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Die Kapelle St. Leonhard in Sulzberg gehört zu den ältesten und volkskundlich bemerkenswertesten Wallfahrtsstätten des Bregenzerwaldes. Ihre Geschichte reicht bis in das ausgehende 15. Jahrhundert zurück; erhaltene Pilgerzeichnungen an den Wänden, darunter mehrfach eingeritzte Muscheln, bezeugen den Besuch von Pilgern bereits in der frühen Neuzeit. Besondere Bedeutung besaß eine unmittelbar bei der Kapelle entspringende Heilquelle, deren Wasser nach der Überlieferung mit wunderbaren Heilungen und der Fürbitte des hl. Leonhard verbunden wurde. Die Quelle ging erst 1905 beim Bau der Straße nach Doren verloren. Die historische Heilwallfahrt ist in dieser Form nicht mehr erhalten, doch die religiöse Tradition des Weges nach St. Leonhard lebt in einem bis in die Gegenwart gepflegten Bittgang weiter. Auch die Diözese Feldkirch führt die Kapelle weiterhin unter den Wallfahrtsorten Vorarlbergs. Neben ihrer Bedeutung für die Wallfahrtsgeschichte besitzt die Kapelle einen außergewöhnlich reichen kunsthistorischen Bestand. Frühneuzeitliche Wandmalereien, drei nach der Verwüstung von 1647 gestiftete Altäre und eine in Vorarlberg ungewöhnliche Schablonenmalerei an Kassettendecke und Empore machen St. Leonhard zu einem der bemerkenswertesten kleinen Sakralbauten des Landes. Die Kapelle steht im Ortsteil St. Leonhard südöstlich des Sulzberger Ortszentrums an der Straße in Richtung Doren. Gemeinsam mit dem benachbarten Mesnerhaus bildet sie ein geschlossenes historisches Ensemble. Der Standort liegt an einer alten regionalen Wegverbindung. Gerade für die Geschichte eines Wallfahrtsortes ist diese Lage von Bedeutung, denn die an den Wänden erhaltenen Pilgerzeichen lassen erkennen, dass die Kapelle nicht nur von der unmittelbar benachbarten Bevölkerung besucht wurde. Die Anfänge im Jahr 1497Der Überlieferung nach wurde die St.-Leonhardskapelle im Jahr 1497 zu Ehren Unserer Lieben Frau Maria, des hl. Leonhard, des hl. Jodok und der hl. Barbara geweiht. Sie gilt als älteste Kapelle Sulzbergs. Von der spätgotischen Anlage haben sich trotz späterer Zerstörungen und Umbauten wesentliche Teile erhalten, darunter die aufgehenden Mauern, Reste der einstigen Chorpfeiler, der fein gearbeitete Türrahmen der ehemaligen Sakristei, ein zugemauertes Fenster an der Stirnseite und die steinernen Mensen der Altäre. Bemerkenswert ist die ursprüngliche Verbindung mehrerer Patrozinien. Neben Maria und dem später namensgebenden hl. Leonhard erscheint mit dem hl. Jodok ein Heiliger, der im mittelalterlichen Frömmigkeitsleben besonders mit Pilgern und Reisenden verbunden war. Daraus allein lässt sich noch keine frühe Fernwallfahrt ableiten, doch fügt sich dieses Patrozinium auffällig in den später durch Pilgerzeichnungen belegten Charakter der Kapelle ein. Gleichzeitig mit der Kapelle bestand ein eigenes St.-Leonhards-Benefizium. Als erster Kaplan wurde am 29. Juli 1497 Jakob beziehungsweise Jacob Elyner auf die St.-Leonhards-Pfründe investiert. Das Benefizium diente dem Lebensunterhalt eines eigenen Kaplans und bestand über vier Jahrhunderte; erst 1910 verließ der letzte Benefiziat Sulzberg. Für eine vergleichsweise kleine Kapelle ist diese lange eigenständige geistliche Betreuung bemerkenswert und zeigt die besondere Stellung des Heiligtums innerhalb des örtlichen religiösen Lebens. Pilgerzeichnungen als unmittelbare Zeugnisse der WallfahrtZu den volkskundlich wertvollsten Zeugnissen in St. Leonhard gehören die an den Wänden erhaltenen Pilgerzeichnungen. Nach der heutigen Dokumentation der Pfarre stammen die meisten von ihnen aus dem 16. Jahrhundert. Wiederholt erscheint dabei die Muschel, das bekannteste Kennzeichen der Jakobspilger. Die ältere Sulzberger Kapellengeschichte bezeichnet diese Ritzzeichnungen ausdrücklich als Zeugnisse der früheren Wallfahrtsfunktion. Solche Graffiti besitzen einen besonderen Quellenwert. Während spätere Chroniken oder mündliche Überlieferungen davon berichten, dass Menschen zu einem Heiligtum pilgerten, stammen die eingeritzten Zeichen unmittelbar von Besuchern selbst. Sie gehören damit zu jenen seltenen materiellen Spuren, die die Anwesenheit von Pilgern am Ort körperlich fassbar machen. Die wiederkehrende Muschel lässt es sehr wahrscheinlich erscheinen, dass auch Jakobspilger St. Leonhard aufsuchten. Ob daraus auf einen genau festgelegten historischen Zweig des Jakobsweges geschlossen werden darf, bleibt offen. Mittelalterliche und frühneuzeitliche Pilgerwege entsprachen nicht immer den heute ausgeschilderten, eindeutig definierten Routen. Wahrscheinlicher ist, dass Reisende und Pilger unterschiedliche regionale Wegverbindungen benutzten und dabei die Kapelle als Andachts- oder Rastort aufsuchten. Die Sulzberger Überlieferung hält selbst vorsichtig die Möglichkeit fest, dass eine Abzweigung eines Jakobsweges an St. Leonhard vorbeiführte. Die Heilquelle bei St. LeonhardNeben der Kapelle entsprang früher eine Quelle, deren Wasser als heilkräftig galt. Die Pfarrüberlieferung verbindet sie ausdrücklich mit Kaplan Johannes Lau, der von 1598 bis 1635 in St. Leonhard wirkte. Er soll von Wundern berichtet haben, die durch das Wasser und auf die Fürbitte des hl. Leonhard geschehen seien. Johannes Lau ist als historische Person gut greifbar. Im erhaltenen "Urbarium Capellania S. Leonardi in Sulzberg" finden sich von ihm verfasste Einträge; so ist beispielsweise eine von Lau niedergeschriebene Jahrzeitstiftung aus dem frühen 17. Jahrhundert überliefert. Damit gehörte er tatsächlich zu jenen Geistlichen, die unmittelbar am St.-Leonhards-Benefizium tätig waren und dessen schriftliche Aufzeichnungen führten. Der originale Wortlaut jener Aufzeichnungen, in denen die Wunder an der Quelle geschildert worden sein sollen, ist bislang nicht veröffentlicht greifbar. Die Nachricht verdient dennoch besondere Beachtung, weil sie die Heilwirkung des Wassers ausdrücklich mit der Fürbitte des Kapellenpatrons verbindet. Es handelt sich somit nicht lediglich um eine im volksmedizinischen Sinn geschätzte Quelle, sondern um einen Bestandteil der religiösen Kultlandschaft von St. Leonhard. Wie das Wasser konkret angewendet wurde, ist dagegen nicht sicher überliefert. Für ein Trinken aus der Quelle, Waschungen bestimmter Körperteile, das Abfüllen des Wassers für den häuslichen Gebrauch oder eine Anwendung beim Vieh liegen keine belastbaren Nachrichten vor. Solche an anderen Heilquellen häufig nachweisbaren Praktiken dürfen daher nicht ohne Quellenbeleg auf Sulzberg übertragen werden. Heilwasser und FürbitteFür das historische Verständnis der Quelle ist die Verbindung von Wasser und Heiligem entscheidend. Die erhoffte Hilfe wurde nicht dem Wasser als einem von der Religion unabhängigen Naturheilmittel zugeschrieben. Nach der Überlieferung wirkten vielmehr das Wasser der Quelle und die Fürbitte des hl. Leonhard zusammen. Damit begegnet ein Grundmuster traditioneller Heilwallfahrten: Ein natürlich vorhandener Ort – Quelle, Stein, Baum oder Höhle – erhält seine besondere Bedeutung durch die Verbindung mit einem Heiligen und wird dadurch Teil eines sakralen Handlungsraumes. Der Wallfahrer sucht nicht einfach Wasser, sondern einen religiös ausgezeichneten Ort auf. Welche Krankheiten oder Beschwerden besonders mit St. Leonhard verbunden waren, lässt sich nicht mehr feststellen. Anders als bei manchen anderen Vorarlberger Wallfahrtsorten sind bislang keine konkreten Namen Geheilter, Krankheitsbeschreibungen oder ausführlichen Mirakelberichte greifbar. Gerade deshalb ist die allgemeine Nachricht über Wunder durch das Quellwasser besonders wertvoll: Sie belegt die Heilfunktion des Ortes, ohne eine nachträgliche Spezialisierung auf bestimmte Leiden zu erlauben. Das Ende der Heilquelle 1905Die Quelle bestand bis in das frühe 20. Jahrhundert. Beim Bau der Straße nach Doren wurde sie 1905 verschüttet. Diese Nachricht ist nicht nur in späteren Zusammenfassungen überliefert: Der Sulzberger Pfarrkirchenrat beschäftigte sich noch Jahrzehnte später mit der Möglichkeit, die verlorene Quelle wieder aufzufinden, und bat die Bevölkerung um ältere Fotografien der Kapelle und ihrer Umgebung, auf denen ihre ursprüngliche Lage zu erkennen sein könnte. Der Straßenbau veränderte damit nicht lediglich die unmittelbare Umgebung eines alten Sakralbaus, sondern beseitigte einen zentralen Bestandteil der historischen Wallfahrtslandschaft. Die Kapelle blieb bestehen, die Quelle als eigenständiger Kultträger ging jedoch verloren. Ob der Verlust des Wassers unmittelbar einen Rückgang der Heilwallfahrt verursachte, ist nicht dokumentiert. Für einen Wallfahrtsort, dessen Wunderüberlieferung ausdrücklich mit einer Quelle verbunden war, bedeutete deren Verschwinden jedoch zweifellos einen tiefgreifenden Einschnitt. Die späteren Bemühungen um eine Wiederauffindung zeigen zugleich, dass die Erinnerung an die Quelle im lokalen Gedächtnis nicht verschwunden war. Der hl. LeonhardDer hl. Leonhard von Noblat gehört zu den volkstümlich besonders stark verehrten Heiligen des süddeutschen und alpinen Raumes. Ursprünglich vor allem als Fürsprecher der Gefangenen verehrt, wurde er später zunehmend zum Schutzheiligen des Viehs und insbesondere der Pferde. Daraus entwickelten sich andernorts Leonhardiritte, Tiersegnungen, Umritte, Kettenbräuche und zahlreiche Formen von Tier- und Körpervotiven. Für Sulzberg ist jedoch bemerkenswert, dass solche für andere Leonhardswallfahrten typischen Bräuche bislang nicht zuverlässig nachgewiesen werden können. Weder ein historischer Leonhardiritt noch ein regelmäßiger Pferde- oder Viehsegen ist für die Kapelle sicher überliefert. Die charakteristischen Elemente der Sulzberger Wallfahrt sind vielmehr die Heilquelle, die Wunderüberlieferung und die Pilgerspuren. Gerade deshalb sollte die Kapelle nicht nach dem allgemeinen Muster anderer Leonhardiwallfahrten beschrieben werden. Ihr örtlicher Kult besitzt ein eigenes Profil. Die WandmalereienDie erhaltenen Wandmalereien entstanden zum überwiegenden Teil in der Zeit zwischen etwa 1604 und 1617 und gehören somit in jene Phase, in der auch Kaplan Johannes Lau in St. Leonhard wirkte. Sie zeigen unter anderem die Marienkrönung, die Taufe Jesu, Christus als Weltenherrscher, Erzengel Michael sowie zahlreiche Apostel. Für die Pilgerthematik sind zwei Darstellungen besonders reizvoll. Der hl. Jakobus der Ältere trägt die Pilgermuschel, während der hl. Thomas mit einem Pilgerstab dargestellt ist. Diese Attribute gehören zwar zur traditionellen Ikonographie der Apostel und sind deshalb kein Beweis für eine Jakobspilgerroute; gemeinsam mit den tatsächlich an den Wänden eingeritzten Muscheln verleihen sie dem Innenraum jedoch eine bemerkenswerte Dichte an Pilgermotiven. Die Malereien tragen zugleich sichtbare Spuren eines dramatischen Ereignisses aus dem Dreißigjährigen Krieg. Durch starke Hitze wurden ihre ursprünglichen Farben dauerhaft verändert; gelbliche und grüne Pigmente wandelten sich teilweise in Rot- und Brauntöne. Diese Veränderungen sind bis heute als materielle Folgen des Brandes von 1647 lesbar. Zerstörung im Dreißigjährigen KriegIm Jahr 1647 wurde die Kapelle im Zusammenhang mit dem Einfall schwedischer Truppen in Brand gesetzt und schwer verwüstet. Nach örtlicher Überlieferung hatten die Soldaten sie zuvor als Pferdestall benutzt. Für dieses Detail ist die Überlieferung vorsichtiger zu beurteilen; der Brand und seine erheblichen baulichen Folgen sind dagegen deutlich an der Baugeschichte abzulesen. Offenbar stürzten das Gewölbe des Chores und das Dach des Langhauses ein. Das gotische Kreuzrippengewölbe wurde nicht wiederhergestellt; Teile der Pfeiler und Kapitelle verschwanden oder wurden bei den Reparaturen in das Mauerwerk eingefügt. Auch die Wandmalereien wurden beschädigt und später überdeckt. Der Chor und das Langhaus erhielten neue Deckenformen, wodurch das mittelalterliche Erscheinungsbild der Kapelle wesentlich verändert wurde. Die Katastrophe führte jedoch keineswegs zur Aufgabe des Heiligtums. Der rasche Wiederaufbau des KultortesBereits wenige Jahre nach der Zerstörung stifteten Bewohner der Umgebung neue Altäre. 1650 finanzierten Conrad Vögel und Christina Reichart den Hochaltar, 1652 folgten Andreas Blank und Maria Bilgeri mit dem Marienaltar, 1655 Michael Dieth, Maria Halder und Andreas Halder mit dem Leonhardsaltar. Diese rasche Neuausstattung ist ein eindrucksvolles Zeugnis der Bindung an St. Leonhard. Innerhalb von nur acht Jahren nach der Verwüstung besaß die Kapelle wieder drei aufwendig gestaltete Altäre. Die Stifter gehörten nicht einer anonymen kirchlichen Institution an, sondern werden namentlich genannt; das Heiligtum wurde somit durch konkrete Angehörige der örtlichen Gemeinschaft wiederhergestellt. Der Hochaltar zeigt im Hauptbild die Geburt Christi. Der Marienaltar ist der Gottesmutter gewidmet, der Leonhardsaltar dem Kapellenpatron und Maria mit dem Jesuskind. Die heutige Ausstattung bewahrt damit in wesentlichen Teilen jene Kultlandschaft, die unmittelbar nach dem Dreißigjährigen Krieg neu geschaffen wurde. Die KassettendeckeEine besondere kunsthistorische Stellung nimmt die 25-teilige Holzkassettendecke ein. Sie und die Brüstung der Empore tragen Schablonenmalereien, die von der Pfarre als in Vorarlberg einzigartig bezeichnet werden. Die Decke steht zugleich für jene nachgotische Umgestaltung des Kirchenraumes, die infolge des Brandes notwendig geworden war. Während das mittelalterliche Kreuzrippengewölbe des Chores verloren ging, erhielt das Langhaus eine neue hölzerne Raumfassung. Aus der Zerstörung entwickelte sich damit eine neue, heute selbst denkmalwerte Ausstattungsschicht. Zusammen mit den frühneuzeitlichen Fresken und den drei Altären macht die Kassettendecke die Kapelle nicht nur zu einem religionsgeschichtlich, sondern auch zu einem kunsthistorisch außergewöhnlichen Bau. Bauliche Veränderungen im 19. JahrhundertDie Kapelle wurde auch in späteren Jahrhunderten mehrfach verändert. 1813 entstand an der Nordseite des Chores eine neue Sakristei; in diesem Zusammenhang wurde der Dachreiter auf das steile Satteldach versetzt. Darin befindet sich unter anderem eine 1664 von Theodosius Certin in Lindau gegossene Glocke. Die feucht gewordene Sakristei wurde 1891 wiederum abgetragen und durch einen Neubau an der Südseite des Presbyteriums ersetzt. Zwischen 1890 und 1896 erfolgte eine umfassende Renovierung. Der Boden wurde erneuert, neue Fenster eingesetzt, die Altäre erhielten neue Antependien und Stufen und Franz Schmalzl aus Gröden schuf für die drei Altäre neue Heiligenfiguren. Damit zeigt St. Leonhard eine für alte Wallfahrtsorte typische Überlagerung vieler Zeitschichten. Das heutige Erscheinungsbild ist weder rein spätgotisch noch einheitlich barock, sondern Ergebnis fortgesetzter Nutzung und immer neuer Anpassungen. Restaurierung und Wiederentdeckung der FreskenVon 1982 bis 1984 wurde eine umfangreiche Außenrenovierung durchgeführt. 1986 legte man die lange verborgenen Wandmalereien wieder frei. Eine weitere umfassende Restaurierung folgte 2003 bis 2006. Dabei wurden die Fresken gereinigt, restauriert und gefestigt, ebenso die Schablonenmalereien der Decke und Empore. Auch Altäre, Kanzel, Chorstuhl, Leuchter, Kruzifixe und der alte gotische Opferstock wurden konserviert. Der heutige Volksaltar, Ambo und weitere liturgische Einrichtungsstücke entstanden im Zuge dieser Arbeiten neu. Mit der Wiedereröffnung wurde die Kapelle nicht lediglich als Denkmal bewahrt, sondern erneut in den regelmäßigen Gottesdienstbetrieb eingebunden. In den Sommermonaten wird weiterhin regelmäßig in St. Leonhard Gottesdienst gefeiert. Der gotische OpferstockUnter den restaurierten Ausstattungsstücken befindet sich auch ein gotischer Opferstock. Seine Existenz ist innerhalb einer über Jahrhunderte besuchten Kapelle bemerkenswert, darf aber nicht vorschnell als Beleg für ein besonderes Votivwesen interpretiert werden. Opferstöcke dienten allgemein der Aufnahme von Geldgaben und gehörten zur Ausstattung vieler Kirchen. Für einen größeren Bestand von Wachs-, Eisen- oder anatomischen Votiven, wie er bei anderen Leonhards- und Heilwallfahrten belegt ist, fehlen in Sulzberg bislang sichere Nachrichten. Auch darin unterscheidet sich St. Leonhard von manchen bekannteren Leonhardiwallfahrten. Der heutige Bittgang nach St. LeonhardDie historische Wallfahrt ist nicht vollständig zu einer bloßen Erinnerung geworden. Die Pfarre Sulzberg führt bis in die Gegenwart einen Bittgang zur St.-Leonhardskapelle durch. Er findet im Zusammenhang mit den traditionellen Bitttagen vor Christi Himmelfahrt statt und endet mit einer Messfeier in der Kapelle. Die Gestaltung wird dabei auch von den Sulzberger Bäuerinnen mitgetragen. Die Pfarre deutet die Bitttage ausdrücklich als Gebet um ein gutes und gesegnetes Jahr, um die Früchte der Erde und die menschliche Arbeit, weitet die Anliegen zugleich aber auf Schule, Prüfungen, Sorgen, Krankheit und Leid aus. Damit besitzt der heutige Gang zur Kapelle eine deutliche landwirtschaftliche Dimension, ohne auf Landwirtschaft beschränkt zu sein. Der Weg wird weiterhin gemeinsam zurückgelegt, ein konkretes Heiligtum bildet sein Ziel, und dort werden gemeinschaftliche wie persönliche Anliegen vorgetragen. Ob dieser heutige Bittgang organisatorisch unmittelbar und ununterbrochen aus der mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Wallfahrt hervorgegangen ist, lässt sich nicht nachweisen. Er sollte deshalb nicht als seit dem 16. Jahrhundert unverändert fortgeführter Brauch dargestellt werden. Sicher ist jedoch, dass St. Leonhard auch gegenwärtig Ziel einer gemeinschaftlichen religiösen Wegpraxis ist. Vom Heilwasser zum BittgangGerade der Wandel der religiösen Praxis macht Sulzberg volkskundlich besonders interessant. In der frühen Neuzeit stand neben der Kapelle eine Heilquelle, an deren Wasser sich eine Wunderüberlieferung knüpfte. Pilger hinterließen Zeichen an den Wänden, und der eigene Kaplan betreute das Heiligtum. Mit der Verschüttung der Quelle 1905 verschwand eines der zentralen materiellen Elemente dieser alten Heilwallfahrt. Der religiöse Ort selbst blieb jedoch bestehen. Heute führt nicht mehr die Erwartung an ein bestimmtes Heilwasser den Bittgang nach St. Leonhard, sondern ein breiteres Gebet um Segen für Natur, Arbeit und menschliches Leben. Es wäre zu einfach, darin nur einen Niedergang der alten Wallfahrt zu sehen. Vielmehr zeigt sich, wie sich religiöse Orte verändern können, ohne ihre Bedeutung vollständig zu verlieren. Kultpraktiken verschwinden, andere treten an ihre Stelle, während das Heiligtum selbst als Ziel gemeinschaftlicher Wege fortbesteht. Wallfahrt und LandschaftDie verlorene Quelle macht zugleich deutlich, dass ein Wallfahrtsort nicht allein aus einem Kirchengebäude besteht. Zur historischen Kultlandschaft von St. Leonhard gehörten Kapelle, Weg, Quelle und wahrscheinlich auch die unmittelbare Umgebung, in der sich Pilger sammelten und bewegten. Der Straßenbau von 1905 veränderte diese Landschaft dauerhaft. Das Wasser verschwand aus dem sichtbaren religiösen Raum, die Erinnerung daran blieb jedoch erhalten. Die späteren Überlegungen, nach der verschütteten Quelle zu suchen, zeigen, dass selbst ein nicht mehr sichtbares Landschaftselement weiterhin Teil des lokalen Gedächtnisses sein kann. In diesem Sinn besitzt St. Leonhard zwei verschiedene Arten materieller Pilgerspuren: die noch vorhandenen Ritzzeichnungen an den Wänden und die nur noch erinnerte, im Boden verschwundene Quelle. Die Pilgermuschel zwischen Fern- und NahwallfahrtDie Muscheln an den Wänden öffnen noch eine weitere Perspektive. Sie verbinden einen kleinen regionalen Wallfahrtsort des Bregenzerwaldes mit dem großen europäischen Pilgerwesen. Wer eine Muschel einritzte, konnte selbst auf dem Weg nach Santiago de Compostela gewesen sein, eine bereits absolvierte Pilgerfahrt anzeigen oder das allgemein verständliche Symbol des Pilgers verwenden. Die genaue Bedeutung jeder einzelnen Ritzung lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Gerade darin liegt jedoch ihr Quellenwert: Sie zeigen eine religiöse Mobilität, die sich nicht vollständig in amtlichen Akten oder festgelegten Wallfahrtskalendern erfassen lässt. St. Leonhard war offenbar nicht nur Ziel von Menschen mit einem Anliegen an Quelle und Heiligen, sondern zugleich Station innerhalb eines größeren Netzes religiöser Wege. Keine typische PferdewallfahrtDer hl. Leonhard wurde in weiten Teilen des Alpenraumes besonders als Schutzpatron des Viehs und der Pferde verehrt. In vielen Regionen entwickelten sich daraus Leonhardiritte, Tiersegnungen und charakteristische Eisen- oder Tieropfer. Für Sulzberg ist eine solche historische Pferde- oder Viehwallfahrt bislang nicht belegt. Auch die gegenwärtige Mitwirkung der Bäuerinnen am Bittgang darf nicht rückwirkend als Beweis eines alten Leonhardirittes gedeutet werden. Der heutige landwirtschaftliche Bittcharakter gehört zur allgemeinen Tradition der Bitttage vor Christi Himmelfahrt. Diese quellenmäßige Zurückhaltung macht den Sulzberger Fall nicht weniger interessant. Im Gegenteil: Sie zeigt, dass die Verehrung desselben Heiligen regional sehr unterschiedliche Formen annehmen konnte. Für St. Leonhard sind Quelle, Heilung und Pilgerweg charakteristischer als Pferd und Viehumritt. Heutige WallfahrtDie St.-Leonhardskapelle wird weiterhin von der Katholischen Kirche Vorarlberg unter den Wallfahrtsorten des Landes geführt. Die Pfarre selbst erinnert ausdrücklich an ihre historische Funktion als Wallfahrtskapelle und dokumentiert zugleich die weiterhin bestehende religiöse Nutzung. Von Mai bis Oktober wird regelmäßig in der Kapelle Gottesdienst gefeiert; außerdem ist sie Ziel des Bittgangs vor Christi Himmelfahrt. Der heutige Status lässt sich daher am treffendsten als historischer Wallfahrtsort mit fortlebender Bittgangs- und Andachtstradition beschreiben. Die frühneuzeitliche Heilwallfahrt zur Quelle besteht aufgrund des Verlustes der Quelle nicht mehr in ihrer alten Form, der religiöse Weg zur Kapelle ist jedoch keineswegs erloschen. Volkskundliche EinordnungSt. Leonhard in Sulzberg ist aus volkskundlicher Sicht ungewöhnlich ergiebig, weil sich verschiedene Formen von Wallfahrt und religiöser Ortsbindung über mehr als fünf Jahrhunderte verfolgen lassen. Die Pilgerzeichnungen des 16. Jahrhunderts sind unmittelbare materielle Hinterlassenschaften historischer Besucher. Die wiederholt dargestellte Muschel verweist über den lokalen Raum hinaus auf das europäische Jakobspilgerwesen. Gleichzeitig besaß die Kapelle mit ihrer Heilquelle einen ausgesprochen örtlichen Kultmittelpunkt, dessen Wasser mit der Fürbitte des hl. Leonhard und mit Wundererzählungen verbunden wurde. Die Quelle selbst ist heute verschwunden. Gerade ihr Verlust zeigt jedoch, wie stark Wallfahrtskultur an konkrete Landschaftselemente gebunden sein konnte. Als der Straßenbau 1905 das Wasser verschüttete, ging nicht nur eine natürliche Quelle verloren, sondern ein Teil der über Jahrhunderte religiös gedeuteten Umgebung. Auch die Kapelle trägt ihre Geschichte materiell weiter. Die vom Brand veränderten Pigmente der Fresken erinnern an die Verwüstung von 1647; die drei Altäre bezeugen den unmittelbar folgenden Wiederaufbau des Kultortes durch örtliche Stifter; die Kassettendecke dokumentiert die barocke Neugestaltung, und die Pilgergraffiti bewahren die Anwesenheit namenloser Besucher. Besonders bemerkenswert ist schließlich die Veränderung der religiösen Praxis. Die alte Heilquelle und die an sie gebundene Wundererwartung sind verschwunden, während der gemeinschaftliche Weg zur Kapelle weiterlebt. Beim heutigen Bittgang werden Anliegen einer ländlichen Gemeinschaft ebenso wie persönliche Sorgen und Krankheiten in das Gebet einbezogen. St. Leonhard ist damit weder ein erloschener Wallfahrtsort noch eine unverändert aus dem Mittelalter überkommene Heilwallfahrt. Die Kapelle zeigt vielmehr, wie sich Wallfahrtskultur wandeln kann: Ein heilkräftiges Wasser kann verschwinden, alte Pilgerwege können ihre ursprüngliche Funktion verlieren, neue religiöse Formen entstehen – und dennoch bleibt der Ort selbst über Generationen Ziel des Gehens, Betens und Bittens. |
| | Lage: Kapelle St. Leonhard, Sankt Leonhard 120, 6934 Sulzberg. |
| | Lage in SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Vorarlberg |
| | Ansicht in Street View |
| | Web: Pfarre Sulzberg |
| | Geöffnet: Die Kapelle ist üblicherweise verschlossen und öffnet primär zu den Gottesdiensten. Für eine Besichtigung wird um Kontakt mit der Pfarre gebeten. |
| Wir haben leider keine Fotos: | |
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| | Literatur zur Wallfahrt:
- Ludwig Rapp: Topographisch-historische Beschreibung des Generalvikariates Vorarlberg. Band III, Brixen 1898, S. 530–533. Die Sulzberger Kapellendokumentation nennt dieses Werk als grundlegende historische Literatur zu St. Leonhard. - Gebhard Blank: "Abriss der Geschichte von St. Leonhard", in: Pfarrblatt Sulzberg, Nr. 20, November 2006. Ausführliche Darstellung von Baugeschichte, Altären, Pilgerzeichnungen und St.-Leonhards-Benefizium auf Grundlage der örtlichen Quellen und der Restaurierungsarbeiten. - Claudio Bizzari: Dokumentation der Restaurierung von St. Leonhard. In der Sulzberger Kapellendokumentation als Grundlage insbesondere für die Wandmalereien genannt. - Karl Sillaber: Bericht zur Generalsanierung der St.-Leonhardskapelle. In der örtlichen Dokumentation als Quelle zur Restaurierungsgeschichte genannt. - Pfarrarchiv Sulzberg: Urbarium Capellania S. Leonardi in Sulzberg. Das historische Urbar enthält unter anderem Einträge des Kaplans Johannes Lau; dessen Tätigkeit als Schreiber des Benefiziums ist auch in einer quellenkundlichen Veröffentlichung dokumentiert. - Pfarre Sulzberg: "Kapelle St. Leonhard". Ausführliche aktuelle Dokumentation zu Baugeschichte, Ausstattung, Pilgerzeichnungen, Heilquelle, Restaurierung und heutiger Nutzung. - Katholische Kirche Vorarlberg: "Wallfahrtsorte Vorarlberg". Die Kapelle zum hl. Leonhard in Sulzberg wird weiterhin ausdrücklich unter den Wallfahrtsorten des Landes angeführt. |
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Ergänzungen: Wolfgang Morscher © www.SAGEN.at |