| Wallfahrt: | Bedeutende Marienwallfahrt mit Mirakelbuch, Votivfrömmigkeit und bis heute gepflegter Wallfahrtswoche. |
| Status: | Lebendige Wallfahrtsstätte. |
| Kultzentrum: | Spätgotische Pietà, 1751 aus einer nahe gelegenen Kapelle in die Pfarrkirche übertragen. |
| Ort: | Tschagguns |
| Bezirk: | Bludenz |
| Bundesland: | Vorarlberg |
| • | Lage: Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Geburt, Kreuzgasse 6, 6774 Tschagguns. |
| • | Lage in der SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Vorarlberg |
| • | Ansicht in Street View |
| • | Web: Pfarrverband Mittleres Montafon |
| • | Öffnungszeiten: tagsüber frei zugänglich. |
| • | Bilddokumentation |
| • | Ausführliche Beschreibung |
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Die Pfarr- und Wallfahrtskirche Mariä Geburt in Tschagguns gehört zu den bedeutendsten historischen Marienwallfahrtsorten Vorarlbergs und ist zugleich eine bis in die Gegenwart lebendige Wallfahrtsstätte. Mittelpunkt der Verehrung ist eine spätgotische Pietà, die ursprünglich in einer kleinen Kapelle nahe der Pfarrkirche aufgestellt war und 1751 in die Kirche übertragen wurde. Um dieses Gnadenbild entwickelte sich eine außergewöhnlich reiche Wallfahrtskultur, von der nicht nur zahlreiche Votivbilder, sondern vor allem das 1757 gedruckte Tschaggunser Mirakelbuch Zeugnis ablegen. Die Diözese Feldkirch führt Tschagguns weiterhin als bedeutenden Wallfahrtsort; die örtliche Wallfahrtswoche mit dem gemeinsamen Weg von Schruns zur Muttergottes von Tschagguns ist nach Angaben des Pfarrverbandes zu einem festen Bestandteil des religiösen Lebens im Montafon geworden.
Für die volkskundliche Forschung besitzt Tschagguns einen besonderen Rang, weil sich anhand des Mirakelbuches ungewöhnlich genau rekonstruieren lässt, mit welchen Sorgen und Gefahren Menschen des 18. Jahrhunderts zum Gnadenbild kamen, was sie gelobten und wie sie Krankheit, Schwangerschaft, bäuerliche Arbeitsunfälle, Viehverluste, Naturgefahren und andere Krisen religiös deuteten. Das Buch ist dadurch weit mehr als eine Sammlung von Wundererzählungen: Es gehört zu den anschaulichsten Quellen über das Alltagsleben und die religiöse Lebensbewältigung im frühneuzeitlichen Montafon.
Tschagguns liegt im Montafon unmittelbar südlich von Schruns. Die Pfarr- und Wallfahrtskirche steht weithin sichtbar am Ortseingang und prägt mit ihrem mächtigen Langhaus und dem barocken Zwiebelturm das Ortsbild. Die heutige Adresse lautet Kreuzgasse 6, 6774 Tschagguns.
Die Kirche gehört zum Pfarrverband Mittleres Montafon, dem die Pfarren Gantschier, Schruns, Silbertal, Tschagguns und Vandans angehören.
Tschagguns war bereits im Mittelalter ein bedeutender kirchlicher Mittelpunkt. Im Jahr 1431 wurde "Unser Lieben Frauen Kirchenspiel" zur selbständigen Pfarre; zuvor hatte Tschagguns wie das übrige Montafon zur alten Großpfarre Bludenz gehört. Die heutige Kirche entstand in den Jahren 1452 bis 1454. Von diesem spätgotischen Bau ist vor allem der Chor erhalten.
Das Marienpatrozinium gehört damit zur ältesten fassbaren Identität der Pfarre. Die spätere Wallfahrt entstand nicht an einem beliebigen Nebenaltar einer bestehenden Kirche, sondern innerhalb einer bereits tief verwurzelten marianischen Sakrallandschaft.
Mittelpunkt der Wallfahrt ist eine Pietà, die Gottesmutter mit dem vom Kreuz genommenen toten Christus. Die Diözese Feldkirch datiert das Gnadenbild in das 15. Jahrhundert. Es befand sich ursprünglich in einer kleinen Kapelle in der Nähe der Pfarrkirche und wurde 1751 in die Kirche übertragen, wo es heute am Altar des linken Seitenschiffes verehrt wird.
Der Pfarrverband bezeichnet den ältesten Altar der Kirche als "Gnadenaltar von 1520". Diese Angabe ist nicht ohne Weiteres mit der erst 1751 erfolgten Übertragung der Pietà gleichzusetzen; sie dürfte vielmehr auf die spätgotische Entstehungszeit des Gnadenbildes beziehungsweise einen älteren Kultbestand verweisen. Sicher ist, dass Bild und Altar in ihrer heutigen Zusammenstellung verschiedene historische Schichten miteinander verbinden.
Die Pietà gehört ikonographisch zur Gruppe der Schmerzensbilder. Maria hält den toten Sohn auf ihrem Schoß; der Betrachter wird unmittelbar mit Trauer, Leid und Tod konfrontiert. Ein solches Bild bot sich besonders als Ansprechpartner in existenzieller Not an. Die späteren Mirakelberichte zeigen tatsächlich, dass die Tschaggunser Muttergottes nicht auf ein einziges Leiden spezialisiert war, sondern in einer außerordentlichen Bandbreite menschlicher und wirtschaftlicher Krisen angerufen wurde.
Den eigentlichen Ursprung der besonderen Gnadenverehrung erklärte eine Legende, die im 18. Jahrhundert am Beginn des Tschaggunser Mirakelbuches erzählt wurde. Nach dieser Überlieferung war die Pietà mit einem sogenannten "Laubwunder" verbunden: Das Bild der Muttergottes sei immer wieder von Pflanzen umrankt erschienen beziehungsweise habe sich auf den Blättern einer Pflanze gezeigt. Dadurch habe das Gnadenbild über das Montafon hinaus Bekanntheit erlangt und zahlreiche Gläubige nach Tschagguns gezogen.
Historisch lässt sich ein solches Pflanzenwunder naturgemäß nicht überprüfen. Seine Bedeutung liegt vielmehr in seiner Funktion als Ursprungslegende des Kultortes. Solche Erzählungen erklären, warum ein bestimmtes Bild unter vielen ähnlichen Darstellungen als besonders wirksam galt und weshalb gerade an diesem Ort göttliche Hilfe erwartet wurde.
Das Laubwunder verlieh der Tschaggunser Pietà eine eigene Geschichte. Das Bild war nicht mehr bloß eine Darstellung der Schmerzensmutter, sondern ein Gegenstand, an dem sich nach dem Verständnis der Gläubigen ein außergewöhnliches Zeichen ereignet hatte. Aus einem Kunstwerk wurde ein Gnadenbild.
Ein entscheidender Einschnitt erfolgte 1751, als die Pietà aus der nahe gelegenen Kapelle in die Pfarrkirche übertragen wurde. Bereits 1752 wurde das südliche Seitenschiff errichtet beziehungsweise in die Kirche einbezogen. Gleichzeitig begann jene Phase, in der die Gebetserhörungen systematisch aufgezeichnet wurden.
Die zeitliche Nähe ist auffällig: Übertragung des Gnadenbildes 1751, bauliche Erweiterung 1752 und Beginn der Mirakelaufzeichnungen 1752 liegen unmittelbar nebeneinander. Ein ausdrücklicher Quellenbeleg, dass das Seitenschiff ausschließlich wegen der Wallfahrt oder eigens für die Pietà errichtet wurde, ist bislang jedoch nicht bekannt. Eine direkte kausale Verbindung sollte deshalb nicht behauptet werden.
Sicher ist hingegen, dass die Mitte des 18. Jahrhunderts die große Blütezeit der Tschaggunser Wallfahrt bildet.
Eine Schlüsselrolle spielte Jakob Lenz, der 1726 Pfarrer in Tschagguns wurde. Er hatte zuvor bei den Jesuiten in Feldkirch studiert und begann, jene "Gutthaten" zu sammeln und aufzeichnen zu lassen, welche die Gläubigen der Fürbitte der Tschaggunser Muttergottes zuschrieben.
Die Mirakelberichte wurden nicht ausschließlich als private Erinnerung niedergeschrieben. Sie gehörten zu einer bewusst gepflegten frühneuzeitlichen Wallfahrtskultur, in der Berichte über Gebetserhörungen gesammelt, geordnet, vorgelesen und schließlich gedruckt wurden. Dadurch erfuhren andere Menschen von den vermeintlichen Gnadenerweisen und erhielten zugleich Beispiele dafür, wie man sich in einer Notlage an das Heiligtum wenden, ein Gelübde ablegen und anschließend Dank erstatten konnte.
1757 erschien in Bregenz bei Ferdinand Caspar Dascheck das von Jakob Lenz herausgegebene Mirakelbuch unter dem Titel "Aufrichtige Erzehlung unterschiedlicher Gutthaten". Die Aufzeichnungen entstanden vor allem zwischen 1752 und 1756, nahmen jedoch auch ältere Überlieferungen auf und reichen dadurch ungefähr fünf Jahrzehnte weiter zurück. Insgesamt enthält die Sammlung rund 250 berichtete Gnadenerweise.
Das lange Zeit in Privatbesitz befindliche Buch wurde 2018 den Montafoner Museen übergeben. In demselben Jahr erschien eine wissenschaftliche Edition mit vollständiger Transkription und umfangreichen sozial- und volkskundlichen Auswertungen.
Gerade diese Edition macht Tschagguns für die Wallfahrtsforschung außergewöhnlich wertvoll.
Mirakelbücher dürfen nicht als neutrale medizinische oder gerichtliche Protokolle gelesen werden. Die Geistlichen sammelten und redigierten die Berichte mit einer religiösen Absicht: Sie sollten die Gnadenwirksamkeit eines Heiligtums bestätigen, den Glauben stärken und zugleich den Ruf des Wallfahrtsortes vermehren. Die Erzählungen wurden deshalb nach bestimmten Mustern gestaltet und interpretiert.
Das macht sie jedoch keineswegs wertlos. Gerade weil die Berichte konkrete Menschen, Orte, Krankheiten, Tiere, Arbeitsvorgänge und Gelübde nennen, eröffnen sie außergewöhnliche Einblicke in den Alltag. Historisch entscheidend ist nicht die Frage, ob eine Genesung naturwissenschaftlich als Wunder gelten kann, sondern die Tatsache, dass Menschen das Geschehen als Gebetserhörung verstanden und daraus religiöse Handlungen ableiteten.
Wer sich nach Tschagguns verlobte, versprach beispielsweise eine Wallfahrt, eine Messe, Rosenkränze, eine gemeinsame Andacht oder materielle Gaben. Erfüllte sich die erhoffte Hilfe, wurde das Gelübde eingelöst und gelegentlich durch ein Votivbild dauerhaft sichtbar gemacht.
Die moderne Auswertung von 246 statistisch zuordenbaren "Gutthaten" zeigt die außerordentliche Breite der Anliegen. 127 Berichte betreffen Krankheiten von Menschen, 53 Krankheiten oder Unfälle des Viehs, 24 sonstige Unfälle und 18 Schwangerschaft oder Geburt. Dazu kommen Behinderungen, Verluste, psychisch oder religiös gedeutete Leiden, Wasser- und Lawinengefahren, Unwetter, Verfolgung und sogar ein von Würmern befallener Birnbaum. Drei Fünftel der Votierenden waren Frauen, zwei Fünftel Männer.
Tschagguns war damit keine Spezialwallfahrt für eine einzelne Krankheit. Die Schmerzhafte Muttergottes wurde vielmehr bei beinahe allen Gefahren angerufen, welche die Lebenswelt einer alpinen Gesellschaft bedrohen konnten.
Gerade darin liegt eine wesentliche Besonderheit des Ortes.
Für 210 Personen lässt sich im Mirakelbuch der Herkunftsort bestimmen. 53 stammten aus Tschagguns, 28 aus Bartholomäberg, 24 aus Schruns, 23 aus St. Gallenkirch und 18 aus Dalaas. Weitere kamen aus Gaschurn, Silbertal, Vandans, Braz und Klösterle. Einzelne Votierende werden aus Galtür, Nenzing, vom Tannberg, aus Graubünden und Tirol genannt.
Der Kernraum der Wallfahrt lag damit im Montafon und Klostertal. Die Reichweite ging jedoch deutlich darüber hinaus und überschritt sowohl Talschaften als auch politische Grenzen.
Besonders auffällig ist der starke Anteil von Wallfahrern aus dem Klostertal. Die 18 Nennungen aus Dalaas sowie weitere aus Braz und Klösterle zeigen, dass Tschagguns keineswegs ausschließlich innerhalb des Montafons wirkte.
Den größten Teil des Mirakelbuches bilden Berichte über Krankheiten. Häufig bleiben die Diagnosen aus heutiger Sicht unbestimmt; beschrieben werden Schmerzen, Schwäche, Lähmungen, Probleme der Sinnesorgane oder andere körperliche Beschwerden. Gerade darin wird deutlich, dass die Menschen ihre Krankheiten zunächst aufgrund der unmittelbar wahrgenommenen Symptome beschrieben.
Ein besonders anschaulicher Bericht erzählt von einem Mann, der auf dem rechten Ohr schlecht hörte und versuchte, eine vermutete Verstopfung selbst mit einem Schusterzweck oder Nagelkopf zu beseitigen. Dabei verletzte er sich und verlor das Gehör vollständig. Nachdem verschiedene Hilfsversuche erfolglos geblieben waren, gelobte er, an sieben aufeinanderfolgenden Samstagen in der Tschaggunser Kapelle eine Messe zu Ehren der Muttergottes lesen zu lassen. Schließlich behandelte ihn der Schrunser Barbier und Wundarzt Wenceslav Juen; nach einer Spülung löste sich eine größere Verstopfung aus dem Ohr, worauf der Mann wieder hören konnte.
Gerade dieser Fall ist volkskundlich bemerkenswert, weil religiöse und medizinische Behandlung nicht als Gegensätze erscheinen. Der Betroffene sucht Hilfe bei einem Barbier beziehungsweise Wundarzt und legt gleichzeitig ein Gelübde zur Muttergottes ab. Der erfolgreiche medizinische Eingriff wird anschließend in die religiöse Interpretation des Geschehens einbezogen.
Dasselbe Muster zeigt ein Bericht über den Tschaggunser Kaplan selbst. Beim Mittagessen blieb ihm ein Bissen im Hals stecken. Zunächst versuchte er, ihn mit Wasser oder Öl hinunterzubringen; anschließend gelobte er drei Rosenkränze und eine Messe und ließ zugleich nach einem Barbier schicken. Noch bevor dieser eintraf, gelang es, die Verstopfung zu lösen, was der Mirakelbericht der "himmlischen Ärztin", also der Muttergottes, zuschrieb.
Die Beispiele zeigen eine für die historische Volksmedizin wichtige Haltung: Religiöse Fürbitte und praktische Heilbehandlung konnten selbstverständlich nebeneinander bestehen. Medizinisches Handeln schloss das Wunder nicht aus; vielmehr konnte die erfolgreiche Behandlung selbst als Mittel göttlicher Hilfe verstanden werden.
Schwangerschaft und Geburt bilden mit 18 statistisch erfassten Fällen eine eigene Gruppe der Tschaggunser Mirakel. Die Gefährdung von Mutter und ungeborenem Kind war in einer Zeit ohne moderne Geburtshilfe eine existenzielle Erfahrung, und entsprechend häufig begegnen Gelübde in diesem Zusammenhang.
Eine hochschwangere Frau ging beispielsweise in den Stall, um Heu für eine Kuh herzurichten. Unter ihr brach ein morsches Brett, und sie blieb bis unter die Arme in der Öffnung stecken. Obwohl sie selbst unverletzt blieb, fürchtete sie um das ungeborene Kind und versprach der Tschaggunser Muttergottes ein Paar weiße Altarkerzen. Vier Wochen später brachte sie nach dem Mirakelbericht einen gesunden Sohn zur Welt.
Damit ist für Tschagguns eine konkrete materielle Votivform belegt: weiße Altarkerzen.
Einen besonders eindrucksvollen Fall können Mirakelbericht und erhaltenes Votivbild gemeinsam dokumentieren. Anna Maria Ganahl, geborene Caspar aus Schruns, geriet während ihrer Schwangerschaft beim Versuch, Eis von einem Mühlrad zu entfernen, unter das Wasserrad einer Tschaggunser Mühle. Sie wurde verletzt geborgen und fürchtete um ihr ungeborenes Kind; dieses kam später gesund zur Welt.
Zum Dank entstand 1754 ein Votivbild, das sich heute im vorarlberg museum befindet. Es zeigt die Mühle und den Unfall, darüber Anna Maria mit ihrem später geborenen Kind und ihrem Ehemann betend vor dem Tschaggunser Gnadenbild.
Dieser Befund ist für die Wallfahrtsforschung besonders wertvoll. Schriftlicher Mirakelbericht und materielles Ex voto ergänzen sich unmittelbar: Die erlebte Gefahr wird erzählt, religiös gedeutet und anschließend in einem Bild festgehalten.
Votivbilder waren keine bloße Ausschmückung des Kirchenraumes. Sie machten die angebliche Wirksamkeit des Heiligtums sichtbar und erzählten auch Menschen, die nicht lesen konnten, von früheren Rettungen und Gebetserhörungen.
Das Tschaggunser Votivwesen muss außerordentlich umfangreich gewesen sein. Das vorarlberg museum weist darauf hin, dass Pfarrer Jakob Lenz 1757 nicht weniger als 378 Votivtafeln in Tschagguns erwähnte. Ein erheblicher Teil wurde später im Zusammenhang mit der josephinischen Kirchenpolitik entfernt; danach lebte die Votivbildmalerei erneut auf.
Diese Zahl ist bemerkenswert. Sie zeigt, dass das Mirakelbuch nur einen Teil einer wesentlich größeren visuellen Erinnerungslandschaft bildete. Die Wände des Heiligtums müssen zeitweise dicht mit Zeugnissen erfahrener oder vermeintlich erfahrener Hilfe bedeckt gewesen sein.
Die erhaltenen Tschaggunser Votivbilder besitzen nicht nur religionsgeschichtlichen Wert. Sie zeigen Häuser, Mühlen, Kleidung, Arbeitsvorgänge, Menschen und Landschaft und sind dadurch Bildquellen zur Sozial- und Alltagsgeschichte.
Das Votivbild Anna Maria Ganahls dokumentiert beispielsweise eine historische Mühle und den Arbeitsvorgang am vereisten Wasserrad. Andere erhaltene Tschaggunser Votivbilder des 19. Jahrhunderts zeigen Menschen in Montafoner Kleidung und geben dadurch zugleich Hinweise auf die regionale Tracht und ihre Verwendung.
Gerade darin liegt eine besondere Qualität der Votivkultur: Der Versuch, eine himmlische Hilfe darzustellen, bewahrte unbeabsichtigt zahlreiche Einzelheiten des irdischen Alltags.
Mit 53 Fällen bilden Krankheiten und Unfälle des Viehs die zweitgrößte Gruppe im Mirakelbuch.
Diese hohe Zahl wird erst verständlich, wenn die wirtschaftliche Bedeutung der Tiere berücksichtigt wird. Eine Kuh war für einen bäuerlichen Haushalt nicht nur ein Lebewesen, sondern Milchlieferantin, Kapital und Teil der Existenzgrundlage. Krankheit oder Verlust eines Tieres konnten einen Hof empfindlich treffen.
Ein besonders anschaulicher Bericht erzählt von einem Bauern auf einem Maisäß. Eine Kuh bäumte sich plötzlich auf, stürzte quer über Brust und Rücken des Mannes und rollte anschließend rund 300 Schritte den Berg hinunter. Der Bauer versuchte, sie am Horn festzuhalten, wurde jedoch ein Stück mitgeschleift. In dieser Situation versprach er gemeinsam mit seiner Familie eine Andacht in der Tschaggunser Kapelle. Obwohl er anschließend damit rechnete, das schwer gestürzte Tier schlachten zu müssen, soll die Kuh wieder unverletzt aufgestanden sein.
Unabhängig davon, wie das tatsächliche Geschehen zu beurteilen ist, führt die Erzählung unmittelbar in die Arbeits- und Gefahrenwelt der Montafoner Maisäßwirtschaft.
Ein anderer Bericht schildert einen Mann, der sein Berggut von Sträuchern und Steinen säuberte und abgeschnittenes Holz am Waldrand verbrannte. Das Feuer geriet außer Kontrolle und drohte auf den Wald überzugreifen. Gebet und das Versprechen einer Wallfahrt nach Tschagguns wurden anschließend mit dem glücklichen Ausgang verbunden.
Auch dieser Fall zeigt, wie stark die Mirakelberichte aus konkreten Arbeitsvorgängen entstehen. Es sind keine abstrakten theologischen Szenarien, sondern Situationen bei Viehhaltung, Heuarbeit, Holznutzung oder Mühlenbetrieb.
Neben Krankheit und Arbeitsunfall erscheinen im Mirakelbuch auch Lawinen, Wassergefahren und Unwetter. Statistisch bilden sie zwar nur eine kleine Gruppe, doch gerade im Montafon besitzen sie besonderen kulturgeschichtlichen Aussagewert.
Der alpine Lebensraum war nicht nur wirtschaftliche Grundlage, sondern zugleich Gefahrenraum. Lawinen, Hochwasser, steile Wege und Wetterereignisse konnten innerhalb weniger Augenblicke Menschen, Tiere und Besitz bedrohen. Das Gelübde an die Tschaggunser Muttergottes bot eine religiöse Form, mit solchen Situationen umzugehen.
Wallfahrt erscheint hier als Teil einer historischen Risikokultur: Das Unkontrollierbare wurde nicht dadurch beherrschbar, dass die Gefahr verschwand, sondern indem sie in ein System von Gelübde, Fürbitte, Dank und Erinnerung eingeordnet wurde.
Einige Mirakelberichte führen in heute besonders fremd wirkende Bereiche der frühneuzeitlichen Vorstellungswelt. Von einer Frau wird berichtet, sie sei über mehrere Jahre vom "bösen Feind" oder zumindest von einem schweren "Malefiz" beunruhigt worden. Eine andere Betroffene reagierte beim Anblick eines Marienbildes mit heftigen körperlichen Erscheinungen. Mehrere Wallfahrten hätten schließlich Erleichterung gebracht.
Solche Nachrichten dürfen nicht rückwirkend mit modernen psychiatrischen Diagnosen versehen werden. Ihr Quellenwert liegt vielmehr darin, dass sie zeigen, wie schwer erklärbare körperliche oder psychische Zustände im 18. Jahrhundert religiös gedeutet werden konnten.
Auffällig ist zugleich eine gewisse Zurückhaltung des Verfassers. Die Ursache wird nicht konsequent einer bestimmten Person oder Hexerei zugeschrieben; im Mittelpunkt steht die Erfahrung des Leidens und seine Bewältigung durch Wallfahrt und Gebet. Hessenberger weist darauf hin, dass dies auch mit der zunehmend restriktiven Haltung der Obrigkeit gegenüber Hexen- und Zaubereiprozessen im 18. Jahrhundert zusammenhängen könnte.
Die Tschaggunser Berichte zeigen besonders anschaulich das Prinzip des religiösen Verlöbnisses. Ein Mensch in Not versprach eine bestimmte Handlung, falls die erbetene Hilfe eintreten sollte. Dieses Versprechen konnte eine Wallfahrt, eine Messe, das Beten von Rosenkränzen, eine Familienandacht, Kerzen oder ein Votivbild umfassen.
Das Gelübde war damit keine unverbindliche Bitte. Es stellte eine Verpflichtung her: Wer Hilfe erfahren hatte, sollte das Versprochene erfüllen.
Volkskundlich ist diese Struktur besonders wichtig, weil sie die Wallfahrt in eine Handlungskette einordnet:
Notlage – Anrufung – Gelübde – als Hilfe gedeuteter Ausgang – Erfüllung des Gelübdes – öffentliche Erinnerung.
Votivbilder bildeten häufig den letzten Schritt dieser Kette.
Das Mirakelbuch macht sichtbar, dass Wallfahrt im 18. Jahrhundert weder ausschließlich kirchlich organisierte Großveranstaltung noch außergewöhnliche Frömmigkeitsübung war. Sie konnte aus einer ganz persönlichen Krise entstehen.
Menschen kamen wegen eines kranken Ohres, eines ungeborenen Kindes, einer gestürzten Kuh, eines drohenden Waldbrandes oder eines verlorenen Gegenstandes. Andere baten wegen Krankheiten, Kindern, Reisen, Lawinen oder wirtschaftlicher Sorgen.
Gerade diese Alltäglichkeit macht Tschagguns zu einem außergewöhnlichen Forschungsbeispiel. Die Wallfahrt war in die Lebenswelt eingebunden und verband religiöse Vorstellungen mit Medizin, Familie, Arbeit und Wirtschaft.
Von der zwischen 1452 und 1454 entstandenen spätgotischen Kirche blieb vor allem der Chor erhalten. In den folgenden Jahrhunderten wurde das Gotteshaus mehrfach erweitert und verändert. Die Übertragung der Pietà 1751 und der Bau des südlichen Seitenschiffes 1752 fallen in die große Blütephase des Wallfahrtswesens. Seine heutige monumentale Gestalt erhielt der Bau vor allem durch die Erweiterungen von 1812 bis 1814.
Das ältere Gotteshaus wurde dabei wesentlich vergrößert; das mächtige barock geprägte Langhaus bestimmt seither den Kirchenraum. Die Diözese Feldkirch charakterisiert die heutige Gestalt ausdrücklich als Ergebnis der Bautätigkeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts.
Die Geschichte der Kirche lässt sich damit zugleich als Geschichte wachsender religiöser Bedeutung lesen, auch wenn nicht jede einzelne Baumaßnahme unmittelbar mit dem Pilgerzustrom in Verbindung gebracht werden kann.
Neben dem Gnadenaltar besitzt die Kirche eine reiche Ausstattung des 18. bis 20. Jahrhunderts. Hervorzuheben sind die Fresken von Michael Anton Fuetscher in Langhaus und Chor mit Szenen des Alten Testaments.
Am rechten Seitenaltar befindet sich der Reliquienschrein des hl. Aurelius, eines Katakombenheiligen. Damit besitzt die Kirche neben dem marianischen Gnadenbild einen zweiten historisch bedeutsamen Andachtsträger, ohne dass bislang eine eigenständige Aureliuswallfahrt für Tschagguns nachweisbar wäre.
Von besonderem musikalischem Wert ist die 1816 vom elsässischen Orgelbauer Joseph Bergöntzle errichtete Orgel, die im elsässisch-französischen Stil gebaut wurde.
Die große barocke Votivlandschaft überstand das späte 18. Jahrhundert nicht unversehrt. Nach Angaben des vorarlberg museums wurde der Bestand von ursprünglich hunderten Votivtafeln durch die josephinische Kirchenpolitik stark reduziert.
Die Praxis selbst verschwand jedoch nicht. Votivbilder aus dem 19. Jahrhundert zeigen, dass Gläubige weiterhin erfahrene Rettung oder Hilfe bildlich dokumentieren ließen.
Das ist für die Geschichte der Wallfahrt von großer Bedeutung: Die josephinischen Reformen konnten materielle Zeugnisse entfernen und Formen barocker Frömmigkeit zurückdrängen, löschten die Vorstellung von der Tschaggunser Muttergottes als hilfreicher Fürsprecherin jedoch nicht aus.
Die Wallfahrt nach Tschagguns blieb lebendig. Der Pfarrverband Mittleres Montafon bezeichnet die Wallfahrtswoche ausdrücklich als festen Bestandteil des Pfarrverbandes und des Montafons. Dabei ziehen Pilger vom Münster in Schruns zur Muttergottes nach Tschagguns; der Weg wird mit Rosenkranzgebet verbunden und endet mit Wallfahrtsgottesdiensten in der Kirche.
Damit besteht eine bemerkenswerte Verbindung zwischen historischer und gegenwärtiger Wallfahrtspraxis. Die konkreten Anliegen haben sich verändert, ebenso gesellschaftliche Lebensbedingungen und medizinische Vorstellungen, doch der gemeinsame Weg zu einem bestimmten Marienbild ist weiterhin Bestandteil des religiösen Lebens.
Die Diözese Feldkirch führt Tschagguns ausdrücklich unter den wichtigen Wallfahrtsorten Vorarlbergs.
Das Patrozinium Mariä Geburt am 8. September bildet einen natürlichen Höhepunkt des Wallfahrtsjahres. In jüngerer Zeit wird die Wallfahrtswoche unmittelbar um diesen Termin begangen und verbindet den gemeinsamen Fußweg von Schruns mit Rosenkranzgebet, Wallfahrtsmessen und dem Patroziniumsfest in Tschagguns.
Diese Form zeigt zugleich, dass Wallfahrt nicht allein als individuelles Erfüllen eines Gelübdes verstanden werden muss. Sie kann ebenso gemeinschaftliches Gehen, gemeinsames Gebet und liturgische Feier sein.
Tschagguns gehört zu jenen seltenen Wallfahrtsorten, an denen sich religiöse Praxis, materielle Kultur und schriftliche Überlieferung gegenseitig außergewöhnlich gut ergänzen.
Am Beginn steht die spätmittelalterliche Pietà. Die Legende vom Laubwunder erklärt ihre besondere Heiligkeit und macht aus dem Bild einen Gnadenort. Die kleine Kapelle bildet den ursprünglichen Kultplatz; 1751 wird die Pietà in die Pfarrkirche übertragen. Wenig später erreicht die Wallfahrt ihre barocke Blüte.
Pfarrer Jakob Lenz verwandelt die mündlich erzählten Erfahrungen der Gläubigen in eine schriftliche Sammlung. Das Mirakelbuch macht aus einzelnen persönlichen Krisen ein kollektives Gedächtnis des Wallfahrtsortes. Wer darin las oder daraus vorgelesen bekam, erfuhr, dass die Muttergottes bereits bei Krankheiten, Geburtsgefahr, Viehunfällen, Feuer oder Naturgefahren geholfen haben sollte. Dadurch konnte sich eine neue Erwartung aufbauen: Was anderen widerfahren war, konnte auch dem nächsten Hilfesuchenden geschehen.
Neben dem Text standen hunderte Votivbilder. Sie machten die gleiche Botschaft bildlich sichtbar. Der Besucher bewegte sich damit in einem Raum, dessen Wände gewissermaßen von früheren Nöten und ihrer glücklichen Überwindung erzählten. Die 378 für 1757 überlieferten Votivtafeln lassen erahnen, wie eindrucksvoll diese historische Wallfahrtslandschaft gewesen sein muss.
Besonders wertvoll ist, dass das Mirakelbuch nicht nur religiöse Vorstellungen bewahrt. Hinter seinen Erzählungen erscheint eine ganze Gesellschaft: Frauen im Stall und bei der Geburt, Männer bei Berg- und Waldarbeit, Bauern mit ihrem Vieh, Barbiere als medizinische Helfer, Mühlen, Maisäße, gefährliche Wege, Lawinen und Hochwasser.
Religiöse Deutung und praktische Lebensbewältigung sind dabei eng miteinander verschränkt. Der Kranke sucht den Barbier und gelobt gleichzeitig eine Messe; die Schwangere fürchtet um ihr Kind und verspricht Kerzen; der Bauer denkt nach dem Absturz seiner Kuh bereits an die wirtschaftliche Nutzung des Fleisches und legt gleichzeitig ein Wallfahrtsgelübde ab.
Gerade deshalb sollte das Tschaggunser Mirakelbuch weder als bloße Sammlung naiver Wundergeschichten noch als Tatsachenprotokoll missverstanden werden. Seine eigentliche Bedeutung liegt zwischen beiden Polen. Es zeigt, wie Menschen Ereignisse interpretierten, welche Formen von Hilfe ihnen zur Verfügung standen und wie Religion ihnen ermöglichte, Erfahrungen von Gefahr und Kontrollverlust in eine sinnvolle Erzählung zu überführen.
Tschagguns ist damit nicht nur eine bedeutende Marienwallfahrt, sondern zugleich ein außergewöhnliches Archiv der historischen Lebenswelt des Montafons.
In neuerer Forschung wurde Tschagguns verschiedentlich in Zusammenhang mit sogenannten Aufschubheiligtümern gebracht, an denen man bei totgeborenen Kindern auf ein vorübergehendes Lebenszeichen hoffte, um noch eine Taufe vornehmen zu können. Für Tschagguns selbst konnte bislang jedoch kein ausreichend konkreter örtlicher Primärbeleg – etwa ein einzelner Fall, ein Taufeintrag oder eine entsprechende Stelle in der Pfarrchronik – sicher nachgewiesen werden.
Diese Zuordnung sollte daher gegenwärtig nicht als gesicherter Bestandteil der Tschaggunser Wallfahrtstradition behandelt werden. Die im Mirakelbuch nachgewiesenen Anliegen um Schwangerschaft und Geburt sind davon unabhängig und erlauben für sich allein keinen Schluss auf einen solchen besonderen Brauch.
Tschagguns ist eine historisch bedeutende und weiterhin lebendige Marienwallfahrt. Der alte Kult um die Pietà besteht fort, und die Wallfahrtswoche mit dem gemeinsamen Weg von Schruns nach Tschagguns hält die Tradition des Pilgerns zum Gnadenbild in gegenwärtiger Form lebendig.
Die Kirche ist zugleich Pfarrkirche und wird regelmäßig gottesdienstlich genutzt.
• Literatur zur Wallfahrt:
- Edith Hessenberger / Klaus Beitl (Hrsg.): Das Tschaggunser Mirakelbuch. Wallfahrt und Wunderglaube im 18. Jahrhundert. Montafoner Schriftenreihe 29, Schruns 2018. Das Werk enthält neben der vollständigen Transkription des Mirakelbuches Beiträge über seine Entstehung, die Herkunft der Wallfahrer, ihre Anliegen und Gelübde sowie ausführliche sozial- und alltagsgeschichtliche Auswertungen.
- Klaus Beitl: Das Mirakelbuch als Textsorte. In: Edith Hessenberger / Klaus Beitl (Hrsg.): Das Tschaggunser Mirakelbuch. Wallfahrt und Wunderglaube im 18. Jahrhundert. Montafoner Schriftenreihe 29, Schruns 2018, S. 17–20.
- Edith Hessenberger: Leben und Leiden von Wallfahrenden. Das Mirakelbuch als alltagsweltliche Quelle. In: Edith Hessenberger / Klaus Beitl (Hrsg.): Das Tschaggunser Mirakelbuch. Wallfahrt und Wunderglaube im 18. Jahrhundert. Montafoner Schriftenreihe 29, Schruns 2018, S. 57–92.
- Edith Hessenberger: Von ganz alltäglichen Wundern. Alpine Mirakelbücher im 18. Jahrhundert am Beispiel des Montafons und des Ötztals. In: Religion in den Bergen. Sakrale Orte, Heiligtümer, Performanz, Mythos und Alltagsleben, mit einer ausführlichen vergleichenden Auswertung des Tschaggunser Mirakelbuches.
- Andreas Rudigier: Ex voto – Votivbilder aus dem Montafon. Sonderdruck aus dem Jahrbuch des Vorarlberger Landesmuseumsvereins – Freunde der Landeskunde 2001, Bregenz 2001.
- Armin Müller: Wallfahrten in Vorarlberg mit Weihe- und Votivgaben. Dissertation, Universität Innsbruck 1947. Tschagguns wird darin als bedeutender marianischer Gnadenort in einem eigenen Abschnitt behandelt.
- Pfarrverband Mittleres Montafon: Pfarr- und Wallfahrtskirche Tschagguns, Angaben zur Baugeschichte, Ausstattung, Wallfahrt und heutigen kirchlichen Nutzung.
- Katholische Kirche Vorarlberg: Wallfahrtsorte Vorarlberg, Abschnitt Tschagguns, mit Angaben zum Gnadenbild, zur Übertragung der Pietà 1751 und zum heutigen Wallfahrtsstatus.
- Vorarlberg museum / Museen in Vorarlberg: Votivbild aus Tschagguns, 1754, Anna Maria Ganahl, geb. Caspar; zugleich mit dem wichtigen Hinweis auf die 1757 von Pfarrer Jakob Lenz erwähnten 378 Tschaggunser Votivtafeln.
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher
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