| Wallfahrt: | Wien-Döbling, Kaasgraben – Wallfahrtskirche Maria Schmerzen und Gnaden-Pietà |
| Status: | Historisch belegter Gnaden- und Wallfahrtsort; die Kirche wird weiterhin als Wallfahrtskirche geführt. |
| Kultzentrum: | Die Gnaden-Pietà der Schmerzhaften Muttergottes. |
| Ort: | Wien |
| Bezirk: | 19. Bezirk (Döbling) |
| Bundesland: | Wien |
| • | Lage: Wallfahrtskirche Maria Schmerzen – Kaasgrabenkirche, Ettingshausengasse 1, 1190 Wien. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Wien |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Pfarre Franz von Sales, Teilgemeinde Kaasgraben |
| • | Öffnungszeiten: täglich von 07:00 Uhr bis 19:00 Uhr geöffnet. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
• Hochaltar Kaasgraben: Hochaltar der Kirche "Maria Schmerzen im Kaasgraben", Wien 19. Bezirk Altar mit Doppelsäulenaufbau, vor einem Leinwandbild mit der Darstellung adorierender Engel Marienfigur auf Tabernakel - aus der Bauzeit.
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
• Gnadenbild Pietá - in der Kirche "Maria Schmerzen im Kaasgraben": Am linken Seitenaltar steht jene lebensgroße, barocke Statue der Schmerzhaften Muttergottes, die schon in der alten Schwalbenkapelle und später in der Krypta stand. Sobald nämlich die Türken abgezogen waren, pilgerte die Frau oft zu dieser Stelle, wo sie die Fürbitte Marias vor so großer Gefahr bewahrt hatte. Sie betete vor einem Bild der schmerzhaften Muttergottes, das sie in der Nähe dieses Busches im Wald angebracht hatte. Später stand ein Marterl an dieser Stelle. Im Jahre 1882 entstand dort die erste kleine Kapelle, erbaut vom Fuhrwerksbesitzer Kothbauer. Er ließ eine fast lebensgroße Statue der Schmerzhaften Muttergottes dorthin übertragen. Diese war früher im siebenten Gemeindebezirk, bei der St. Ulrichskirche, im Hof des sogenannten Hauses Zum kleinen Sperl aufgestellt und wurde viel verehrt. Quelle: Kirchenführer
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
• Wallfahrtsbildchen "Maria Schmerzen im Kaasgraben" Auf der Rückseite ein Bittgebet, keine Angabe, ob das Bild eine historische Vorlage hat. Das Bild zeigt die Kirche und davor die Gnaden-Pietá zwischen den Stiegenaufgängen. Die Schwalben deuten auf die Gründungslegende hin, die Reben symbolisieren den Standort zwischen den Weinorten Grinzing und Sievering. Text: "O IHR ALLE-DIE IHR VORÜBERGEHT- BETRACHTET-OB IHR EIN LEID HABT- DAS MEINEM LEID GLEICHT."
Bildquelle: SAGEN.at-Fotogalerie
Die auf einer Anhöhe über dem Kaasgraben gelegene Wallfahrtskirche Maria Schmerzen gehört zu den jüngeren Wiener Wallfahrtsstätten, besitzt aber eine ungewöhnlich vielschichtige Entstehungsgeschichte, in der sich religiöse Verehrung, eine wahrscheinlich erst spät ausgeformte Türkenlegende, wirtschaftliche Interessen, populäre Ausflugs- und Vergnügungskultur sowie schließlich kirchliche Institutionalisierung miteinander verbinden. Aus einer kleinen Kapelle des ausgehenden 19. Jahrhunderts entwickelte sich innerhalb weniger Jahrzehnte ein tatsächlich besuchter Gnadenort, dessen verehrte Pietà von Votivgaben umgeben war und dessen Wallfahrt schließlich in der 1909 bis 1910 errichteten monumentalen Kirche einen dauerhaften baulichen Rahmen erhielt.
Der historische Wallfahrtscharakter des Kaasgrabens ist dabei nicht von der Frage abhängig, ob die berühmte Erzählung von der "Schwalbenmuttergottes" auf ein tatsächliches Ereignis des Jahres 1683 zurückgeht. Für eine solche unmittelbare Kontinuität fehlt der Nachweis. Umso deutlicher lässt sich dagegen verfolgen, wie im späten 19. Jahrhundert aus einem bereits verehrten Marienbild, einer wirksamen Gründungslegende und einer rasch anwachsenden Besucherpraxis ein neuer Wiener Wallfahrtsort entstand.
Der Kaasgraben liegt im 19. Wiener Gemeindebezirk Döbling zwischen den alten Weinbaugebieten von Grinzing und Sievering. Noch im 19. Jahrhundert war die Gegend wesentlich stärker von Weingärten, Sandgruben, Fuhrwerken und ländlich geprägten Wirtschaftsformen bestimmt als heute. Gerade in dieser Umgebung entstand die erste Kapelle, aus der sich die spätere Wallfahrt entwickeln sollte.
Die heutige Kirche liegt erhöht über der Ettingshausengasse und wird durch ihre weithin sichtbare Front sowie die beiden geschwungenen Freitreppen wirkungsvoll in Szene gesetzt. Schon der Aufstieg führt den Besucher aus dem Straßenraum in einen architektonisch bewusst abgesetzten Sakralbereich.
Die bekannteste Ursprungserzählung des Kaasgrabens führt in das Jahr 1683, in die Zeit der Zweiten Wiener Türkenbelagerung.
Nach dieser Überlieferung soll sich eine Frau mit ihrem Kind während der kriegerischen Ereignisse im Gelände des späteren Kaasgrabens aufgehalten haben, häufig wird erzählt, sie habe Beeren gesammelt. Als osmanische Reiter näher kamen, habe sie sich mit dem Kind in dichtem Gebüsch verborgen und in ihrer Angst die Gottesmutter um Hilfe angerufen.
Die Reiter sollen zwar Spuren entdeckt und den Busch untersucht haben, jedoch davon ausgegangen sein, dass sich dort niemand verbergen könne, weil darin sitzende Schwalben vollkommen ruhig geblieben seien. Wäre ein Mensch im Gebüsch gewesen, so die Logik der Erzählung, hätten die Vögel auffliegen müssen.
Die Frau blieb unentdeckt und soll aus Dankbarkeit an jener Stelle ein Bild der Schmerzhaften Muttergottes angebracht oder einen Bildstock errichtet haben. Aus dieser Geschichte erklärt sich die Bezeichnung "Schwalbenmuttergottes".
Historisch lässt sich ein solcher Bildstock des Jahres 1683 jedoch nicht nachweisen. Die Erzählung gehört daher in den Bereich der Wallfahrts- und Türkenlegenden und darf nicht als gesicherte Gründungsgeschichte der Kaasgrabener Wallfahrt dargestellt werden.
Besonders bemerkenswert ist, dass die Schwalbenlegende gerade im ausgehenden 19. Jahrhundert größere Bedeutung gewann, als sich die Erinnerung an die Zweite Wiener Türkenbelagerung von 1683 in Wien erneut stark verdichtete.
Das Jahr 1883 war das zweihundertjährige Jubiläum der Entsatzschlacht, und überall in Wien und darüber hinaus entstanden historische Erinnerungsbilder, Denkmäler, Festveranstaltungen und populäre Erzählungen über die Ereignisse von 1683. In genau diesem zeitlichen Umfeld wurde auch die erste neuzeitliche Kapelle im Kaasgraben errichtet.
Ob die Geschichte von der durch Schwalben geretteten Frau bereits wesentlich älter war oder erst im Zusammenhang mit diesem neuen Kultort ihre bekannte Form erhielt, lässt sich nicht sicher entscheiden. Die auffällige zeitliche Nähe zwischen Kapellenbau und Türkenjubiläum verlangt jedenfalls quellenkritische Vorsicht.
Die Legende war jedoch außerordentlich wirkungsvoll, weil sie den neu entstehenden Andachtsort mit einer bereits zweihundert Jahre zurückliegenden historischen Krisensituation verband und ihm dadurch eine scheinbar alte sakrale Vorgeschichte verlieh.
Der eigentliche neuzeitliche Begründer des Kultortes war der Sandgruben- und Fuhrwerksbesitzer Anton Kothbauer. Für die Errichtung der ersten Kapelle werden in den Quellen die Jahre 1882 beziehungsweise 1883 genannt, weshalb eine Datierung mit 1882/83 am vorsichtigsten erscheint.
Kothbauer verband den neuen Andachtsort mit der Geschichte der Schwalbenmuttergottes, doch der tatsächlich verehrte Kultgegenstand der Kapelle besaß eine andere Vorgeschichte.
Es handelte sich um eine nahezu lebensgroße Darstellung der Schmerzhaften Muttergottes, eine Pietà, die zuvor im Bereich von St. Ulrich verehrt worden war.
Die Marienfigur befand sich ursprünglich im Hof des Hauses beziehungsweise Gasthauses "Zum kleinen Sperl" im Gebiet von St. Ulrich. Schon dort soll sie Gegenstand einer lebhaften Andacht gewesen sein.
Als das Gebäude abgebrochen wurde, brachte Anton Kothbauer die Pietà in seine neue Kapelle im Kaasgraben.
Dieser Vorgang ist für die Geschichte der Wallfahrt von grundlegender Bedeutung, denn die später verehrte Schmerzhafte Muttergottes ist nicht mit einem angeblich 1683 errichteten Bildstock gleichzusetzen.
Es bestehen vielmehr zwei unterschiedliche Traditionsschichten:
Die Schwalbenmuttergottes gehört zur Gründungslegende des Jahres 1683.
Die Gnaden-Pietà ist der tatsächlich nachweisbare Kultgegenstand, der im ausgehenden 19. Jahrhundert aus einem älteren Wiener Andachtszusammenhang in den Kaasgraben übertragen wurde.
Erst am neuen Standort verbanden sich beide Traditionen miteinander.
Damit bietet der Kaasgraben ein bemerkenswertes Beispiel eines innerstädtischen Kulttransfers. Eine bereits verehrte religiöse Figur verlor ihren bisherigen Standort, wurde jedoch nicht bedeutungslos, sondern an einem neuen Ort aufgestellt und dort in eine neue Gründungserzählung eingebunden.
Die Pietà brachte ihre ältere Verehrung mit, während die Schwalbenlegende dem neuen Standort eine historische Tiefendimension verlieh.
Aus dem Zusammenspiel von wanderndem Kultgegenstand und örtlicher Legende entstand ein neuer Gnadenort.
Der Vorgang erinnert daran, dass Wallfahrtsstätten keineswegs immer aus einem einzigen Ursprungsgeschehen hervorgehen. Kultbilder, Erzählungen, Stifterinteressen und bereits vorhandene Frömmigkeitsformen können sich zu einem späteren Zeitpunkt miteinander verbinden und dadurch eine neue religiöse Tradition hervorbringen.
Die Kapelle wurde überraschend schnell populär. Bereits wenige Jahre nach ihrer Errichtung reichte der kleine Bau für die zahlreichen Besucher offenbar nicht mehr aus; 1892 wurde er vergrößert.
Damit lässt sich der Erfolg des Kultortes nicht lediglich aus späterer Selbstdarstellung erschließen. Die bauliche Erweiterung zeigt, dass tatsächlich ein beträchtlicher Besucherzustrom bestand.
Dieser Zustrom war religiös motiviert, besaß aber von Beginn an zugleich eine ausgeprägte soziale und wirtschaftliche Seite.
Anton Kothbauer beschränkte sich nicht auf die Errichtung eines Andachtsortes. In unmittelbarer Verbindung mit der Kapelle entstand auch ein gastronomischer Betrieb, und um die populäre Schwalbenkapelle entwickelte sich eine für stark besuchte Wallfahrts- und Ausflugsorte typische Begleitkultur.
Wein wurde ausgeschenkt, Devotionalien konnten erworben werden, Musikanten traten auf, und nach späteren Berichten kamen weitere Formen volkstümlicher Unterhaltung hinzu.
Die Verbindung von Andacht und Vergnügen wurde bereits von Zeitgenossen kritisch wahrgenommen. Die Schwalbenkapelle erhielt dadurch den Ruf einer geradezu kuriosen Verbindung von Gnadenort und Heurigenschank.
Aus volkskundlicher Sicht ist diese Konstellation jedoch keineswegs ungewöhnlich.
Historische Wallfahrten waren niemals ausschließlich stille religiöse Veranstaltungen. Wo regelmäßig größere Menschenmengen zusammenkamen, entstanden Möglichkeiten für Beherbergung, Verpflegung, Devotionalienhandel und Unterhaltung.
Wallfahrtskirchen benötigten Wirte, Bäcker, Fuhrleute und Händler; um große Wallfahrtstage entwickelten sich Märkte und Jahrmärkte, deren profane Seite von kirchlichen Autoritäten immer wieder kritisch betrachtet wurde.
Im Kaasgraben lässt sich dieser Zusammenhang besonders deutlich beobachten, weil religiöser Kult und wirtschaftlicher Betrieb nahezu gleichzeitig entstanden und durch dieselbe Person gefördert wurden.
Damit stellte sich zwangsläufig die Frage, wo die Förderung eines Andachtsortes endete und geschäftliches Interesse begann.
Gerade wegen Anton Kothbauers wirtschaftlicher Interessen könnte man versucht sein, den Kaasgraben lediglich als künstlich inszenierte Wallfahrt abzuwerten.
Eine solche Beurteilung wäre jedoch zu einfach.
Selbst wenn die Schwalbenlegende erst spät ausgestaltet oder gezielt popularisiert worden sein sollte und Kothbauer zweifellos vom Besucherzustrom profitierte, entschieden letztlich die Gläubigen selbst darüber, ob der Ort religiöse Bedeutung erhielt.
Und sie kamen tatsächlich.
Sie beteten vor der Pietà, verbanden persönliche Anliegen mit der Schmerzhaften Muttergottes und hinterließen Votivgaben.
Die mögliche Inszenierung einer Gründungsgeschichte schließt daher eine reale spätere Volksfrömmigkeit keineswegs aus.
Für den historischen Wallfahrtscharakter des Kaasgrabens sind die überlieferten Votivgaben besonders bedeutsam.
Aus der alten Schwalbenkapelle hatte sich ein Bestand solcher Dank- und Bittgaben erhalten, der später in der Krypta der neuen Kirche aufbewahrt wurde. Damit wird greifbar, dass Menschen die Pietà nicht nur aus Neugierde oder als Bestandteil eines Ausflugszieles besuchten, sondern konkrete persönliche Erfahrungen von Bitte, Hoffnung oder Erhörung mit ihr verbanden.
Welche einzelnen Anliegen in diesen Votiven dokumentiert waren, lässt sich heute leider kaum mehr rekonstruieren.
Gerade dieser Bestand wäre für die Wallfahrtsforschung von großem Wert gewesen.
Der Zweite Weltkrieg zerstörte einen wichtigen Teil dieser materiellen Überlieferung. Bei einem Bombenangriff am 12. März 1945 wurde die Kirche schwer beschädigt; insbesondere die Krypta und die dort bewahrten Zeugnisse der älteren Wallfahrtsgeschichte waren betroffen.
Dabei gingen auch die aus der Schwalbenkapelle übernommenen Votivgaben verloren.
Für die Volkskunde ist dieser Verlust erheblich, weil mit solchen Objekten nicht nur Kunstgegenstände verschwanden, sondern unmittelbare Zeugnisse persönlicher Frömmigkeit. Votive können Hinweise auf Krankheiten, Unfälle, familiäre Krisen, glückliche Geburten, wirtschaftliche Sorgen oder andere Lebenssituationen geben, in denen Menschen die Hilfe eines Gnadenbildes suchten.
Die Erinnerung an den verlorenen Bestand bleibt daher selbst ein wichtiges Zeugnis für die Intensität des ursprünglichen Kultes.
Der zunehmende Erfolg der Schwalbenkapelle und des damit verbundenen Betriebes führte offenbar auch zu Konflikten. Zeitgenössische Kritik richtete sich insbesondere gegen die starke Vermischung von Andacht und wirtschaftlicher Unterhaltung.
Spätere Erzählungen schreiben auch konkurrierenden Wirten in Grinzing und Sievering eine Rolle bei den Schwierigkeiten Kothbauers zu. Solche Zuspitzungen lassen sich nicht in jedem Detail sichern und sollten deshalb nicht ungeprüft als Tatsachen übernommen werden.
Fassbar ist jedoch ein grundsätzlicher Konflikt zwischen populärer Religiosität, privatem Unternehmertum und dem Wunsch nach einer kirchlich geordneten Betreuung des rasch gewachsenen Gnadenortes.
Eine entscheidende Neuordnung erfolgte 1903, als die Oblaten des heiligen Franz von Sales die Betreuung des Kaasgrabens übernahmen.
Damit begann die institutionelle Einbindung des Kultortes in eine Ordensseelsorge. Aus einer privat initiierten Kapelle mit ungewöhnlicher Verbindung zu einem gastronomischen Betrieb entwickelte sich zunehmend eine kirchlich organisierte Wallfahrtsstätte.
Die Oblaten sollten die Geschichte des Kaasgrabens dauerhaft prägen und betreuen die Kirche bis in die Gegenwart.
Der nächste entscheidende Schritt ist mit dem Unternehmer Stefan Esders verbunden, dem Gründer des bekannten Wiener Warenhauses.
Esders ermöglichte beziehungsweise finanzierte die Errichtung einer großen, repräsentativen Wallfahrtskirche, welche die inzwischen unzureichende ältere Kapelle ersetzte.
Mit seiner Stiftung erhielt der populäre Gnadenort einen Kirchenbau, der in Größe, Ausstattung und architektonischer Wirkung den inzwischen erreichten Rang der Wallfahrt widerspiegelte.
Mit Stefan Esders verbindet sich eine Überlieferung, nach der eine persönliche Erfahrung mit Lourdes den Entschluss zum Kirchenbau beeinflusst habe. Danach soll Esders gemeinsam mit seinem schwer kranken beziehungsweise infolge eines Unglücks gesundheitlich beeinträchtigten Sohn Bernhard nach Lourdes gepilgert und für dessen Genesung die Errichtung einer Kirche versprochen haben.
Diese Erzählung begegnet in späteren familien- und lokalgeschichtlichen Darstellungen, ist jedoch quellenmäßig nicht in derselben Weise abgesichert wie die Stiftung und der Bau selbst.
Sie sollte daher nicht als zweifelsfrei dokumentierter Anlass des Kirchenbaues dargestellt, wohl aber als Überlieferung zur Stiftungsgeschichte erwähnt werden.
Interessant bleibt in diesem Zusammenhang die wiederholt gezogene Parallele zwischen der monumentalen Treppenanlage des Kaasgrabens und der Inszenierung großer französischer Wallfahrtskirchen, insbesondere Lourdes. Ein unmittelbarer architektonischer Kopierwille ist jedoch ohne eindeutige Planungsquelle nicht zu behaupten.
Mit der Planung der neuen Kirche wurden die Architekten Franz Kupka und Gustav Orglmeister beauftragt.
Am 26. April 1909 erfolgte die Grundsteinlegung. Bereits am 30. April 1910 konnte die neue Kirche durch den Wiener Weihbischof Godfried Marschall geweiht werden; bei der Feier war auch das Kaiserhaus vertreten.
Der Neubau dokumentiert eindrucksvoll den Wandel des Kaasgrabens innerhalb weniger Jahrzehnte: Aus einer privaten kleinen Kapelle des Jahres 1882/83 war eine repräsentative Wiener Wallfahrtskirche geworden.
Die Kaasgrabenkirche wurde in neubarocken Formen errichtet. Charakteristisch ist vor allem ihre erhöhte Lage mit den symmetrisch geschwungenen Freitreppen.
Der Besucher nähert sich der Kirche dadurch nicht unmittelbar von der Straße, sondern steigt stufenweise zum Heiligtum empor. Der Weg selbst erhält damit eine zeremonielle Qualität.
An den Innenseiten der Treppenanlage befindet sich ein Kreuzweg mit Steinreliefs von Franz Abel und Paul Paintl, wodurch bereits der Aufstieg zur Kirche in eine religiöse Bildfolge eingebunden wird.
Architektur und Andacht sind damit eng miteinander verschränkt.
Das Patrozinium der Kirche lautet Maria Schmerzen und verweist unmittelbar auf den eigentlichen Kultgegenstand, die Pietà.
Die Darstellung der Muttergottes mit dem toten Christus gehört zu den eindringlichsten Bildformen katholischer Passionsfrömmigkeit. Im Mittelpunkt steht nicht Maria als triumphierende Himmelskönigin, sondern die Mutter im Augenblick des äußersten Verlustes.
Gerade darin liegt die besondere Nähe solcher Bilder zu persönlichen Leidenserfahrungen. Krankheit, Tod eines Angehörigen, Angst um Kinder oder andere existenzielle Nöte konnten vor einer Pietà in Beziehung zu Mariens eigenem Schmerz gesetzt werden.
Diese emotionale Identifikationsmöglichkeit erklärt einen wesentlichen Teil der außergewöhnlichen Wirkung, die Pietà-Darstellungen in der Volksfrömmigkeit entfalten konnten.
Nach Errichtung der großen Wallfahrtskirche wurde die ältere Pietà selbstverständlich nicht bedeutungslos. Sie blieb der materielle Verbindungspunkt zur ersten Kaasgrabener Wallfahrt.
Zunächst wurde die Schmerzhafte Muttergottes in der Krypta der neuen Kirche verehrt. Dort waren auch weitere Erinnerungsstücke aus der alten Kapelle untergebracht.
Erst 1969 erhielt die Pietà ihren späteren beziehungsweise heutigen Standort im eigentlichen Kirchenraum.
Damit besitzt die Figur eine bemerkenswerte Kultbiographie:
St. Ulrich – Schwalbenkapelle im Kaasgraben – Krypta der neuen Wallfahrtskirche – heutiger Kirchenraum.
Ihre Geschichte ist somit zugleich die Geschichte der räumlichen Entwicklung des Kultes.
Bei der Beschreibung der Kirche muss zwischen der historischen Gnaden-Pietà und weiteren Mariendarstellungen der Ausstattung unterschieden werden.
Nicht jedes Marienbild im Kirchenraum gehört zur eigentlichen Wallfahrtstradition. Mittelpunkt der überlieferten Verehrung bleibt jene Schmerzhafte Muttergottes, die bereits in der Schwalbenkapelle aufgestellt war.
Diese Differenzierung ist gerade bei Wallfahrtskirchen notwendig, weil sich im Laufe ihrer Geschichte häufig mehrere Heiligen- und Marienkulte überlagern, ohne dass jeder einzelne von ihnen eine eigenständige Wallfahrt begründet hätte.
Stefan Esders blieb mit seiner Stiftungskirche auch über seinen Tod hinaus verbunden. Er starb am 15. September 1920, dem liturgischen Fest der Schmerzen Mariens, und wurde in der Kirche beigesetzt.
Seine Grabanlage beziehungsweise die ursprüngliche Gestaltung der Gruft erlitt während des Zweiten Weltkrieges schwere Schäden.
Die Verbindung des Stifters mit seinem Kirchenbau zeigt einen weiteren klassischen Bestandteil katholischer Stiftungskultur: Der Kirchenbau stellt nicht nur eine Gabe an die kirchliche Gemeinschaft dar, sondern schafft zugleich einen dauerhaften sakralen Erinnerungsort für den Stifter und seine Familie.
Der Bombenangriff vom 12. März 1945 beschädigte die Kaasgrabenkirche erheblich. Besonders schmerzlich war aus wallfahrtsgeschichtlicher Sicht die Zerstörung jener älteren Erinnerungs- und Votivbestände, die aus der Schwalbenkapelle übernommen worden waren.
Nach dem Krieg wurde die Kirche wiederhergestellt und weiterhin von den Oblaten des heiligen Franz von Sales betreut.
Damit konnte die religiöse Tradition fortgesetzt werden, obwohl ein erheblicher Teil ihrer materiellen Quellen unwiederbringlich verloren war.
Von 1939 bis Ende 2015 bestand Kaasgraben als eigenständige Pfarre.
Seit dem 1. Jänner 2016 gehört die Kirche als Teilgemeinde zur Pfarre Franz von Sales. Diese kirchenorganisatorische Veränderung hat den Charakter des Gotteshauses als Wallfahrtskirche nicht aufgehoben.
Die Bezeichnung Wallfahrtskirche Maria Schmerzen wird weiterhin verwendet, ebenso bleibt die Schmerzhafte Mutter vom Kaasgraben Mittelpunkt regelmäßiger Andacht.
Der Kaasgraben ist nicht nur ein historischer Wallfahrtsort. Die zuständige kirchliche Gemeinschaft verwendet weiterhin ausdrücklich die Bezeichnung "Wallfahrt zur Schmerzhaften Mutter vom Kaasgraben".
Zu den regelmäßigen religiösen Formen gehört unter anderem das samstägliche Gebet vor dem ausgesetzten Allerheiligsten; darüber hinaus bleibt die Kirche Ziel individueller Besucher und organisierter religiöser Zusammenkünfte.
Die heutige Form ist nicht mit dem Besucherandrang des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts gleichzusetzen. Dennoch besteht eine erkennbare Kontinuität zwischen historischem Gnadenbild, Wallfahrtstitel und gegenwärtiger Andacht.
Die Kaasgrabenkirche ist daher als lebendiger, wenn auch gegenüber seiner früheren Blütezeit veränderter Wallfahrtsort einzustufen.
Kaum ein anderer Wiener Wallfahrtsort zeigt so deutlich, wie wenig sinnvoll eine einfache Gegenüberstellung von "echter" Volksfrömmigkeit und "künstlich gemachter" Wallfahrt wäre.
Anton Kothbauer hatte offenkundig ein wirtschaftliches Interesse an den Besuchern seiner Kapelle. Die Schwalbenlegende war hervorragend geeignet, dem neuen Ort eine eindrucksvolle historische Ursprungsgeschichte zu geben. Der angeschlossene Ausschank und die Unterhaltungsmöglichkeiten verstärkten zusätzlich seine Attraktivität.
Dennoch wäre daraus nicht automatisch eine Wallfahrt entstanden.
Erst die Menschen, die tatsächlich kamen, vor der Pietà beteten, persönliche Anliegen mitbrachten und Votivgaben hinterließen, verwandelten den angebotenen Kultort in einen wirklichen Gnadenort.
Die Geschichte des Kaasgrabens zeigt daher besonders anschaulich, dass religiöse Authentizität aus Sicht der historischen Volkskunde nicht an der nachweisbaren Wahrheit einer Legende hängt. Entscheidend ist vielmehr, welche Bedeutung Menschen einer Erzählung, einem Bild und einem Ort tatsächlich gegeben haben.
Die Schwalbenlegende blieb trotz ihrer historisch nicht nachweisbaren Grundlage ein besonders einprägsamer Bestandteil der örtlichen Überlieferung.
Ihre Wirkung beruht auf einem einfachen, unmittelbar verständlichen Motiv: Nicht ein spektakuläres Wunder greift sichtbar in das Geschehen ein, sondern das ungewöhnliche Verhalten beziehungsweise gerade das Nichtverhalten der Tiere rettet das Leben der bedrohten Frau.
Die Schwalben fliegen nicht auf, und gerade ihre Ruhe führt die Verfolger in die Irre.
Damit wird ein unscheinbarer Vorgang der Natur zum Zeichen marianischen Schutzes.
Solche Erzählungen besitzen eine hohe memorierbare Qualität und eignen sich hervorragend zur Weitergabe in mündlicher Tradition. Sie erklären einen Ortsnamen oder Kulttitel, schaffen einen dramatischen historischen Hintergrund und machen göttliche Hilfe in einer bildhaften Handlung sichtbar.
Die Entwicklung des Kaasgrabens lässt sich nahezu wie ein Lehrbeispiel moderner Wallfahrtsentstehung lesen.
Am Anfang steht kein sicher nachweisbares Mirakel, sondern eine bereits verehrte Pietà. Diese wird an einen neuen Platz übertragen und dort mit einer historischen Rettungslegende verbunden. Eine kleine Kapelle entsteht, Besucher kommen, Devotionalienhandel und Gastronomie folgen, die steigende Popularität ruft Kritik und ordnungspolitische Probleme hervor, ein Orden übernimmt die Seelsorge, ein vermögender Stifter ermöglicht schließlich eine monumentale Kirche, und die zuvor privat organisierte Andacht wird in einen kirchlich dauerhaft betreuten Wallfahrtskult überführt.
Was zunächst wie eine improvisierte Verbindung von Marienverehrung und Heurigenausflug erscheinen konnte, entwickelte sich innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem institutionell anerkannten Wiener Wallfahrtsort.
Volkskundlich ist die Kaasgrabenkirche deshalb weit mehr als ein neubarocker Kirchenbau.
Ihre Geschichte führt unmittelbar in zentrale Themen der Wallfahrtsforschung: Entstehung und Weitergabe von Legenden, Transfer eines Kultbildes, wirtschaftliche Nutzung religiöser Besucherströme, Devotionalienhandel, Votivpraxis, Stiftungskultur, kirchliche Kontrolle populärer Frömmigkeit sowie die nachträgliche Institutionalisierung eines zunächst privat betriebenen Andachtsortes.
Besonders wertvoll ist dabei die Möglichkeit, die Entstehung des Kultes vergleichsweise genau zu verfolgen. Während die Anfänge mittelalterlicher Wallfahrten häufig nur noch durch spätere Legenden greifbar sind, lässt sich beim Kaasgraben beobachten, wie sich im urbanen Umfeld des späten 19. Jahrhunderts innerhalb weniger Jahrzehnte ein neuer Gnadenort bildete.
Der Kaasgraben zeigt damit nicht nur, dass Menschen wallfahrten, sondern auch, wie eine Wallfahrt entsteht.
- Gustav Gugitz: Österreichs Gnadenstätten in Kult und Brauch . Band 1: Wien.
- Österreichische Akademie der Wissenschaften: Dokumentation zum Wiener "Türkengedächtnis", Kaasgrabenkirche und Schwalbenmuttergottes.
- Erzdiözese Wien: Kaasgrabenkirche Maria Schmerzen, kirchlicher Status und aktuelle Angaben.
- Pfarre Franz von Sales, Teilgemeinde Kaasgraben: Informationen zur Wallfahrt zur Schmerzhaften Mutter vom Kaasgraben und zur gegenwärtigen religiösen Praxis.
- Ordens- und pfarrgeschichtliche Dokumentationen der Oblaten des heiligen Franz von Sales zur Geschichte der Kaasgrabenkirche.
- Stadt- und lokalgeschichtliche Literatur zur Schwalbenkapelle, zu Anton Kothbauer, Stefan Esders und zum Bau der heutigen Wallfahrtskirche.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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