Vandans – Venser Wallfahrtskapelle "Venser Bild"

Am äußersten Rand von Vandans, im Ortsteil Vens beziehungsweise Außervens, steht die kleine Wallfahrtskapelle "Zu Unserer Lieben Frau und zum heiligen Sebastian", die im Volksmund gewöhnlich nur das "Venser Bild" genannt wird. Sie gehört zu den historisch eindeutig belegten Wallfahrtsstätten des Montafons. Ihre Bedeutung gründet nicht allein auf einer lokalen Gründungserzählung, sondern vor allem auf der über Jahrhunderte nachweisbaren Verehrung des Gnadenbildes und auf den zahlreichen Votivtafeln, die den Ort als Stätte persönlicher Bitte und Danksagung ausweisen. Die Kapelle wird weiterhin religiös genutzt und vom Pfarrverband Mittleres Montafon ausdrücklich als Wallfahrtskapelle bezeichnet; Andachten und Gottesdienste belegen eine bis in die Gegenwart lebendige Frömmigkeit, auch wenn eine regelmäßig organisierte Wallfahrt im engeren Sinn derzeit nicht sicher nachgewiesen ist.

Die Kapelle liegt am nördlichen beziehungsweise äußersten Ende von Untervens, etwas abseits des Ortszentrums von Vandans. Der schlichte, weiß verputzte Bau lehnt sich an den Hang und bildet mit seinem kleinen Turm einen markanten religiösen Bezugspunkt der alten Siedlung Vens.

Die Gründungsüberlieferung

Die Entstehung des Venser Bildes wird traditionell mit einer Pestepidemie des Jahres 1613 verbunden. Nach der bis heute erzählten Überlieferung starben in Vandans innerhalb weniger Monate zahlreiche Menschen an der Seuche. Anna Planggin aus Vens soll daraufhin gelobt haben, zu Ehren der Gottesmutter und des heiligen Sebastian eine Kapelle zu errichten, falls der Ortsteil Vens verschont bleibe. Die Krankheit sei tatsächlich nur bis zum Mustergielbach vorgedrungen und habe Vens nicht erreicht; Anna Planggin habe daraufhin ihr Gelübde erfüllt. In dieser Form gehört die Erzählung zu den klassischen frühneuzeitlichen Gelübde- und Pestkapellenlegenden: Auf eine existenzielle kollektive Bedrohung folgt das religiöse Versprechen, auf die erfahrene Verschonung dessen Einlösung in Form eines dauerhaften Kultortes.

Die häufig zu lesende Angabe, 1613 seien in Vandans innerhalb von drei Monaten genau 180 Menschen an der Pest gestorben und noch im selben Jahr sei die Kapelle errichtet worden, darf allerdings nicht ohne quellenkritischen Vorbehalt als gesicherte historische Tatsache wiederholt werden. Die ausführliche Nachricht über das Ereignis stammt nicht aus dem Jahr 1613 selbst, sondern aus einer 1735 in Vandans verfassten Montafoner Chronik. Michael Kasper weist darauf hin, dass zuverlässige zeitgenössische Quellen fehlen, welche den geschilderten schweren Pestausbruch und insbesondere die hohe Zahl von 180 Todesopfern bestätigen könnten. Aus der Umgebung sind Epidemien jener Jahre durchaus belegt: Ende 1612 wird eine verdächtige Seuche in Partenen erwähnt, Anfang 1613 war St. Anton betroffen; für Vandans selbst liegt jedoch erst aus dem Jänner 1614 eine Anfrage der Innsbrucker Regierung vor, ob dort neuerlich eine Infektion ausgebrochen sei.

Noch weiter führt die neuere Darstellung der Geschichte des frühneuzeitlichen Montafons. Danach ist für Vandans im Juni 1630 tatsächlich ein schwerer Seuchenausbruch nachweisbar, der bis September dauerte. Gerade dieser Zeitraum entspricht auffallend genau jenem, den die spätere Chronik dem angeblichen Pestjahr 1613 zuschreibt. Die Forschung hält deshalb einen Zusammenhang des Venser Gelübdes mit dem Jahr 1630 für wahrscheinlicher, ohne eine Stiftung bereits 1613 völlig auszuschließen. Auch die Zahl von 180 Toten bleibt offen. Bemerkenswert ist zudem, dass in dieser Darstellung zunächst vom "Venser Bild" als einem Bildstock gesprochen wird, der erst später zu einer Kapelle vergrößert worden sei. Damit könnte der bis heute gebräuchliche Name einen sehr alten Zustand des Andachtsortes bewahrt haben.

Gerade diese Unsicherheit macht die Überlieferung volkskundlich besonders aufschlussreich. Entscheidend ist weniger, ob jede Einzelheit der späteren Erzählung historisch exakt rekonstruiert werden kann, als die Art, wie eine Epidemie im kollektiven Gedächtnis bewahrt wurde. Der Mustergielbach erscheint dabei als Grenze zwischen Krankheit und Verschonung, Anna Planggin als handelnde Stifterfigur und die Kapelle als dauerhaft sichtbare Einlösung des Gelübdes. Die Erinnerung an eine Seuche wurde so nicht allein erzählerisch tradiert, sondern räumlich und materiell festgeschrieben. Michael Kasper verweist darauf, dass solche Pestkapellen, Bildstöcke, Sebastian- und Rochusverehrungen sowie gelobte Wallfahrten zu den religiösen Bewältigungsformen frühneuzeitlicher Epidemien gehörten.

Baugeschichte

Aus dem ursprünglichen kleinen Andachtsort entwickelte sich im Verlauf des 17. und 18. Jahrhunderts die heutige Kapelle. Im Jahr 1697 wurde sie um mehr als die Hälfte vergrößert, 1698 erhielt sie eine kleine Glocke. Das heutige Langhaus entstand 1722. Eine größere Glocke kam 1769 hinzu; zugleich wird die Einrichtung einer Kreuzwegstation genannt. Eine umfassendere Erneuerung erfolgte 1838, als die Kapelle renoviert, neuerlich benediziert und für die Feier der Messe an ihren drei Altären eingerichtet wurde.

Der heutige Bau besitzt ein Langhaus, einen Chor und eine Sakristei unter einem gemeinsamen Satteldach. Über der Sakristei erhebt sich ein kleiner achteckiger Glockenturm mit Zwiebelhaube. Die äußere Schlichtheit steht im deutlichen Gegensatz zur vergleichsweise reichen barocken Ausstattung des Innenraumes.

Ausstattung und Gnadenbild

Im Inneren befinden sich drei barocke Altäre. Der Hochaltar entstand im Zusammenhang mit der Erweiterung um 1697 und besitzt gedrehte Säulen und reichen Akanthusdekor. Unterhalb des eigentlichen Marienbildes befindet sich eine spätgotische Darstellung Christi mit den zwölf Aposteln beziehungsweise des Abendmahls, die an den Beginn des 16. Jahrhunderts datiert wird. Darüber steht die Madonna mit dem Jesuskind aus der Zeit um 1700, die als Gnadenbild der Wallfahrtskapelle verehrt wird.

Die weitere Ausstattung macht deutlich, wie stark die Kapelle zugleich in die religiöse Erfahrungswelt des Montafons eingebunden ist. Besonders häufig begegnet der heilige Sebastian, dessen Verehrung unmittelbar mit der Erinnerung an die Seuchennot verbunden ist. Sebastian gehörte neben Rochus zu den wichtigsten Pestpatronen der frühen Neuzeit; die Vorstellung der Pfeile seines Martyriums wurde symbolisch mit den plötzlich und scheinbar wahllos treffenden Krankheiten verbunden. In der Venser Kapelle finden sich daneben unter anderem Darstellungen des heiligen Lucius von Chur sowie des heiligen Johannes von Nepomuk. Lucius verweist auf die jahrhundertelange kirchliche Zugehörigkeit des südlichen Vorarlbergs zum Bistum Chur, Johannes von Nepomuk dagegen fügt dem Schutzspektrum des Heiligtums eine weitere, für Vandans besonders verständliche Dimension hinzu: Als Patron gegen Wassergefahren konnte er in einer Landschaft, die wiederholt unter Hochwasser und Vermurungen litt, besondere Bedeutung gewinnen.

Wallfahrt und Votivwesen

Für die Aufnahme des Venser Bildes unter die Wallfahrtskirchen Vorarlbergs ist vor allem der außergewöhnlich gut belegte Votivcharakter entscheidend. Die Kapelle wird ausdrücklich als Wallfahrtskapelle und Gnadenstätte bezeichnet, und die zahlreichen gestifteten Votivtafeln gelten als sichtbares Zeugnis der hier praktizierten Bitt- und Dankfrömmigkeit. Der Wallfahrtsstatus beruht damit nicht auf einer bloßen späteren Bezeichnung oder auf der Anwesenheit eines Marienbildes, sondern auf einer überlieferten konkreten Wallfahrtspraxis.

Die Votivbilder des Montafons wurden vom Volkskundler Klaus Beitl bereits in den Jahren 1957 bis 1959 systematisch aufgenommen und später eingehend untersucht. Seine Arbeit "Die Votivbilder der Montafoner Gnadenstätten. Volkskundliche Inventarisierung und Interpretation des Gegenwartsbestandes (1957–1959)" gehört zu den wichtigsten volkskundlichen Quellen für die Wallfahrtskultur des Tales. Dass Vens in diesem Zusammenhang zu den Montafoner Gnadenstätten gerechnet wird, unterstreicht seine historische Stellung innerhalb der regionalen Wallfahrtslandschaft.

Votivtafeln sind dabei nicht lediglich Ausstattungsstücke einer Kirche. Sie dokumentieren ein persönliches religiöses Geschehen: Krankheit, Unfall, drohende Gefahr oder andere Notlagen führten zum Gelübde beziehungsweise zur Anrufung einer als wirksam verstandenen himmlischen Instanz; nach der erhofften Rettung wurde das Bild als öffentlich sichtbarer Dank gestiftet. In ihrer Gesamtheit bilden solche Tafeln ein Archiv der Sorgen und Gefährdungen früherer Generationen. Gerade in einer kleinen regionalen Gnadenstätte wie Vens lassen sich dadurch individuelle Lebensgeschichten mit dem übergeordneten religiösen Deutungssystem von Gelübde, Fürbitte, Erhörung und Dank verbinden.

Die kulturgeschichtliche Bedeutung dieses Votivwesens reichte schließlich weit über Vandans hinaus. Im Jahr 1992 widmete die Österreichische Post innerhalb der Serie "Volksbrauchtum und volkskundliche Kostbarkeiten" eine Sonderbriefmarke dem Thema "Votivtafel Vorarlberg"; die dazugehörige Beschreibung bezog sich ausdrücklich auf die Venser Kapelle und ihre Geschichte als Gnadenstätte. Damit wurde das Votivwesen des Venser Bildes gewissermaßen zu einem repräsentativen Beispiel Vorarlberger Volksfrömmigkeit erhoben.

Die Pestüberlieferung als kulturelles Gedächtnis

Das Venser Bild ist ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie sich historische Katastrophenerfahrung, religiöse Deutung und lokale Erinnerung über mehrere Jahrhunderte miteinander verbinden können. Ob das zugrunde liegende Ereignis tatsächlich 1613 oder eher 1630 anzusetzen ist, verändert die Bedeutung der Überlieferung nicht grundsätzlich. Die spätere Erzählung verdichtete das Geschehen auf wenige einprägsame Elemente: die große Zahl der Toten, eine bedrohte Gemeinschaft, die Frau Anna Planggin, ihr Gelübde, den Mustergielbach als Grenze der Seuche und schließlich die Verschonung von Vens.

Diese Struktur ist für Gelübdeüberlieferungen charakteristisch. Eine an sich unkontrollierbare Katastrophe wird durch das Gelübde in einen religiösen Handlungszusammenhang gebracht. Der Mensch kann die Seuche nicht besiegen, aber er kann bitten, versprechen und nach erfahrener Hilfe danken. Die Errichtung eines Bildstocks oder einer Kapelle verwandelt die individuelle oder gemeinschaftliche Erinnerung anschließend in einen dauerhaften Ort. Jede spätere Wallfahrt, jedes Gebet und jede gestiftete Votivtafel bestätigt und erneuert diesen Zusammenhang.

Beim Venser Bild kommt hinzu, dass der heilige Sebastian die Erinnerung an die Seuche unmittelbar in der Ausstattung bewahrt. Das Heiligtum war daher nicht nur Marienwallfahrtsstätte, sondern zugleich Erinnerungsort an eine existenzielle Bedrohung, deren genaue historische Gestalt mit zunehmendem zeitlichem Abstand undeutlicher wurde. Gerade die Verschiebung oder Vermischung der möglichen Pestjahre 1613 und 1630 zeigt exemplarisch, wie kulturelles Gedächtnis funktioniert: Es bewahrt nicht notwendigerweise die archivalisch exakte Chronologie, wohl aber die Bedeutung, die eine Gemeinschaft einem Ereignis zuschrieb.

Wallfahrt und religiöses Leben heute

Das Venser Bild ist keine ausschließlich historische, museal gewordene Wallfahrtsstätte. Der Pfarrverband Mittleres Montafon nutzt die Kapelle weiterhin für Andachten und Gottesdienste und bezeichnet sie ausdrücklich als Wallfahrtskapelle. Für das Jahr 2024 sind sonntägliche Andachten während der Monate Mai bis Oktober dokumentiert; auch 2026 wurde eine Andacht in der Kapelle angekündigt. Im Oktober 2025 feierte Kardinal Christoph Schönborn bei einem Heimatbesuch dort eine Messe, an der zahlreiche Gläubige teilnahmen. Der Ort besitzt damit weiterhin eine erkennbare religiöse Funktion.

Von einer erloschenen Wallfahrt kann daher nicht gesprochen werden. Zugleich sollte zwischen der fortdauernden Nutzung einer historischen Wallfahrtskapelle und einer regelmäßig organisierten Wallfahrt mit festgelegtem Pilgerweg unterschieden werden. Für eine solche gegenwärtige Wallfahrtsform liegt bislang kein ausreichend konkreter Nachweis vor. Das Venser Bild ist jedoch weiterhin Gnaden-, Andachts- und Gottesdienstort und bewahrt mit seinem Gnadenbild und seinen Votivzeugnissen wesentliche Elemente der historischen Wallfahrtskultur.

Lage: Untere Venserstraße 117, 6773 Vandans.
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Ansicht in Street View
Web: Pfarrverband Mittleres Montafon
Geöffnet: tagsüber frei zugänglich.
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Literatur zur Wallfahrt:

- Klaus Beitl: Die Votivbilder der Montafoner Gnadenstätten. Volkskundliche Inventarisierung und Interpretation des Gegenwartsbestandes (1957–1959). In: Klaus Beitl, Die Votivbilder der Montafoner Gnadenstätten. Montafoner Schriftenreihe 7, Schruns 2002, S. 9–100.

- Dehio-Handbuch: Die Kunstdenkmäler Österreichs. Vorarlberg. Wien 1983, Vandans, Wallfahrtskapelle Unsere Liebe Frau in Vens, S. 400.

- Michael Kasper: Das Jahr 1613 und die Pest im Montafon. In: Michael Kasper (Hg.): Jahresbericht 2013. Montafoner Museen, Heimatschutzverein Montafon, Montafon Archiv, Schruns 2014, S. 65–69.

- Manfred Tschaikner u. a.: Darstellung der Seuchen des frühneuzeitlichen Montafons und quellenkritische Neubewertung der Gründung des Venser Bildes in Die Talschaft Montafon in der Frühen Neuzeit. Die Untersuchung hält einen Zusammenhang mit der nachweisbaren Epidemie von 1630 für wahrscheinlicher als die traditionelle eindeutige Zuordnung zu 1613.

- Pfarrverband Mittleres Montafon: Kapelle "Venser Bild", Angaben zur Entstehungsüberlieferung, Baugeschichte und gegenwärtigen kirchlichen Nutzung.

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Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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