| Wallfahrt: | Wien-Liesing, Inzersdorf – Pfarrkirche hl. Nikolaus und historische Wallfahrt zum hl. Aloisius von Gonzaga (erloschene Wallfahrt) |
| Status: | Erloschene historische Aloisiuswallfahrt; eine Fortsetzung in der heutigen Kirche ist nicht belegt. |
| Kultzentrum: | Historisch das als Gnadenbild verehrte Bild des hl. Aloisius von Gonzaga in der Vorgängerkirche. |
| Ort: | Wien |
| Bezirk: | 23. Bezirk (Liesing) |
| Bundesland: | Wien |
| • | Lage: Pfarrkirche St. Nikolaus, Wien-Inzersdorf, Kirchenplatz, 1230 Wien. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Wien |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Pfarre St. Nikolaus |
| • | Öffnungszeiten: Kirchenvorraum: Tagsüber immer offen. Hauptkirchenraum: Geöffnet während der heiligen Messen. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Die Pfarrkirche St. Nikolaus in Inzersdorf gehört zu jenen Wiener Sakralorten, deren ehemalige Bedeutung als Gnaden- und Wallfahrtsstätte heute vollständig hinter ihrer Funktion als Pfarrkirche verschwunden ist. Der historische Kult richtete sich nicht auf den Kirchenpatron, den hl. Nikolaus, sondern auf den Jesuitenheiligen Aloisius von Gonzaga, dessen Bild in der Vorgängerkirche im 18. Jahrhundert besondere Verehrung genoss und als Gnadenbild bezeichnet wurde. Von diesem Kult hat sich ein besonders wertvolles volkskundliches Zeugnis erhalten: ein eigens für Inzersdorf geschaffenes Andachtsbild mit der Bezeichnung "S. Aloysius Gonzaga S. I. zu Inzerstorf am Wienerberg". Ein solcher ausdrücklich an einen bestimmten Kultort gebundener Andachtsdruck zeigt, dass die Aloisiusverehrung weit über das Vorhandensein eines gewöhnlichen Heiligenbildes in einer Pfarrkirche hinausging und zumindest zeitweise Besucher anzog, die gerade wegen dieses Kultes nach Inzersdorf kamen.
Inzersdorf gehört zu den alten Pfarrorten im Süden Wiens. Die Pfarre St. Nikolaus führt ihre Geschichte bis in das frühe 13. Jahrhundert zurück und nennt 1217 als Gründungsjahr. Wie viele Orte des Wiener Umlandes erlebte Inzersdorf in den folgenden Jahrhunderten tiefgreifende politische, konfessionelle und wirtschaftliche Veränderungen, wobei die Geschichte der Pfarrkirche mehrfach durch Zerstörung, Wiederaufbau und Neubau geprägt wurde.
Die ältere Kirche, in der sich der Aloisiuskult entwickelte, existiert heute nicht mehr. Sie wurde am 8. Juni 1817 durch einen Brand zerstört, worauf zwischen 1818 und 1820 die heutige klassizistische Kirche errichtet wurde. Die feierliche Weihe des Neubaus erfolgte 1821. Damit besteht zwischen dem historischen Wallfahrtskult und dem heutigen Kirchenraum eine wichtige Zäsur, denn das Heiligtum, in dem das verehrte Aloisiusbild ursprünglich aufgestellt war, ging durch die Brandkatastrophe verloren.
Aloisius von Gonzaga wurde 1568 als Sohn einer norditalienischen Adelsfamilie geboren und trat gegen den Willen seines Vaters in den Jesuitenorden ein. Während einer Pestepidemie in Rom widmete er sich der Pflege Erkrankter, infizierte sich selbst und starb 1591 im Alter von nur 23 Jahren. Seine Heiligsprechung erfolgte 1726.
Im 18. Jahrhundert verbreitete sich seine Verehrung rasch in den katholischen Ländern Europas. Aloisius wurde zum Vorbild christlicher Jugend und insbesondere mit Reinheit, Selbstdisziplin, Verzicht und religiöser Hingabe verbunden. Im jesuitisch geprägten religiösen Milieu entwickelte sich ein umfangreicher Aloisiuskult, der durch Predigten, Bruderschaften, Andachtsliteratur und graphische Darstellungen verbreitet wurde.
In diesem größeren Zusammenhang ist auch die Verehrung des Heiligen in Inzersdorf zu verstehen. Entscheidend ist jedoch, dass hier nicht lediglich ein allgemeiner Aloisiusaltar bestand, sondern sich offenbar ein ausdrücklich ortsbezogener Gnadenkult entwickelte.
Über das Aussehen und die Geschichte des in der alten Inzersdorfer Kirche verehrten Aloisiusbildes liegen bislang nur begrenzte Nachrichten vor. Sekundäre Zusammenstellungen zur Wiener Wallfahrt bezeichnen es ausdrücklich als Gnadenbild, während ein erhaltenes Andachtsbild zweifelsfrei einen besonderen örtlichen Aloisiuskult dokumentiert.
Die graphische Darstellung trägt die Bezeichnung:
"S. ALOYSIUS GONZAGA S. I. zu Inzerstorf am Wienerberg."
Gerade der Zusatz "zu Inzerstorf am Wienerberg" ist von großer Bedeutung. Das Blatt zeigt nicht einfach den allgemein verehrten Jesuitenheiligen, sondern bindet ihn ausdrücklich an Inzersdorf. Solche Ortsbezeichnungen gehören zur typischen Bildsprache historischer Wallfahrtsandenken, bei denen nicht ausschließlich der dargestellte Heilige, sondern ebenso dessen Verbindung mit einem bestimmten Heiligtum vermittelt werden sollte.
Das Blatt besitzt daher erheblichen Quellenwert für die Geschichte des heute weitgehend vergessenen Inzersdorfer Kultes.
Gedruckte Andachtsbilder gehörten zur materiellen Kultur des Wallfahrens. Sie konnten am Wallfahrtsort erworben oder verteilt, in Gebetbüchern aufbewahrt, an Hausaltären angebracht oder an Verwandte und Bekannte weitergegeben werden. Durch solche Bilder wurde die Verbindung zwischen Pilger und Heiligtum über den eigentlichen Besuch hinaus aufrechterhalten.
Dabei konnte auch eine kleine und nur regional bedeutende Wallfahrtsstätte eine eigene Druckgraphik hervorbringen. Die Herstellung eines ausdrücklich mit Inzersdorf bezeichneten Aloisiusbildes zeigt deshalb, dass der dortige Kult genügend Eigenständigkeit besaß, um gegenüber der allgemeinen Aloisiusverehrung als eigener Kultort wahrgenommen zu werden.
Über die Stückzahl, Verbreitung und zeitliche Dauer dieser Inzersdorfer Andachtsbilder ist derzeit nichts Sicheres bekannt. Auch ist bislang nicht nachgewiesen, ob verschiedene Drucktypen existierten oder ob das erhaltene Blatt Teil einer umfangreicheren Serie war.
Bei der Einordnung historischer Wallfahrten ist gerade bei solchen kaum mehr bekannten Kulten Vorsicht notwendig. Das bloße Vorhandensein eines Heiligenbildes, selbst eines besonders verehrten, genügt noch nicht für die Bezeichnung einer Kirche als Wallfahrtsort. In Inzersdorf kommt jedoch zur allgemeinen Aloisiusverehrung die ausdrücklich ortsbezogene Andachtsgraphik hinzu, während wallfahrtsgeschichtliche Zusammenstellungen das verehrte Bild als Gnadenbild und den Ort als Ziel entsprechender Besuche nennen.
Auch über die konkreten Anliegen der Inzersdorfer Verehrer ist bislang wenig überliefert. Aus der allgemeinen Aloisiusverehrung könnte man an Jugend, Erziehung, Reinheit oder Krankheit denken, doch wäre es methodisch falsch, diese verbreiteten Patronatsbereiche ohne örtliche Belege einfach auf Inzersdorf zu übertragen.
Ebenso darf aus der Pestpflege des Heiligen während seiner letzten Lebensmonate nicht automatisch geschlossen werden, dass das Inzersdorfer Bild als Pest- oder Heilungsbild verehrt wurde.
Gerade bei einem nur fragmentarisch überlieferten Kult ist die Grenze zwischen allgemein bekanntem Heiligenpatronat und tatsächlich örtlich belegter Wallfahrtspraxis einzuhalten. Erst weitere Quellen, etwa Pfarrchroniken, Visitationsprotokolle, Mirakelnotizen oder zusätzliche Wallfahrtsdrucke, könnten zeigen, welche konkreten Bitten die Menschen mit dem Inzersdorfer Aloisius verbanden.
Zeitlich dürfte die besondere Verehrung des hl. Aloisius hauptsächlich in das 18. Jahrhundert gehören. Seine Heiligsprechung 1726 schuf zunächst einen starken Impuls für die Verbreitung des Kultes, während die Brandkatastrophe von 1817 eine natürliche Zäsur bildet.
Der Brand der alten Nikolauskirche am 8. Juni 1817 war für die religiöse Topographie Inzersdorfs ein tiefgreifender Einschnitt. Mit dem Kirchengebäude ging jener historische Raum verloren, in dem sich über Generationen Pfarrfrömmigkeit und Aloisiusverehrung entwickelt hatten.
Mit der Zerstörung der alten Pfarrkirche im Jahr 1817 verliert sich auch die weitere Geschichte des Aloisiuskultes. Ob das verehrte Bild beim Brand vernichtet, gerettet oder später an einen anderen Ort gebracht wurde, ist bislang nicht geklärt. In der heutigen Kirche lässt sich eine Fortsetzung der Wallfahrt nicht mehr nachweisen; der einstige Inzersdorfer Gnaden- und Wallfahrtskult zum hl. Aloisius von Gonzaga ist daher als erloschen anzusehen.
Nach der Zerstörung entstand zwischen 1818 und 1820 ein klassizistischer Zentralbau, der sich von der älteren Kirche grundlegend unterschied. Der kreisförmige beziehungsweise zentralisierende Hauptraum mit seiner Kuppel verleiht der Kirche eine ungewöhnliche, für die Zeit charakteristische Raumwirkung.
In den Jahren 1845 und 1846 wurde der Bau unter Alois Miesbach erweitert; Chor und Sakristei kamen hinzu, und ein ionischer Portikus veränderte die äußere Erscheinung. 1860 ließ Heinrich Drasche-Wartinberg eine Familiengrabkapelle anbauen, die später eine neue Funktion als Marienkapelle erhielt.
Damit besitzt die heutige Kirche selbst eine bemerkenswerte Bau- und Sozialgeschichte, die jedoch weitgehend nach der eigentlichen Blütezeit des historischen Aloisiuskultes liegt.
Eine bemerkenswerte kunsthistorische Besonderheit der Kirche ist eine Nachbildung des sogenannten Lettnerkreuzes aus dem Wiener Stephansdom. Die Inzersdorfer Kopie entstand im 19. Jahrhundert und gewann nach der schweren Beschädigung beziehungsweise Zerstörung des Wiener Originals im Jahr 1945 unerwartet zusätzliche Bedeutung, weil solche erhaltenen Nachbildungen wichtige Anhaltspunkte für dessen spätere Rekonstruktion boten.
Dieses Kreuz gehört nicht zur Aloisiuswallfahrt und sollte kultgeschichtlich nicht mit ihr vermischt werden. Es zeigt jedoch, dass die Inzersdorfer Pfarrkirche auch unabhängig von ihrem nahezu vergessenen Gnadenkult interessante Verbindungen zur Wiener Sakralkunst besitzt.
Die historische Verehrung des hl. Aloisius von Gonzaga in Inzersdorf ist heute nicht mehr als lebendige Wallfahrt erkennbar. Der Kult gehört vor allem dem 18. beziehungsweise frühen 19. Jahrhundert an und war mit jener Vorgängerkirche verbunden, die 1817 durch Brand zerstört wurde.
Der im 18. Jahrhundert nachweisbare Gnadenkult war mit der 1817 abgebrannten Vorgängerkirche verbunden; eine Fortsetzung der Wallfahrt in der heutigen Pfarrkirche St. Nikolaus ist nicht belegt.
- Pfarrgeschichtliche Dokumentationen der Pfarre Inzersdorf St. Nikolaus zur Geschichte der Pfarre, zum Brand von 1817 und zum Neubau der heutigen Kirche.
- 200 Jahre Kirchenweihe Inzersdorf St. Nikolaus. Festschrift zur Geschichte der Pfarre und ihrer Kirchen. Wien 2021.
- Hubert Zeinar: Wallfahrtsort Wien. Dokumentationen zu historischen Wiener Gnaden- und Wallfahrtsstätten.
- Volkskundemuseum Wien: Andachtsgraphik "S. Aloysius Gonzaga S. I. zu Inzerstorf am Wienerberg".
- Kunst- und baugeschichtliche Literatur zur Pfarrkirche Inzersdorf, zum klassizistischen Neubau des 19. Jahrhunderts und zu den späteren Erweiterungen.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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