Thüringen, Filialkirche zur Hl. Anna

Die Filialkirche zur hl. Anna in Thüringen zählt zu den historisch bedeutenden Wallfahrtskirchen des Walgaus. Ihre Wurzeln reichen mindestens in das 15. Jahrhundert zurück; die heutige spätgotische Kirche wurde 1509 geweiht. Bereits 1518 erhielt das Heiligtum einen 100-Tage-Ablass zugunsten seiner Wohltäter, und die regionale Überlieferung bezeichnet St. Anna ausdrücklich als ein ehemals hoch angesehenes Wallfahrtsheiligtum. Im 17. Jahrhundert gewann neben der Annenverehrung die Rosenkranzfrömmigkeit große Bedeutung. Der Zustrom von Wallfahrern wurde gegen Ende dieses Jahrhunderts so stark, dass das Kirchenschiff um etwa ein Drittel verlängert und die Kirche barockisiert wurde.

Die große historische Wallfahrt ging später zurück, doch St. Anna blieb ein überörtlich wahrgenommener Andachts- und Prozessionsort. Noch 1991 wurde bei der Restaurierung des Hochaltarbildes ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Kirche von Gläubigen aus der weiteren Umgebung stark besucht werde. Die Kirche wird weiterhin regelmäßig gottesdienstlich genutzt; auch Rosenkranzgebet und Wallfahrten gehören zum religiösen Umfeld des Ortes.

Die St.-Anna-Kirche liegt südlich des Ortszentrums von Thüringen im Walgau, am Rand der historischen Thüringer Au. Unmittelbar bei der Kirche befindet sich der alte Lindenplatz, der nicht nur für die Ortsgeschichte, sondern auch als früherer Treffpunkt von Prozessionen aus den umliegenden Gemeinden Bedeutung besaß.

Die Kirche gehört zur römisch-katholischen Pfarre St. Stephan in Thüringen. Die Kirche wird regelmäßig für Werktags- und Vorabendmessen genutzt.

Ein älteres Heiligtum vor 1480

Bereits vor 1480 stand in der Thüringer Au ein Gotteshaus. Hinweise auf einen noch älteren Vorgängerbau geben zugemauerte doppelbogige Schallöffnungen im Turm, die romanische Formen zeigen. Eine genaue Datierung dieses ältesten Baubestandes ist allerdings nicht möglich. Der Turm dürfte jedenfalls Teile bewahren, die älter sind als der spätgotische Neubau des frühen 16. Jahrhunderts.

Damit gehört St. Anna zu jenen Wallfahrtsorten, deren Kultgeschichte bereits vor dem heute sichtbaren Kirchenbau eingesetzt haben dürfte. Über Anlass und Form der ältesten Verehrung ist wenig bekannt; die sichere historische Überlieferung wird erst mit dem spätgotischen Neubau deutlicher.

Neubau und Weihe 1509

Am 26. Juli 1509, dem Fest der hl. Anna, weihte der Churer Bischof die neu errichtete spätgotische Kirche mit drei Altären. Als Baumeister nennt sich in einer Inschrift über dem Chorbogen Caspar beziehungsweise Kasper Schop. Aus dieser Bauphase haben sich insbesondere der spätgotische Chor, die beiden Portale sowie Darstellungen der hl. Anna selbdritt erhalten.

Das Datum der Weihe am Annatag dürfte kaum zufällig sein. Die Verehrung der Mutter Mariens hatte gerade im späten 15. und frühen 16. Jahrhundert einen außerordentlichen Aufschwung erfahren. Anna wurde zunehmend als Teil der Heilsgeschichte verstanden, und die Darstellung der "Anna selbdritt" – Anna zusammen mit Maria und dem Jesuskind – entwickelte sich zu einer der charakteristischen Bildformen dieser Frömmigkeit.

Die hl. Anna selbdritt

Aus der spätgotischen Bauphase haben sich in Thüringen gleich mehrere Darstellungen der Anna selbdritt erhalten. Besonders bedeutsam ist eine plastische Figurengruppe mit Anna, Maria und dem Jesuskind; auch über dem Seiteneingang befindet sich eine entsprechende Freskendarstellung.

Die Bildform bringt die genealogische Verbindung Christi mit seiner menschlichen Familie besonders anschaulich zum Ausdruck. Anna erscheint dabei nicht allein als Heilige, sondern als Mutter Mariens und Großmutter Jesu. Gerade um 1500 gehörte dieses Motiv zu den beliebtesten Andachtsbildern Mitteleuropas.

Für Thüringen ist die Anna selbdritt von besonderer Bedeutung, weil sie unmittelbar in die früheste sicher fassbare Phase der Wallfahrt gehört. Sie dokumentiert die starke Annenverehrung am Ort, erlaubt jedoch keine sichere Aussage darüber, mit welchen persönlichen Anliegen einzelne Wallfahrer die Heilige aufsuchten. Spezifische Thüringer Überlieferungen über Kinderwunsch, Schwangerschaft oder Geburt sind bislang nicht nachweisbar und sollten daher nicht aus der allgemeinen Annenverehrung auf diesen Ort übertragen werden.

Der Ablassbrief von 1518

Nur neun Jahre nach der Weihe erhielt St. Anna 1518 einen sogenannten 100-Tage-Ablassbrief zugunsten der Wohltäter der Kirche. Die regionale historische Dokumentation nennt dieses Privileg ausdrücklich im Zusammenhang mit dem damaligen hohen Ansehen des Wallfahrtsheiligtums.

Ein Ablass dieser Art bedeutete nicht, dass dem Gläubigen buchstäblich hundert Tage Fegefeuer erlassen wurden. Die Angabe bezog sich vielmehr auf die ältere kirchliche Bußpraxis. Entscheidend für die Wallfahrtsgeschichte ist, dass Besuch, Förderung oder bestimmte religiöse Handlungen am Heiligtum mit einem kirchlich anerkannten geistlichen Nutzen verbunden werden konnten.

Der genaue Wortlaut der Thüringer Ablassurkunde, ihr Aussteller und die daran geknüpften Bedingungen sind bislang nicht veröffentlicht greifbar. Dennoch zeigt schon die Gewährung eines solchen Ablasses kurz nach der Kirchweihe, dass St. Anna keineswegs nur eine kleine lokale Filialkirche war, sondern bereits früh eine besondere religiöse Stellung einnahm.

Hochwasser und Schutzbedürfnis

Die Lage in der Au setzte die Kirche über Jahrhunderte den Überschwemmungen und Vermurungen durch Lutz und Ill aus. Die örtliche Pfarrgeschichte nimmt deshalb an, dass die Bevölkerung mit der Verehrung in St. Anna auch die Hoffnung auf Schutz vor diesen Naturgefahren verband.

Für eine eigentliche Gründung der Kirche aufgrund eines Hochwassergelübdes gibt es keinen sicheren Nachweis. Die Gefahr selbst war jedoch sehr real. Historische Auseinandersetzungen zwischen Thüringen und Bludesch betrafen unter anderem die Leistungen zum Schutz der St.-Anna-Kirche vor Hochwasser und Vermurungen. Die Landschaftsgefährdung gehörte damit tatsächlich zur Lebenswirklichkeit des Heiligtums.

Volkskundlich fügt sich diese Situation gut in ein häufiges Muster der Wallfahrt: Sakralorte wurden besonders dort zu Orten gemeinschaftlicher Fürbitte, wo Naturgefahren das menschliche Leben unmittelbar bedrohten. Für Thüringen sollte die Bitte um Hochwasserschutz dennoch als plausible örtliche Deutung und nicht als alleiniger Ursprung der Wallfahrt dargestellt werden.

Die Rosenkranzbruderschaft von 1627

Eine neue religiöse Schicht erhielt St. Anna im frühen 17. Jahrhundert. Seit 1627 bestand an der Kirche eine Rosenkranzbruderschaft. Die später am Hochaltar angebrachten Rosenranken mit Darstellungen beziehungsweise Hinweisen auf die Rosenkranzgeheimnisse werden mit dieser Bruderschaftsfrömmigkeit in Verbindung gebracht.

Bruderschaften waren weit mehr als bloße Gebetsvereinigungen. Sie verbanden regelmäßige Andacht, gemeinschaftliche Gottesdienste, Totengedenken und soziale Bindung miteinander. In einem Wallfahrtsheiligtum konnten sie zugleich wesentlich dazu beitragen, eine bestimmte Kultform dauerhaft zu etablieren.

In Thüringen führte die Rosenkranzfrömmigkeit langfristig sogar zu einer sichtbaren Veränderung des bedeutendsten Kunstwerks der Kirche.

St. Anna als Zunftkirche

1629 wählte die neu gegründete Handwerkerzunft, die heutige Handwerkerzunft Oberer Walgau, St. Anna zu ihrer Zunftkirche. Die jährliche Zunftmesse wird dort nach der örtlichen Überlieferung bis heute gefeiert.

Damit wurde das Heiligtum zugleich zu einem religiösen Identifikationsort einer berufsständischen Gemeinschaft. Wallfahrt, Bruderschaft und Zunftwesen überlagerten sich an St. Anna und banden die Kirche in verschiedene gesellschaftliche Gruppen des oberen Walgaus ein.

Gerade diese Mehrfachfunktion dürfte zur außergewöhnlichen Dauerhaftigkeit des Ortes beigetragen haben. St. Anna war nicht ausschließlich Ziel individueller Wallfahrer, sondern ebenso Versammlungs-, Gottesdienst- und Gedächtnisort gemeinschaftlich organisierter Gruppen.

Giulio Bensos Hochaltarbild – neue Forschung zur Datierung

Das Hochaltarbild gehört zu den kunsthistorisch bedeutendsten Ausstattungsstücken der Kirche. Ältere Literatur datierte es meist um 1640. Neuere Forschungen von Silvia Tammaro konnten jedoch die Entstehung wesentlich genauer rekonstruieren.

Tammaro weist das Gemälde als 1635 entstandene, signierte "Madonna mit Kind" des Genueser Malers Giulio Benso nach. Das großformatige Ölgemälde misst 283 × 163 Zentimeter. Ein bisher nicht mit dem Thüringer Bild identifizierter archivalischer Eintrag berichtet, dass am 3. März 1635 in Genua ein Altarbild für eine Landkapelle in der Herrschaft Blumenegg bestellt wurde, die damals zum Besitz der Benediktinerabtei Weingarten gehörte. Dieses in der Forschung bislang für verschollen gehaltene Werk konnte Tammaro mit dem noch heute in St. Anna befindlichen Gemälde identifizieren.

Das Bild zeigt nicht, wie ältere Aufzeichnungen vermuten ließen, die hl. Anna, sondern die Gottesmutter mit dem Jesuskind inmitten verschiedener Heiliger. Unter ihnen befinden sich der hl. Benedikt und die hl. Scholastika. Beide sind für den Benediktinerorden von zentraler Bedeutung und verweisen auf die damalige Zugehörigkeit Blumeneggs zur Abtei Weingarten.

Das Thüringer Gemälde ist damit zugleich ein bemerkenswertes Zeugnis des künstlerischen Austauschs zwischen Genua, der Benediktinerabtei Weingarten und deren Vorarlberger Herrschaftsgebiet.

Das Kultbild verändert sich

Von besonderer volkskundlicher Bedeutung ist eine Veränderung, die das Benso-Gemälde erst Jahrhunderte nach seiner Entstehung erhielt. Bei der Restaurierung von 1990 bis 1992 stellte sich heraus, dass der Rosenkranz, den Maria heute in der Hand hält, ursprünglich nicht von Giulio Benso gemalt worden war. Er wurde erst im 19. Jahrhundert hinzugefügt.

Damit hatte sich nicht nur die äußere Erscheinung des Kunstwerks verändert. Die nachträgliche Ergänzung machte aus der ursprünglich ohne Rosenkranz dargestellten Madonna sichtbar eine Rosenkranzmadonna und passte das ältere Bild an eine längst fest verwurzelte örtliche Frömmigkeit an.

Bei der Restaurierung stellte sich deshalb die Frage, ob der historisch spätere Rosenkranz entfernt und damit die ursprüngliche Fassung von 1635 wiederhergestellt werden sollte.

Eine denkmalpflegerische Entscheidung zugunsten der Volksfrömmigkeit

Die Diskussion von 1991 ist für die Religions- und Wallfahrtsgeschichte von außergewöhnlichem Quellenwert. Das Bundesdenkmalamt erwog zunächst die Entfernung der späteren Übermalung, sofern keine kultischen Gründe für ihren Erhalt sprächen. Pfarrer und Landeskonservator plädierten jedoch dafür, den Rosenkranz zu belassen. Der Pfarrer verwies darauf, dass sein Verschwinden von der Bevölkerung kaum verstanden würde. Der Landeskonservator betonte die kulturgeschichtliche Bedeutung solcher späteren Ergänzungen und verwies darauf, dass St. Anna als Rosenkranz-Bruderschaftskirche von Gläubigen der weiteren Umgebung "eifrig besucht" werde. Schließlich blieb der Rosenkranz erhalten.

Diese Entscheidung ist weit mehr als eine Episode der Restaurierungsgeschichte. Sie zeigt exemplarisch, dass ein religiös gebrauchtes Bild nicht ausschließlich nach seinem ursprünglichen künstlerischen Zustand beurteilt werden kann.

Über Jahrhunderte hatte sich die Bedeutung des Benso-Gemäldes verändert. Eine im kunsthistorischen Sinn spätere Zutat war zu einem Bestandteil der religiösen Wahrnehmung des Bildes geworden. Die Restaurierung bewahrte deshalb nicht lediglich das Werk des Malers von 1635, sondern zugleich die historische Aneignung dieses Werkes durch Generationen von Gläubigen.

Gerade darin liegt ein besonderer volkskundlicher Wert des Thüringer Hochaltarbildes: Es dokumentiert nicht nur Kunstgeschichte, sondern Kultgeschichte.

Vom Annenheiligtum zur Rosenkranzkirche

Die Entwicklung lässt sich an St. Anna ungewöhnlich deutlich verfolgen.

Aus der spätgotischen Gründungsphase stammen die Anna-selbdritt-Darstellungen und die ausgeprägte Verehrung der Kirchenpatronin. Im frühen 17. Jahrhundert tritt mit der Rosenkranzbruderschaft eine starke marianische Kultform hinzu. 1635 gelangt mit Bensos Madonna ein bedeutendes neues Marienbild in die Kirche. Im 19. Jahrhundert wird dieses Bild durch den aufgemalten Rosenkranz ausdrücklich an die inzwischen tief verwurzelte Rosenkranzfrömmigkeit angepasst.

Die verschiedenen Kultschichten verdrängten einander dabei nicht vollständig. Anna blieb Patronin der Kirche, während gleichzeitig Maria als Rosenkranzmadonna immer stärker in den Mittelpunkt der Andacht rückte.

St. Anna ist deshalb ein besonders anschauliches Beispiel dafür, wie sich Wallfahrtsorte im Laufe der Jahrhunderte verändern können, ohne ihre historische Identität zu verlieren.

Die Wallfahrt und die Vergrößerung der Kirche

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts war der Zustrom so stark, dass das Langhaus um etwa ein Drittel verlängert wurde. Die Pfarrgeschichte nennt ausdrücklich die "rege Wallfahrt" als Grund für diese Erweiterung. Gleichzeitig wurde der Innenraum barockisiert. Drei neue Altäre, Kanzel, Stuckdecke, Gestühl und Empore sowie Veränderungen am Turm prägten fortan das Erscheinungsbild.

Diese Nachricht gehört zu den wichtigsten Zeugnissen der historischen Wallfahrt überhaupt. Während konkrete Pilgerzahlen fehlen, lässt sich an der baulichen Erweiterung indirekt die Intensität des Besuchs ablesen: Die vorhandene Kirche genügte dem Zustrom offenbar nicht mehr.

St. Anna hatte damit spätestens im 17. Jahrhundert eine Bedeutung erlangt, die über eine gewöhnliche Dorf- oder Filialkirche deutlich hinausging.

Barocke Ausstattung

Der heutige Hochaltar entstand in seiner architektonischen Form in der Mitte des 17. Jahrhunderts und nahm Bensos großformatiges Gemälde auf. Die beiden Seitenaltäre zeigen wiederum Darstellungen der hl. Anna; ihre Gemälde werden Johann Jakob Haas und der Zeit um 1690 zugeschrieben.

Damit blieb die Kirchenpatronin trotz des stärker hervortretenden Marien- und Rosenkranzkultes im Bildprogramm deutlich präsent. Das Nebeneinander von Anna und Maria entspricht zugleich der engen theologischen Verbindung beider Verehrungsformen.

Auch die weitere Ausstattung – Kanzel, Gestühl, Empore und barocke Raumfassung – dokumentiert jene Epoche, in der St. Anna seine wohl größte Bedeutung als Wallfahrtskirche besaß.

Der Lindenplatz als religiöser Sammelpunkt

Unmittelbar bei der Kirche liegt der historische Platz unter den Linden. Er spielte über Jahrhunderte eine wichtige Rolle im öffentlichen Leben der Herrschaft Blumenegg und diente als Gerichts- und Versammlungsplatz. Zugleich war er Treffpunkt von Prozessionen aus den benachbarten Orten.

Damit bildeten Kirche und Lindenplatz gemeinsam einen religiösen und gesellschaftlichen Raum. Prozessionen konnten hier zusammentreffen, ehe die Teilnehmer gemeinsam zum Gottesdienst in die Kirche einzogen.

Diese Funktion erklärt zugleich den überörtlichen Charakter von St. Anna. Das Heiligtum war nicht allein Sache der Thüringer Bevölkerung, sondern wurde auch von den umliegenden Gemeinden in ihre religiösen Wege und gemeinschaftlichen Bittformen einbezogen.

Bittprozessionen aus Thüringen, Bludesch und Ludesch

Noch im 21. Jahrhundert ist eine alljährliche Bittprozession der Pfarren Thüringen, Bludesch und Ludesch nach St. Anna dokumentiert. Im Jubiläumsjahr 2009 führte der gemeinsame Bittgang von der Thüringer Pfarrkirche nach St. Anna, wo der Bitt-Tags-Gottesdienst gefeiert wurde. Im selben Jubiläumsjahr fand zusätzlich eine Sternwallfahrt des Dekanats Walgau-Walsertal zur St.-Anna-Kirche statt.

Die Sternwallfahrt von 2009 war ein Jubiläumsereignis und darf nicht als jährlich wiederkehrende Tradition verstanden werden. Die gemeinsame Bittprozession mehrerer Nachbarpfarren zeigt jedoch, dass der alte Sakralort auch nach dem Rückgang der klassischen Wallfahrt weiterhin Ziel gemeinschaftlicher religiöser Wege blieb.

Ob zwischen diesen neuzeitlich dokumentierten Bittgängen und den frühneuzeitlichen Wallfahrten eine vollkommen ununterbrochene organisatorische Kontinuität besteht, lässt sich nicht beweisen. Die Funktion des Ortes als überregionaler Sammel- und Andachtsplatz hat jedoch eine bemerkenswerte Dauer.

Gebet in gemeinschaftlichen Notlagen

St. Anna war nicht nur Ziel individuell motivierter Wallfahrer. Lokale Überlieferungen berichten, dass man sich dort auch in Zeiten gemeinschaftlicher Bedrohung und Not zum Gebet versammelte. Die Kirche lag unmittelbar neben einem der wichtigsten öffentlichen Plätze der Herrschaft Blumenegg und verband dadurch sakralen und politischen Raum.

Diese Nähe von Kirche, Gerichtsplatz, Prozessionsweg und öffentlicher Versammlung ist volkskundlich bemerkenswert. Religion war hier nicht auf den Kircheninnenraum beschränkt, sondern Bestandteil der gemeinschaftlichen Ordnung des Ortes.

Gerade in Zeiten von Hochwasser, Krieg oder anderen Gefahren konnte St. Anna dadurch zu einem Ort werden, an dem kollektive Sorge in gemeinschaftliche Fürbitte übersetzt wurde.

Rückgang der klassischen Wallfahrt

Im Laufe des 19. und besonders des 20. Jahrhunderts verlor die historische Wallfahrt einen Teil ihrer früheren Bedeutung. Die örtliche Pfarrgeschichte spricht bildhaft davon, dass die Kirche nach dem Rückgang der Wallfahrt in einen "Dornröschenschlaf" gefallen sei. Gerade dieser vergleichsweise geringe Veränderungsdruck trug jedoch dazu bei, dass bedeutende Teile der historischen Ausstattung erhalten blieben.

Zwischen 1990 und 1993 wurde die Kirche umfassend restauriert. Dabei kamen nicht nur kunsthistorische Qualitäten des Bauwerks und seiner Ausstattung neu zur Geltung; die Arbeiten am Benso-Bild führten auch zu der bemerkenswerten Entscheidung, den später hinzugefügten Rosenkranz als Zeugnis der gewachsenen Kultgeschichte zu bewahren.

St. Anna in der Gegenwart

Die Kirche ist weiterhin fester Bestandteil des religiösen Lebens der Pfarre Thüringen. Im aktuellen Gottesdienstkalender werden regelmäßig Mittwochs- und Vorabendmessen in St. Anna gefeiert, daneben Rosenkranzgebete und besondere Gottesdienste.

Auch das Patrozinium der hll. Joachim und Anna am 26. Juli wird weiterhin festlich begangen und mit dem traditionellen Dörflefest am Lindenplatz verbunden.

Bemerkenswert ist zudem, dass St. Anna weiterhin Ausgangspunkt gemeinschaftlicher Pilgerwege sein kann. Für September 2026 wurde beispielsweise eine Fußwallfahrt von der St.-Anna-Kirche zum Kloster St. Peter in Bludenz angekündigt. Die Kirche ist dabei nicht selbst das Ziel der Wallfahrt, bleibt aber ein Ort, von dem gemeinschaftliches Pilgern seinen Ausgang nimmt.

Damit ist St. Anna keineswegs nur ein museal erhaltener ehemaliger Wallfahrtsort. Die große historische Annenwallfahrt ist zwar nicht mehr in ihrer frühneuzeitlichen Intensität vorhanden, doch Gottesdienst, Rosenkranzfrömmigkeit, Prozessions- und Pilgertradition halten den Ort weiterhin religiös lebendig.

Keine belegte spezielle Heilzuständigkeit

Für St. Anna sind bislang keine konkreten historischen Mirakelberichte, Heilquellen oder größeren Bestände anatomischer Votive nachweisbar. Ebenso fehlt eine lokale Quelle, die eine spezifische Zuständigkeit der Thüringer Anna etwa für Kinderwunsch, Schwangerschaft, Geburt oder bestimmte Krankheiten belegt.

Solche Anliegen sind aus der allgemeinen Geschichte der Annenverehrung bekannt, dürfen aber nicht ohne örtlichen Nachweis auf Thüringen übertragen werden.

Der historische Charakter der Wallfahrt ist auch ohne solche Wunderberichte eindeutig. Ablass, Anna-selbdritt-Bilder, der nachweislich starke Zustrom des 17. Jahrhunderts, die bauliche Erweiterung, Rosenkranzbruderschaft, Prozessionen und der überörtliche Besuch ergeben ein wesentlich dichteres und zuverlässigeres Bild als eine nachträglich konstruierte Heilzuständigkeit.

Volkskundliche Einordnung

St. Anna in Thüringen ist aus volkskundlicher Sicht besonders wertvoll, weil sich am selben Ort mehrere Jahrhunderte religiösen Wandels unmittelbar überlagern.

Am Anfang steht das spätmittelalterliche Annenheiligtum. Der Neubau von 1509, die Anna-selbdritt-Darstellungen und der Ablass von 1518 gehören in eine Zeit, in der der Annenkult in Mitteleuropa einen Höhepunkt erreichte. Bereits diese erste Phase weist St. Anna als besonderen Andachts- und Wallfahrtsort aus.

Im 17. Jahrhundert verdichtet sich die religiöse Landschaft. Die Rosenkranzbruderschaft, die Handwerkerzunft, das Benso-Gemälde und die starke Wallfahrt erweitern den ursprünglichen Annenkult. Gleichzeitig verbindet die Zugehörigkeit zur Benediktinerabtei Weingarten das kleine Heiligtum im Walgau mit einem größeren monastischen und künstlerischen Netzwerk.

Gerade das Hochaltarbild macht diesen Wandel außergewöhnlich anschaulich. Ein 1635 in Genua geschaffenes Kunstwerk wird im Laufe der Jahrhunderte von der lokalen Frömmigkeit neu interpretiert. Der im 19. Jahrhundert aufgemalte Rosenkranz verändert die ursprüngliche Darstellung und wird schließlich selbst so wichtig, dass seine Entfernung bei der Restaurierung 1991 als Eingriff in die gewachsene religiöse Bedeutung des Bildes verstanden wurde.

In diesem Vorgang zeigt sich exemplarisch der Unterschied zwischen einem Museumsobjekt und einem Kultbild. Ein Museumsobjekt wird möglichst auf einen ursprünglichen Zustand zurückgeführt; ein Kultbild trägt dagegen die Geschichte seiner Verehrung in sich. Ergänzungen, Übermalungen, Schmuck und Veränderungen können selbst zu historischen Zeugnissen werden, weil sie zeigen, wie Menschen das Bild tatsächlich verwendeten und deuteten.

St. Anna dokumentiert darüber hinaus die enge Verbindung von Wallfahrt und Gemeinschaft. Der Lindenplatz, die Prozessionen aus den Nachbarorten, die Zunftmesse und die Bittgänge zeigen, dass der Sakralort weit über individuelle Andacht hinausging. Hier trafen religiöse, soziale und örtliche Identitäten aufeinander.

Die Formen der Frömmigkeit änderten sich: Der spätmittelalterliche Annenkult wurde um die Rosenkranzverehrung erweitert, die große Wallfahrt nahm später ab, Bittprozessionen und Gottesdienste blieben bestehen, und der Ort ist weiterhin in religiöse Pilgerpraxis eingebunden.

Die St.-Anna-Kirche ist damit ein besonders anschauliches Beispiel dafür, dass Wallfahrtsorte keine unveränderlichen Gebilde sind. Bilder erhalten neue Bedeutungen, Prozessionswege verändern sich, Bruderschaften verlieren oder wandeln ihre Funktion und große Pilgerströme können zurückgehen. Dennoch kann die Vorstellung eines besonderen religiösen Ortes über Jahrhunderte fortbestehen.

Lage: Filialkirche zur hl. Anna, St. Anna-Straße 17, 6712 Thüringen.
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Web: Pfarre St. Stephan Thüringen
Geöffnet: Das Gebäude ist außerhalb der liturgischen Zeiten meist verschlossen, für Besichtigungen ist Kontakt über die Pfarre empfohlen.
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Literatur zur Wallfahrt:

- Pfarramt Thüringen (Hrsg.): Sankt Anna Thüringen. 2. Auflage, Thüringen 2009.

- Gemeinde Thüringen (Hrsg.): Bi üs do z’Thürig. Thüringen 1990, S. 69–96, insbesondere S. 72–74.

- Gemeinde Thüringen (Hrsg.): Lokalgeschichte Thüringen. Thüringen 1994, S. 22–23.

- Ludwig Rapp / Andreas Ulmer / Johannes Schöch: Topographisch-historische Beschreibung des Generalvikariates Vorarlberg. Band VI: Dekanat Sonnenberg. Dornbirn 1965.

- Bundesdenkmalamt (Hrsg.): Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler Österreichs. Vorarlberg. Wien 1983, S. 393. Die genannten Werke werden auch in der Literaturübersicht zur Kirche geführt.

- Silvia Tammaro: "Già tutta Vienna conosce il nome del Benso, anche senza haver veduto pur una sua linea". Der Maler Giulio Benso in Wien und Vorarlberg: ein Transfer zwischen Genua und dem Habsburgerreich. In: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte, Bd. LXVIII: Vienna italiana. Neue Forschungen zur italienischen Kunst und Kultur in Wien (16.–19. Jahrhundert). Böhlau Verlag, Wien 2025, S. 71–98, insbesondere S. 93–97 zur St.-Anna-Kirche in Thüringen. Die Studie identifiziert das Thüringer Altarbild mit dem 1635 in Genua bestellten Werk und wertet zugleich die Restaurierungsakten des Bundesdenkmalamtes von 1991 aus.

- Bundesdenkmalamt, Landeskonservatorat Vorarlberg, Archiv: Restaurierungsakten zur St.-Anna-Kirche und zum Hochaltarbild, 1990–1992; ausgewertet bei Silvia Tammaro.

- Pfarre Thüringen: Dokumentation "500 Jahre St. Anna", 2009, mit Angaben zur Bau-, Wallfahrts-, Bruderschafts- und Zunftgeschichte.

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Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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