte größere liturgische Räume, bessere Betreuung und eine dauerhafte organisatorische Infrastruktur. Aus einem zunächst gegenreformatorisch motivierten Passionsweg war im Laufe des 18. Jahrhunderts ein etablierter Wiener Wallfahrtsort geworden.
Mit dem Wallfahrerzustrom entwickelte sich zugleich eine wirtschaftliche Infrastruktur. Menschen, die teilweise von weiter her kamen und viele Stunden unterwegs waren, benötigten Speisen, Getränke, Kerzen, Andachtsbilder und andere religiöse Gegenstände. Verkaufsstände entstanden zunächst aus diesen praktischen Bedürfnissen, erweiterten ihr Angebot jedoch zunehmend um weltliche Waren und Unterhaltung.
Aus dieser Verbindung von Pilgerverkehr, Devotionalienhandel und Versorgung entwickelte sich der Hernalser Kalvarienbergmarkt, der schließlich weit über seine ursprüngliche Funktion hinauswuchs und zu einem eigenständigen Wiener Fastenbrauch wurde. Schaustellungen und Kinderbelustigungen traten neben die religiösen Verkaufsstände, sodass sich Wallfahrt und Markt gegenseitig beeinflussten und zugleich immer weiter voneinander lösten.
Die Entstehung dieses Marktes gehört zu den klassischen Beispielen dafür, dass Wallfahrt nicht nur religiöse, sondern auch wirtschaftliche Räume erzeugt. Wo regelmäßig große Menschenmengen zusammentreffen, entstehen Handel, Dienstleistungen und Formen saisonaler Unterhaltung; aus der Wallfahrtsökonomie kann schließlich eine weitgehend selbständige Volksfesttradition hervorgehen.
Zu den bekanntesten Figuren des Hernalser Kalvarienbergmarktes gehört der sogenannte Bamkraxler, die Darstellung eines Mannes, der einen Baum hinaufklettert. Die Figur wurde in unterschiedlichen Größen als Marktware angeboten und entwickelte sich zu einem charakteristischen Symbol des Hernalser Fastenmarktes.
Eine heute verbreitete Deutung bringt sie mit dem biblischen Zöllner Zachäus in Verbindung, der auf einen Baum steigt, um Christus sehen zu können. Unabhängig davon, wie weit diese Erklärung historisch zurückreicht, zeigt der Bamkraxler besonders anschaulich, wie religiöse Bildmotive innerhalb populärer Fest- und Marktkultur weiterleben können. Ein Gegenstand, der ursprünglich aus einem christlichen Erzählzusammenhang verstanden wurde, kann sich allmählich zu einem lokalen Wahrzeichen entwickeln, dessen religiöse Bedeutung nicht mehr jedem Käufer bewusst sein muss.
Von besonderem kulturhistorischem Reiz ist die Kontinuität des Begriffs "Auslaufen". Während der Reformationszeit waren Wiener nach Hernals "ausgelaufen", um evangelische Predigten zu hören; nach der Rekatholisierung wurde derselbe Weg zu einem der populärsten katholischen Passionswege der Stadt, und auch in späterer Zeit gehörte der Gang zum Kalvarienberg während der Fastenzeit zum Wiener Brauch.
Die Bewegung der Menschen blieb somit über Jahrhunderte hinweg auffallend ähnlich, während sich ihre konfessionelle und religiöse Bedeutung grundlegend wandelte. Gerade an Hernals lässt sich deshalb besonders anschaulich zeigen, wie Verkehrswege und Landschaften durch unterschiedliche religiöse Systeme immer wieder neu interpretiert und symbolisch besetzt werden können.
Eine weitere religiöse Erinnerungsschicht bildet die sogenannte Türkenmadonna. Nach örtlicher Überlieferung soll das Bild nach der Befreiung Wiens 1683 im osmanischen Lager aufgefunden und später der Hernalser Kirche vermacht worden sein. Es gehört dem verbreiteten Mariahilf-Typus an und weist Einschussspuren auf, die bei späteren Restaurierungen bewusst sichtbar belassen wurden.
Für die Geschichte der Wallfahrt ist jedoch eine klare Unterscheidung notwendig: Die Hernalser Passionswallfahrt bestand bereits seit 1639 und wurde nicht durch diese Madonna begründet. Das Bild gehört vielmehr in die nach 1683 entstandene Erinnerungskultur an die Zweite Wiener Türkenbelagerung und fügt dem älteren Passionsheiligtum eine zusätzliche marianische und militärgeschichtliche Bedeutungsschicht hinzu.
1784 wurde die Kalvarienbergkirche zur Pfarrkirche von Hernals. Das starke Bevölkerungswachstum des 19. Jahrhunderts machte schließlich eine erneute Erweiterung notwendig. Zwischen 1889 und 1894 wurde die Kirche unter dem Architekten Richard Jordan wesentlich umgestaltet und vergrößert; dabei integrierte man den historischen Kalvarienberg in die neue Gesamtanlage und überdachte den Stationsweg.
Die heutige Kirche ist daher kein einheitlicher barocker Wallfahrtsbau, sondern Ergebnis mehrerer historischer Schichten. Mittelalterliche Pfarrtradition, gegenreformatorischer Passionsweg, barocker Kalvarienberg, spätbarocke Wallfahrtskirche und die großen Umbauten des ausgehenden 19. Jahrhunderts greifen ineinander und machen die Anlage zugleich zu einem Zeugnis der wechselnden religiösen Funktionen Hernals'.
Am 22. März 1945 wurde die Kirche bei einem Luftangriff schwer beschädigt. Dach, Orgel und Teile der Ausstattung gingen verloren. Die historischen Reliefs des Kalvarienberges waren glücklicherweise bereits zuvor aus Luftschutzgründen abgenommen und nach Kleinmariazell gebracht worden, sodass gerade jene Kunstwerke erhalten blieben, die für die Geschichte der Wallfahrt und das besondere theologische Programm der Anlage von zentraler Bedeutung sind. Zu Ostern 1948 konnte in der wiederhergestellten Kirche erneut Gottesdienst gefeiert werden.
Aus volkskundlicher Sicht gehört Hernals zu den eindrucksvollsten Beispielen dafür, wie religiöse Architektur den Körper des Menschen bewusst in das Ritual einbezieht. Der Besucher sollte die Passion nicht lediglich betrachten, sondern durch eigenes Gehen und Steigen nachvollziehen; in älteren Formen der Wallfahrt konnten Knien, Kreuztragen und andere Bußübungen diese körperliche Dimension zusätzlich verstärken.
Dadurch wurde der Kalvarienberg erst durch seine Benutzung vollständig. Die Stationen bildeten keine bloße Galerie religiöser Kunstwerke, sondern waren Stationen einer Bewegung, deren theologische Aussage sich in der Abfolge von Aufstieg, Kreuzigung und Abstieg entfaltete. Der Körper des Wallfahrers wurde damit selbst zu einem Bestandteil der sakralen Inszenierung.
Die barocke Passionsfrömmigkeit zielte auf eine intensive emotionale Beteiligung des Betrachters. Das Leiden Christi sollte Mitleid, Reue und persönliche Umkehr hervorrufen, weshalb drastische Darstellungen von Verwundung, Schmerz und Tod keineswegs als bloße kunsthistorische Effekte verstanden werden dürfen.
Das Hernalser Programm verband diese emotionale Ansprache mit einer ausgeprägten moralischen Didaktik. Indem Christus auf dem aufsteigenden Weg mit den menschlichen Hauptsünden in Beziehung gesetzt wurde und Maria auf dem Rückweg die entsprechenden Tugenden lehrte, erhielt die Passion unmittelbare Bedeutung für das persönliche Verhalten des Pilgers. Das Heilsgeschehen blieb nicht in einer vergangenen biblischen Zeit, sondern wurde auf das gegenwärtige Leben des Menschen bezogen.
Kaum ein Wiener Wallfahrtsort zeigt so deutlich wie Hernals, wie eng kirchliche Frömmigkeit und populäre Kultur miteinander verflochten sein konnten. Aus einem gegenreformatorischen Bußweg entwickelte sich eine große Passionswallfahrt, aus dem Pilgerstrom entstand ein Markt, und aus diesem wiederum gingen lokale Bräuche und Figuren hervor, die den ursprünglichen religiösen Zusammenhang teilweise überdauerten.
Zugleich blieb diese Verbindung immer spannungsreich. Geistliche bemühten sich um liturgische Ordnung und moralische Disziplin, während die Teilnehmer die Wallfahrt zugleich als sozialen Freiraum und Gelegenheit zu Begegnung, Handel und Unterhaltung nutzten. Gerade diese Mehrdeutigkeit macht Hernals für die historische Volkskunde so wertvoll, denn sie zeigt Wallfahrt nicht als idealisierte religiöse Sonderwelt, sondern als gesellschaftliche Praxis mit allen Widersprüchen menschlichen Verhaltens.
Die Zeit der großen organisierten Prozessionen von der Wiener Innenstadt nach Hernals ist weitgehend vorüber. Der Kalvarienberg selbst wird jedoch weiterhin als wesentlicher Teil der kirchlichen Identität bewahrt und besonders während der Fasten- und Passionszeit intensiv genutzt. Kreuzwegandachten, Gottesdienste, Führungen und besondere liturgische Veranstaltungen halten die religiöse Funktion der historischen Anlage lebendig.
Der Hernalser Kalvarienberg vereinigt in außergewöhnlicher Dichte zentrale Themen der frühneuzeitlichen und neuzeitlichen Religionskultur: konfessionelle Konkurrenz und Gegenreformation, päpstlichen Ablass und kaiserliche Förderung, Bruderschaftswesen und körperliche Buße, symbolische Jerusalem-Nachbildung und moralisch-didaktische Architektur, Devotionalienhandel und Wallfahrtsmarkt, kirchliche Disziplinierung und populäre Festkultur.
Besonders bemerkenswert ist dabei die Wandlungsfähigkeit des Ortes. Hernals war zunächst mittelalterliche Pfarrkirche, danach protestantisches Zentrum, anschließend Ziel einer demonstrativ katholischen Passionswallfahrt, später barocker Kalvarienberg und schließlich Pfarrkirche innerhalb einer rasch wachsenden Großstadt. Dennoch blieb die Erinnerung an die Wallfahrt in Architektur, Brauchtum und lokaler Identität erhalten.
Die Geschichte des Hernalser Kalvarienberges zeigt damit exemplarisch, dass Wallfahrtsorte keine unveränderlichen religiösen Gebilde sind. Ihre Bedeutung entsteht aus dem Zusammenspiel von Kult, Architektur, gesellschaftlicher Nutzung und historischer Erinnerung und kann sich im Laufe der Jahrhunderte grundlegend verändern, ohne dass die älteren Bedeutungsschichten völlig verschwinden.
- Gustav Gugitz: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch . Band 1: Wien.
- Historische Dokumentationen der Pfarre Kalvarienbergkirche Hernals zur Geschichte der Kirche, der Wallfahrt und des Kalvarienberges.
- Bauhistorische Untersuchungen zur Entwicklung der Hernalser Kalvarienberganlage und ihrer Bedeutung innerhalb der Gegenreformation.
- Volkskundliche und lokalhistorische Darstellungen zu den österreichischen Kalvarienbergen, zur Wiener Passionsfrömmigkeit, zum "Auslaufen" nach Hernals und zum Hernalser Kalvarienbergmarkt.
- Siehe auch die Dokumentaion zum Kalvarienberg auf SAGEN.at: Kalvarienbergkirche Wien-Hernals
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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