St. Gerold, Propstei Sankt Gerold

Die Propstei St. Gerold im Großen Walsertal gehört zu den bedeutendsten und zugleich vielschichtigsten Wallfahrtsorten Vorarlbergs. Anders als bei einer Wallfahrt, deren Geschichte sich auf ein einzelnes Gnadenbild oder eine bestimmte Heilquelle konzentriert, haben sich hier über Jahrhunderte mehrere Kultschichten miteinander verbunden. Das Grab des hl. Gerold und seine Reliquien bildeten einen eigenen Verehrungsmittelpunkt; seit dem 18. Jahrhundert kam die Wallfahrt zur Nachbildung der Schwarzen Madonna von Einsiedeln in der Gnadenkapelle hinzu. Die Diözese Feldkirch nennt beide ausdrücklich als Wallfahrtsziele: die Propsteikirche mit Krypta und Geroldsgrab sowie die Gnadenkapelle mit der Muttergottes von Einsiedeln. St. Gerold gehört damit auch heute zu den großen Wallfahrtsorten Vorarlbergs.

Die Geschichte des Ortes reicht weit in das Mittelalter zurück, doch ist ihre Frühzeit wesentlich unsicherer, als ältere Darstellungen vermuten lassen. Eine Gründungsurkunde der Propstei ist nicht erhalten. Die älteste ausführliche Geroldlegende wurde erst Jahrhunderte nach der angenommenen Lebenszeit des Einsiedlers niedergeschrieben. Archäologische Befunde, mittelalterliche Urkunden, der Kult am Grab und die seit dem Spätmittelalter immer dichter werdende schriftliche Überlieferung ergeben dennoch das Bild eines außergewöhnlich alten religiösen Zentrums.

Die Propstei liegt in der Gemeinde St. Gerold im Großen Walsertal, auf einer Geländeterrasse über dem Talboden. Die Anlage umfasst die Propsteikirche, die Gnadenkapelle, die Krypta mit dem Geroldsgrab sowie Wohn-, Wirtschafts- und Gästegebäude. Sie gehört seit Jahrhunderten zum Benediktinerkloster Einsiedeln in der Schweiz und ist bis heute geistliches Zentrum, Ort der Einkehr und Ziel von Pilgern. Einzelpilger und Wallfahrtsgruppen werden ausdrücklich empfangen; Propsteikirche, Gnadenkapelle und Krypta bilden die wichtigsten religiösen Stationen.

Die Anfänge zwischen Geschichte und Legende

Der alte Name der Gegend lautet Frisen beziehungsweise Frasuna; eine entsprechende Ortsbezeichnung "frasune" begegnet bereits im churrätischen Reichsgutsurbar des 9. Jahrhunderts. Daraus lässt sich allerdings noch keine Propstei oder Geroldverehrung ableiten. Die eigentliche Frühgeschichte des geistlichen Ortes bleibt aufgrund der dünnen Quellenlage unsicher. Jüngere archäologische und bauhistorische Untersuchungen haben die mittelalterliche Entwicklung der Anlage erneut untersucht und bestätigt, dass sich unter beziehungsweise innerhalb der heutigen Bauten sehr alte Baureste erhalten haben.

Nach der heutigen quellenkritischen Darstellung der Propstei fehlt eine zeitgenössische Gründungsurkunde. Für die Rekonstruktion der Frühgeschichte stehen vor allem eine erst 1484 niedergeschriebene Geroldlegende, Urkunden des 13. Jahrhunderts und archäologische Befunde zur Verfügung. Teile einer romanischen Steinkirche und ein innerhalb des Kirchenraumes auffällig zentral angelegtes Grab lassen auf einen bereits früh verehrten Einsiedler oder geistlichen Stifter schließen. Eine sichere archäologische Identifizierung des darin Bestatteten mit dem legendären Gerold ist jedoch nicht möglich. Die romanische Kirche gehört nach der heutigen baugeschichtlichen Einschätzung dem 11. oder 12. Jahrhundert an.

Spätestens im 13. Jahrhundert ist die enge Verbindung mit dem Kloster Einsiedeln urkundlich greifbar; für die Jahre 1285 bis 1290 ist erstmals sicher ein Propst aus dem Einsiedler Konvent belegt. Aus der Einsiedelei beziehungsweise kleinen klösterlichen Niederlassung entwickelte sich damit die stifteinsiedlische Propstei, deren Geschichte bis heute unmittelbar mit dem Schweizer Benediktinerkloster verbunden blieb.

Der hl. Gerold

Die historische Person hinter der Geroldüberlieferung lässt sich nur schwer fassen. Die jüngere kirchliche Tradition verbindet ihn mit einem adeligen Mann, der im 10. Jahrhundert in einen Konflikt mit dem späteren Kaiser Otto I. geraten und in die abgelegene Gegend von Frisen geflohen sein soll. In einer modernen Fassung wird er mit einem Adeligen namens Adam in Verbindung gebracht, der als Büßer und Einsiedler den Namen Gerold angenommen habe. Nach seiner Begnadigung habe er seinen Besitz dem Kloster Einsiedeln geschenkt, wo seine Söhne Kuno und Ulrich als Mönche lebten. Diese Rekonstruktion beruht jedoch selbst auf späteren Überlieferungen und darf nicht wie eine zeitgenössisch dokumentierte Biographie gelesen werden.

Die ältere volkstümliche Geroldlegende ist wesentlich farbiger. Franz Josef Vonbun nahm sie im 19. Jahrhundert in seine "Sagen Vorarlbergs" auf. Sie erzählt nicht nur von der Herkunft Gerolds und seiner Verbindung mit Einsiedeln, sondern von einer ganzen sakralen Landschaft, in der wilde Tiere, Bäume, Einsiedelei und menschliche Herrschaft durch die Heiligkeit des Eremiten eine neue Ordnung erhalten.

Die Geroldlegende

Nach Vonbun stammte Gerold aus hohem adeligen Geschlecht, in einer Überlieferung sogar aus dem sächsischen Herzogshaus. Er zog sich aus der Welt zurück und gelangte in die damals wilde und kaum besiedelte Gegend von Frasuna. Dort lebte er zunächst in größter Armut und Einsamkeit. Als Wohnung diente ihm nach der Sage eine hohle Eiche; seine Nahrung bestand aus dem, was Wald und Natur ihm boten.

Die Einsamkeit des heiligen Mannes wird in der Legende nicht als bedrohliche Wildnis dargestellt. Vielmehr verwandelt Gerolds Frömmigkeit die Natur. Besonders deutlich zeigt dies die berühmte Erzählung vom Bären. Ein von Jägern und Hunden verfolgter Bär flüchtete zu Gerold und legte sich schutzsuchend zu seinen Füßen. Die Jagdhunde, die das Tier unmittelbar zuvor verfolgt hatten, verhielten sich in der Nähe des Einsiedlers friedlich. Der zuständige Herr, Graf Otto, erkannte darin die besondere Heiligkeit Gerolds und schenkte ihm das umliegende Gebiet.

In ausführlicheren frühneuzeitlichen Fassungen wird die Tierwelt noch stärker in Gerolds Legende einbezogen. Ein Esel weist beziehungsweise bestätigt den Ort der Niederlassung, und der Bär wird vom geretteten Wildtier zum Helfer des Einsiedlers. Solche Motive gehören zu einem alten Bestand christlicher Heiligenlegenden: Wo der heilige Mensch lebt, verliert die gefallene Natur vorübergehend ihre Feindseligkeit. Raubtier, Haustier und Mensch treten in einen beinahe paradiesischen Frieden. Die Naturbeherrschung geschieht dabei nicht durch Gewalt, sondern durch die Heiligkeit des Einsiedlers.

Auch die hohle Eiche besitzt innerhalb dieser Erzählwelt mehr als nur die Funktion einer primitiven Unterkunft. Der Eremit verzichtet auf Haus, Besitz und gesellschaftliche Ordnung und zieht sich geradezu in die Natur selbst zurück. Erst aus diesem radikalen Rückzug entsteht später der religiöse und schließlich klösterliche Mittelpunkt.

Kuno und Ulrich

Nach der Legende hatte Gerold zwei Söhne, Kuno und Ulrich. Sie machten sich auf die Suche nach ihrem verschwundenen Vater und fanden ihn schließlich in seiner Einsiedelei. Von seinem Beispiel beeindruckt, verzichteten auch sie auf die weltliche Lebensform und traten in das Kloster Einsiedeln ein. Die Überlieferung nennt dafür das Jahr 974.

Ob Kuno und Ulrich in dieser Form historisch mit Gerold verbunden werden können, ist nicht sicher. Ihre Bedeutung innerhalb des Kultes ist dennoch bemerkenswert. Als 1748 bei Umbauarbeiten an der Propstei Gebeine gefunden wurden, hielt man diese damals für mögliche Reliquien der beiden Geroldssöhne; ein entsprechender zeitgenössischer Eintrag ist im Klosterarchiv Einsiedeln erhalten. Der Fund beweist selbstverständlich nicht die Identität der Bestatteten, zeigt aber, wie lebendig die Vorstellung von Gerold und seinen beiden Söhnen im 18. Jahrhundert war.

Die Handvoll Erde und die Schenkung an Einsiedeln

Eine der eindrucksvollsten Episoden der Geroldlegende erklärt die enge Verbindung zwischen Frisen und dem Kloster Einsiedeln. Gerold soll eine Handvoll Erde beziehungsweise einen Erdklumpen seines Besitzes genommen und damit nach Einsiedeln gepilgert sein. Dort legte er die Erde auf den Altar der Muttergottes und übergab auf diese symbolische Weise seinen Besitz dem Kloster. Seine Söhne Kuno und Ulrich lebten bereits als Mönche in Einsiedeln. Anschließend kehrte Gerold in seine Einsiedelei zurück.

Historisch kann diese Handlung nicht als Nachweis einer tatsächlichen Besitzübertragung gelten. Volkskundlich und rechtssymbolisch ist sie jedoch außerordentlich interessant. Die Erde steht stellvertretend für Grund und Boden; indem ein Stück davon körperlich an einen anderen Ort gebracht und auf einem Altar niedergelegt wird, wird eine abstrakte Schenkung in eine sichtbare Handlung übersetzt. Zugleich verbindet die Legende Gerold bereits unmittelbar mit der Muttergottes von Einsiedeln. Diese Verbindung sollte Jahrhunderte später für die Wallfahrt nach St. Gerold noch eine zentrale Rolle spielen.

Das problematische Todesjahr 878

Vonbun behauptet als Todesjahr Gerolds 878. Vonbun hat diese Jahreszahl tatsächlich gedruckt. Innerhalb derselben Legendenchronologie kann sie jedoch nicht stimmen, da Gerolds Söhne erst 974 in das Kloster Einsiedeln eingetreten sein sollen. Die jüngere kirchliche Tradition setzt Gerolds Tod daher in die Zeit um 978. Sein liturgisches Gedächtnis wurde in St. Gerold lange am 19. April begangen.

Die Differenz ist ein gutes Beispiel dafür, weshalb hagiographische Überlieferungen nicht wie moderne Biographien gelesen werden dürfen. Ihre historische Bedeutung liegt weniger in der exakten Chronologie als in der Art, wie eine Gemeinschaft Herkunft, Heiligkeit und Besitzverhältnisse eines Kultortes erzählerisch erklärt.

Das Grab des hl. Gerold

Schon lange vor der späteren marianischen Wallfahrt bildete Gerolds Grab den eigentlichen religiösen Mittelpunkt des Ortes. Archäologisch ist ein auffällig positioniertes mittelalterliches Grab innerhalb des älteren Kirchenbaus nachgewiesen. Ob es sich tatsächlich um das ursprüngliche Geroldsgrab handelt, kann nicht bewiesen werden; seine hervorgehobene Lage zeigt jedoch, dass hier einer besonders verehrten Person gedacht wurde.

Im späteren Mittelalter beziehungsweise in der frühen Neuzeit wurde die Verehrung des Grabes architektonisch noch deutlicher sichtbar. Für Gerold entstand ein repräsentatives Grabdenkmal. Die Grabtradition überdauerte die späteren Umbauten der Kirche; heute bildet die Krypta einen der ausdrücklich genannten Wallfahrts- und Andachtsorte der Propstei.

Dass die Geroldverehrung nicht bloß eine lokale Erinnerung an einen vermeintlichen Gründer war, zeigt die frühe Neuzeit besonders deutlich.

"Viele Wunder" am Geroldsgrab

Der Historiker Johann Baptist Rusch veröffentlichte 1870 eine umfangreiche, auf älteren Urkunden und Einsiedler Quellen beruhende Geschichte der Propstei. Darin überliefert er einen bemerkenswerten Vorgang aus dem frühen 17. Jahrhundert. Am 7. Mai 1611 wandte sich Fürstabt Augustin von Einsiedeln an Erzherzog Maximilian und verwies ausdrücklich darauf, dass am Grab des hl. Gerold zu Frisen viele Wunder geschehen seien. Damit ist der Ruf des Grabes als Gnaden- und Wunderort bereits für diese Zeit eindeutig dokumentiert.

Diese Nachricht ist für die Wallfahrtsgeschichte von besonderem Gewicht. Sie stammt nicht erst aus einer modernen touristischen oder pfarrlichen Darstellung, sondern steht im Zusammenhang frühneuzeitlicher Korrespondenz des Klosters Einsiedeln. Das Grab galt offenbar als Ort, an dem Gläubige außergewöhnliche Hilfe erfahren zu haben glaubten.

Eine bestimmte medizinische "Zuständigkeit" Gerolds – etwa ausschließlich für Augenleiden, Rheuma oder eine andere Krankheit – lässt sich aus den bislang bekannten Quellen dagegen nicht sicher ableiten. Im Gegensatz zu anderen Vorarlberger Heilwallfahrten sollte daher keine spezifische Heilindikation konstruiert werden. Der ältere Befund spricht allgemeiner von Wundern am Grab.

Das Geroldsfest

Bereits 1573 beschloss der Einsiedler Konvent, das Fest des hl. Gerold alljährlich am 19. April feierlich zu begehen. Damit erhielt der lokale Heiligenkult eine feste liturgische Ordnung.

Die Verehrung beschränkte sich nicht auf die Propstei selbst. Für das Jahr 1651 berichtet Rusch, dass auch die Gemeinden Sonntag und Raggal zur Feier des Geroldstages verpflichtet wurden. Damit erscheint Gerold als regional verehrter Heiliger des Großen Walsertales und seiner Umgebung.

Der Kult konnte daher Menschen aus einem größeren Gebiet nach St. Gerold führen, während die Festfeier zugleich in umliegende Gemeinden ausstrahlte.

Die Auffindung und feierliche Erhebung der Gebeine 1663

Einen Höhepunkt der frühneuzeitlichen Geroldverehrung bildete das Jahr 1663. Nach längerer Suche wurden damals in beziehungsweise bei der Kirche Gebeine aufgefunden, die man für jene des hl. Gerold hielt. Rusch beschreibt, dass die Reliquien zunächst nach Einsiedeln gebracht, dort gefasst beziehungsweise für die Verehrung vorbereitet und anschließend wieder nach St. Gerold zurückgeführt wurden. Am Festtag erfolgte ihre feierliche Beisetzung unter großer Beteiligung der Bevölkerung. Die Überlieferung berichtet unmittelbar anschließend erneut von wunderbaren Hilfeleistungen.

Damit lässt sich eine ältere, später häufig wiederholte Nachricht inzwischen wesentlich besser absichern: Die Überführung von Geroldreliquien nach Einsiedeln und ihre Rückkehr nach St. Gerold im Jahr 1663 gehört tatsächlich zur historischen Kultgeschichte und nicht ausschließlich zur späteren Legendenbildung.

Für die Menschen jener Zeit bedeutete die Erhebung vermeintlicher Gebeine eines Heiligen weit mehr als eine archäologische Auffindung. Die Reliquien stellten körperliche Nähe zum verehrten Gerold her. Ihre feierliche Übertragung, öffentliche Verehrung und erneute Beisetzung aktualisierten den Kult und machten die Beziehung zwischen Einsiedeln und St. Gerold sichtbar.

Vonbun berichtete noch im 19. Jahrhundert, das Haupt Gerolds werde auf einem Altar zur Verehrung gezeigt. Auch wenn nicht jedes Detail der Reliquiengeschichte lückenlos rekonstruierbar ist, steht die Verehrung von Geroldreliquien damit über Jahrhunderte außer Zweifel.

Bruderschaften und organisierte Geroldverehrung

Besonders dicht wird die Überlieferung im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert. Das Klosterarchiv Einsiedeln besitzt einen eigenen Bestand zu den Bruderschaften von St. Gerold. Bereits 1663 wurde an der Propsteikirche eine Rosenkranzbruderschaft kanonisch errichtet. Später trat eine ausdrücklich dem hl. Gerold gewidmete Bruderschaft hinzu.

Papst Clemens XI. gewährte der St.-Gerold-Bruderschaft 1701 einen vollkommenen Ablass. 1709 wurde Gläubigen, die nach Beichte und Kommunion am Fest des Heiligen die Kirche von St. Gerold besuchten und dort die vorgeschriebenen Gebete verrichteten, ebenfalls ein vollkommener Ablass gewährt. Damit wurde der religiöse Besuch des Geroldheiligtums ausdrücklich kirchlich gefördert.

Noch aussagekräftiger sind die Statuten der Bruderschaft von 1712. Sie nennen Gerold als Patron, regeln Gebete und gemeinschaftliche Gottesdienste und sehen für das Hauptfest sechs Messen vor, darunter zwei gesungene, sowie eine Predigt für das Volk. Daneben bestanden vier kleinere Bruderschaftsfeste und vierteljährliche gemeinsame Messfeiern.

Die Kerze am Geroldsgrab

Ein unscheinbares Detail der Bruderschaftsstatuten erlaubt einen besonders unmittelbaren Einblick in die gelebte Frömmigkeit: An jedem Sonn- und Feiertag sollte während der letzten Messe beim Grab des hl. Gerold eine Kerze brennen.

Das Grab war also nicht lediglich ein historisches Monument innerhalb der Kirche. Seine Verehrung wurde regelmäßig liturgisch aktualisiert. Das Licht markierte den Ort des Heiligen und machte ihn während des Gottesdienstes sichtbar.

Gerade solche kleinen Vorschriften sind für die Volkskunde oft aufschlussreicher als allgemeine Aussagen über "große Verehrung". Sie zeigen, wie Heiligenkult im Alltag tatsächlich praktiziert wurde: durch Weg, Gebet, Messe, Licht und körperliche Nähe zum Grab.

Gerold und die Muttergottes von Einsiedeln

Die Statuten von 1712 enthalten noch einen zweiten bemerkenswerten Hinweis. Die Mitglieder der Geroldsbruderschaft sollten ihrem Patron insbesondere in seiner innigen Verehrung der wundertätigen Muttergottes von Einsiedeln nacheifern.

Damit ist die marianische Verbindung zu Einsiedeln bereits Jahrzehnte vor der späteren Aufstellung einer Gnadenbildkopie in St. Gerold ausdrücklich belegt. Die Muttergottes von Einsiedeln wurde nicht erst im 18. Jahrhundert beliebig mit der Propstei verknüpft; ihre Verehrung war vielmehr bereits Bestandteil der Geroldtradition.

Die alte Legende von der Handvoll Erde erhält vor diesem Hintergrund eine zusätzliche Bedeutung. Gerold übergibt darin Land, Söhne und Einsiedelei letztlich nicht nur einem Kloster, sondern legt seinen Besitz auf den Altar der Muttergottes. Die spätere Marienwallfahrt konnte daher unmittelbar an eine bereits vorhandene Erzähl- und Frömmigkeitstradition anschließen.

1748: Eine Einsiedler Madonna in St. Gerold

Ein entscheidender Einschnitt erfolgte 1748. Seit diesem Jahr befand sich nach Armin Müller in St. Gerold eine Nachbildung des berühmten Einsiedler Gnadenbildes. Die Schwarze Madonna von Einsiedeln gehörte zu den bedeutendsten Wallfahrtsbildern Mitteleuropas; ihre Kopie verlieh der bestehenden Marienverehrung in St. Gerold einen neuen Mittelpunkt.

Müller überliefert dazu ein besonders wichtiges Detail: Ein bis dahin nach Einsiedeln führender Bittgang wurde fortan zum wesentlich näher gelegenen St. Gerold unternommen, weil dort nun die Nachbildung des Einsiedler Gnadenbildes vorhanden war. Welche Gemeinde diesen Bittgang ausführte, lässt sich aus dem derzeit online zugänglichen Ausschnitt seiner Dissertation nicht verlässlich bestimmen; der Vorgang selbst ist jedoch eindeutig beschrieben.

St. Gerold wurde damit zu einer Art regionaler Einsiedeln-Wallfahrt. Die räumliche Distanz zum großen Schweizer Gnadenort konnte durch die Anwesenheit eines gleichartigen Kultbildes überbrückt werden. Eine solche Nah- oder Ersatzwallfahrt ist volkskundlich besonders interessant: Nicht irgendein Marienbild ersetzte Einsiedeln, sondern eine bewusste Nachbildung des dortigen Gnadenbildes, die dessen religiöse Bedeutung in einen regional erreichbaren Raum übertrug.

Die Gnadenkapelle

Die heutige marianische Gnadenkapelle besitzt selbst eine wesentlich ältere Vorgeschichte. Bereits am 22. April 1313 rekonziliierte Weihbischof Berchtold von Chur die Kirche beziehungsweise klösterliche Anlage zu Frisen und weihte fünf Altäre in einer damals als Antonin- beziehungsweise Antoniuskapelle bezeichneten Kapelle. Gleichzeitig wurden Ablässe gewährt.

1359 ist die Klosterkirche mit den Patrozinien des hl. Gerold und der hl. Maria Magdalena urkundlich greifbar; 1378 erfolgte erneut eine Altarweihe mit Ablassgewährung. Diese mittelalterlichen Ablässe beweisen für sich allein noch keine entwickelte Wallfahrt im späteren Sinn, zeigen aber die frühe religiöse Bedeutung des Ortes und die kirchliche Förderung seines Besuches.

Über Jahrhunderte wurde die Kapelle umgebaut und in ihrer Funktion verändert. Das Klosterarchiv besitzt noch einen Plan der "Einsiedlischen Marienkappelle in St. Gerold, wie sie 1849 noch bestand". Die Bezeichnung macht deutlich, wie fest die Verbindung zur Einsiedler Marienverehrung inzwischen geworden war.

Ablässe und die Ausbildung der marianischen Wallfahrt

Die Aufstellung der Gnadenbildkopie 1748 wurde nahezu unmittelbar von einer intensiven kirchlichen Förderung begleitet. Bereits 1749 bemühte sich Propst Joachim Wild um Ablässe für die Marienkapelle. Sein ursprünglicher Antrag bezog eine große Zahl von Sonn- und Feiertagen ein und musste offenbar eingeschränkt werden.

Am 18. Juli 1750 gewährte Papst Benedikt XIV. entsprechend vorbereiteten Gläubigen einen vollkommenen Ablass, wenn sie am Sonntag unmittelbar nach Kreuzerhöhung die Marienkapelle in St. Gerold besuchten. Weitere Ablassbegünstigungen galten verschiedenen Marienfesten, darunter Mariä Lichtmess, Verkündigung, Heimsuchung, Himmelfahrt und Geburt Mariens sowie der Darstellung und der Unbefleckten Empfängnis Mariens.

1758 erneuerte beziehungsweise erweiterte Papst Clemens XIII. die Ablassprivilegien, nun insbesondere für den Sonntag nach Mariä Himmelfahrt. 1795 folgte eine weitere päpstliche Gewährung unter Pius VI.

Die zeitliche Abfolge ist bemerkenswert: 1748 gelangt die Kopie des Einsiedler Gnadenbildes nach St. Gerold, 1749 beginnt das Bemühen um Ablässe, 1750 folgt die päpstliche Gewährung, später schließen sich weitere Privilegien an. Die marianische Wallfahrt entstand damit nicht nur aus spontaner Volksfrömmigkeit, sondern wurde zugleich von Propstei und Kirche bewusst gefördert.

Wallfahrt als kirchlich geregelter Besuch

Ablässe sind für die Geschichte eines Wallfahrtsortes besonders aufschlussreich, weil sie konkrete religiöse Handlungen mit dem Besuch eines bestimmten Ortes verbinden. Der Pilger sollte beichten, kommunizieren, die Kapelle beziehungsweise Kirche aufsuchen und dort beten. Weg, Sakrament, Ort und Gebet wurden dadurch zu einer zusammengehörigen Handlung.

Noch 1897 wurde ein dauernder vollkommener Ablass für entsprechend vorbereitete Gläubige gewährt, die einmal jährlich an einem selbst gewählten Tag die Kirche von St. Gerold besuchten. Damit lässt sich die kirchliche Förderung des religiösen Besuchs vom frühen 18. bis an das Ende des 19. Jahrhunderts verfolgen.

1799: Die echte Schwarze Madonna von Einsiedeln in St. Gerold

Zu den außergewöhnlichsten Episoden der gesamten Wallfahrtsgeschichte gehört das Jahr 1799. Während der revolutionären und kriegerischen Ereignisse in der Schweiz war das Kloster Einsiedeln gefährdet. Mönche mussten fliehen, und auch das berühmte originale Einsiedler Gnadenbild wurde in Sicherheit gebracht. Ein Teil des Konvents fand in St. Gerold und an anderen Orten Vorarlbergs Zuflucht.

Das Klosterarchiv Einsiedeln besitzt einen eigenen Aktenbestand über die Überführung des Gnadenbildes nach St. Gerold im Jahr 1799, seine Behandlung beziehungsweise Restaurierung und seine anschließende öffentliche Verehrung in St. Gerold und Bludenz. Damit ist eindeutig belegt, dass sich nicht lediglich die seit 1748 vorhandene Kopie, sondern vorübergehend tatsächlich das Original der Schwarzen Madonna von Einsiedeln in Vorarlberg befand.

Für St. Gerold war dies eine geradezu einzigartige Situation. Ein Ort, der seit einem halben Jahrhundert als regionale Wallfahrt zu einer Kopie des Einsiedler Gnadenbildes diente, beherbergte infolge politischer Not plötzlich das Original selbst.

Eine mobile Gnadenbildwallfahrt

Die erhaltenen Akten zeigen, welche religiöse Dynamik die Anwesenheit der Einsiedler Madonna auslöste. Am 11. August 1799 wurde beim päpstlichen Nuntius um einen Ablass für eine vierzehntägige Andacht während der Ausstellung des Gnadenbildes in Vorarlberg angesucht. Aus verschiedenen Gemeinden bestand der Wunsch, das Bild zu verehren. Der Pfarrer von St. Gallenkirch ersuchte darum, mit seinen Pfarrangehörigen einen Tag zur Verehrung des Gnadenbildes in Bludenz bleiben zu dürfen; aus Feldkirch baten Magistrat und Bürgerschaft um eine öffentliche Ausstellung der Madonna auch in ihrer Stadt.

Volkskundlich begegnet hier eine besondere Form der Wallfahrt. Normalerweise bewegt sich der Pilger zum unverrückbaren Gnadenort. 1799 kehrte sich dieses Verhältnis teilweise um: Das Gnadenbild selbst war auf der Flucht und wurde an wechselnden Orten öffentlich verehrt. Der sakrale Mittelpunkt bewegte sich, und an seinen zeitweiligen Aufenthaltsorten entstanden für kurze Zeit neue Pilgerziele.

Die Geschichte zeigt zugleich die außerordentliche Bedeutung, die einem Gnadenbild als materiellem Gegenstand zugeschrieben werden konnte. Nicht allein die Erinnerung an Einsiedeln oder ein Bild gleichen Typs wurde verehrt, sondern gerade die konkrete Statue, vor der Generationen von Pilgern gebetet hatten.

St. Gerold als regionales Einsiedeln

Die Ereignisse von 1799 machen besonders deutlich, was sich bereits seit 1748 entwickelt hatte. St. Gerold bildete eine religiöse Brücke zwischen Vorarlberg und Einsiedeln.

Auf der einen Seite stand Gerold, dessen Legende seine Söhne und seinen Besitz nach Einsiedeln führte und ihn selbst zum Verehrer der dortigen Muttergottes machte. Auf der anderen Seite kam das Einsiedler Gnadenbild in Form einer Kopie nach St. Gerold und führte dazu, dass ein älterer Bittgang nicht mehr den langen Weg zum Schweizer Kloster zurücklegen musste.

Die Beziehung verlief damit in beide Richtungen: Gerold und seine legendäre Schenkung führten von Frisen nach Einsiedeln; Marienkult, Mönche, Gnadenbildkopie und 1799 sogar die originale Madonna kamen von Einsiedeln nach St. Gerold.

Das 19. Jahrhundert und das Fortleben des Geroldskultes

Dass die Verehrung Gerolds auch im 19. Jahrhundert lebendig blieb, zeigt ein eigenes Andachtsbuch. 1854 erschien in Einsiedeln von Friedrich Willam "Der heilige Gerold und dessen Verehrung – ein Gebetbüchlein zunächst für die Bewohner des Vorarlbergs". Johann Baptist Rusch führte das Werk später unter den Quellen seiner großen Geroldgeschichte an.

Allein die Existenz eines ausdrücklich für die Vorarlberger Bevölkerung bestimmten Gerold-Gebetbuches zeigt, dass der Heiligenkult keineswegs nur eine interne Tradition des Benediktinerkonvents war. Gebet und Verehrung sollten in die Häuser und Gemeinden der Region hineinwirken.

Rusch selbst veröffentlichte 1870 seine umfangreiche "Geschichte St. Gerolds des Frommen und seiner Propstei in Vorarlberg". Sie gehört bis heute zu den wichtigen älteren Quellen, weil der Autor noch Einsicht in umfangreiches Einsiedler Archivmaterial hatte und zahlreiche ältere Nachrichten zur Kultgeschichte zusammentrug.

Die Trinkschale des hl. Gerold

Eine außergewöhnliche materielle Verbindung zwischen St. Gerold und Einsiedeln soll sich bis in die Gegenwart erhalten haben. Nach einer Mitteilung des damaligen St.-Gerolder Propstes befindet sich im Kloster Einsiedeln eine romanische Trinkschale, die der Überlieferung zufolge im 17. Jahrhundert aus dem Grab des hl. Gerold entnommen worden sein soll.

Am Geroldstag, dem 19. April, wird diese Schale nach der berichteten Einsiedler Tradition beim gemeinsamen Mittagessen des Konvents mit Wein gefüllt. Jeder Mönch trinkt daraus einen Schluck als Zeichen der Verbundenheit mit Gerold und der Propstei.

Die historische Herkunft des Gefäßes aus Gerolds Grab lässt sich aufgrund dieser modernen Mitteilung allein nicht beweisen. Als Brauch ist die Handlung dennoch bemerkenswert. Ein dem Heiligen zugeschriebener Gegenstand wird nicht lediglich in einer Vitrine aufbewahrt, sondern einmal jährlich gemeinschaftlich benutzt.

Das Trinken aus derselben Schale schafft eine körperlich erfahrbare Gemeinschaft. Die Mönche erinnern nicht nur an Gerold; sie vollziehen eine gemeinsame Handlung mit einem Gegenstand, der nach der Überlieferung unmittelbar mit seinem Grab verbunden ist. Damit besitzt der Brauch nahezu reliquienartigen Charakter, ohne dass die Schale selbst eine Körperreliquie wäre.

Frühe Ablässe und mittelalterliche Kultgeschichte

Die religiöse Bedeutung St. Gerolds lässt sich weit vor die große barocke Wallfahrtsphase zurückverfolgen. Die bereits erwähnte Urkunde von 1313 dokumentiert Rekonziliation, Altarweihen und Ablässe. 1359 wurde das Kirchweihfest der den Heiligen Gerold und Maria Magdalena geweihten Klosterkirche neu festgelegt, 1378 folgte eine weitere Altarweihe mit Ablassgewährung.

Diese Nachrichten sollten jedoch nicht rückwirkend als Beweis einer bereits vollständig entwickelten mittelalterlichen "Wallfahrt" gedeutet werden. Ablässe konnten zu vielen Kirchenbesuchen gewährt werden. Für einen wirklichen Wallfahrtscharakter sind die späteren Nachrichten über Wunder am Grab, die Geroldsbruderschaft, die Reliquienverehrung und schließlich die marianischen Bittgänge wesentlich aussagekräftiger.

Gerade an St. Gerold lässt sich deshalb gut beobachten, wie sich aus einem alten lokalen Heiligen- und Grabkult über Jahrhunderte ein immer stärker institutionalisiertes Wallfahrtswesen entwickelte.

Baugeschichte und religiöser Raum

Die heutige Propstei ist das Ergebnis zahlreicher Bauphasen. Romanische Baureste stehen neben späteren mittelalterlichen und barocken Veränderungen sowie modernen Eingriffen. Die jüngsten archäologischen und bauhistorischen Untersuchungen der Jahre 2021 bis 2023 haben erneut gezeigt, wie viele ältere Strukturen sich unter und innerhalb der heutigen Anlage erhalten haben.

Für die Wallfahrt ist weniger eine vollständige baugeschichtliche Abfolge entscheidend als die Tatsache, dass verschiedene religiöse Funktionen räumlich nebeneinander bestehen: Propsteikirche, Geroldsgrab in der Krypta und marianische Gnadenkapelle besitzen jeweils eine eigene Bedeutung.

Die Ausstattung der Propstei verbindet historische Substanz mit moderner Kunst. Die heutige Anlage versteht sich nicht als museal erstarrtes Klosterensemble, sondern als weiterhin benutzter geistlicher Raum.

Grab und Gnadenbild – zwei unterschiedliche Wallfahrtsziele

Die Besonderheit St. Gerolds liegt gerade darin, dass der Pilger zwei grundsätzlich verschiedene Formen religiöser Nähe erfahren konnte.

Beim Geroldsgrab stand die körperliche Erinnerung an den lokalen Heiligen im Mittelpunkt. Grab, Gebeine, Kopf- und andere Reliquien stellten eine unmittelbare Verbindung zum verehrten Einsiedler her. Die am Grab entzündete Kerze, das Geroldsfest, die Bruderschaft und die Überlieferung von Wundern entwickelten sich aus diesem Heiligenkult.

Die Gnadenkapelle dagegen führte über das Bild hinaus zu einem entfernten überregionalen Heiligtum. Die dort verehrte Muttergottes ist eine Nachbildung der Schwarzen Madonna von Einsiedeln. Ihre Bedeutung bestand gerade darin, dass sie Einsiedeln in St. Gerold gegenwärtig machte.

Der Pilger konnte daher innerhalb derselben Propstei einerseits den lokalen Heiligen an seinem Grab verehren und andererseits an einer der großen mitteleuropäischen Marienwallfahrten teilhaben, ohne bis zum Schweizer Kloster reisen zu müssen.

Wallfahrt, Nähe und Stellvertretung

Die Gnadenbildkopie von 1748 macht einen grundlegenden Mechanismus historischer Wallfahrtskultur sichtbar. Ein heiliger Ort konnte gewissermaßen vervielfältigt werden. Kopien berühmter Gnadenbilder waren nicht einfach dekorative Nachahmungen; sie konnten selbst Ziel von Wallfahrten werden, wenn eine entsprechende religiöse Überzeugung und Kultpraxis entstand.

In St. Gerold ist dieser Vorgang besonders schön dokumentiert, weil Müller ausdrücklich berichtet, dass ein bisheriger Bittgang nach Einsiedeln danach zum näher gelegenen St. Gerold führte. Die Kopie verkürzte den Weg, ohne die religiöse Beziehung zu Einsiedeln aufzugeben.

Der weite Gnadenort wurde in die regionale Lebenswelt geholt. Für Menschen, denen eine mehrtägige Reise nach Einsiedeln zu beschwerlich oder unmöglich war, entstand ein erreichbares Ziel. Gerade darin liegt eine wesentliche soziale Funktion solcher regionalen Nachbildungen berühmter Heiligtümer.

Wallfahrt und Erinnerung

St. Gerold ist zugleich ein gutes Beispiel dafür, dass Wallfahrtsorte nicht nur aus "Wundern" entstehen. Sie leben von Erinnerungsformen.

Die Geroldlegende erinnert an den Einsiedler durch Geschichten von Baum, Bär, Esel, Land und Familie. Das Grab verankert diese Erinnerung körperlich im Raum. Die Reliquien machen den Heiligen materiell gegenwärtig. Die Bruderschaft wiederholt seine Verehrung in Gebet und Liturgie. Die Gnadenbildkopie erinnert an Einsiedeln, während die Episode von 1799 wiederum selbst zu einem historischen Erinnerungsereignis wurde.

Jede Generation fügte dem Ort neue Schichten hinzu, ohne die älteren völlig zu verdrängen.

Die volkskundliche Bedeutung der Tierlegenden

Innerhalb der Geroldlegende verdient besonders der Bär Beachtung. Wilde Tiere erscheinen in christlichen Heiligenlegenden häufig als Gegenbilder menschlicher Gewalt. Das Tier, das der Jäger als Beute verfolgt, erkennt den Heiligen als Schutzinstanz; beim Einsiedler wird aus dem gefährlichen Raubtier ein friedliches Geschöpf.

Die Aggression der Jagdhunde endet ebenfalls in Gerolds Nähe. Heiligkeit wird hier nicht durch theologischen Diskurs erklärt, sondern durch das Verhalten der Natur sichtbar gemacht. Gerade eine überwiegend mündlich vermittelte Überlieferung konnte dieses Bild unmittelbar verstehen: Wo Gerold lebt, herrscht ein anderer Zustand der Schöpfung.

Auch die ausführlichere Überlieferung vom Esel, der den Ort der Niederlassung anzeigt, gehört zu einem verbreiteten Typus von Gründungslegenden. Nicht allein der Mensch entscheidet, wo das Heiligtum entsteht. Tier, Engel oder wunderbares Ereignis machen den "richtigen" Ort kenntlich. Dadurch wird die spätere Niederlassung religiös legitimiert.

Die Handvoll Erde als Rechts- und Erinnerungssymbol

Ähnlich anschaulich ist die Erzählung von der Erde, die Gerold nach Einsiedeln trägt. Besitzübertragung ist ein abstrakter Rechtsvorgang; die Legende verwandelt ihn in eine Handlung, die jeder verstehen kann.

Der Eremit nimmt buchstäblich ein Stück seines Landes mit. Die Erde wird zum Stellvertreter des gesamten Besitzes. Indem sie auf dem Marienaltar liegt, gehört symbolisch auch das Land der Muttergottes beziehungsweise ihrem Kloster.

Ob sich eine historische Schenkung jemals in dieser Form vollzog, ist für die Aussage der Sage zweitrangig. Entscheidend ist, dass die jahrhundertelange Zugehörigkeit St. Gerolds zu Einsiedeln durch eine einfache körperliche Handlung erklärt wird.

Votivgaben und Heilpraktiken

Im Unterschied zu Rankweil, Schwarzenberg oder einigen anderen Vorarlberger Wallfahrtsorten ließ sich für St. Gerold bei der bisherigen Quellenrecherche kein sicher dokumentierter größerer Bestand von Votivgaben und auch kein besonderer körperbezogener Heilbrauch feststellen.

Das bedeutet nicht, dass es solche Formen niemals gegeben hätte. Gerade die Nachricht von den "vielen Wundern" am Grab zeigt eine ausgeprägte Erwartung göttlicher Hilfe. Solange jedoch keine entsprechenden Quellen zu konkreten Votivgaben oder bestimmten Krankheitsindikationen vorliegen, sollte St. Gerold nicht nach dem Muster anderer Heilwallfahrten beschrieben werden.

Seine Eigenart liegt vielmehr im Grab- und Reliquienkult, in der institutionalisierten Bruderschaftsfrömmigkeit und in der Verbindung mit Einsiedeln.

Die Propstei heute

St. Gerold ist weiterhin ein lebendiger geistlicher Ort. Die Propstei nimmt Einzelpilger ebenso wie organisierte Wallfahrtsgruppen auf. Pilger können in der Propsteikirche, der Gnadenkapelle und der Krypta verweilen; auch Pilgersegen werden angeboten. Der Ort liegt außerdem an überregionalen Pilger- und Wanderwegen, darunter dem Vorarlberger Jakobsweg und einer Route der Via Alpina.

Damit hat sich der Charakter der Wallfahrt verändert, ohne völlig abzubrechen. Die frühneuzeitliche Bruderschaft mit ihren vorgeschriebenen Gebeten und Ablässen gehört der Vergangenheit an; das Geroldsgrab und die Einsiedler Madonna sind jedoch weiterhin religiöse Bezugspunkte.

Volkskundliche Einordnung

Die Propstei St. Gerold gehört zu den ungewöhnlich vielschichtigen Wallfahrtsorten Vorarlbergs. Ihre Bedeutung lässt sich nicht auf eine einzige Gründungslegende oder ein einzelnes Gnadenobjekt reduzieren.

Am Anfang steht die Erinnerung an einen Einsiedler, dessen historische Gestalt nur undeutlich erkennbar ist. Aus dieser Erinnerung entwickelte sich ein Heiligenkult mit Grab, Reliquien, Festtag und Wunderüberlieferung. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde dieser Kult durch Bruderschaften, Ablässe und genau geregelte Andachtsformen institutionell gefestigt. Die Kerze, die an Sonn- und Feiertagen am Grab brennen sollte, ist dafür ein besonders anschauliches Beispiel.

Gleichzeitig verband die Geroldlegende den Ort von Anfang an mit Einsiedeln. Die Söhne des Einsiedlers wurden dort Mönche, Gerold selbst brachte symbolisch seine Erde zur Muttergottes. 1712 wurde seine Verehrung der Einsiedler Madonna ausdrücklich zum Vorbild für die Mitglieder seiner Bruderschaft. 1748 erhielt St. Gerold eine Kopie des Gnadenbildes, und aus einem bisherigen Bittgang nach Einsiedeln wurde eine Wallfahrt zum näher gelegenen St. Gerold.

1799 erreichte diese Beziehung ihren spektakulären Höhepunkt, als infolge politischer und militärischer Bedrohung vorübergehend die originale Schwarze Madonna von Einsiedeln in St. Gerold Zuflucht fand. Ein Wallfahrtsort, der durch eine Kopie Einsiedeln vertreten hatte, beherbergte plötzlich das Original selbst.

St. Gerold bildet deshalb geradezu ein Musterbeispiel dafür, wie sich Wallfahrt aus mehreren miteinander verflochtenen Formen religiöser Erinnerung entwickeln kann: Heiligengrab und Reliquie, Legende und Wundererzählung, Bruderschaft und Ablass, Gnadenbildkopie und Fernwallfahrt, regionale Bittgänge und überregionale Klosterbeziehungen.

Besonders deutlich wird dabei die Rolle materieller Gegenstände. Gerolds Grab verankert den Heiligen am Ort; seine vermeintlichen Gebeine schaffen körperliche Nähe; die Handvoll Erde der Legende symbolisiert Besitz und Schenkung; die Einsiedler Madonna überträgt einen fernen Gnadenort nach Vorarlberg; die Gerold zugeschriebene Trinkschale bewahrt die Erinnerung an ihn noch innerhalb des Einsiedler Konvents.

Gerade diese Verbindung von Ort, Gegenstand, Erzählung und wiederholter religiöser Handlung macht die Propstei zu einem volkskundlich außergewöhnlich ergiebigen Wallfahrtszentrum. St. Gerold ist nicht allein ein historisches Kloster und auch nicht nur die Erinnerungsstätte eines legendären Einsiedlers. Der Ort dokumentiert, wie aus einer unsicheren mittelalterlichen Erinnerung über Jahrhunderte eine religiöse Kultlandschaft entstand, die das Große Walsertal mit einem der bedeutendsten Wallfahrtsorte der Schweiz verband und bis in die Gegenwart fortwirkt.

Lage: Propstei St. Gerold, Pater-Nathanael-Weg 29, 6722 St. Gerold.
Lage in SAGEN.at-Karte der Wallfahrtsorte Vorarlberg
Ansicht in Street View
Web: Probstei St. Gerold
Geöffnet: Propsteikirche, Gnadenkapelle & Krypta: Täglich von 07:00 Uhr bis 22:00 Uhr geöffnet.
Die Pforte ist nach den aktuellen Angaben der Propstei täglich von 8.00 bis 17.30 Uhr besetzt.
Briefmarke Probstei St. Gerold - eine gute Übersicht über die Probstei:

Briefmarke Probstei St. Gerold
5.50 S, Republik Österreich 1986

Briefmarke Probstei St. Gerold

Bildquelle: SAGEN.at

Die Legende des heiligen Gerold, St. Gerold:

Die Legende des heiligen Gerold, St. Gerold

Bildquelle: SAGEN.at

Grabstätte des heiligen Gerold, St. Gerold (Großwalsertal):

Grabstätte des heiligen Gerold, St. Gerold

Bildquelle: SAGEN.at

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Literatur zur Wallfahrt:

- Franz Josef Vonbun: Die Sagen Vorarlbergs. Nach schriftlichen und mündlichen Überlieferungen gesammelt und erläutert. Darin die ausführliche Geroldüberlieferung mit Einsiedelei, Bär, Graf Otto, Kuno und Ulrich sowie der symbolischen Landschenkung an Einsiedeln. Von SAGEN.at bereitgestellt.

- Johann Baptist Rusch: "Geschichte St. Gerolds des Frommen und seiner Propstei in Vorarlberg. Nach urkundlichen und literarischen Quellen chronologisch dargestellt", in: Archiv für österreichische Geschichte, Bd. 43, Wien 1870, ab S. 283. Besonders wichtig für die frühneuzeitliche Geroldverehrung, die Nachricht von den Wundern am Grab, die Auffindung und Übertragung der Reliquien sowie die Auswertung älterer Einsiedler Quellen.

- Friedrich Willam: Der heilige Gerold und dessen Verehrung. Ein Gebetbüchlein zunächst für die Bewohner des Vorarlbergs. Einsiedeln 1854. Das Werk dokumentiert das Fortleben der Geroldverehrung im 19. Jahrhundert und wird bereits von Rusch als Quelle angeführt.

- Armin Müller: Wallfahrten in Vorarlberg mit Weihe- und Votivgaben. Dissertation, Universität Innsbruck 1947. Für St. Gerold besonders wichtig wegen des Nachweises der seit 1748 vorhandenen Kopie des Einsiedler Gnadenbildes und der Verlegung eines bisherigen Einsiedeln-Bittganges nach St. Gerold.

- Rudolf Henggeler: "Geschichte der stifteinsiedlischen Propstei St. Gerold", in: Montfort, Bd. 13, 1961, S. 3–90. Eine der grundlegenden ausführlichen Darstellungen zur Geschichte der Propstei.

- Klosterarchiv Einsiedeln, Bestand F.E "Kirchen der Propstei St. Gerold": Urkunden und Akten zu Kirchen- und Altarweihen, Ablässen und zur Marienkapelle vom 14. bis zum 20. Jahrhundert, darunter die Weiheurkunde von 1313 sowie die Ablassprivilegien der Gnadenkapelle von 1750, 1758 und 1795.

- Klosterarchiv Einsiedeln, Bestand F.G "Confraternitates oder Bruderschaften zu St. Gerold": Dokumente zur Geroldsbruderschaft und anderen Bruderschaften, insbesondere die Ablassprivilegien von 1701 und 1709 und die Statuten der Geroldsbruderschaft von 1712.

- Klosterarchiv Einsiedeln, Bestand A.WC-03: Akten zur Rettung und Überführung des Einsiedler Gnadenbildes während der Revolutionszeit und zu seiner Verehrung in St. Gerold und anderen Orten Vorarlbergs im Jahr 1799.

- Propstei St. Gerold und Katholische Kirche Vorarlberg: aktuelle Darstellungen zur Geschichte, zum heutigen Wallfahrtsstatus und zu den religiösen Besuchsmöglichkeiten der Propstei.

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Ergänzungen: Wolfgang Morscher

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