Wien-Kaiserebersdorf – Wallfahrtskirche St. Peter und Paul und Gnadenbild Maria am Baum

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Wallfahrt:Wien-Kaiserebersdorf – Wallfahrtskirche St. Peter und Paul und Gnadenbild Maria am Baum
Status:Historisch belegte und weiterhin kirchlich als Wallfahrtskirche bezeichnete Marienwallfahrt.
Kultzentrum:Das Gnadenbild Maria am Baum und der hinter dem Hochaltar bewahrte Baumstamm.
Ort:Wien
Bezirk:11. Bezirk (Simmering)
Bundesland:Wien
Lage und Besuch
Lage: Pfarrkirche Kaiserebersdorf, Münnichplatz, 1110 Wien.
Die Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Peter und Paul liegt im alten Ortskern von Kaiserebersdorf im 11. Wiener Gemeindebezirk Simmering. Der ehemalige Kultplatz des Gnadenbildes befand sich außerhalb der Kirche auf der Ebersdorfer Wiese am Weg nach Mannswörth.
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Web: Pfarre Kaiserebersdorf
Öffnungszeiten: täglich von 07:00 Uhr bis 18:00 Uhr geöffnet.
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Ausführliche Beschreibung

Die Pfarrkirche St. Peter und Paul in Kaiserebersdorf gehört zu den alten Kirchen des Wiener Südostens und ist zugleich eine historisch bedeutende Marienwallfahrtsstätte, deren Ursprung nicht im Kirchenraum selbst, sondern bei einem Marienbild an einem Baum auf der sogenannten Ebersdorfer Wiese lag. Um dieses Bild entwickelte sich in der Mitte des 18. Jahrhunderts eine zunehmende Verehrung, nachdem ihm Gebetserhörungen zugeschrieben worden waren; die Zahl der Besucher nahm schließlich derart zu, dass das Gnadenbild in die Pfarrkirche übertragen wurde. Bemerkenswerterweise brachte man dabei nicht nur das Bild, sondern auch einen Teil jenes Baumes, an dem es verehrt worden war, in die Kirche. Der erhaltene Baumstamm hinter dem Hochaltar erinnert bis heute an den ursprünglichen Gnadenplatz und macht Kaiserebersdorf zu einem besonders anschaulichen Beispiel dafür, wie ein zunächst in freier Landschaft entstandener Bildbaumkult in einen kirchlich geordneten Wallfahrtsort überführt werden konnte.

Die alte Kirche von Kaiserebersdorf

Die Geschichte der Kirche reicht wesentlich weiter zurück als die Wallfahrt zu Maria am Baum. Ihre Anfänge werden mit den Herren von Ebersdorf beziehungsweise Himberg verbunden und reichen wahrscheinlich bis in das ausgehende 12. Jahrhundert zurück; im Mittelalter entwickelte sich Kaiserebersdorf zu einem kirchlichen Mittelpunkt der umliegenden Siedlungslandschaft.

Wie zahlreiche Kirchen im Wiener Umland wurde auch St. Peter und Paul während der osmanischen Belagerungen von 1529 und besonders 1683 schwer in Mitleidenschaft gezogen und anschließend wiederhergestellt beziehungsweise verändert. Der heutige Bau bewahrt daher unterschiedliche historische Schichten, die vom mittelalterlichen Bestand über barocke Umbauten bis zu späteren Restaurierungen reichen.

Eine bedeutende Erweiterung erfolgte 1747 unter dem Wiener Baumeister Matthias Gerl. Gerade dieses Datum ist für die Wallfahrtsgeschichte bemerkenswert, weil es unmittelbar auf jene Jahre folgt, in denen sich der Kult um Maria am Baum entwickelte und das Gnadenbild in die Kirche übertragen wurde. Die Baugeschichte und die Geschichte der Wallfahrt stehen damit zumindest zeitlich in einem auffallend engen Zusammenhang.

Das Marienbild auf der Ebersdorfer Wiese

Der eigentliche Ausgangspunkt der Wallfahrt lag außerhalb der Kirche, auf der sogenannten Ebersdorfer Wiese am Weg in Richtung Mannswörth. Dort befand sich an einem Baum ein Marienbild, das auf das verehrte Gnadenbild von Maria Dorfen in Oberbayern zurückging.

Der Kaiserebersdorfer Kult gehört damit zunächst in die weit verbreitete Geschichte der Gnadenbildkopien. Wie bei zahlreichen frühneuzeitlichen Wallfahrtsorten wurde nicht ein vermeintlich einzigartiges Bild unmittelbar am Ort geschaffen, sondern eine bereits andernorts verehrte Darstellung übernommen. Entscheidend für die weitere Entwicklung war jedoch nicht ihre kunsthistorische Herkunft, sondern die Tatsache, dass die Kopie am neuen Standort eine eigene Kultgeschichte ausbildete.

Als früher Besitzer beziehungsweise Urheber des Bildes wird in der Überlieferung ein kaiserlicher Zimmerwärter namens Großrucker genannt. Nachdem ein ursprünglich verwendeter Baum gefällt werden musste, gelangte das Bild zeitweilig außer Gebrauch, ehe es erneut an einem Baum auf der Ebersdorfer Wiese angebracht wurde. Vor diesem Bild soll schließlich auch ein Betschemel gestanden haben, wodurch aus dem zunächst einfachen Bildbaum bereits ein klar erkennbarer Andachtsplatz wurde.

Dass die Erinnerung an diesen ursprünglichen Standort noch Jahrzehnte später lebendig war, zeigt ein historischer Andachtskupferstich, auf dem Maria am Baum in freier Landschaft dargestellt ist. Solche Andachtsgraphiken waren nicht lediglich Erinnerungsbilder, sondern wichtige Medien der Kultverbreitung: Sie ermöglichten es, das verehrte Bild in verkleinerter Form mit nach Hause zu nehmen und dort als privates Andachts- und Schutzbild weiterzuverwenden.

Gebetserhörungen und wachsender Zustrom

Für das Jahr 1745 werden erste besondere Gebetserhörungen im Zusammenhang mit Maria am Baum überliefert. Von diesem Zeitpunkt an nahm die Zahl jener Menschen, die das Bild auf der Ebersdorfer Wiese aufsuchten, offenbar rasch zu. In späteren Darstellungen ist von einem starken Zustrom und von Tausenden Besuchern die Rede; die neuere Forschung bezeichnet den daraus entstehenden Ort ausdrücklich als gut besuchte marianische Gnadenstätte.

Damit vollzog sich jene Entwicklung, die für zahlreiche Wallfahrtsorte charakteristisch ist: Ein zunächst unauffälliges religiöses Bild wird durch Geschichten von erfahrenen Hilfen aus seinem alltäglichen Umfeld herausgehoben, immer häufiger bewusst aufgesucht und schließlich zum Mittelpunkt einer eigenen Kultpraxis.

Entscheidend ist dabei nicht, ob sich einzelne Gebetserhörungen aus heutiger Sicht als übernatürliche Vorgänge beweisen lassen. Für die historische Wallfahrtsforschung ist vielmehr ausschlaggebend, dass Menschen ihre Hilfe religiös deuteten, diese Deutung weitererzählten und dadurch wiederum neue Besucher anzogen. Aus individuellen Erfahrungen entstand ein kollektiver Ruf der Gnadenwirksamkeit.

Maria am Baum war somit bald nicht mehr lediglich ein Marienbild an einem Weg, sondern ein Ort, zu dem man mit konkreten Anliegen ging.

Die Übertragung in die Pfarrkirche

Bereits 1746 wurde das Gnadenbild nach der heute überwiegenden Überlieferung von seinem Standort auf der Ebersdorfer Wiese in die Pfarrkirche übertragen. Als genauer Termin wird in einzelnen Darstellungen der 13. November 1746 genannt.

Bei der Datierung besteht allerdings eine auffällige Quellenabweichung. Einige spätere Veröffentlichungen nennen statt 1746 das Jahr 1766. Die frühere Datierung fügt sich jedoch wesentlich schlüssiger in die bekannte Abfolge der Ereignisse ein: 1745 werden erste Gebetserhörungen genannt, 1746 erfolgt die Übertragung und bereits 1747 wird die Kirche unter Matthias Gerl erweitert. Solange keine neue archivalische Quelle eine endgültige Klärung ermöglicht, erscheint deshalb 1746 als die überzeugendere Datierung; die abweichende Angabe 1766 sollte dennoch in einer quellenkritischen Darstellung nicht völlig verschwiegen werden.

Die Translation bedeutete einen tiefgreifenden Wandel des Kultes. Was zuvor an einem Baum in freier Landschaft geschehen war, wurde nun in den geordneten Raum einer Pfarrkirche überführt. Der Zustrom der Gläubigen konnte dadurch liturgisch betreut, kirchlich kontrolliert und dauerhaft mit Messe, Beichte und anderen Formen offizieller Frömmigkeit verbunden werden.

Ein Teil des Baumes kommt mit in die Kirche

Das Außergewöhnlichste an der Übertragung besteht jedoch darin, dass nicht nur das Gnadenbild seinen Standort wechselte.

Auch ein Teil jenes Baumstammes, mit dem die Verehrung auf der Ebersdorfer Wiese verbunden gewesen war, wurde bewahrt und befindet sich noch heute hinter dem Hochaltar. Darüber breitet sich eine kunstvoll gestaltete metallene beziehungsweise schmiedeeiserne Baumkrone aus, wodurch der ursprüngliche Bildbaum innerhalb des Kirchenraumes gleichsam weiterlebt.

Dieser Vorgang besitzt eine außergewöhnliche volkskundliche Aussagekraft. Bei der Übertragung eines Gnadenbildes von einem Baum, Bildstock oder anderen Ort in eine Kirche wird normalerweise das Kultbild bewahrt, während die Landschaft, aus der der Kult hervorgegangen ist, zurückbleibt. In Kaiserebersdorf dagegen wurde ein wesentlicher Teil des alten Gnadenplatzes materiell mitgenommen.

Der Baumstamm ist deshalb mehr als eine historische Kuriosität. Er fungiert als eine Art materielle Reliquie des ursprünglichen Kultortes.

Die freie Landschaft konnte nicht in die Kirche übertragen werden, wohl aber ein Teil jenes Baumes, an dem die Menschen gebetet und ihre ersten Gebetserhörungen erfahren hatten. Durch seine Aufbewahrung hinter dem Hochaltar blieb die Erinnerung an die Vorgeschichte des Heiligtums dauerhaft sichtbar.

Naturort und Kirchenraum

Gerade darin liegt eine der bemerkenswertesten Eigenschaften von Maria am Baum. Der Baum ist in vielen europäischen Wallfahrtstraditionen ein wiederkehrender Träger heiliger Bilder. Marienbilder werden in Baumhöhlen gefunden, an Stämmen befestigt oder nach wundersamen Ereignissen mit einzelnen Bäumen verbunden; nicht selten entstehen darüber zunächst kleine Schutzbauten und später Kapellen oder Kirchen.

Bei solchen Geschichten begegnen sich christliche Bildverehrung und eine wesentlich ältere symbolische Wahrnehmung des Baumes als besonderer Ort. Es wäre jedoch methodisch falsch, daraus ohne konkrete Belege unmittelbar einen vorchristlichen Baumkult abzuleiten. Entscheidend ist vielmehr, dass der lebende Baum als deutlich identifizierbarer Punkt in der Landschaft eine besondere Eignung besaß, religiöse Erinnerung an sich zu binden.

In Kaiserebersdorf lässt sich dieser Vorgang ungewöhnlich gut nachvollziehen. Das Bild erhält am Baum seinen besonderen Ruf, Menschen suchen gerade diesen Ort auf, und als der Kult später in die Kirche verlegt wird, genügt es offenbar nicht, nur das Bild mitzunehmen. Auch der Baum muss in irgendeiner Form erhalten bleiben.

Der Hochaltar übernimmt damit die Funktion des ehemaligen Bildbaumes.

Das Gnadenbild

Das Gnadenbild Maria am Baum ist eine Nachbildung des Marienbildes von Maria Dorfen in Bayern und wurde wahrscheinlich bereits im 17. Jahrhundert geschaffen beziehungsweise geht auf eine entsprechende ältere Vorlage zurück. Im 18. Jahrhundert wurde es überarbeitet und erhielt jene kostbare Ausgestaltung, die seinem nunmehrigen Rang als Gnadenbild entsprach.

Heute befindet sich die Darstellung in einem reich gestalteten spätbarocken beziehungsweise rokokohaften Rahmen über dem Tabernakel des Hochaltares. Engel begleiten die Madonna, während der dahinter erhaltene Baumstamm und die darüber ausgreifende künstliche Baumkrone die Erinnerung an den ursprünglichen Standort herstellen.

Dadurch entsteht ein ungewöhnliches Gesamtbild: Das Marienbild erscheint nicht einfach wie ein gewöhnliches Hochaltarbild, sondern ist weiterhin in eine bildliche und materielle Baumstruktur eingebunden.

Der heutige Altar erzählt damit die gesamte Gründungsgeschichte des Wallfahrtsortes, ohne dass der Besucher sie zunächst kennen muss. Bild, Baumstamm und Baumkrone bilden zusammen ein materielles Gedächtnis der Translation.

Maria Dorfen und Kaiserebersdorf

Die Herkunft des Bildes aus dem Kultkreis von Maria Dorfen macht Kaiserebersdorf zugleich zu einem charakteristischen Beispiel frühneuzeitlicher Kultübertragung.

Die religiöse Bedeutung des bayerischen Gnadenbildes wurde zunächst durch eine Kopie nach Wien vermittelt. Diese Kopie blieb jedoch nicht bloßer Hinweis auf das entfernte Original, sondern entwickelte am Baum auf der Ebersdorfer Wiese eine selbständige lokale Geschichte. Gebetserhörungen wurden nun nicht mehr nur mit Maria Dorfen verbunden, sondern mit dem konkreten Bild in Kaiserebersdorf.

Der Vorgang lässt sich als mehrstufige Entwicklung verstehen:

Maria Dorfen – Kopie des verehrten Bildes – Aufstellung auf der Ebersdorfer Wiese – lokale Gebetserhörungen – wachsender Pilgerzustrom – Übertragung in die Pfarrkirche – Ausbildung einer selbständigen Wallfahrtsstätte.

Besonders interessant ist, dass später wiederum Andachtsgraphiken von Maria am Baum entstanden. Die ursprüngliche Kopie eines fremden Gnadenbildes wurde damit selbst zum reproduzierbaren Kultbild. Aus einer übernommenen religiösen Form war ein eigenständiger Wiener Gnadenort hervorgegangen.

Kirchliche Lenkung des Kultes

Für die Übertragung des Bildes wird insbesondere Franz Anton Marxer genannt, der später Weihbischof von Wien wurde und in der Mitte des 18. Jahrhunderts an verschiedenen kirchlichen und karitativen Initiativen beteiligt war. Nach der Forschung ließ er das Gnadenbild 1746 auf Veranlassung kirchlicher Autoritäten mitsamt dem Baum beziehungsweise Teilen davon in die Kirche bringen.

Der Vorgang lässt sich als typische kirchliche Institutionalisierung eines bereits entstandenen volkstümlichen Kultes verstehen.

Die Verehrung begann nicht am Hochaltar unter unmittelbarer Kontrolle der Pfarre, sondern draußen an einem Bildbaum. Erst als der Zustrom zunahm und Gebetserhörungen verbreitet wurden, wurde das Bild in einen kirchlich geordneten Raum übertragen.

Darin liegt keine notwendige Gegnerschaft zwischen Volksfrömmigkeit und Kirche. Vielmehr begegnet ein vielfach nachweisbares Zusammenspiel: Die Bevölkerung erzeugt durch wiederholtes Aufsuchen und Erhörungsüberlieferungen einen Gnadenort; die kirchliche Obrigkeit prüft, ordnet und institutionalisiert den Kult; anschließend können Wallfahrt und Liturgie langfristig miteinander verbunden werden.

Die Erweiterung der Kirche

Bereits 1747 erfolgte unter Matthias Gerl eine bedeutende Erweiterung der Pfarrkirche. Der enge zeitliche Zusammenhang mit dem Aufblühen der Maria-am-Baum-Verehrung ist auffällig und wird in der Literatur mit dem zunehmenden Wallfahrtsbetrieb in Verbindung gebracht.

Damit begegnet in Kaiserebersdorf dasselbe Phänomen wie an vielen erfolgreichen Wallfahrtsorten: Der vorhandene Kirchenraum muss auf eine neue religiöse Nutzung reagieren.

Die Wallfahrt wird dadurch architektonisch sichtbar. Selbst wenn nicht jede einzelne Baumaßnahme ausschließlich aus dem Pilgerzustrom erklärt werden darf, gehört die Erweiterung von 1747 in jene Phase, in der aus einer alten Dorf- und Pfarrkirche zugleich ein Marienheiligtum wurde.

Mirakel und Votive

Mit der Wallfahrt zu Maria am Baum verbanden sich Berichte über Gebetserhörungen und eine entsprechende Votivpraxis. Ältere Zusammenstellungen nennen Mirakelaufzeichnungen und Dankgaben von Menschen, die ihre Genesung oder sonstige Hilfe der Fürsprache Mariens zuschrieben.

Der erhaltene Bestand scheint heute nicht mehr jene Geschlossenheit zu besitzen, wie sie von manchen anderen österreichischen Wallfahrtsorten bekannt ist. Dennoch gehört die Verbindung von Gebetserhörung, Wallfahrt und Dankgabe zur historischen Kultüberlieferung von Kaiserebersdorf.

Gerade bei einem Gnadenbild, dessen Aufstieg mit berichteten Erhörungen einsetzte, ist diese Votivdimension von wesentlicher Bedeutung. Sie zeigt, dass die Menschen den Wallfahrtsort nicht bloß aus Tradition besuchten, sondern in ein persönliches Verhältnis von Bitte, erwarteter Hilfe und anschließendem Dank eintraten.

Eine zweite marianische Kultschicht

Neben Maria am Baum wird in älteren Darstellungen auch eine sogenannte "Betrübte Madonna" erwähnt, die als spiegelverkehrte Kopie nach einem Werk Sassoferratos beschrieben wird. Sie soll bereits gegen Ende des 17. Jahrhunderts öffentlich verehrt und während der Pestzeit von 1713 besonders angerufen worden sein.

Diese Überlieferung weist darauf hin, dass die Marienverehrung in Kaiserebersdorf nicht erst mit Maria am Baum begann. Der spätere Gnadenbildkult trat vielmehr in eine bereits vorhandene religiöse Landschaft ein, in der Maria als Fürsprecherin und Beschützerin eine wichtige Rolle spielte.

Für eine eigenständige Wallfahrt zu dieser Betrübten Madonna ist die Beleglage jedoch wesentlich schwächer als für Maria am Baum. Sie sollte deshalb als zusätzliche historische Andachtstradition erwähnt, nicht aber mit dem eindeutig dokumentierten Wallfahrtskult des späteren Gnadenbildes gleichgesetzt werden.

Die Wallfahrt aus der Josefstadt

Besonders wichtig für den tatsächlichen Wallfahrtsstatus ist eine über mehr als zwei Jahrhunderte dokumentierte Verbindung mit der Wiener Piaristenkirche Maria Treu in der Josefstadt. Von dort wurden jährlich Wallfahrten nach Kaiserebersdorf unternommen.

Damit liegt ein konkreter Beleg dafür vor, dass Kaiserebersdorf nicht lediglich ein vielbesuchter lokaler Gnadenort war, sondern tatsächlich von organisierten auswärtigen Pilgergruppen aufgesucht wurde.

Solche regelmäßigen Pfarrwallfahrten gehörten zu den charakteristischen Formen des Wiener Wallfahrtswesens. Die Entfernung war groß genug, um einen wirklichen Weg zurückzulegen, zugleich blieb das Ziel innerhalb beziehungsweise am Rand des Wiener Raumes erreichbar. Die Großstadt und ihre Umgebung besaßen dadurch ein dichtes Netz kleinerer Wallfahrtsbeziehungen, das neben den bekannten überregionalen Zielen wie Mariazell, Mariabrunn oder Maria Lanzendorf bestand.

Für Maria am Baum ist diese Wallfahrt aus der Josefstadt eines der stärksten Argumente gegen jede Einordnung als bloßen Andachtsort.

Von der Wiese zum Hochaltar

Volkskundlich lässt sich die gesamte Geschichte von Maria am Baum als Bewegung zwischen Landschaft und Kirchenraum lesen.

Am Anfang steht ein Bild an einem Baum außerhalb des Dorfes. Menschen gehen zu diesem Bild, knien davor, erzählen von erfahrener Hilfe und machen den Ort dadurch zu einem besonderen Platz. Mit zunehmender Verehrung wird das Bild aus der Landschaft herausgenommen und auf den Hochaltar der Pfarrkirche übertragen.

Doch die Landschaft lässt sich nicht vollständig zurücklassen. Deshalb kommt ein Stück des Baumes mit.

Diese Handlung ist von großer symbolischer Konsequenz. Der Gnadenort wird nicht einfach abgeschafft und durch einen neuen ersetzt, vielmehr soll die sakrale Identität des alten Platzes auf den Kirchenraum übergehen. Das Bild garantiert die persönliche Kontinuität des Kultgegenstandes, der Baumstamm die räumliche Kontinuität des ursprünglichen Heiligtums.

In diesem Sinn ist der Hochaltar von Kaiserebersdorf nicht lediglich Standort des übertragenen Bildes, sondern eine symbolische Rekonstruktion des ehemaligen Bildbaumes.

Der Baum als Gedächtnisträger

Der erhaltene Baumstamm besitzt deshalb eine besondere Stellung innerhalb der materiellen Überlieferung österreichischer Wallfahrtskultur. Holz ist normalerweise vergänglich; gerade alte Bildbäume verschwinden durch Fäulnis, Sturm, Blitzschlag oder menschliche Eingriffe, während ihre Geschichte nur noch in Legenden und Bildern fortlebt.

In Kaiserebersdorf dagegen blieb ein Stück des Baumes selbst erhalten.

Damit besitzt das Heiligtum gewissermaßen eine materielle Beglaubigung seiner eigenen Gründungserzählung. Ob jede Einzelheit der Überlieferung historisch genau so geschehen ist, lässt sich dadurch selbstverständlich nicht beweisen; der Stamm dokumentiert jedoch, wie wichtig die Verbindung zwischen Bild und Baum bereits für jene Generationen gewesen sein muss, die den Kult in die Kirche übertrugen.

Er ist somit weniger naturkundliches Überbleibsel als bewusst bewahrtes Erinnerungsobjekt.

Volkskundliche Bedeutung

Maria am Baum ist ein besonders anschauliches Beispiel für die Entstehung eines frühneuzeitlichen Gnadenortes aus einem zunächst einfachen Landschaftsheiligtum.

Mehrere zentrale Elemente traditioneller Wallfahrtskultur greifen ineinander: die Kopie eines bereits berühmten Gnadenbildes, ein Bildbaum als erster Kultort, berichtete Gebetserhörungen, zunehmender Zustrom von Hilfesuchenden, kirchliche Institutionalisierung, Translation des Kultbildes, Bewahrung eines materiellen Restes des ursprünglichen Gnadenplatzes, Votiv- und Mirakelüberlieferung, Andachtsgraphik und schließlich regelmäßige organisierte Wallfahrten.

Besonders charakteristisch ist dabei die Wechselwirkung zwischen übernommenem und lokal neu entstandenem Kult. Das Bild kommt aus dem Traditionszusammenhang von Maria Dorfen und besitzt dadurch bereits religiöse Autorität; seine eigentliche Kaiserebersdorfer Bedeutung entwickelt es jedoch erst durch die Erfahrungen, welche die Menschen mit dem Bild am neuen Standort verbinden.

Damit wird eine Kopie selbst zum Original einer neuen Kultgeschichte.

Ebenso bemerkenswert ist das Verhältnis zwischen spontaner und institutionalisierter Frömmigkeit. Der Bildbaum wird zunächst durch das Verhalten der Gläubigen zum Gnadenort; anschließend greift die Kirche ein, überträgt Bild und Baumsubstanz in die Pfarrkirche und schafft damit einen liturgisch geordneten Wallfahrtsraum.

Der Kult verliert dadurch nicht seine ursprüngliche Geschichte, sondern trägt sie demonstrativ mit sich. Gerade der erhaltene Baumstamm verhindert, dass der Ursprung auf der Ebersdorfer Wiese aus dem kollektiven Gedächtnis verschwindet.

Heutige Wallfahrt

Die Pfarrkirche St. Peter und Paul wird bis heute ausdrücklich als Wallfahrtskirche Maria am Baum bezeichnet. Der historische Wallfahrtscharakter ist durch die seit der Mitte des 18. Jahrhunderts belegte Gnadenbildverehrung, Gebetserhörungs- und Votivüberlieferung, den Pilgerzustrom sowie regelmäßige auswärtige Wallfahrten eindeutig gesichert.

Die Intensität der Wallfahrt hat sich gegenüber ihrer barocken Blütezeit verändert, doch der zentrale Kultgegenstand ist weiterhin vorhanden, und mit dem hinter dem Hochaltar bewahrten Baumstamm besitzt Kaiserebersdorf ein außergewöhnliches materielles Zeugnis des ursprünglichen Gnadenortes.

Maria am Baum gehört deshalb nicht nur historisch, sondern auch nach der heutigen kirchlichen Selbstbezeichnung zu den Wiener Wallfahrtsstätten.

Literatur und Quellen

- Gustav Gugitz: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch. Band 1: Wien. Wien.

- Franziska Hertl: Pfarrgeschichte von Kaiserebersdorf. Wien 2019.

- Walpurga Oppeker: Arbeiten zur Wiener und niederösterreichischen Kirchen-, Wallfahrts- und Frömmigkeitsgeschichte, mit Hinweisen auf die Entstehung der Gnadenstätte Maria am Baum und die Tätigkeit Franz Anton Marxers.

- Graphische Sammlung Stift Göttweig: historisches Andachtsblatt "Maria am Baum" beziehungsweise Darstellung des Gnadenbildes auf der Ebersdorfer Wiese, 18. Jahrhundert.

- Pfarrchronik und Dokumentationen der Pfarre Kaiserebersdorf zur Geschichte der Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Peter und Paul.

- Bundesdenkmalamt: Denkmaldokumentation der Pfarrkirche St. Peter und Paul / Wallfahrtskirche Maria am Baum.

- Eduard beziehungsweise lokalhistorische Veröffentlichungen zur Geschichte von Kaiserebersdorf und der Wallfahrt Maria am Baum.

Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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